Do-it-Yourself 6 min Lesezeit

Opferanoden nicht vergessen

Warum Sie die kleinen grauen Dinger kennen sollten

Opferanoden nicht vergessen
Anode zum Schutz eines Stahlschiffs: zwar schon etwas angefressen, tut es aber noch © E. Braschos

Es ist wie beim Auto oder Haus: Wenn Sie ein Boot übernehmen, müssen Sie sich um Kleinigkeiten kümmern, von denen Sie wahrscheinlich noch nie gehört haben. Eine davon sind die unscheinbaren grauen Zinkteile, die an verschiedenen Stellen in der Maschine, am Getriebe, an der Welle, am Propeller und am Unterwasserschiff eingebaut sind.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 13.06.2019

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • warum Anoden unverzichtbar sind
  • wo sie überall an Bord versteckt sein können
  • wie sie funktionieren
  • warum Sie sich als neuer Eigner eines Gebrauchtbootes darum kümmern sollten
  • wann Anoden zu ersetzen sind

Sie sind klein und sitzen dort, wo man sie selten sieht: Unter Wasser am Propeller, am Getriebe oder Wellenbock, am Rumpf, Ruder oder Kiel. Oft sind die unscheinbaren grauen Dinger auch versteckt an der Maschine eingebaut. Wie viele Opferanoden es an Bord gibt, hängt vom Baumaterial und der Ausstattung des Bootes ab.

Beim Stahl- oder Aluminiumboot gibt es einige, beim Kunststoffboot meist nur eine Anode am Getriebe und eine am Propeller. Es liegt nahe, dass diese Kleinigkeit bei der Übernahme eines gebrauchten Bootes übersehen wird (dazu die Checkliste für Gebrauchtboote). Das können Sie zunächst auch. Es sei denn, es lag bei Übernahme lange im Wasser und der frühere Eigner hat sich nicht darum gekümmert.

Zwischen Metallteilen, die mit Wasser in Berührung kommen, fließen Ströme. Diese Kriechströme ergeben sich aus der unterschiedlichen Eigenspannung der Metalle. Das minderwertigere Metall wird angegriffen und "brutzelt" langsam weg. Ein ungeschützter Aluminiumrumpf, Propeller, ein Wellenbock oder das Getriebe werden derart angegriffen, dass es zum teuren Schaden kommen kann.

Um ein Fünftel abgebrutzelte und neue Anode zum Schutz eines Saildrive
Um ein Fünftel abgebrutzelte und neue Anode zum Schutz eines Saildrive © E. Braschos

Der Z-Antrieb eines Motorbootes oder das Saildrive-Gehäuse können soweit beschädigt werden, dass es zur Leckage kommt. Liegt Ihr Boot im Mittelmeer, fällt der Urlaubstörn aus, weil sich solch ein Schaden selten ohne weiteres beheben lässt. Vom Schrecken und den Kosten für den Krantermin, Aus- und Einbau, nicht zuletzt das Getriebegehäuse selbst, ganz zu schweigen.

Machen Sie sich mit den kleinen grauen Dingern an Bord vertraut

Das tückische an der Sache: ob es zum Lochfraß kommt, wo und wie schnell er voranschreitet, kriegt man oben an Bord nicht mit. Um das Boot, Getriebe und Maschine zu schützen, ist am gefährdeten Metall ein minderwertigeres Metall montiert, dass leichter weg brutzelt, die sogenannte Opferanode. Wenn sich dieses Teil anstelle des Bootes oder Getriebes nach und nach auflöst, macht das nichts, sofern Sie wissen, dass es sowas überhaupt an Bord gibt, wie viele Anoden wo montiert sind, und es rechtzeitig ersetzt wird. Bei üblichen Motorinstallationen werden das Getriebe und der Propeller jeweils einzeln geschützt.

Ob Sie nun ein neues oder gebrauchtes Boot übernehmen. Fragen Sie die Werft, den Verkäufer oder Voreigner danach. Es sollte in der Betriebsanleitung zum Boot und zur Maschine stehen. Fehlen diese Unterlagen, beschaffen Sie sich das Manual zum Motor und Getriebe. Diese Kleinigkeit lässt sich meist per Mausklick von zuhause aus erledigen. Manche Motor- und Getriebekombinationen haben nicht nur eine Anode außen am Z-Trieb/Saildrive beziehungsweise an der Welle vor dem Propeller, sondern auch an der Maschine selbst, meist am Wärmetauscher der Kühlung. Der Blick ins Handbuch verrät es.

Sehen Sie sich die Anoden bei nächster Gelegenheit an und besorgen sich Ersatz. Die Anoden müssen passen. Fahrtensegler, die unterwegs gern unabhängig sind, haben an Bord ein Fach mit üblichen Motorersatzteilen wie Keilriemen, Öl- oder Spritfiltern und Motoröl. Da gehören auch eine, besser zwei oder drei neue Anoden rein. Denn Opferanoden sind Verschleißteile. Wie schnell die Dinger weg brutzeln, hängt vom Boot, vom Gewässer, dem Liegeplatz und den Kriechströmen ab. Letztere nehmen entsprechend der zunehmenden Technisierung von Yachten zu.

angefressene Anoden können, müssen jedoch nicht sofort gewechselt werden

Übrigens müssen die Anoden nicht so schnell gewechselt werden, wie allgemein behauptet. Im Vergleich zum Neuteil auf dem obigen Foto sieht die angefressene Anode meines Volvo Penta Saildrive schlimm aus. Um zu verstehen, wie groß der Materialschwund tatsächlich ist, habe ich die gebrauchte Anode mal interessehalber gewogen. Bei der gebrauchten Anode (740 Gramm) waren gerade mal 22% der ursprünglichen 940 Gramm verschwunden. Nach optischen Gesichtspunkten wäre die Anode sofort zu wechseln. Bei absehbar halbjähriger Nutzung des Bootes im Wasser nicht.

Hier gibt es zwei Anoden: eine für's Getriebe und eine weitere hinten auf der Propellernabe
Hier gibt es zwei Anoden: eine für's Getriebe und eine weitere hinten auf der Propellernabe © E. Braschos

Bootsausrüster, die das Zubehör verkaufen, behaupten Opferanoden müssten jede Saison gewechselt werden. Das ist Geldschneiderei. Gucken Sie die Anoden ab und zu an. Bei langen Liegezeiten im Mittelmeer schnappen Sie sich die Taucherbrille (Mit Taucherbrille und Pfannenwender) und sehen nach, wie viel Material noch da ist. Handwerklich geschickte Eigner wechseln die Anode auch unter Wasser. Das braucht mehrere Tauchgänge, geht aber. Soweit dafür der Propeller abzunehmen ist, lohnt die Beschäftigung eines Tauchers mit Preßluftflasche. Meist geht es auch zu zweit, wobei einer den Propeller hält, abnimmt und später bei der Montage beim Kontern hilft.

Wird das Boot den Winter über aus dem Wasser genommen, ist die Prüfung am Landstellplatz vergleichsweise bequem und flott gemacht. Eine Anode, die lediglich angegriffen ist, muss nicht gewechselt werden. Erst wenn die Hälfte bis zwei Drittel weg sind, wechsle ich die Anode bei mir an Bord. Eine Anode, die wenige Monate jährlich im Wasser ist, hält mehrere Jahre.

Ich hatte mal ein Problem mit dem Ausbau einer alten Anode, deren Schrauben im Saildrive festgebacken waren. Die Schrauben wurden ausgebohrt und größere in neu geschnittene Gewinde eingesetzt. Das Beispiel zeigt: es ist besser, sich mit solchen Hindernissen rechtzeitig (im Herbst) zu beschäftigen als kurz vor dem Krantermin im Frühjahr.

Rümpfe, Getriebeunterteile oder Außenborder aus Aluminium werden im Salz- und Brackwasser mit Zinkanoden geschützt, im Süßwasser mit Opferanoden aus Magnesium. Um den wichtigen Wasserkontakt nicht zu unterbinden, werden Anoden niemals mit Antifouling übermalt.

Was passiert eigentlich bei der elektrochemische Korrosion?

Dazu eine Erklärung von Prof. Ingold Seidl aus dem Fachbereich Maschinenbau und Mechatronik, Lehrgebiet Werkstoffkunde der TH Aachen:

Ein Korrosionssystem besteht aus einem oder mehreren Metallen und der Umgebung.
Von den drei Korrosionsarten elektrochemische Korrosion, chemische Korrosion und metallphysikalische Korrosion ist die elektrochemische Korrosion die häufigste Korrosionsart. Dazu gehört auch das Rosten unlegierter Stähle.

Ein Metall löst sich in einem flüssigem, elektrisch leitfähigen Medium auf, wird von diesem Oxidationsmittel oxidiert und das Oxidationsmittel wird reduziert. Das ist verbunden mit einem Elektronenfluss. Elektrischer Strom fließt, wie in einer galvanischen Zelle (die umgangssprachliche "Batterie").
An der Oberfläche geben Metallatome Elektronen ab und werden dadurch positiv geladen (Elektronen fehlen dann zur Elektroneutralität, daher bleibt ohne diese Elektronen eine positive Ladung zurück). Aus dem Atom wird dadurch ein Ion. Ionen sind positive oder negativ geladene Atome. Es gibt Anionen und Kationen. Fehlen Elektronen, ist die Gesamtladung positiv, was als Anion bezeichnet wird.
Das Elektrodenpotential (Elektrochemische Zelle): In einer elektrochemischen Zelle läuft eine chemische Reaktion ab, die eine elektrische Spannung erzeugt.

Umwandlung der chemischen Energie in elektrische Energie. So etwas wird als galvanisches Element bezeichnet.
Eine solche Zelle kann aus Zinkelektrode und Eisenelektrode bestehen (stählerner Bootsrumpf mit Zink-Opferanode). Zink ist unedler und daher fließen die Elektronen in Richtung Eisen. Zink ist die Anode und korrodiert, während Eisen zur Kathode wird. Die (unter festgelegten Bedingungen) gemessene Zellspannung ist die Differenz der beiden Elektrodenpotentiale. Es gibt eine elektrochemische Spannungsreihe („Tabelle“), in der die Potentialdifferenz gegenüber der Standard-Wasserstoffelektrode angegeben ist. Das Standardpotential von Wasserstoff beträgt darin Null Volt. Die in dieser Spannungsreihe weiter oben stehenden Metalle sind edler als die weiter unten stehenden. Wenn zwei Metalle ein Korrosionssystem bilden, dann wird das weiter unten stehende Metall zur Anode.

Weiterführende Links

VG