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Wichtige Punkte beim Segelboot-Kauf

Zehn Themen, die der Käufer einer Segelyacht kennen sollte

Wichtige Punkte beim Segelboot-Kauf
Werftseitig eingebaute Winschen sind meist zu klein. Ein Upgrade lohnt. © Swedesail

Beim Kauf einer gebrauchten Segelyacht hilft es ungemein, die wesentlichen Gesichtspunkte zu kennen. Hier einige Tipps, worauf zu achten ist.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 05.12.2016

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Tipps wo genau hinzuschauen ist
  • welche Wartungsintervalle es beim Rigg gibt
  • worauf bei der Segelgarderobe zu achten ist
  • Hinweise zu Vorschäden
  • wie unterbliebene Reparaturen und ein Wartungsstau erkannt werden
  • Tipps zur Beurteilung der Maschine
  • auf Borddurchlässe, Ventile und Schläuche achten

Eine Segelyacht besteht aus vielen Komponenten. Mit der Takelage und dem Motor hat sie zwei Antriebsarten, die funktionieren müssen. Außerdem gibt es allerhand Technik an und unter Deck, die in Ordnung sein sollte. Für Boote gibt es keinen TÜV. Siehe dazu auch: Der CE-Norm nicht blind vertrauen. Gucken Sie sich daher den Zustand genau an.

Rigg

Ein modernes Rigg besteht aus haltbarem Aluminium und Edelstahl. Das ist praktisch und wartungsarm.
Komplett vergessen kann man es dennoch nicht. Stagen und Wanten sind beim üblichen Tourenboot nach 15 Jahren oder 25 Tausend Meilen zu erneuern. Wurde das gemacht? Gibt es Belege dazu? Auch Fallen, Reff- und Trimmleinen sind Verschleißteile. Ein laienhaft am Alurigg montierter Niro-Beschlag lässt das Alu blühen und schwächt die Takelage.

Segel

Wie alt ist die Garderobe? Ist das Profil bei frischem Wind noch flach? Oder ist das Tuch bauchig, also hin? Ist das Großsegel an den Reffpunkten bereits wellig, also überdehnt? Wie sehen die Nähte aus? Neue Segel kosten Geld. Funktioniert die Vorsegelrollanlage einwandfrei? Wie wird das Groß gerefft? Lassen Sie es sich nicht erzählen. Probieren Sie es aus.

Beschläge

Nur mit ausreichend großen Winschen, Blöcken, Decksumlenkern, Klemmen und Großschotwagen läßt sich bei viel Wind überhaupt gescheit segeln. Das wissen die Werfte, liefern ihre Boote dennoch mit der günstigen Mindestausstattung und lassen es ihre Kundschaft im Lauf der Jahre dann selbst hrausfinden. Boote werden über den Preis gekauft.

Hat der vorige Eigner das mit größeren Modellen behoben? Sind die Beschläge richtig montiert (unterbaut) und gepflegt? Bereits vom Klang einer Winsch läßt sich auf den Zustand des Innenlebens schließen. Klingt sie metallisch hell und rasselnd, fehlt Schmierung. Kommt sie im Freilauf schnell zum Stehen ist das Fett verharzt. Dann und bei unregelmäßig einrastenden Sperrklinken besteht die Gefahr, dass sie plötzlich locker läßt.

Sehen Sie sich beim älteren Boot die Püttinge (Decksbeschläge für Stagen und Wanten) an. Gibt es Anzeichen von Leckagen? Läßt sich alles beheben, bedeutet aber Stunden und Tage Arbeit.

Wanten und Stagen sind nach 25.000 sm oder alle 15 Jahre zu erneuern
Wanten und Stagen sind nach 25.000 sm oder alle 15 Jahre zu erneuern © Swedesail

Teakdeck

Wurde das Teak fachmännisch mit einer langlebigen Stabstärke verlegt, oder handelt es sich um billiges Dekor? Sitzen die Querholzdübel sicher auf den Schrauben oder kündigt sich die kostspielige Sanierung bereits mit herunter geschliffenen "Wacklern" an? Steckt die Fugenmasse noch überall sicher zwischen den Stäben? Bleiben beim Trocknen des Decks bestimmte Flächen dunkel, also feucht? Ist es dicht? Die Sanierung des Teakdecks einer mittelgroßen Yacht kostet ein Vermögen.

Ist das Boot dicht?

Findet Seewasser durch Skylights, Lüfter, Fenster, unter Beschlägen oder der Fußleiste einen Weg ins Interieur, haben Sie muffige Polster. Wasserspuren unter den Fensterrahmen geben erste Hinweise. Spülen Sie das Boot mit einem Schlauch ab und schauen Sie, wo es unter Deck tropft. Manche Leckage offenbart sich erst beim deftigen Am Wind Kurs. Die Beseitigung solcher Leckagen ist auch für den erfahrenen Bootsbauer eine zeitraubende und entsprechend teure Sache.

Motor

Werfen Sie einen gründlichen Blick in den Motorraum. Der erste Eindruck sagt viel über den Pflegezustand des gesamten Bootes. Ist die Motorbilge sauber oder verdreckt? Gibt es Spuren aus der Maschine herausgedrückten Kühlwassers? Riecht es nach Diesel und Motoröl? Ist der Mix bereits in der Bilge angekommen? Dann müffelt leider das ganze Boot danach.

Sitzen die Stecker zur Motorüberwachung sicher auf den Gebern? Ist die Verkabelung halbwegs ordentlich? Ist die Maschine mit einer unverzichtbaren Zweikreiskühlung und Seewasserfilter ausgestattet? Oder zieht die Wasserpumpe ungehindert Algen, Sand, Seegras und sämtlichen Dreck der Weltmeere durch die engen Kühlkanäle des Motors? Die Folge dieser unverzeihlich sparsamen Ausstattung ist der sichere Hitzetod der Maschine infolge zugesetzter Kühlkanäle nach circa zwei Jahrzehnten. Bereits ein mittelgroßer Innenborder kostet zuzüglich Einbau so viel wie ein kompletter Kleinwagen.

Segel- oder Reparierboot?

Die meisten Serienboote haben einen Saildrive. Er wird im Boot mit einem Klemmring aus idiotischerweise gestrichenem Stahl (!) gehalten. Kundenfeindlicher und auf Dauer teurer geht es nimmer. Gibt es da bereits Rostspuren? Wie alt ist die Dichtmanschette? Obwohl die Manschetten aus kräftigem Gummi sind und in der Regel deutlich länger halten, schreibt Volvo beispielsweise den Wechsel nach 7 Jahren vor. Wurde die Dichtmaschette überhaupt mal gewechselt? Viele Eigner wissen nicht, dass man das machen muss! Oder ist diese Wartungsarbeit bald nachzuholen? Wurde die Manschette nie ersetzt, ist es fraglich, ob sich der Klemmring am Saildrive überhaupt lösen läßt (Stahlschrauben im Alugehäuse). Ziehen Sie die Ölpeilstäbe und schauen sich das Motor- und Getriebeöl an. Milchiges Öl oder Ölschlamm heißt Wasser im System. Das wird zum größeren Programmpunkt nach Übernahme des Bootes. Sie möchten ja ein Segel- , weniger ein Reparierboot kaufen.

Oft werden Boote mit vorher warm gefahrener Maschine präsentiert. Dann springt sie prompt an. Interessant für den Käufer ist eher, ob sie auch kalt anspringt. Ein Blick auf den Tourenzähler verrät, ob die Standgas-Drehzahl von den üblichen 650 bis 800 U/min angehoben wurde, damit er nach dem Anlassen sicher läuft, statt stottert und wieder aus geht.

Angehobener Volvo Penta Dreizylinder zum Wechsel der Saildrive-Manschette
Angehobener Volvo Penta Dreizylinder zum Wechsel der Saildrive-Manschette © Swedesail

Systeme

Sehen Sie sich die Seeventile nicht nur an. Prüfen sie, ob sie sich leichtgängig öffnen oder schließen. Wie alt sind die Schläuche? Sind sie mit doppelten Schlauchschellen aus Niro auf den Tüllen gesichert? Vergewissern Sie sich mit einem Magneten. Schlauchschellen aus Stahl sind ein No Go. Das erscheint auf den ersten Blick vielleicht pingelig. Ich bin wegen solchem Pfusch mit meinem Boot unterwegs beinah mal abgesoffen.

Geht die automatisch anspringende Bilgenpumpe? Schütten Sie ein paar Eimer Wasser in die Bilge, dann wissen Sie es. Wie alt sind die Batterien? Sind sie kippsicher eingebaut und ordentlich angeschlossen? Haben die Kontakte jemals Polfett gesehen? Einmal die Fingerkuppe über einen Kontakt ziehen und Sie wissen es. Wo stecken die Tanks? Gibt es Mannlöcher zur gelegentlichen Inspektion und Reinigung (siehe auch: Die Dieselpest an Bord)? Funktionieren die Tankanzeigen?

Schauen Sie sich die Elektrik an. Ist die Verkabelung übersichtlich und scheuersicher (durch Rohre) verlegt? Schalten Sie die vorhandenen Verbraucher ein. Funktioniert alles? Leuchten die Lampen unter Deck und die Positionslaternen? Wie alt die Verkabelung der 12 Volt Bordelektrik? Wurde die mal erneuert?

In welchem Zustand befinden sich Anker und Kette? Probieren Sie das Ankerspill, den Motor zum Bergen der Kette und die Bremse aus. Sind die Schäkel gesichert?

Die Grauzone zwischen Segelyacht und Dauerbaustelle ist groß

Probeschlag

Achten Sie nicht nur auf den Platz und Komfort unter Deck, wie es heute üblich ist. Jeder Verkäufer, Werft und leider auch die Fachpresse bescheinigt jedem Boot pauschal gute Segeleigenschaften. Dieses Gerede und Geschreibe ist leider komplett für die Tonne.

Machen Sie sich selbst ein Bild. Läuft das Boot gut am Wind? Wie prompt reagiert es auf Kurskorrekturen? Macht Ihnen das Segeln Spaß? Sie haben sich vermutlich länger mit einem bestimmten Bootstyp und Fabrikat beschäftigt. Passt das Boot zum Revier, sprich den üblichen Windverhältissen und Seegang? Am besten haben Sie bereits ein vergleichbares Boot gechartert und ausprobiert. So kennen Sie die Segeleigenschaften. Leider wird das Thema Manövrierfähigkeit bei Seitenwind in engen Häfen überhaupt nicht bedacht. Das ist gerade bei modernen Booten mit flachem Unterwasserschiff und modernen Kiel- und Ruderflossen ein heikler Punkt. Einsteiger und Chartercrews, die mit dem Boot noch nicht vertraut sind, haben ständig Manöverstreß. Man sieht es leider in jedem Hafen. Wollen Sie Ihre kostenbare Freizeit so verbringen?

Prüfen Sie die Fahrleistungen unter Maschine. Ist die Reisegeschwindigkeit bei wirtschaftlicher Drehzahl in Ordnung? Bleibt der Lärm in der Plicht und auch unter Deck erträglich? Werfen Sie auch einen Blick auf die Farbe des Abgases: ist es neutral, weiß oder grau? Weiß ist es bei kühlen Außentemperaturen - oder einer defekten Zylinderkopfdichtung (Kühlwasserverlust). Graues oder schwarzes Abgas ist ein Hinweis auf verschmutzte Luftfilter. Deren Reinigung ist kein Thema.

Rumpf, Kiel und Ruder

Ein Gebrauchtwagen läßt sich zur nächstbesten Werkstatt auf die Hebebühne fahren und von unten anschauen. Bei der segelklaren Yacht ist das aufwändig und teuer.

Der Zustand einer Yacht läßt sich unten herum mit Abtauchen schlecht prüfen: Einen ersten Eindruck vom Kiel, speziell der Kielvorderkante einer Segelyacht, seiner Antriebseinheit und des Ruderblatts bekommt man so vielleicht. Nur ist es nicht jedermanns Sache, im dreckig-trüben Hafenwasser und entsprechend schlechten Lichtverhältnissen einer voll belegten Marina baden zu gehen. Auch ein geübter Schnorchler sieht in der kurzen Zeit, die ihm unter dem Boot zur Verfügung steht, wenig. Am Landstellplatz im Freien oder in einer Halle geht das besser. Sollten Sie das Boot im Wasser besichtigen, probefahren und ernsthaftes Interesse am Kauf haben: der Aufwand zum Herausheben des Bootes lohnt sich! Bedenken Sie, das die moderne Kielkonstruktion mit kleinem Übergang vom Kiel zum Rumpf für strukturelle Schäden anfällig ist, wie sie bei Grundberührungen üblich sind. Das Gerippe der Kielaufhängung im Boot - es besteht aus sogenannten Bodenwrangen (Querrippen) und Stringern (Längsträgern) - könnte einen Knacks haben. Auch das läßt sich reparieren. Allerdings sollten Sie es vor dem Kauf wissen. Es ist unwahrscheinlich, dass es zu keiner Grundberührung gekommen ist.

Schauen Sie sich bei der Gelegenheit auch das Ruderblatt an. Gibt es Schäden an der Vorder- und Unterkante? Dreht es leichtgängig? Hängt es lose in den Buchsen, klappert es beim Segeln oder vor Anker. Das ist lästig.

Ein meist hochgeredetes Thema ist Osmose bei Kunststoffbooten: Osmose: Ruhig bleiben.

Wenn Sie sich mit Yachten und Technik nicht auskennen, nehmen Sie jemand mit Ahnung mit. Bei großen/teuren Booten oder Unsicherheiten lohnt die Beauftragung eines unabhängigen Gutachters.

Dokumentation/Verschleißteile

Gibt es Bedienungsanleitungen und Wartungspläne? Sind übliche Teile wie Impeller, Öl- und Spritfilter, Motor-/Getriebeöl mit der zu den Temperaturverhältnissen passenden Viskosität und auch Keilriemen an Bord? Sind diese Kleinigkeiten geklärt, sparen Sie als Eigner später Zeit und Geld. Ganz nebenbei wird daran deutlich, ob sich der Eigner überhaupt um das Boot gekümmert hat.

Für die Durchsicht des Bootes anhand der genannten Punkte brauchen sie, einschließlich eines unverzichtbaren Probeschlages, etwa einen Tag. Für die Ansicht des Unterwasserschiffes – sie kann im Kran oder Travellift hängend erfolgen – eine halbe Stunde.

Jetzt wissen Sie, was von Aussagen wie «top Zustand» oder «Checkheft gepflegt» zu halten ist - und haben eine Idee, welche Arbeiten Sie an Bord erwarten.

Weiterführende Links

VG