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Das (seemännische) Maß der Geschwindigkeit

Autor: Michael Kunst

Von Knoten, Logscheits und der Fahrt durchs Wasser. Was der Knoten mit der Bootsgeschwindigkeit zu tun hat – Antworten auf die Fragen eines neugierigen Wassersportrookies.

Das (seemännische) Maß der Geschwindigkeit
Handlog- Logscheit, Logleine, Spindel© LokiLeCh/wikipedia.jpg

Die Erläuterungen in den folgenden Zeilen zählten früher durchaus zum seemännischen respektive wassersportlichen Allgemeinwissen. Früher – denn heutzutage sind Herleitungen bestimmter Begriffe für viele eher unnötig geworden, da sie in keinen Zusammenhang mehr gebracht werden müssen. Das fällt immer wieder auf, wenn es um die Navigation und somit auch um Maßeinheiten geht: Aspekte, über die man sich früher Gedanken machen musste, weil sie ein wichtiger Bestandteil für die Genauigkeit der Berechnungen und Messungen waren, sind heute hinfällig geworden. Schließlich übernimmt die Plotter-Software alles Notwendige, nachdem sie per GPS-Satellit die metergenaue Position empfing. Rechner oder Smartphone an, auf die App klicken und schon weiß man, auf welchen Felsen man gerade zutreibt und wie man aus der Misere wieder heraus kommt. Selbst bei dichtem Nebel…

Doch manchmal kann es ganz unterhaltsam sein, wenn man den Dingen «auf den Grund geht». Vor allem dann, wenn der «Stimmt-ja-ich-erinnere-mich»-Effekt einsetzt: Da war doch was bei der Bootsführerscheinprüfung?!

Bleiben wir bei der Navigation im weitesten Sinne. Neulich bin ich von einem mitfahrenden Segel-Rookie gefragt worden, was denn das «kn» auf dem Geschwindigkeitsmesser zu bedeuten habe. «Knots, das ist Englisch und wird mit Knoten übersetzt, Unwissender!», kam die prompte Antwort eines dritten, offenbar versierteren Mitseglers. Doch als dann die eigentlich zu erwartende, prompte Nachfrage «Knoten? Was haben denn Knoten mit der Geschwindigkeit zu tun?» gestellt wurde, trat beim vermeintlichen Schlaumeier an Bord Funkstille ein.

Nun konnte ausnahmsweise der Autor dieses Artikels mit dem Wissen aus einem kürzlich auf boat24.com veröffentlichten Artikels glänzen (siehe «Meilensteine der Navigation»). Denn der Knoten als Geschwindigkeitsmaß hat tatsächlich eine interessante Geschichte.

Historische Darstellung, wie ein Handlog verwendet wurde Historische Darstellung, wie ein Handlog verwendet wurde © wikipedia.jpg

Leine an Holzbrett

Der (heutige) Knoten beruht auf der Längeneinheit Seemeile (oder Nautische Meile) und ist ein Geschwindigkeitsmaß für die See- und Luftfahrt. Die Seemeile entspricht 1.852 Metern – fährt man mit 1 Knoten Geschwindigkeit (auf flachem Wasser, ohne Gegenwind und Strömung), hat man nach einer Stunde eine Seemeile hinter sich gelassen. Aber wie kam der Begriff «Knoten» in die Messung der Geschwindigkeit?

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entwickelten holländische Seefahrer ein System, mit dem sie die Geschwindigkeit ihrer Schiffe im Wasser mit einer Genauigkeit von +/-10 Prozent errechnen konnten. Für die damalige Zeit ein enormer Fortschritt, da viele Schiffsverluste in Küstennähe (etwa bei schlechter Sicht) aufgrund von ungenauen Geschwindigkeits-Vermutungen bzw.-Berechnungen zu beklagen waren. Ein dreieckiges Holzbrett (Logscheit), an einer Seite mit einem Bleigewicht beschwert, wurde an einer langen Leine hinter dem fahrenden Schiff ins Wasser gelassen. Das Brett «stand» aufgrund des einseitigen Gewichts senkrecht im Wasser. Über einen, die Zugkräfte auch in der Bewegung gleich verteilenden Hahnepot ließ man nun eine «Logleine» über eine Spule/Spindel ins Wasser ablaufen. Anders betrachtet: Der Widerstand des Bretts im Wasser zog die Leine vom Schiff.

Die holländischen Seefahrer hatten nun in gleichmäßigen Abständen (7 Meter) Knoten in die Logleine gebunden, die sie während des Ablaufens ins Wasser zählten.

Mit einer «Stoppuhr» – eine Sanduhr (Logglas), deren Füllung etwa auf 15 oder 30 Sekunden geeicht war – wurde exakt die Zeit gemessen und die Anzahl Knoten im vorherbestimmten Zeitraum festgestellt. Die Geschwindigkeitsmessung wurde in relativ kurzen Abständen wiederholt (etwa alle halbe Stunde), wodurch wiederum eine relativ genaue Messung einer zurückgelegten Wegstrecke möglich wurde. Diese Methode, die im Vergleich zu vorherigen wie etwa «Abschätzung durch Geräuschentwicklung an der Bugwelle», schon eine beachtliche Genauigkeit erzielte.

Erforderliche Utensilien für den Handlog Erforderliche Utensilien für den Handlog © wikipedia.jpg

Allerdings waren die Knotenabstände auf der Logleine noch lange nicht standardisiert, so dass es für ein und dieselbe theoretische Geschwindigkeit zunächst unterschiedliche Knotenmengen angegeben wurden. Bis zu einer offiziellen Einheiten-Standardisierung sollte es lange dauern. Doch zeigt der noch heute verwendete Begriff «Knoten» als Geschwindigkeitsmaß, wie bahnbrechend die Entwicklung der Knotenzählerei damals war.

Navigation – ein Kinderspiel dank Knoten?

Also wurde die Navigation zur See mit der Erfindung eines genaueren Geschwindigkeitsmaßes im Zusammenspiel mit dem damals bereits gängigen Kompass und einer sich stetig verbessernden Kartengenauigkeit (zumindest an europäischen Küsten) das reine Kinderspiel? Schließlich konnte man mit der «Koppeltechnik» also mit dem Nachzeichnen einer zurückgelegten Distanz in eindeutige Richtungen auf einer Karte den Standort des Schiffes relativ genau bestimmen.

Ein Kadett der US-Navy trägt eine Koppelposition auf der Seekarte ein Ein Kadett der US-Navy trägt eine Koppelposition auf der Seekarte ein © us navy/wikipedia.jpg

Für die Antwort auf diese Frage können wir uns wieder zurück zum oben erwähnten Törn mit dem Segel-Greenhorn begeben. Der «Frischling» bemerkte nämlich, dass es zwei unterschiedliche Geschwindigkeitsangaben an Bord gab. Zum einen den per GPS ermittelten Speed (Fahrt über Grund FüG, engl. SOG: Speed Over Ground) und die am Schiffsrumpf, mit einer Art Mini-Propeller (Logge) gemessene «Fahrt durchs Wasser» (FdW).

Letztere ist im Prinzip die Geschwindigkeit, die auch von den alten Holländern mit ihrem Logscheit und den Knoten gemessen wurde. Die FdW ist eine Geschwindigkeit, die von Strömungen (Gezeiten), Seegang und Windrichtung stark beeinflusst wird. Jeder, der schon mal in einem Fluß oder in einem Gezeitenstrom geankert hat, weiß, dass trotz Stillstand des Bootes Log oder Logge unter dem Boot eine Geschwindigkeit anzeigt – nämlich den Speed der Strömung. Die FüG beträgt dann jedoch «Null».

Genauso kann es sein, dass etwa bei leichtem Wind ein Segelboot in starkem Tidenstrom eine höhere «FdW» macht, als der GPS-Wert als Geschwindigkeit registriert.

Und die Strömungen?

In den grauen Vor-GPS-Zeiten war tatsächlich eine der größten navigatorischen Herausforderungen die richtige Einschätzung eines Wind- und Stromversatzes – wenn also Wind, Welle und/oder Strömung die Schiffe einerseits vom Kurs abbrachten, aber auch die gemessene Geschwindigkeit des Schiffes beeinflussten. Über längere Distanzen hinweg konnte, etwa bei bedecktem Himmel, der keine Sextanten-Positionsbestimmung machte, schon eine geringfügig falsche Einschätzung einer Abdrift oder eine ungenaue Korrektur der gemessenen Geschwindigkeit fatale Folgen haben. Oder darüber entscheiden, ob eine Insel in den Weiten des Ozeans wiedergefunden wurde oder eben nicht…

Heute erledigt die genaue Berechnung der FüG (SMG) und die damit einhergehende, exakte Standortermittlung verlässlich das GPS oder ein anderes Navigationssystem. Per Satellit wird uns aus dem Orbit mitgeteilt, wo und wie schnell wir Menschen unten auf der Erde gerade herumschippern.

Und obwohl wir die Maßeinheit als solche längst auf unserem GPS-Empfänger, Plotter oder auf unserer Rechner-Software nach Belieben einstellen können (km/h, m/h etc.), entscheiden sich die meisten Wassersportler doch für den traditionellen, guten alten «Knoten». Im Tiefschnee unserer Herzen sind wir eben doch alle Nostalgiker.

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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