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Seemannschaft7 min Lesezeit

Der Nabel der Welt

Ohne Nullmeridian keine exakte Standortbestimmung – auf See wie an Land.

Der Nabel der Welt
Weltkarte mit dem Nullmeridian, dargestellt als rote Linie, die den Längengrad 0° markiert. © KI

Der Nullmeridian wird von vielen als „der Nabel der Welt“ oder gar als das „Maß der (geografischen) Dinge“ bezeichnet. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass diese Linie durch das britische Städtchen Greenwich gezogen wurde?

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 31.05.2024

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Schon 120 v. Ch. wurde erstmals eine Berechnungsgrundlage für die Navigation erdacht.
  • Claudius Ptolemaeus legte seinen Bezugspunkt ans Ende der damals bekannten Welt.
  • Warum eine einheitliche Berechnungslinie für die Vermessung der Welt notwendig wurde.
  • Wann und wo der Greenwich-Nullmeridian beschlossen wurde.
  • Welchen Einfluss der Nullmeridian auf die Vermessung der Welt und die Festlegung einheitlicher Zeitzonen hatte.

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Der Nullmeridian ist eine imaginäre Linie, die eine Teilung in östliche und westliche Hemisphäre vornimmt. Der Nullmeridian wird auch als Grundlage für die Zeitzonen der Welt verwendet. Diese Linie ist zudem der Ausgangspunkt für das Maßsystem Längengrad.

Über Jahrtausende hinweg war die Navigation zur See nicht selten ein Glücksspiel. Zahllos sind die Schiffs- und Crew-Verluste an den Küsten oder auf Hoher See, die aufgrund von falschen Berechnungen oder mangels Parameter verloren gingen.

In Zeiten von GPS und GNSS mag es vielen unverständlich erscheinen, warum so viele Generationen Seefahrer an einer genauen Standortbestimmung verzweifelten oder sogar scheiterten. Dennoch oder gerade deshalb ist der „navigatorische“ Blick zurück immer wieder spannend – schließlich waren Kreativität, Innovationsgeist und reichlich Fantasie seit jeher ein wesentliches Merkmal der Seefahrer respektive Seefahrt.

Der Nullmeridian (schwarze Linie) im rechten Winkel zum 30. Breitengrad © Daniel FR/wikipedia
Der Nullmeridian (schwarze Linie) im rechten Winkel zum 30. Breitengrad © Daniel FR/wikipedia

Siehe hierzu auch den Boat24-Magazin-Artikel „Meilensteine der Navigation“, „Kompass der Lüfte“ über die Navigation mithilfe von Vögeln oder „Das Maß der Geschwindigkeit“ und die „Geschichte von der Berechnung des Längengrads“.

Übrigens, die folgenden Zeiten beziehen sich zwar in erster Linie auf die Navigation zur See, doch gelten die Angaben auch für die Standortbestimmung und die Zeitmessung an Land.

Alles auf Null

Egal wie viele Seemeilen in den Kielwassern der Schiffe und Boote der jeweiligen Epochen gurgelten – an Geschichten und Abenteuern (ohne hier das berühmt-berüchtigte Seemannsgarn zu bemühen) mangelte es auch rund um die Navigation niemals.

Der Nullmeridian ist derjenige Meridian (ein im rechten Winkel zum Erdäquator stehender und von Nord- zu Südpol verlaufender Halbkreis), von dem aus die geografische Länge nach Osten und Westen gezählt wird.

Ein besonders spannender Aspekt der Navigation dreht sich um das Nichts, oder eleganter formuliert: Um die mathematische Null, die Vergangenheit und Zukunft an einem Punkt vereinen (soll). Anders betrachtet: Der Ausgangswert für die Berechnung des Standortes anhand von Längen- und Breitengraden, an dem sich die spätere Standortbestimmung messen lässt.

Erstmals durch Rhodos

Der erste Beleg für die Einteilung der Welt in geografische Längen- und Breitengrade stammt aus dem Jahre 120 vor unserer Zeitrechnung. Hipparch von Nikkaia war der bedeutendste griechische Astronom seiner Zeit und hatte folgerichtig das dringende Bedürfnis nach Ordnung am Himmel und die Navigation auf Erden respektive See. Sein Beobachtungsort war Rhodos, wohin er praktischerweise seine Bezugslinie für seine Berechnungen legte.

Auch die Perser hatten schon früh einen gewissen Sinn für Ordnung, erkannten die Notwendigkeit einer Berechnungsgrundlage bei der Navigation und Vermessung „ihrer“ Welten in Form einer Ausgangslinie und legten ihren höchst eigenen Bezugspunkt auf einen Ort, der in ihr Weltbild passte: Nimrus, eine Stadt im heutigen Afghanistan.

Hinter dem Horizont das Unbekannte

Claudius Ptolemaeus, griechischer Mathematiker und Geograf, teilte im Jahre 150 mit einem buchstäblich zukunftsweisenden „Strich“ die Welt in zwei Hälften. Er legte jedoch die Bezugslinie für seine Berechnungen an den damals wohl am weitesten im Westen gelegenen, bekannten Ort – die Insel El Ferro (heute Hierro) in der kanarischen Inselgruppe. Für den Mathematiker war dies schlicht eine Einteilung in „bekannte“ und „unbekannte“ Welten. Denn was sich Richtung Westen hinter dem Horizont verbarg, war damals noch die „große Unbekannte“. Ohne es zu ahnen, schuf er zudem mit seinem „Ferro-Meridian“ die Berechnungsgrundlage für die Standortbestimmung vieler nachfolgender Seefahrer-Generationen unterschiedlicher Nationen. Das System wurde bis ins 19. Jahrhundert angewendet.

niederländische Seekarte mit Ferro-Meridian durch den Nordpol, um 1720 © National Library of Norway
niederländische Seekarte mit Ferro-Meridian durch den Nordpol, um 1720 © National Library of Norway

Doch nicht „nur“ mit dem Ferro-Meridian setzte Claudius Ptolemaeus für Jahrhunderte das „Maß der Dinge“. Anhand von über 8.000 Ortsangaben, die er wohl in der Bibliothek von Alexandria gefunden hatte, ersann er auch ein Projektionsverfahren, mit dem er die Wölbung der Erde mittels Strichen auf den Karten wiedergab. Eine „Vermessung der (damals bekannten) Erde“, wie sie sich im Prinzip bis heute nicht geändert hat.

Der Äquator und die Willkür

Noch eine Erfindung dieses geografischen Genies: Als Bezugslinie für die Breitengrade nahm Ptolemaeus den Äquator. Mal ganz abgesehen davon, dass er sich bei dessen Längenberechnung um mehr als 10.000 Kilometer verschätzte, war der Grieche letztlich der Erste, der die Karten in eine Nord- und Südhälfte teilte. Und wohl auch geahnt haben musste, dass die Erde eben keine Scheibe ist.

Hatte Ptolemaeus mit dem Äquator eine feste Bezugslinie für die Breitengrade geschaffen, musste er – wie schon andere kluge Köpfe vor ihm – für die Festlegung der Bezugslängenlinie willkürlich handeln. Und legte sie so weit wie möglich (und bekannt) in den Westen …

Mehr Seefahrer, mehr Nullmeridiane

Doch das mit der Willkür nahm bald „Auswüchse“ an. Je mehr Seefahrer-Nationen sich weiter hinaus auf den Atlantik wagten oder ihrem expansiven Drang nach mehr Land, mehr Reichtum, mehr Ehre nachgaben und segelnd die Welt erkundeten, desto wichtiger wurde es, dass die Positionsangaben gewisser Küsten, Inseln oder gar Kontinente nicht jedem zugänglich waren.

Also nahm bald nahezu jede Nation eine eigene Längen-Bezugslinie für sich in Anspruch. Mittlerweile hatte sich der Begriff Meridian durchgesetzt (kommt von Mittag, also die Linie, auf der alle Orte zum gleichen Zeitpunkt Mittag haben), bisher nicht jedoch die Idee vom Nullmeridian, der für alle gleichermaßen gilt.

So segelten etwa die Portugiesen mit Karten über die Weltmeere, die Lissabon als Nullmeridian auswiesen. Die Franzosen hatten ihren Nullmeridian in Paris, die Dänen in Kopenhagen, die Schweden in Stockholm, die Niederländer in Amsterdam und die Russen in St. Petersburg. Um nur einige wenige dieser Willkür-Bezugslinien zu erwähnen.
Interessanterweise hielt sich jedoch die Ferro-Bezugslinie hartnäckig über die Jahrhunderte hinweg.

Entfernung und Zeit

Denn die Berechnungen eines Ortes, aber auch der „richtigen“ Uhrzeit (um die zurückgelegte Entfernung auf See messen zu können) waren damals noch wahre Glücksspiele, die man immer wieder gegenrechnen, vergleichen und überprüfen musste. Da war eine über Jahrhunderte hinweg genutzte Bezugslinie wie der Ferro-Meridian ein idealer Korrektur- oder Vergleichsfaktor. Wenn auch damit noch reichlich navigatorische Irrtümer mit teils katastrophalen Folgen begangen wurden.

Erst mit der Erfindung einer zuverlässigen Uhr konnten Standorte (ausgehend vom jeweiligen Nullmeridian) exakt berechnet und bestimmt werden (siehe auch unseren Artikel Geschichte von der Berechnung des Längengrads). Doch das ist eine andere Geschichte …

Und noch mehr Bezugslinien für die Berechnung der Längengrade!

Zurück zur Einteilung der Karten und somit der Welt in Längen und Breitengrade und ihre willkürlichen Bezugslinien. Im Jahre 1551 erschienen die Prutenischen Tafeln von Erasmus Reinhold bei Ulrich Morhard in Tübingen. Dort wurde der Meridian durch Königsberg (Hauptstadt von Preußen) als Nullmeridian verwendet.
Im Jahr 1634 dekretierte der französische König Ludwig XIII., dass der Nullmeridian durch Ferro zu legen sei. Und der Geograf und Universalgelehrte Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes schlug 1708 erstmals die internationale Vereinheitlichung des Nullmeridians vor.

Ab 1718 wurde in Frankreich der Meridian von Paris angewandt, ab 1738 in England der Greenwich-Meridian.

Was für ein Wirrwarr! Im Prinzip lebte damals jede Region in ihrer eigenen Ortszeit; mit der zunehmenden „Globalisierung“ im Sinne einer mobileren Welt – Stichwort: Zugverkehr – war es dann spätestens im 19. Jahrhundert notwendig geworden, einheitliche geografische und infolgedessen zeitliche Maße festzulegen.

13 Jahre warten

Erstmals gab es 1871 auf dem International Geographic Congress in Antwerpen den Vorschlag, endlich eine Nulllinie „für alle“ festzulegen. Schon damals war Greenwich, die Meridianlinie der stärksten Seefahrer-Nation im Fokus. Doch es sollte weitere 13 Jahre dauern, bis sich die Vertreter von 25 Nationen im US-amerikanischen Washington trafen, um dem ganzen Gedöns ein Ende zu setzen.

Bei dieser Weltkarten-Konferenz wurde sich wohl zum ersten Mal wegen Globalisierungs-Maßnahmen heftig gestritten. Die meisten Länder beharrten zunächst auf „ihrem“ Nullmeridian, lenkten aber nach einem gemeinsamen Vorschlag der Amerikaner und Briten, einen allgemein verbindlichen Nullmeridian nach Greenwich/Großbritannien zu verlegen, ein. Diese Bezugslinie hatte u.a. den Vorteil, dass mit ihr die Datumsgrenze – 180-Längengrade westwärts – mitten im Pazifik liegt. Außerdem stand in Greenwich das damals technisch fortschrittlichste Observatorium der Welt.

Lediglich die Franzosen, seit jeher dem Anglo-amerikanischen gegenüber misstrauisch, beharrten zunächst stur auf ihrem „Pariser Nullmeridian“. Bei der abschließenden Abstimmung dieser Weltkarten-Konferenz wurden sie jedoch überstimmt.

Nur die Franzosen schmollten

Aus heutiger Sicht betrachtet erscheint es erstaunlich, dass sich alle an der Washingtoner Konferenz teilnehmenden Staaten tatsächlich an den neuen Nullmeridian-Beschluss hielten und ihre Karten im Laufe der folgenden Jahre aktualisierten bzw. korrigierten.

Der Nullmeridian in Greenwich ist bis heute Bezugspunkt für nahezu alle kartografischen Berechnungen. Zudem ist die genaue, internationale Zeit als „mittlere Ortszeit“ auf dem Nullmeridian definiert.

Der Nullmeridian in Greenwich ©  © wikipedia/Takasunrise0921
Der Nullmeridian in Greenwich © © wikipedia/Takasunrise0921

Wer sich jedoch heute mit einem GPS-Gerät auf den Nullmeridian stellt – für touristische Massen sichtbar als Messingstreifen im Innenhof des Royal Greenwich Observatory markiert – dürfte enttäuscht auf seinen Bildschirm blicken. Denn dort erscheint keineswegs Nullkommanullnull – tatsächlich verläuft die "magische" Linie 150 m weiter östlich.

Der Grund: Im 19. Jahrhundert wurden Längengrade in Bezug auf Sterne bestimmt. Am Boden suchten Forscher horizontale Linien, von denen sie annahmen, dass sie den Erdmittelpunkt schnitten.
Bei der damals gängigen Messmethode spielte Quecksilber eine elementare Rolle. Quecksilber wird jedoch stellenweise von schweren Gesteinsmassen im Erdinneren angezogen, was in Folge die Horizontalen auf der Erdoberfläche ablenkt.

Mit GPS wurde es genauer

Deshalb weichen die aktuell mit satellitengestützten Systemen berechneten Längengrade von den ursprünglichen, astronomisch berechneten Linien etwas ab. Seitdem das satellitengestützte World Geodetic System aktiv ist, sind die Koordinaten (sinnbildlich) nicht mehr an die Erdoberfläche gekoppelt. Die Kontinente bewegen sich somit unter dem Koordinatennetz, wenn auch nur in einem minimalen Ausmaß.

Der Nullmeridian von Greenwich ist also im gewissen Sinne längst nicht mehr der „Nabel der Welt“, bleibt jedoch als Bezugslinie auch für zukünftige Generationen erhalten.

Während erdbasierte Methoden – und damit auch die in Greenwich eingesetzten – die erwähnten Probleme mit der Genauigkeit haben, nutzen moderne satellitengestützten Verfahren einen anderen Bezugspunkt: die Referenzlinie muss durch das Massenzentrum der Erde führen.

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