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Ziemlich Achtziger

Autor: Erdmann Braschos

Es ist interessant, was Yachtkonstrukteure für sich selbst entwerfen und segeln. Ihre Boote zeigen, wie die Architekten ticken: Zum Beispiel das 38 Fuß Touren- und Regattaboot «Esta» der Familie Conradi.

Ziemlich Achtziger
© Torsten Conradi, Judel/Vrolijk & Co. (Bremerhaven)

1978 krempelten der gebürtige Holländer Rolf E. Vrolijk und sein Segelfreund Friedrich «Fietje» Judel die Ärmel hoch. Sie kamen vom Jollensegeln, der OK-Jolle. Nach ersten Optimierungen an Regattabooten des damals führenden Konstrukteurs Doug Peterson verwandelten sie die schweren, mit Beschlägen überladenen, Top getakelten Segelschlachtschiffe zur leichten und agilen Hochseejolle mit flexiblem Partialrigg.

Der wegweisenden «Düsselboot» folgten «Rubin», «Outsider», «Pinta» oder die «Container». Mancher Eigner hatte damals eine Art J/V-Jahresabo für das nächstschnellere Boot. In den Achtzigern lösten Faserverbundwerkstoffe, speziell die aus leichten und festen Waben zwischen Außen- und Innenlaminat, Holz oder Aluminium ab. Mit Judel/Vroljik Booten wurden damals Admirals Cup Regatten gewonnen.

Regattamodus Regattamodus © Torsten Conradi, Judel/Vrolijk & Co. (Bremerhaven)

Eines der J/V-Erfolgsrezepte war, dass die Arbeit der Konstrukteure nicht am Reißbrett endete. Rolf Vrolijk achtete darauf, dass das Konzept von der Mannschaft auf der Regattabahn überhaupt umgesetzt wurde. Das begann schon mit der Start-Taktik, wo die spezielle Stärke eines Bootes bereits zu nutzen war. Dies bedeutet für Vrolijk damals wie heute, dass er viel unterwegs, an Bord ist. Außendienst, enger Kundenkontakt, der Abgleich mit der Realität auf dem Wasser und Grübeln, Rechnen und Zeichnen gleichzeitig geht aber nicht.

So stieg 1986 Torsten Conradi als Partner in die Firma ein, die seitdem Judel/Vrolijk & Co heißt. Friedrich Judel zog sich nach einer Weile zurück. Als Geschäftsführer hielt Conradi seinem Kompagnon Vrolijk im Tagesgeschäft den Rücken frei. Conradi erweiterte den Thinktank für schnelle Regattaboote um ein rund laufendes Büro für Ingenieurdienstleistungen und das Design von Fahrtenbooten, maßgeblich für Hanse und den erfolgreichen Dehler-Relaunch, sehr große Yachten und manches interessante Motorboot. Es beschäftigt heute 15 Leute in einem markanten Gebäude in Bremerhaven, wo die Geeste in die Weser mündet.

Firmengebäude Firmengebäude © Torsten Conradi, Judel/Vrolijk & Co. (Bremerhaven)

2003 trug Rolf Vrolijk als leitender Konstrukteur der schweizerischen «Alinghi» dazu bei, den Amerika-Pokal von Neuseeland nach Europa zu holen. Vier Jahre später gelang die Pokalverteidigung, die nochmals in der IACC Klasse ausgesegelt wurde. Mehr Siegeslorbeer ist im Segelsport kaum möglich. Heute setzt das Bremerhavener Büro seine Erfolgsgeschichte in anderen Grand Prix Klassen, beispielsweise der TP 52 oder den Minimaxis fort, zeichnet faszinierende Boote für den finnischen Komposit-Spezialisten Baltic Yachts oder für Wally. Da blieb und bleibt kaum Zeit für ein eigenes Schiff. Rolf Vrolijk beschäftigte sich vorübergehend mal mit einem alten Sechser. Aber wozu sollte ein Yachtkonstrukteur, der beruflich ständig auf den interessantesten Regattabooten unterwegs ist, überhaupt ein eigenes Boot haben?

Segelplan Segelplan © Torsten Conradi, Judel/Vrolijk & Co. (Bremerhaven)

Als Torsten Conradi bei Judel/Vrolijk einstieg, entwarf er für seinen Vater einen 38 Füßer gemäß damaligem IOR Reglement. «Es sollte ein regattataugliches Familienboot für meinen Vater, meine drei Brüder und mich werden. Aus unseren Anfangsbuchstaben leitet sich der Bootsname ab: Egmont, Sören, Torsten, Aeuke. Die Bootsgröße ergab sich aus dem verfügbaren Budget. Es passte nur die IOR-Klasse 3 mit dem Rating 27.5 Fuß, da in den Klassen IOR 1 und IOR 2 nur reine Regattayachten wie Cupper und Eintonner starteten» berichtet Conradi, der zwar in Bremen geboren wurde, aber eng mit Helgoland verwurzelt ist. Sein Großvater und Vater waren mit ihrem Baugeschäft maßgeblich am Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg von den Engländern zerbombten Insel beteiligt. Die Familie Conradi betreibt dort in vierter Generation Hotels und Conradi lernte auf Helgoland segeln.

Das Boot entstand bei der Wegener Werft in Wedel bei Hamburg aus Holz, weil dieses Material schön und leicht ist. «Man braucht keine Wegerung, eigentlich auch kaum Einrichtung und sieht trotzdem überall sauber verarbeitetes Holz. Gerd Wegner hatte sich zuvor einen Judel/Vrolijk-Dreivierteltonner namens «Ran» gebaut, einen leichten und entsprechend schnellen Renner.

Bemerkenswert an «Esta» ist die offene Kajüte: «Die Idee dazu verdanke ich meiner letzten mündlichen Prüfung zum Thema Schiffsfestigkeit. Mein Prüfer, Prof. Dr. Lehmann, wusste, dass ich Segler bin und hat mich dann zur Einleitung von großen Einzelkräften gefragt. Wir sprachen über Ringspanten, die bei tangentialer Krafteinleitung als innere Kräfte nur Zug und Druck aufweisen, was kleinere Querschnitte zulässt. So kam «Esta» zu ihrem Rahmenspant, der einen offenen Salon ermöglicht, mit durch den Tisch geführtem Mast und der Aufhängung für die Püttinge der Wanten außen» berichtet Conradi.

Rahmenspant Rahmenspant © Torsten Conradi, Judel/Vrolijk & Co. (Bremerhaven)

Ich sah das Boot vor zwei Jahren mal in einem dänischen Hafen. Es war gediegen ausgestattet und stand dermaßen gut im Lack, als wäre es gerade erst aufgetakelt worden. In meinen Augen gibt es nichts schöneres auf dem Wasser als glänzend lackiertes, maronenbraunes Mahagoni. Einzig die Neigung des Vorstevens, die rechtwinklig statt gepfeilt nach achtern geführten Salinge und das rasant geneigte Cupper-Heck verraten, das «Esta» ziemlich Achtziger ist.

Weil man so ein Boot eigentlich nur behalten und segeln kann, macht Torsten Conradi gemeinsam mit seinen Brüdern und seiner sechsköpfigen Familie genau das. «Die «Esta» ist nach wie vor eines der am besten gebauten Holzboote, das ich kenne» schwärmt Conradi, der sonst eigentlich eher sachlich ist. «Es stecken viele handwerklich saubere Details darin und ich freue mich immer noch daran, wenn ich das Boot nur sehe. Wie üblich sieht meine Frau «Esta» nicht ganz so begeistert. Sie meint «Esta» wäre ihre einzige Rivalin. Aber da wir gemeinsam vier Kinder auf diesem Boot großgezogen haben, die auch heute noch gern und regelmässig mit uns segeln, stimmt das eigentlich gar nicht.»

Obwohl Conradi das Boot nicht für sich, sondern seinen Vater entwarf, verrät es die seglerische Präferenz der Bootskonstrukteure aus Bremerhaven. «Esta» ist ein leichtes, leistungsfähiges Boot. Der seglerische Schwerpunkt der Konstrukteure wurde auch in zahlreichen Interviews mit Conradi oder Vrolijk in den vergangenen deutlich, wo die beiden mit gelassener Klarheit Einblick in ihre Arbeit gaben: Ganz gleich ob Whitbread/Volvo Ocean Renner, TP 52, die letzte Container oder eine Wallycento: Die Arbeit fängt mit einem nüchternen Blick auf die absehbaren Verhältnisse auf der Regattabahn mit trockener Statistik an. Bei großen Tourenyachten wird mit dem Eigner auch mal beharrlich über die Frage geredet, ob Gadgets wie eine schwere Heckklappe wirklich sein muss, damit das Boot nachher auch den Erwartungen entspricht.

Bleibt die Frage, was Conradi heute, 34 Jahre nach ihrer Konstruktion, am Familienrenner «Esta» anders machen würde. «Ich nähme eine zeitgemässere Rumpfform mit steilerem Bug, vollerer Heckpartie und längerer Wasserlinie. Dazu natürlich gepfeilte Salinge, um die Backstagen los zu werden. Aufbau, Deck, Cockpit und Einrichtung hätte ich gerne wieder so. Wenn es ginge, würde ich eine Idee größer bauen. Vielleicht so um 42 Fuß.»

Nordseewoche Nordseewoche © Torsten Conradi, Judel/Vrolijk & Co. (Bremerhaven)

ESTA
Konstruktion: Torsten Conradi 1985
Werft: Wegner Werft, Wedel
Bauweise: Spruce und Mahagoni mit Epoxidharz formverleimt
Baujahr: 1986
Länge: 11,38m
Länge Wasserlinie: 8,90m
Breite: 3,70m
Tiefgang: 1,97m
Verdrängung ursprünglich: 5,2t – heute über 5,5t
Ballast: 2t (Blei)
Takelage: 7/8 Partialrigg mit Jump- und Backstagen
Groß 40,5m2
Vorsegeldreieck 25,35m2
Genua 36m2

VG Wort Zählmarke

Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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