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Robin oder die ideale Fahrtenyacht

Warum der amerikanische Segler Ted Hood auf schwere Boote schwor

Robin oder die ideale Fahrtenyacht
"Robin Hood" am Liegeplatz an der US-Ostküste © Lily Keller-Bingham

Es ist interessant, was Yachtkonstrukteure für sich selbst entwerfen und segeln. Ihre Boote verraten, wie sie ticken: Zum Beispiel die «Robin» von Ted Hood.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 26.11.2020

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Einblick in das heute exotisch erscheinende Fahrtenyachtkonzept von Ted Hood
  • welche Vorteile der Hoodsche Kielschwerter bietet
  • Spantform und Stauraum in Hoods Fahrtenbooten
  • weitere Innovationen von Ted Hood
  • Ted Hoods Little Harbour Yachten

Seitdem der Mensch zum Vergnügen und nicht zum Broterwerb ablegt, stellt sich die Frage nach dem idealen Fahrtenboot. Es gibt ganz unterschiedliche Antworten darauf und jedes Jahr kommen neue dazu. Die Weiterentwicklung im Bootsbau und aktuelle Trends machen es möglich. Der amerikanische Segelmacher, Regattasegler, Bootskonstrukteur und Erfinder Frederick Emmart «Ted» Hood (1927 – 2013) hatte eine klare Meinung dazu. Denn Hood, der mit der Entwicklung der modernen Segelrollanlage das Tourensegeln bequem und sicher machte, etwa 40 Boote für sich entwarf, wusste aus eigener Erfahrung, worauf es ankommt. Sein Revier war die amerikanische Ostküste zwischen Marblehead und Florida. Dort schiebt der Golfstrom den Atlantik zu einer ruppigen Buckelpiste zusammen.

Ein Fahrtenboot gleich welcher Größe musste für Hood Lebensqualität an Bord bieten. Und zwar unterwegs auf See. Was es im Hafen oder hoch und trocken auf dem Messestand bietet, interessierte Hood weniger.

Ganz gleich wie groß es ist: es darf nur wenig Tiefgang haben, damit die flachen Gewässer der Bahamas und der reizvolle, geschützte Intracoastal Waterway zugänglich bleiben. Deshalb zeichnete und segelte Hood Kielschwerter.

Die Hoodsche Fahrtenyacht ist entgegen dem üblichen Trend zum U-spantig flachen Rumpf mit tiefer Kielflosse nicht bloß schwer. Sie ist sehr schwer. Anders als beim modernen Boot hängt der Ballast nicht außenbords, sondern steckt in der Bilge. Hood bezeichnete seine Rümpfe mit deltaförmiger Spantform als "Whale Belly". Der Vorteil des schweren Rumpfes mit Walfischbauch ist, dass die Bewegungen im Seegang berechenbar sind. Es gibt kaum Vibrationen. Es gibt Platz für Tanks, Vorräte und Batterien mit günstigem Schwerpunkt in der Schiffsmitte unter den Bodenbrettern. Der Nachteil ist, dass der kurze Hebelarm des Ballasts mehr Blei verlangt als bei einem modernen Flossenkieler.

Robin Hoods Deltaform: Links der Querschnitt eines modernen Rumpfes, rechts der Hoodsche Walfischbauch mit Platz für Tanks, Stauraum und Bilge
Robin Hoods Deltaform: Links der Querschnitt eines modernen Rumpfes, rechts der Hoodsche Walfischbauch mit Platz für Tanks, Stauraum und Bilge © Hood

Vor einer Weile besuchte ich Ted Hood mal in Rhode Island, wo der Selfmademan einen rund laufenden 300 Mann-Betrieb mit Konstruktionsbüro, Bootslagerung, Service und Neubau von Motoryachten am Laufen hatte. Wie befürchtet war der legendär wortkarge Hood zunächst ziemlich still. Es besserte sich bei der Führung durch seinen Betrieb. Als wir schließlich an Bord seiner „Blue Robin“ saßen, war Hood gesprächig.

Von Jahr zu Jahr auf der Suche nach der universellen Regatta- und Fahrtenyacht, die Silber von den Wettfahrten zwischen New Yorks Long Island Sound und den nordöstlich gelegenen Segelzentren, von Bermuda oder der allwinterlich rings um Florida ausgesegelten Southern Ocean Racing Conference beschert, hatte Hood sein Konzept 1959 gefunden und es seitdem weiter entwickelt. Der zweckmäßige Betrieb zweier Schiffe, eins in Massachusetts, eins im Süden, ersparte Hood zeitraubende Überführungen. Hood lebte vom und für’s Segeln.

«Als junger Segelmacher bekam ich reichlich Gelegenheit, auf allen möglichen Schiffen zu segeln. Nach dem Zieldurchgang der SORC in Nassau war es üblich, einen Törn durch die Bahamas zu machen. Mit 1,80 bis zwei Metern Tiefgang kommst Du da unten soeben noch klar. Deshalb setzte ich von Anfang an auf den breiten, flachen, formstabilen Kielschwerter.

Ein Beispiel für die Finesse, die in Hoods Konstruktionen steckt, ist «Blue Robin», sein 48-Füßer, in dem wir damals saßen. Randvoll mit Sprit, Wasser und Vorräten für den großen Bahama-Törn beladen, geht «Blue Robin» mit geborgenem Schwert ganze 1,42 m tief. Auf vier Meter Tiefgang ausgeklappt greift das Schwert über eine Strecke von 2,60 Metern unter dem Walfischbauch ins Meer. Vom reinen Regattaboot abgesehen geht keine Yacht dieser Größe mit einem derart wirksamen, schlanken Profil an den Wind. Dazu dachte sich Hood eine Vorrichtung aus, die das Schwert nach der Wende automatisch im Schwertkasten um zwei Grad dreht. So brachte Hood interessante Segeleigenschaften und das Bedürfnis nach reduziertem Tiefgang in Einklang.

Die Taschenspielerei der Präsentation eines leeren Regattaboots, das netto zur Premiere auf den Regattabahnen mit der gesamten Crew auf der Kante überzeugt, beim Fahrtensegeln dann ausgebaut und beladen, brutto, nicht mehr funktioniert, diese Flunkerei hat Hood nicht mitgemacht. Stattdessen konzipierte er seine Boote von vornherein ehrlich als mittelschwere bis schwere Verdränger, bei denen die Zuladung für den mehrwöchigen Törn nicht so stört, zweitens das Konzept des Schiffes nicht zerstört. „Ein schwer beladener, für’s reale Brutto gezeichneter Verdränger segelt genauso schnell wie der zu tief im Wasser liegende Leichtbau, bewahrt allerdings seine weichen Rauhwasser-Eigenschaften, die ein Bordleben zulassen“ sagte Hood. „Die Güte eines Cruiser-Racers ist nicht allein seine Geschwindigkeit unter Segeln. Sie setzt sich zusammen aus Komfort, Zulademöglichkeit, Reichweite, Sicherheitsreserven, einer verlässlichen, wartungsarmen Bauweise und Geschwindigkeit.»

Wir saßen in der Mittelplicht seines Bootes, in dem weitere Ideen von Ted Hood steckten. Die längst weltweit kopierte Mittelplicht hatte Hood sich mal zum sicheren Tourensegeln mit der Familie ausgedacht. Ebenso das von seitlichen Gängen unterbrochene Süll, damit man bequem von der Plicht an Deck kommt. Die formverleimten Schwalbennester hatte er von den Stauräumen für das Handgepäck aus dem Flugzeug übernommen.

Wenigstens das vordere Zehntel Decksfläche hinter dem Vorsteven sollte vom Rudergänger gut zu überblicken sein. Nur so lässt sich beobachten, ob der Mitsegler bei einem Manöver auf dem Vorschiff oder dem Entsichern des Ankers zurechtkommt. Damit der Weg über das geneigte Deck zum Bug nicht zur Rutschpartie wird, gab Hood der Kleinserie seiner Little Harbour Blauwasseryachten einen weit nach vorne gestreckten Kajütaufbau. Auf dessen Seitenwand findet man den nötigen Halt.

Ted Hoods «Robin» wird seit einigen Jahren von einer amerikanischen Familie auf Martha’s Vineyard an der amerikanischen Ostküste gesegelt. Das Boot heißt heute «Robin Hood». Ein Törn führte bis nach Kuba.

Yachten werden heute als Konsumgüter und Modeartikel mit immer neuen Gadgets präsentiert. Wenn Sie mit Ihrem Boot lange Törns planen, lohnt es Ted Hoods Erfahrung zu nutzen oder sich eine seiner Little Harbour-Yachten anzuschauen. Die gibt es gebraucht. Oder Sie lassen sich von seinem langjährigen und heute selbständigen Mitarbeiter Ted Fontaine ein neues Boot zeichnen.

Robin Hood unterwegs: Gang durch die seitliche Cockpit-Umrandung
Robin Hood unterwegs: Gang durch die seitliche Cockpit-Umrandung © Lily Keller-Bingham

Robin Hood

Länge über Alles 16,17 m
Breite 4,52 m
Verdrängung halbvolle Tanks: 18,5 t
Segeltragezahl (halbvolle Tanks): 4,8
Ballast 5 t
Wasserballast 1,2/1,8 t
Tiefgang (Klappschwert 1,42 – 4 m
Kuttertakelung 155 qm
Maschine Nanni 65 PS/48 kW
Interieur Mahagoni, weißgraue Vertäfelung
Zentralheizung und Kamin

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VG