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Ankern: Hält er oder hält er nicht?

Autor: Michael Kunst
  

Ankern wird von vielen zur Wissenschaft erkoren. Vor allem dann, wenn anderen ein Malheur dabei passierte oder in Foren mehr oder weniger intelligente Fragen dazu gestellt werden. Wir haben eine schlechte und einige gute Nachrichten zu diesem seemännisch so wichtigen Thema beizusteuern. Das übrigens alles andere als ein Hexenwerk ist!

Ankern: Hält er oder hält er nicht?
© mallorcamagazin

Die schlechte Nachricht zuerst: Es gibt für den Wassersport weder Methoden noch Anker, die immer und überall funktionieren und «greifen». Jeder, der dies von seiner «Seemannschaft» und seinen Produkten behauptet, ist entweder ein gewiefter Verkäufer oder etwas eingeschränkt in seinen Prüf- und Testmethoden. Denn grundsätzlich gibt es so viele Grund-Situationen, begleitet von unterschiedlichsten Begleiterscheinungen a la Wind, Wellen und Strom, wie unsere Welt Ankerbuchten bereit hält.

Gerade deshalb ist es leicht nachvollziehbar, warum das «Ankern» und der «Anker» in der Seefahrt auch ein Symbol für Treue und im Christentum sogar für Hoffnung ist. Denn Hoffnung braucht man wirklich jede Menge, wenn man den Anker fallen gelassen hat und nun darauf wartet, dass selbiger «greift» bzw. sich eingräbt. Und noch mehr Hoffnung, wenn er denn später bei drehendem Wind, höherem Seegang und einigen neuen Nachbarn, die einem gerade ziemlich nah auf die Pelle rücken, dennoch weiter «halten soll».

Man stelle sich das mal mit einem gewissen Abstand vor. Da hängt das Boot, die Yacht, dein «Ein und Alles» an einem verhältnismäßig kleinem Werkzeug, das in mehr oder weniger dunkle Wassertiefen gelassen wurde, um da unten irgendwie das oben schwimmende Kleinod festzuhalten.

Ob der Anker gut liegt, sich richtig eingegraben hat und somit verlässlich seine Arbeit verrichtet, ob genug Kette gegeben wurde, die den Anker in der Waagrechten hält… all das könnte eigentlich nur durch Erfahrungswerte und Inspektionstauchgänge überprüft werden. Was in den warmen, azurblauen Fluten der Karibik sogar Spaß machen kann, aber in einer schottischen Bucht, die man wegen eines heraufziehenden Sturms anlaufen musste, nur wenig einladend ist.

Ankern oder «Die Hoffnung stirbt zuletzt»

Versicherungen nennen seit jeher suboptimales Ankern oder eine falsch eingeschätzte Situation vor Anker als eine der häufigsten Ursachen für den Totalverlust von Yachten. Wobei immer wieder auffällt: Die Skipper haben oft mit einer sträflichen Nachlässigkeit Ankergrund und Ankerort gewählt, sind deutlich zu entspannt mit dem Schwojen vor Anker umgegangen oder haben während eines Landgangs ihre Yacht viel zu lange ohne Ankerwache sich selbst überlassen.

Genug geunkt. Folgen die «guten Nachrichten» in Form von Tipps, deren grundsätzliche Beachtung das Ankern zwar nicht zu einer 100 Prozent sicheren Sache machen, doch Gefahren, die mit dem Ankern einher gehen können, deutlich reduzieren.

Ankergrund.

Natürlich sollten Ankerform und Ankergrund eine gewisse Symbiose eingehen. Und das kann auch ganz gut gelingen, wenn man immer im gleichen Revier mit dem immer gleichen Ankergrund unterwegs ist. Ansonsten gelten folgende Faustregeln für die Ankersicherheit auf unterschiedlichem Grund:

  • Schlamm ist wegen schlechter Haftung nahezu aller Ankerarten einer der miserabelsten Ankergründe überhaupt.
  • Kies kann, je nach Größe der Steine im Verhältnis zum Anker und seiner Form ein hervorragender Ankergrund sein. Aber Vorsicht: passt beides nicht zusammen, slippt der Anker gnadenlos.
  • Große Steine sind nur dann geeignet, wenn ein Taucher den richtigen Sitz des Ankers überprüfen kann. Achtung: Durch Schwojen und größere Winddrehungen kann sich (jeder!) Anker verkeilen. Solche Anker sind dann nicht mehr zu lösen und müssen dann meist aufgegeben werden.
  • Ton oder lehmartiger Grund gilt allgemein für die meisten Ankerarten als guter Grund.
  • Sand ist nach seemännischem Verständnis der beste Ankergrund überhaupt: Hier graben sich die meisten der unterschiedlichen Ankerformen am besten ein. Und ein Ausbrechen und Lichten des Ankers ist eher einfach.

Bester Anker?

Besonders beliebt auf modernen Yachten ist der Pflugscharanker und andere Anker mit ähnlichem Funktionsprinzip. Das wiederum wurde praktischerweise bei den Landratten abgeschaut – wie der Name schon andeutet, ist dieser Anker wie ein Pflug aufgebaut und gräbt sich so unter «Zug» einfach ins Erdreich respektive in den Grund. Nachteil: Der Anker muss in der Waagrechten bleiben, was mit relativ langer Kette erreicht werden kann. Bei auffrischendem, stark drehendem Wind muss der Anker häufig neu platziert werden.

Aber wie gesagt es gibt keinen idealen Anker für alle Gründe.

Wie groß und schwer sollte ein Anker sein?

Wer ein Gebrauchtboot kauft, sollte sich eingehend nach Anker-Erlebnissen des Vorbesitzers erkundigen. Oft spielt bei solchen Seemansgeschichten (keingarn!) das zu geringe oder zu hohe Gewicht des Ankers eine maßgebliche Rolle. Faustregel für den Pflugscharanker: Länge des Bootes in Fuß ist gleich Gewicht des Ankers in (britischen!) Pfund, also 0,45 kg. Eine 40 Fuß-Yacht sollte also mindestens einen 18-kg-Anker an Bord haben.

Wie sieht ein idealer Ankerplatz aus?

In einer geschützten Bucht, möglichst NUR bei ablandigem Wind auf (für die Ankerform) geeignetem Ankergrund, mit ausreichend Platz zum Nachbarn (das Boot sollte über 360 Grad schwojen können.). Platz zum Nachbar und zur nächsten Untiefe unbedingt sicherstellen – «Ehrenrunde» fahren vor dem Ankerfallen. Bei Buchten, die an steilen Küsten oder direkt neben relativ hohen Bergen liegen auf Fallböen achten!

Manchmal kann man sich den Ankerplatz aber nur bedingt aussuchen. Denn nicht nur zum Baden oder als idyllischer Übernachtungsplatz sei das Ankern empfohlen – es gibt auch Notfallsituationen, bei denen eine geschützte Bucht durchaus Boot und sogar Leben retten kann.

© scansail © scansail

Wassertiefe:

Abhängig vom Wellengang unbedingt die Wassertiefe so wählen, dass im Wellental noch genügend Platz zwischen Kiel und Grund bleibt. Hier also eher großzügig berechnen.

Ankerkette:

Vor allem bei Pflugscharankern auf die richtige Kettenlänge achten. Faustregel: 3-5 Mal Wassertiefe! Ankerkette mit einem Tampen im Ankerkasten befestigen. Der kann im Notfall durchgeschnitten werden – die Kette nicht.

ankerkette© scansail ankerkette© scansail

Ankerwache:

Grundsätzlich GPS Koordinaten des Ankers notieren. Moderne GPS-Systeme haben eine «Ankerwachen»-Funktion, bei der immer dann der Alarm loslegt, wenn die Boote aus einem vorgegebenen Bewegungsrahmen «ausbrechen». Landpeilungen vornehmen und je nach Wetterlage (Schwojen) immer wieder überprüfen. Lassen Sie Ihr Boot nur unbeaufsichtigt, wenn. sie sich über die Ankerposition und die Wetterlage völlig sicher sind. Mitunter bieten sich auch Liegeplatznachbarn an, um «nach dem Rechten» zu sehen (auch hier tun GPS-Überwachungssysteme gute Dienste). Selbst wenn die gesamte Crew an Bord ist – bei zweifelhafter Wetterlage (etwa deutlich spürbarem Seegang) IMMER Ankerwachen einteilen. Tag und Nacht!

Ankermanöver – fallen lassen.

  • Ankerbucht in Ruhe aussuchen, Grundbeschaffenheit möglichst über Karte oder Revierführer erfahren.
  • Wenn möglich alles unter Motor. Aber für den Notfall sollte das Manöver auch ausschließlich unter Segeln geprobt werden. Hierzu Aufschießer mit Aufstoppen «auf den Punkt» trainieren, zudem Rückwärtssegeln und Eingraben des Ankers (z.B. mit Bullenstander). Fock immer geborgen halten, um freies Vordeck für Anker fallen und lichten zu haben.
  • Die bereits erwähnte Ehrenrunde fahren und dabei sicher gehen, dass ausreichend Ausweichraum für das spätere Manöver vorhanden ist.
  • Check, ob Kette und Anker und Tampen (siehe oben) gut verbunden sind.
  • Anker über ausgesuchter Stelle fallen lassen. Die meisten Pflugscharanker-Typen lassen sich mit einer geringen Geschwindigkeit im Rückwärtsgang nach dem Eintauchen, aber vor dem Ankommen am Boden, sehr gut positionieren und schließlich eingraben, weil sie so im richtigen Winkel mit der Flunke voraus auf dem Grund ankommen. Wichtig: zu SCHNELLE Rückwärtsfahrt löst Drehbewegungen und somit genau das Gegenteil aus!
  • Anker bei Rückwärtsfahrt über den Boden ziehen, bis er sich eingegraben hat. Sobald der Anker greift, Fahrt aus dem Schiff nehmen.
  • Sofort Sitz des Ankers überprüfen. Karibik und Mittelmeer gegebenenfalls tauchen oder durch Taucherbrille von der Wasseroberfläche aus kontrollieren.
  • In trüben Gewässern ist Sichtkontrolle kaum möglich. Im Rückwärtsgang nach Spannung auf Ankerkette mit leichter Geschwindigkeitssteigerung Hand auf Ankerkette legen. Sind Vibrationen zu spüren, slippt der Anker mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.
  • Wenn es eng wird in der offenbar schönsten Ankerbucht weit und breit: Zwei Anker V-förmig ausbringen (vermuren)! Das begrenzt den Schwojkreis des Bootes, hat aber den Nachteil, dass schon bei stärkerer Strömung oder bei extremem Windrichtungswechsel mehr Belastung auf einem der beiden Anker lastet und die Anker leichter ausbrechen als wenn nur ein Anker gelegt wurde. Hierfür Zweitanker (mit 5-10 m Kette) nach 5-10 Metern Kette am Erstanker anschäkeln. So liegen die beiden Anker V-förmig.
  • Eine von vielen Langfahrtseglern als «sehr sicher» eingestufte Variante sind zwei hintereinander gelegte Anker. Hierbei ist der (meist kleinere) Zweitanker mit einer Trosse «über die Länge von Wassertiefe plus Freibord» mit dem Hauptanker verbunden. Zuerst den Zweitanker eintauchen, danach den Hauptanker.
  • Ankern mit Landtampen: Beliebte Variante beispielsweise in den skandinavischen Schären (dort findet man wirklich an fast jedem Felsen auch eine Möglichkeit, die Landleine zu befestigen). Aber Vorsicht: Auch diese vermeintlich sichere Variante nicht lange alleine lassen. Wenn beispielsweise der Wind dreht, könnte das «fest» liegende Boot, das sich ja nicht in den Wind drehen kann, seitliche Angriffsfläche für den Wind bieten und somit den Anker ausbrechen.
  • Selbst wenn man sich des Ankerplatzes völlig sicher ist: Alles doppelt und dreifach überprüfen! Vor allem wenn man länger als nur eine Baderunde vor Anker bleiben will, sollte man beim leisesten Zweifel lieber nochmals die ganze Ankerprozedur exerzieren, als Crew und Boot unnötigen Risiken auszusetzen! Sowieso gilt: bei Zweifeln am Ankerplatz die Vorsichtsmaßnahmen erhöhen, vor allem aber einen Plan für das rasche Verlassen des Ankerplatzes im Notfall (Starkwind, Wellenhöhe, Gewitter) mit der Crew besprechen.

ankern mit Landleine © mysea ankern mit Landleine © mysea

Ankermanöver – hieven oder lichten.

  • Liegt der Anker auf gutem Grund, die Ankerleine «entlang fahren», Kette langsam über Ankerwinch einholen. Spätestens wenn Bug über Anker liegt, bricht der Anker aus dem Grund.
  • Sollte das nicht beim ersten Versuch klappen, etwa über das «Ziel» hinaus fahren und somit den liegenden Anker «aushebeln».
  • Vor allem zwischen großen Steinen können sich Anker leicht verhaken. In diesem Fall hilft meist nur ein Tauchgang. Sollte der nicht möglich sein – nicht jeder schafft mal eben sieben Meter Wassertiefe mit dem Schnorchel – und alle anderen Bemühungen wie «Ausbrechen aus unterschiedlichen winkeln» umsonst gewesen sein, muss der Anker zumindest vorerst aufgegeben werden. Falls das Malheur in der Nähe einer Marina oder eines Hafens passiert, sind meist professionelle Taucher verfügbar, die das gute Stück bergen. Deshalb in Gewässern mit schwierigem Ankergrund immer eine Warp- oder Trippleine anbringen. Die wird schon vor dem Fallenlassen am Anker befestigt und «steht» nahezu senkrecht an einer kleinen Boje über dem Anker. Auch sehr nützlich, wenn es «Ankerkettensalat» in stark frequentierten Buchten gibt.

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Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
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