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Perini Navi

Autor: Erdmann Braschos

Jahr für Jahr wächst in Italien eine spezielle Flotte sehr großer Segelyachten. Mit kühn geneigtem Vorsteven, elegantem Heck und gestylten Aufbauten sind sie eine Klasse für sich. Ein Blick hinter die Kulissen.

Perini Navi
Eine schwimmende Villa unterwegs© Perini Navi

Anfang der Achtzigerjahre dachte der italienische Fabrikant Fabio Perini über eine komfortable
Segelyacht nach. Der Maschinenbauer war bei der Verarbeitung von Papiertaschentüchern so erfolgreich, dass er sich mit einer privaten Spielerei beschäftigen konnte: der Entwicklung seines Traumschiffs für schöne Stunden auf dem Meer. Es sollte groß genug sein für die Familie. Er wollte Freunde oder Geschäftspartner mitnehmen. Dabei sollte jeder an Bord eine gewisse Privatsphäre haben. So landete Perini bei stolzen 40 Metern. Das war seinerzeit gigantisch. Zum Vergleich: Damals war eine knapp 20 Meter lange Swan 65 das Maß aller Dinge.

Das größte Problem war, dass es keine Winschen zur Handhabung der Segelfläche durch die kleine Crew gab. Perini wollte keine große Mannschaft beschäftigen. Nun ist dem Ingenieur bekanntlich nichts zu schwer. Perini gründete ein Ingenieurbüro zur Lösung dieser Aufgabe. Er nannte es Perini Navi. 1984 lief dann bei einer venezianischen Werft das Traumschiff des Tüftlers vom Stapel, ein eleganter Zweimaster mit kühn geneigtem Bug und traditionellem Heck. Die windschlüpfrigen Aufbauten erinnerten mehr an eine Motor- als
Segelyacht. Den Rumpf hatte der von den Regattabahnen bekannte Amerikaner Dick Carter gezeichnet. Die Kreation war ein kühner Mix aus alt und neu. Sie war amerikanisch groß und die Aufbauten mit italienischer Raffinesse gestaltet. Gesegelt wurde der Schlitten aus einer Flybridge mit dahinter angeordneter Polstergarnitur. Wie bei Motoryachten, in Seglerkreisen als «Ginpaläste» verspottet, saß man abends im Hafen auf dem windgeschützten Achterdeck mit Blick auf die Promenade. Die englischen, holländischen und deutschen Schiffermützenträger waren entsetzt.

Der Clou war der Prototyp einer versteckt eingebauten Motorwinde. Sie wickelte die Schot wie ein Baukran um eine Trommel auf. Das Trumm hatte das Format einer Kühltruhe und wog 350 Kilo. Es war hydraulisch angetrieben und wurde pneumatisch gesteuert.

So eine Steuertafel hat nicht jeder So eine Steuertafel hat nicht jeder © Perini Navi

Mit diesem Apparat war der Schritt zur automatisierten
Segelyacht mit diskreten Helfern getan. Natürlich steckte der Teufel im Detail: Denn die selbst stauende Perini Winsch war anders als der Kran unregelmäßigem Zug ausgesetzt: von ganz lose, über Rucken eines flatternden Segels bis hin zu zerstörerisch großer Last. Sie musste bei verschiedenen Neigungswinkeln funktionieren. Damals wurde mit fingerdicken Drahtschoten gesegelt, wie sie jeder Wassersportler vom Travellift zum Aus- und Einwassern von Booten in der Marina kennt. Dann musste die Perini Winsch noch fehlbedienungssicher werden. Denn im Unterschied zum ausgebildeten Kranführer ist der Freizeitsegler Amateur. Er bedient Joysticks und Knöpfe spaßeshalber. Auch wollen Freunde oder Kinder mal dichtholen.

Bald konnte Perini die Drahtschoten durch Tauwerk aus Kevlar und Spectra ersetzen. Die Sensoren und Überwachungsmechanismen zur Steuerung des Wickelmechanismus und Abschalten bei gefürchteten Überläufern, zum automatischen Stopp bei Fehlbedienung und Überlastung entwickelte Perini Navi rasch selbst. Wie groß der Zug auf den Schoten unterwegs auf See bei viel Wind und Seegang tatsächlich ist, welche dynamischen Lasten entstehen, fand Perini anhand eigener Segelfahrtenschreiber im Lauf der Jahre ebenfalls selbst heraus.

Perini Yachten brauchen Wind Perini Yachten brauchen Wind © Carlo Borlenghi / Rolex / Perini Navi

Natürlich hatte der pfiffige Fabrikant damals über sein eigenes Boot hinaus gedacht: Perini sah einen Markt für schwimmende Villen. Er erfand sie als gigantisch große Motorsegler, die im Vergleich zum Unikat noch erschwinglich und in erträglich kurzer Lieferzeit zu bekommen sind. Er finanzierte sie als Semicustoms vor und ließ sie preiswert in der Türkei schweißen. Ausgebaut werden sie in Viareggio.

So wurde aus dem privaten Spleen von Fabio Perini, dem Ingenieurbüro, dem Winschprototypen und seiner «Aleta» nach Beteiligungen bei verschiedenen Bootsbauadressen in den 80er Jahren schließlich Perini Navi, jene Werft in Viareggio, die bislang weltweit die meisten Megayachten vom Stapel ließ. Sage und schreibe 59 große Pötte hat die Werft wchon gebaut. Den Vogel schoß die Werft 2006 mit dem 88 m Dreimaster «Maltese Falcon» ab. Neuerdings wandeln sich die Perini Navis vom behäbig-untertakelten Motorsegler. Sie werden sportlicher, flacher, leichter und zeitgemäßer. Ron Holland zeichnete die aktuelle 60 Meter Ketsch. Die Italiener bauen gerade das vierte Kasko dieses Typs aus.

42 m Einsteiger-Modell

Längst ist das antiquierte Fisherman-Stagsegel mit dem eigenartigen Traveller am Besantop - früher ein Merkmal jedes Zweimasters aus Viareggio - abgeschafft. De schwere Stahl wurde durch Aluminium ersetzt. Auch baut Perini zunehmend moderne, generös besegelte Slups. Derzeit entwickelt das kalifornische Konstruktionsbüro Reichel Pugh ein interessantes 42 m Boot. Es ist anscheinend als Einsteiger Modell in die Perini Welt gedacht.

Als Fabrio Perini seine Papiermaschinenfabrik an die Körper Gruppe verkaufte, hatte sie einen Marktanteil von 75 Prozent. Mittlerweile hat seine Werft weltweit die Hälfte der Flotte aller großen bis sehr großen Segelyachten gebaut. Auch das hat er ganz gelassen, Stapellauf für Stapellauf hin gekriegt.

Ich hatte vor Jahren mal Gelegenheit zu einer Probefahrt eines stattlichen Perini-Potts. Seglerisch reißen die Motorsegler leider nicht von Hocker. Aber die Finessen sind interessant. Auch sind die Perinis so groß, daß man problemlos ein paar Jollen zum sportlichen Segeln in einer schöner Bucht des tokanischen Archipels mitnehmen kann.

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Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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