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Faszination Zwölfer
Die anhaltende Begeisterung für antiquierte Segelschlachtrösser
Der Zwölfer ist das schönste Paradepferd der Regattabahnen. Ultimative Kreuzmaschine und Inshore-Renommierschlitten. Einblicke in eine scheinbar unzeitgemäße Klasse, deren Flotte in Norddeutschland und Skandinavien stetig wächst.
Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 11.03.2015, aktualisiert am 12.10.2024
Das erwartet Sie in diesem Artikel
- Einblicke eines langjährigen Kenners der Zwölferszene
- warum die antiquierten und schweren Regattaboote aus den Dreißigerjahren heute mit ungebremster Begeisterung gesegelt werden
- welche Exemplare Krieg und Vernachlässigung der Wirtschaftswunderära überstanden
- über den America’s Cup-Nimbus der Klasse
- welche Eigner und Eignergemeinschaften die Bootsbetriebsbürde stemmen
- warum die Boote mit Helmen gesegelt werden
- wo immer noch alte Exemplar „auftauchen“ und gerettet werden
- wie normal begüterte Segler an Bord kommen
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Wie kapriziöse Pferde haben die Zwölfer unserer Gewässer prägnant kurze Namen. Sie heißen «Anita», «Anitra», «Cintra», «Evaine», «Flica», «Heti», «Sphinx», «Thea», «Trivia», «Wings», «Vanity» oder «Vim». Sie sind elegant, schmal und etwa 20 m lang. Mit etwa 30 Tonnen Kampfgewicht sind sie wahre Regatta-Schlachtrösser. Man sollte das Segelhandwerk beherrschen, um sich mit diesen Boliden bei frischem Wind auf der Regattabahn zu messen. Raumschots ein paar Grad zu tief gesteuert ist richtig schlecht. Den Spinnaker beim Setzen zu früh aufklappen auch.
Heute, wo die fortschrittliche Segelszene in die Luft geht, kitet, surft und mit ultraleichten Hightech-Geschossen im widerstandsarmen Tiefflug auf Tragflächen über das Wasser brettert, erscheinen die bleischweren Langkieler unzeitgemäßer denn je. Dennoch wird ein Exemplar nach dem anderen im Mittelmeer, den Staaten oder Kanada gekauft und in Deutschland, Dänemark, England, Finnland, Italien, Schweden oder Spanien restauriert.
Es wird ohne Reling und neuerdings mit Helm gesegelt
Die Boote werden fürs Regattasegeln zur Kieler und Flensburger Förde, nach Kopenhagen, Marstrand oder Helsinki überführt. Etwa hundert der insgesamt 170 gebauten Exemplare gibt es noch. Die schönsten sind die klassisch langkieligen Schiffe der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Aber es gibt auch Liebhaber moderner Konstruktionen, unter anderem den Münchener Hotelier Markus Daniel, der sich für den Philippe Briand Entwurf «French Kiss» von 1985 begeisterte und ihn eine Weile im Mittelmeer segelte.
Es ist bisher nicht lange her, da waren mit dem Vereinsboot «Anita» und den Ausbildungsschiffen «Ostwind» und «Westwind» der Marine drei reichlich gebrauchte, im Grunde fertige Zwölfer an der norddeutschen Küste unterwegs. Leider nagte der Zahn der Zeit mit rostenden Stahlspanten am morschen Gebälk. Die Substanz war sprichwörtlich abgesegelt. Auch schien der kostspielige Erhalt der Boote nicht mehr in unsere Zeit zu passen. Um die Jahrtausendwende änderte sich das.
So ist aus den wenigen Exemplaren mittlerweile eine stolze Flotte maßgeblich in der Ostsee geworden. Es gibt mehrere, auf Meterklassen spezialisierte Betriebe: Die Werft von Josef Martin, ansonsten mit Instandsetzungen und Neubauten der etwas kleineren Klasse der Achter im Thema, hat mit «Anitra» in Radolfzell am Bodensee ein sehenswertes Exemplar von Abeking & Rasmussen generalüberholt.
Der Flensburger Betrieb Robbe & Berking Classics begann 2006-8 mit «Sphinx». 2015 folgte der Neubau von «Siesta» (heute «Nini Anker») nach historischen Plänen und 2019 «Jenetta». Vor der Werft steht der australische America’s Cupper «Gretel» Baujahr 1962. Der muss auch mal wieder ins Wasser.
Zwölfer werden in Finnland und Schweden instand gesetzt, beispielsweise die sehenswerte «Princess Svantevit» von der angesehenen Stockholms Båtsnickeri in Fisksätra bei Stockholm. Es sind Verrückte, die das machen. Das gilt im besten Sinne des Wortes für die Eigner, die sich und anderen damit eine bleibende Freude machen, und natürlich für die Bootsbauer, die das hinbekommen. Es ist meist, leider nicht immer die Hohe Schule klassischen Holzbootsbaues.
Der sympathisch bodenständige Klassenhäuptling Patrick Howaldt, er bereedert mit „Vanity V“ und „Vim“ gerade zwei Schiffe, hat einige Not mit dem enormen Ehrgeiz der Zwölfer-Eigner. Die Boote werden eifrig und mit teilweise fragwürdigen Methoden über die klassenseitigen Limits hinaus getunt.
Für die Zwölfer-Faszination gibt es drei Gründe: einen geschichtlichen, einen ästhetischen und als wichtigsten den seglerischen. Der besondere Nimbus ergibt sich aus der Funktion als ehemaliger America’s Cup-Klasse. Mit dem Zwölfer wurde von 1958 (Newport) bis 1987 vor dem australischen Fremantle Segelgeschichte geschrieben. Die besten Yachtkonstrukteure, Boots- und Mastenbauer, Beschlägehersteller, Segelmacher, ausgebuffte Segler und gewiefte Taktiker maßen sich damals in der Klasse.
Die Schiffe, besonders die langkieligen Exemplare der Dreißigerjahre, sind elegant. Man kann sie sich vom wuchtigen Vorsteven bis zum apart aus dem Wasser gehobenen Achterschiff lange ansehen. Und sie sind wahre Vollblüter. Es ist ein süchtig machendes Vergnügen, sie zu segeln. Es gibt keinen zweiten Bootstyp, der mit vergleichbarer Rasanz durch die Gegend pflügt. Mit etwa 15 t Blei unter der Bilge hat der Zwölfer richtig Wumms. Näher am Wasser und schierem Segelspaß ist kaum eine andere Klasse gebaut.
Ihren Appeal und Power verdankt sie der 1906 in London vereinbarten International Rule. Sie gibt die schlanke Linie vor, reichlich Segelfläche und das endlos aufrichtende Moment. Die Formel ist einfach. Kenner halten sie nach wie vor für genial: Länge plus Breite plus 1⁄3 Gurtmaß plus dreifache Verdrängung plus dritte Wurzel aus Segelfläche, geteilt durch 2 (später in der dritten Version 2,37). Das ist es.
Die Formel wurde zweimal überarbeitet, weshalb man von First, Second und Third Rule Zwölfern spricht. Zunächst wurde gaffelgetakelt und mit viel Tuch gesegelt. Anfangs berücksichtigte die Formel die Segelfläche nur zu einem Drittel, in der Second Rule ging sie bereits zu 44 Prozent in die Vermessung ein.
Die Second Rule von 1920 ließ die moderne Bermuda- oder Marconi-Hochtakelung zu. Die Masten wanderten nach achtern, die Vorsegel wurden größer. Die seit Ende der Zwanzigerjahre diskutierte und seit 1933 gültige Third Rule berücksichtigte Fortschritte im Mastbau und Zugeständnisse an die Segler in den Staaten, was die Klasse letztlich zur America’s Cup-Klasse machte.
Zunächst führten die Zwölfer ein „E“ als Klassenzeichen im Segel. Der Buchstabe „A“ war der sogenannten Big Class, das „B“ dem 23er als größter Meterklasse, das „C“ dem 19er, das „D“ dem 15er vorbehalten.
Nach der viel beachteten Wiederinbetriebnahme des First Rule Zwölfers «Heti» 2005 (Max Oertz 1912) kam 2013 «Cintra» (William Fife 1909) dazu. Die Begeisterung des Hamburger IT-Unternehmers Wilfried Beeck für die Zwölfer, der seit Jahren den Charles Nicholson 12er «Trivia» von 1937 mit einigem Erfolg segelt, ist so groß, dass er «Cintra» aus Italien holte.
Auch Patrick Howaldt, der sich an Bord seiner «Vanity V» mit einigem Vergnügen mit «Trivia» auf den Regattabahnen misst, entschied sich für einen zweiten Zwölfer, die berühmte «Vim». Das Boot wurde 1938 von Olin Stephens für Harald S. Vanderbilt entworfen. Es war der erste Zwölfer mit Aluminiummast und Rod Rigg (Wanten aus dehnungsarmen Stahlsträngen statt Stahldraht). Es dominierte in der Saison ‘39 die englischen Zwölfer und bahnte die spätere Dominanz der Amerikaner beim beharrlich verteidigten America’s Cup an. Entsprechend erfolgreich wird es auch heute gesegelt.
Der Zwölfer als Seeluft-Muckibude
Dabei ist der artgerechte Betrieb bereits eines Exemplars eine große, die Freizeit wahrlich ausfüllende Aufgabe, wie die hinter mancher Kostbarkeit stehenden Eigner oder Eignergemeinschaft wissen. «Anita» und «Heti» werden von Vereinen bewegt. Andere wie die sehenswert Natur-lackierte Burgess Konstruktion «Anitra» von einer Eignergemeinschaft, wie auch der elegant dunkelblaue Henry Rasmussen Entwurf «Sphinx» von Flensburger Enthusiasten. Seit einigen Jahren restauriert der Schweizer Dan Meury an der Costa Brava den William Fife Zwölfer «Rhona».
Wer sich aus verständlichen Gründen keinen Zwölfer ans Bein bindet, chartert einen mit Geschäfts- oder Segelfreunden. Oder er heuert als Segelhandwerker auf einem der Schiffe an. Zupackende Hände werden auf den arbeitsintensiven Decks immer gesucht. Sei es zur Überführung zu den Regatten an der Ostsee, sei es bei den Events selbst. Doch sind das keine Kaffeefahrten. Mit seiner riesigen Genua, die mit Kaffeemühlen-artigen Winschen dicht geholt wird, ist der Zwölfer eine Seeluft-Muckibude. Immerhin ist die Luft an Bord besser als in einer müffelnden Indoor-Location.
Außer einer gewissen Fitness, die auf diesen Sportgeräten hilfreich ist, braucht es einen gewissen Gleichgewichtssinn. Auch werden die Boote zunehmend mit Helm gesegelt, farblich passend natürlich: „Helme benutzen wir jetzt, weil wir inzwischen wissen, wie lange man bereits von einer leichten Gehirnerschütterung hat“ berichtet Howaldt. Hinzu kommt, dass man dann nicht segeln kann. Tja, das sind schon mal zwei Argumente für die Helmpflicht an Bord.
Festhalten ist wichtig, aber nicht alles
So sollte man sich im entscheidenden Moment an Bord gut festhalten. Regatten werden ohne Reling gesegelt. Wer dabei über Bord geht, wird zwar aus dem Wasser gefischt, aber beim Rest der Regatta nicht mehr angeguckt. Also, wenn Sie Lust haben mal in diese exquisite Segelszene zu schnuppern, dann schauen Sie in Kiel, Laboe, in Neustadt zum alljährlichen Ende Mai gesegelten Max-Oertz-Regatta oder Flensburg vorbei. Der beste Einstieg ist eine Überführung zu den zahlreichen Ostsee-Regatten.
Voraussichtlich ab Sommer 2025 gibt es im Mittelmeer an Bord des restaurierten William Fife Zwölfers «Rhona» Gelegenheiten zum Mitsegeln.
Wissenswertes zur Segelmeterzahl
Abweichend von der naheliegenden Vermutung hat die Bezeichnung Zwölfer nichts mit der Bootslänge zu tun. Tatsächlich ist ein Zwölfer als Konstruktionsklasse 18,60 bis 22 Meter lang. Die 12 ist Ergebnis einer speziellen Formel, die bestimmte Eckdaten anhand der International Rule miteinander so verrechnet, dass die besagte Segelmeterzahl herauskommt.
Diese Eckdaten sind beispielsweise ein bestimmtes Rumpflängenmaß (L), die Breite (B), das Gewicht (d), das Profil des Bootskörpers (G) in der Mitte, die Höhe der Bordwand (F) und ein Teil der Segelfläche (S). Das Ergebnis der Verrechnung darf maximal 12 sein. Entspricht das Boot den Vorschriften, ist die 12 unterstrichen. Es gibt weitere gemäß der International Rule vermessende Meterklassen wie den 6er, 8er, 10er, 12er, 15er, 19er bis hin zur 23 mR-Yacht.