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Schöner, länger, teurer… L’Amage

Autor: Michael Kunst

Mit Super- oder sogar Megayachten ist das so eine Sache. Einerseits sind sie für 99,99999 Prozent der Menschheit schon aus rein finanziellen Gründen von eher tertiärem Interesse. Und unter denjenigen, die tatsächlich das nötige Kleingeld für eines dieser riesigen «Ungetüme der See» hätten, wird häufig ein gewisses wasserscheues Verhalten registriert: Es wird eben doch lieber «trocken» investiert und das Geld weiterhin gewinnbringend angelegt.

Schöner, länger, teurer… L’Amage
Superyacht L'Amage

Denn es gibt wohl kaum eine Freizeitbeschäftigung auf unserem Planeten, die stündlich mehr Geld «verbrennt» und auf Dauer unwirtschaftlicher wäre, als Megayachten. Dafür sind all diejenigen, die irgendwann einmal von der «süßen Frucht des schieren Luxus auf dem Meer» gekostet haben, meist für den Rest ihres Daseins mit dem Megayacht-Super-Virus infiziert. Und überbieten sich, so ganz nebenbei bemerkt, von Jahr zu Jahr in Gigantomanie (siehe: Segelyacht A - Die moderne Galeone).

Keine Totgeburt

Warum wir dann auf einer eher boden- pardon: wasseroberflächenständigen Site wie «boat24.com" dennoch über diese riesigen, eigentlich unbezahlbaren, ökologisch höchst fragwürdigen Yachten berichten? Ganz einfach, weil sie trotz ihrer völlig übertrieben wirkenden Ausmaße, ihrem mitunter kaum vorstellbaren Luxus und – ähnlich wie die meisten Modenschauen – in Sachen Stil, Design, Form und Funktion oft einen gewissen Trend auch für die Welt des mehr oder weniger normalen Wassersports aufweisen. Nicht immer, aber immer öfter.

So ist nachvollziehbar, warum etwa die Sailing Yacht A (Motoryacht mit Hilfsbeseglung) seit ihrer Kiellegung polarisiert. Und dabei, allen Unkenrufen und Beleidigungen bezüglich ihres vermeintlich miserablen Aussehens zum Trotz, bei den meisten Sichtungen in natura immer wieder fasziniert.

Polarisieren – faszinieren

Ähnliche Reaktionen dürfte eines Tages die Motoryacht «L’Amage" hervorrufen. Denn obwohl die Yacht vorerst nur auf dem Reißbrett respektive in diversen Softwareprogrammen existiert, hat sie bereits tausende Gemüter erregt, viel Staub aufgewirbelt und natürlich Diskussionen über Sinn und Unsinn solcher Yachten angeregt.

Und um es gleich vorweg zu nehmen: Derzeit munkelt man, dass «L’Amage» keine dieser Totgeburten bleiben wird, die unter Yachtdesignern der Kreativität oder Public Relations halber in regelmäßigen Abständen publiziert werden. Es geht sogar das Gerücht, dass längst ein Auftraggeber für das mit 450 bis 600 Millionen Euro teure Spielzeug gefunden wurde – «L’Amage" hat also durchaus eine Zukunft, wenn auch vorerst offiziell noch eine ungewisse.

Das Spannende an Superyachten-Neuentwürfen ist ja, dass sich die Designer daran austoben können. Finanzielles spielt nur eine untergeordnete Rolle, es wird unter dem Motto «mach ma’, Gelder sind vorhanden» wild und kreativ drauflos gezeichnet.

Bei L’Amara gab es aber ganz offensichtlich einen alles Andere übertreffenden Hintergedanken: Mit ihr soll – mal wieder – eine der längsten Motoryachten der Welt realisiert werden. Bei einer Länge über alles von 190 Metern und 28,6 Metern Breite wäre sie ziemlich genau zehn Meter länger als die bisher längste bereits im Betrieb befindliche Megayacht «Azzam» des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate Chalifa bin Zayid Al Nahyan (lesen Sie dazu: Superyachten: Meine ist länger als deine). Allerdings 32 Meter kürzer als die mysteriöse «Triple Deuce», für die bereits mehrfach ein Baubeginn gemeldet wurde, die schon 2018 auf Jungfernfahrt gehen sollte, von der aber bisher in keiner Werft, die zu solchen Schiffsbauten fähig wäre, etwas zu sehen war.

Wie im Science-Fiction-Roman

Seit der «L’Amage»-Entwurf vor einem Jahr bei der Monaco Yacht Show erstmals präsentiert wurde, schlägt er ununterbrochen Wellen. Und das vor allem, weil immer wieder neue Gerüchte die Runde machten, es seien (endlich) ernsthafte Interessenten gefunden, es könne sich nur noch um wenige Monate handeln bis zur Kiellegung und und und…

Es versteht sich fast von selbst, dass L’Amage neben der Größe auch in Sachen «Extravaganz» Akzente setzen will. Dafür steht schon allein die Namen des Designers Hamid Bekradi von den Milaneser HBD Yacht Stiling Studios, für eine konsequente Umsetzbarkeit der Entwürfe zeichnet wiederum Christoph Kuhnert von den Yacht Naval Architects in Hamburg verantwortlich.

Wie aus einer anderen Welt – aber der Superyacht A sehr ähnlich © HBD studios Wie aus einer anderen Welt – aber der Superyacht A sehr ähnlich © HBD studios

Beide wehren sich übrigens nicht gegen den Einwand, dass die «L’Amage» im Prinzip und vor allem im Rumpfbereich, wie eine verlängerte Version der Superyacht A des Russen Malitschenko aussieht (Bogenform, manchmal auch gehässig «U-Boot-Design» genannt). Schließlich sei dies eine der smartesten und funktionellsten Formen für große Motoryachten, macht Bekradi deutlich.

Und der für solche Yachtdimensionen übliche Helikopter-Landeplatz kann so Lande- und Startsicher auf den Bugbereich der Yacht aufgesetzt werden. Was als wichtiger Sicherheitsaspekt bezeichnet wird, aber auch einen futuristischen Eindruck vermittelt. Irgendwie erinnert die Yacht jedenfalls an Science Fiction-Raumschiffe, die früher auf Perry-Rhodan-Heftchen abgebildet waren.

Hubschrauber-Landeplatz auf dem Bugbereich © HDB studios Hubschrauber-Landeplatz auf dem Bugbereich © HDB studios

Ohne Satelliten-Kugeln

Apropos Sci-Fi: Kennern ist wahrscheinlich gleich aufgefallen, dass auf dem «L’Amage»-Entwurf keine Satelliten-Schüsseln und -Kugeln zu finden sind. Kunststück, denn die «L’Amage» wird eine der ersten Megayachten sein, die ausschließlich mit den flachen Kymeta-Panels ausgerüstet ist. Die wiederum können hervorragend in die Yacht-Aufbauten integriert werden und fallen an Masten kaum noch auf.

Auch die beiden Flügelähnlichen Elemente unter dem Heli-Platz und die «Fächer» seitlich auf Höhe des Aufbaus werden von den Designern als «zukunftsweisendes Stilmittel» bezeichnet. Anders ausgedrückt könnte es sich hierbei um stilbildende Elemente handeln, die man durchaus in den nächsten Jahren vermehrt auch auf ungleich kleineren Serienyachten findet, wer weiß?

Dass die bis zu 28 Gäste in 14 Kabinen reichlich Platz haben werden, versteht sich angesichts der Yachtlänge von selbst. Für den Eigner ist ein mehrstöckiges Appartement vorgesehen, inklusive Balkon, von dem aus man das Treiben im großzügig bemessenen 15-Meter-Pool ein paar Meter tiefer auf dem Mitteldeck beobachten könnte. Unter dem Pool, auf dem Mezzanin-Unterdeck ist ein offener Outdoor-Kamin vorgesehen, damit man «in style» auch bei kühleren Temperaturen an der frischen Luft bleiben kann. Beengter und deutlich weniger luxuriös dürfte es bei der auf 70 Personen veranschlagten Crew zugehen, aber lassen wir das.

An diesem Pool dürfen sich dann auch die Gäste verlustieren © HDB studios An diesem Pool dürfen sich dann auch die Gäste verlustieren © HDB studios

97.000 Pferdestärken

Spannend auch die vorgesehene Motorisierung der «L’Amage». Die Superyacht soll mit CODAG (Combined Diesel and Gas) eine der wirksamsten und modernsten Motorisierungen der Marine erhalten. Hierbei werden Dieselmotoren und Gasturbinen gemeinsam auf die Antriebswellen geschaltet. So wird deutlich weniger Dieseltreibstoff verbraucht (und werden somit auch weniger Schadstoffe ausgestoßen), für eine rasch aufbaubare Höchstgeschwindigkeit sorgen dann die Gasturbinen.

In Marine-Kreisen wird das System erst seit wenigen Jahren genutzt, gilt aber als anfällig, weil das Sammelgetriebe durch die beiden unterschiedlichen Antriebsarten auch sehr unterschiedliche Leistungen verarbeiten muss. 95.000 Pferdestärken können so freigesetzt werden, was wiederum 32 Knoten Höchstgeschwindigkeit entspricht. Bei 1.500 Tonnen Treibstoffkapazität sei so bei einer Reisegeschwindigkeit von 20 Knoten eine Reichweite von 6.000 Seemeilen möglich – genug für ausgedehnte Touren an die spannendsten Orte unserer Sieben Meere.

Auch wenn bisher nur Gerüchte über eine baldige Kiellegung der «L’Amage" im Umlauf sind, kann HBD-Studios in Mailand schon mal einen ersten Teilerfolg melden. Derzeit wird im Kundenauftrag an einer 75 Meter «kurzen» «Lamage»-Version im Maßstab 1:3 gearbeitet, die von außen exakt wie die große Schwester aussehen wird und innen das «gleiche minimalistische Design» erhält.

Vielleicht findet sich mit so einem «verkleinerten» Vorbild ja leichter ein spendabler Eigner für die wohl schönste Megayacht der Welt.

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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