Verschiedenes8 min Lesezeit
Die Gitana-Story
Die Boote der Familie Edmond de Rothschild

Erste Fahrten des schweizerischen Zweigs der Rothschild-Familie 1876 mit kohlebetriebenen Dampfern auf dem Genfer See. Regattaboote angesagter Klassen in den Sechziger- und Achtzigerjahren. Aufbau einer Segelabteilung für Mehrrumpfboote und Tragflächensegler.
Von Erdmann Braschos
Das erwartet Sie in diesem Artikel
- wie Edmond de Rothschild in den Sechzigerjahren zum Segeln kam
- Begegnung mit und Einzelheiten zu „Gitana VI“
- die Gitana-Flotte verschiedener Konstrukteure, Bootstypen und Werften
- die Meterklassenära mit Sechsern und Achtern
- wie Vater und Sohn vorübergehend gegeneinander segelten
- eine Übersicht der bislang 28 Boote
- wie Baronin Julie de Rothschild mit einem Dampfer aufs Wasser kam
Vom Promenaden- zum Regattasegeln
Im 17. Jahrhundert segelten vermögende Holländer sonntags auf den Kanälen mit sogenannten Jagten spazieren. Das ahmten die Engländer auf der Themse bald mit Regatten nach. Wer im sonstigen Leben alles erreicht hat, möchte auch in seiner Freizeit Erster sein.
Segeln und segeln lassen
Da es zum Regattasegeln außer Wind und Wasser Geld braucht, bieten Länder mit stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen gute Voraussetzungen. So betreibt die Familie Edmond de Rothschild den Bootssport mit gewissem Ehrgeiz von der Schweiz aus in verschiedenen Bootstypen, seit einer Weile mit dem Gitana-Segelrennstall für Route du Rum-Rekorde auf dem Atlantik im 40‑Knoten-Tempo oder beim Jules-Verne-Kurs um die Welt.
Begegnung mit „Gitana VI“
In den Neunzigerjahren nahm ich an Bord eines üblichen Charterbootes der Antigua Sailing Week teil. Nach dem Start vor Falmouth Harbour und einer kurzen Kreuz wurden die kleinen Quietscheentchen im Südwesten Antiguas von den später gestarteten Regattabooten, Maxis und Megayachten eingeholt. Darunter ein dunkelblauer Schlitten, der mit gut gefülltem Spinnaker heranpreschte. Ich schaffte es gerade noch, zur Kamera zu greifen.
Die noble Fuhre zog vorbei wie ein Renault Alpine an einem Citroën 2CV auf der Autobahn. Wie der zugunsten der Vermessung unten spitz endende Spiegel verrät, war es damals schon ein leicht in die Jahre gekommenes Exemplar der International Offshore Rule. Regattayachten sind Saisonartikel. Dieser wurde behalten.
Immer wieder begegnete ich dem Bootsnamen, etwa anlässlich Werftbesuchen von Abeking & Rasmussen, Royal Huisman oder Sangermani. Oder bei Einblicken in die noble Klasse der Sechser und 8‑mR‑Yachten, der Admiral’s Cupper, anlässlich von Konstrukteursporträts über Sparkman & Stephens, Dick Carter oder German Frers.
„Gitana VI“, die ich für einen Augenblick wenige Meter nebenan in Aktion erlebte hatte, ist innerhalb der kaum zu überblickenden Gitana-Flotte das wichtigste Boote der Familie. Sie erinnert an die seglerische Verbindung Edmond Adolphe de Rothschild zu seinem Sohn Benjamin. Gut möglich, dass letzterer damals steuerte.
Matchracing mit Gitana Senior und Junior
Edmond und Benjamin de Rothschild
Der französisch-jüdische Baron Edmond Adolphe de Rothschild (1926–1997) flüchtete im 2. Weltkrieg von Paris nach Genf. Dort gründete er 1953 das heute als Rothschild-Gruppe bestehende Firmengeflecht und übernahm 1960 in Holland eine Fahrtenketsch, die „Gitana III“ genannt wurde.
Obwohl die Rothschilds seit 1876 auf dem Wasser unterwegs sind, begann die interessante seglerische Ära nach zwei Dampfern von Julie de Rothschild für den Genfer See erst 1962 mit dem Stapellauf von „Gitana IV“ bei der italienischen Sangermani Werft. Als Spezialist für die seglerischen Seiten des Lebens hatte Giovanni Agnelli Rothschild diese Werft empfohlen.
Die für damalige Verhältnisse außerordentlich lange Yawl wurde mit leichten Masten aus Silverspruce aufgetakelt und segelte das Fastnet Race einer Rekordzeit, die lange Bestand hatte. Mit solch einem schlanken und langen Langkieler wurden damals Hochseeregatten gewonnen.
Seitdem war Rothschild vom Segelvirus in Beschlag genommen. Der führt bei vermögenden Menschen schon mal zum Bootsbauvirus. So ließ er 1970 vom damals angesagten Newcomer Dick Carter mit der 18,29 m langen „Gitana V“ einen modernen Flossenkieler zeichnen und bei Abeking & Rasmussen aus Aluminium schweißen. Es war eines der ersten Boote mit nebeneinander angeordneten Rädern zugunsten einer Steuermannsposition beim Am Wind Kurs, wo man in Lee sitzend guten Blick ins Vorsegel hat. Carter erinnert in seiner Autobiografie einen kühnen Start auf der riskant ausweichpflichtigen Seite und die Anekdote, dass Rothschilds Segelfreund Giovanni Agnelli mit Krokodillederschuhen an Bord gekommen war.
Für das nächste Boot wandte sich Rothschild 1974 an die seinerzeit erste Adresse, das New Yorker Konstruktionsbüro Sparkman & Stephens. Olin Stephens zeichnete im Vergleich zur Vorgängerin eine konservativ schwere 32 t Yacht mit oben ausgekragter Bugpartie, einem skeggeführten Ruderblatt, V-förmig bis nach achtern durchgezogenen Spantformen und entsprechend angenehmen Rauwasserqualiäten. Dieses Boot übertrug das Segel- und Bootsneubauvirus des Vaters zum Sohn Benjamin de Rothschild (1963–2021).
Es folgte eine Periode geradezu rastloser Boots- und Klassenwechsel. 1978 entstand mit „Gitana VII“ ein Zweitonner nach Plänen von German Frers, der im Jahr darauf die Weltmeisterschaft vor Sardinien gewann. Bis 1986, als der Achter „Gitana Sixty“ passend zum 60. Geburtstag des passionierten Seglers aufgetakelt wurde, wuchs die Flotte binnen weniger Jahre um sieben Boote.
Die Rothschilds segelten vorübergehend 6‑mR‑Yachten auf dem Genfer See, an der Riviera und bei Weltmeisterschaften mit und gegeneinander. Der Vater mit „Gitana senior“, der Sohn mit drei Exemplaren verschiedener Konstrukteure namens „Junior“. Boote dieses Typs wurden damals anhand kleiner Modelle in aufwendigen Messreihen im Schlepptank untersucht. Im Maßstab 1:1 und innerhalb der Familie als Matchracing macht es mehr Spaß. Mit einer Meteryacht und ihren Finessen kann man ein ganze Seglerleben verbringen.
Da Segeln endlos viele Facetten hat, wechselten die Rothschilds bereits 1990 von den Bleitransportern der International Rule zu den rasanten Formel‑40-Katamaranen. Von Ausnahmen wie „Gitana 16“ abgesehen, das Boot wurde später als „Malizia II“ bekannt, wurden seitdem überwiegend Zwei- und Dreirümpfer aufgetakelt.
Gründung des Teams Gitana
Nachdem das Thema längst über das private Pläsier hinausgewachsen war, gründeten Ariane und Benjamin de Rothschild im Jahr 2000 das Team Gitana. Damit war die naheliegende Professionalisierung zur segelnden Botschafterin der Rothschild Gruppe vollzogen. Weitere 13 Boote folgten, darunter „Gitana Fly One“ zum mehrrümpfigen Tragflächensegeln von 2015. Ein größerer Spagat von den Sechsern der alten International Rule, die mit 70 Prozent Ballastanteil unterwegs sind, lässt sich kaum denken.
Die 2017 aufgetakelte „Gitana 17“ der Ultim-Klasse bewies als foilender Trimaran bei zahlreichen Rekordfahrten ihre Hochseetauglichkeit. Jetzt geht es um eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit, durch Segeln im längstmöglichen Flugmodus. Die April 2026 eingewasserte „Gitana 18“ soll mit einem Reisetempo um die 40 Knoten ein neues Tiefflugsegel-Kapitel eröffnen, indem sie bei rauem Seegang über bis zu 3 m hohe Wellen schwebt.
Dazu erhielt die knapp 20 t schwere Segelplattform ähnlich wie die AC 75 America’s Cupper T-förmige Tragflächen, allerdings mit 5 Metern Spannweite. Der Clou ist, dass diese Trägflächen im Vergleich zu Gitana 17 größer sind, weiter außenbords wirken und somit deutlich mehr Auftrieb bieten. Neu sind auch die doppelten und besonders steifen 4 m langen Ruderblätter mit Tragflächen an den Enden.
Umfangreiche Hydraulik und eine vom Flugzeugbau übernommene Steuerung der zahlreichen Trimmklappen soll „Gitana 18“ lange in Höchstgeschwindigkeit oben halten. Dieser Beitrag bietet Einblick in die Technik reaktionsschneller Autopiloten.
Vom Hochseesegeln zum Hochseefliegen
Probelauf Route du Rum
Die Route du Rum wird alle vier Jahre auf 3.500 Seemeilen von Saint-Malo nach Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe ausgesegelt. 2022 absolvierte Charles Caudrelier die Strecke mit „Gitana 17“ in der Rekordzeit von 6 Tagen und 19 Stunden. Obwohl der neue Tiefflugapparat mit anderen Ultim-Trimaranen Regatta segelt, geht es mit „Gitana 18“ eigentlich um die Steigerung dieses Rekords.
Offene Rechnung bei der Jules Verne Trophy
Die Bestzeit der Jules Vernes Tropy von 79 Tagen des Jahres 1994 wurde bislang im zehnten Anlauf auf gut 40 Tage halbiert. Der Rothschildsche Segelrennstall hat bereits mehrmals zur Jules Verne Trophy abgelegt, war durch ungünstiges Wetter oder Schäden an Bord bislang nicht erfolgreich. Das Gitana Team hat mit dem neuen Boot Thomas Covilles Bestzeit mit „Sodebo Ultim 3“ für die schnellste Nonstop-Weltumseglung mit Crew in 40 Tagen, 10 Stunden, 45 Minuten und 50 Sekunden für die gut 28 Tausend Seemeilen angepeilt.
Die 32 t schwere Hochseelokomotive, die für den Admirals Cup 1975 vom Stapel lief und mit der Benjamin de Rothschild vermutlich bei der Antigua Sailing Week vorbeipreschte, wird derweil von Familie Rothschild behalten. Auch wenn da mit gut gefülltem Spinnaker mit Ach und Krach mal zweistellige Werte auf der Logge zu sehen sind. Sie wurde 2025 frisch überholt zu Wasser gelassen.
Die Boote der schweizerischen Linie der Rothschild-Familie
Obwohl die Nummerierung der Boote namens Gitana bislang (Stand Herbst 26) bekanntlich bis 18 reicht, dokumentiert die Übersicht sämtliche 28 Rothschild-Boote mit teilweise anderen Namen:
- La Gitana (1876) 24,45 x 4,11 m Dampfer mit Hilfsbesegelung, 32 t, Entwurf und Bau John Thornycroft/England
- La Gitana II (1898) 37 x 4,60 m Dampfer mit Hilfsbesegelung, Bau Augustin Normand Werft Le Havre/Frankreich
- Gitana III (1960) 20,34 m Stahlketsch, Entwurf F. Mulder & Van Malleghem/Niederlande
- Gitana IV (1962) 27,57 x 5,60 m, 58,8 t-Mahagoniyawl, Entwurf Cesaere Sangermani, Bau Sangermani/Lavagna, Sangermani Baunummer 129
- Gitana V (1971) 18,29 m Slup, Entwurf Dick Carter, Werft Abeking & Rasmussen/Bremen
- Gitana VI (1975) 20 x 4,78 m, 32 t Slup, Entwurf Sparkman & Stephens, Werft Huisman/Vollenhove
- Gitana VII (1978) 12,50 m IOR-Zweitonner, Entwurf German Frers, Werft Martland Marine/England
- Gitana Senior (1982) 6-mR-Yacht der International Rule, 10,14 x 1,83 m, 4,5 t, Entwurf Sparkman & Stephens, Werft Egger/Schweiz
- Gitana Junior (1981) 11 m, 6 mR Yacht, Entwurf Pelle Petterson, Werft Batbyggarna/Schweden
- Gitana Junior II (1981) 11 m, 6 mR Yacht, Entwurf Ian Howlett, Werft Tompson/England
- Gitana Junior III (1983) 11 m, 6 mR Yacht, Entwurf Jean Grobéty, Werft Chantier naval du Vieux-Port/Schweiz
- Gitana VIII (1984) 21,64 x 5,60 m, Mini-Maxi der Klasse A, Entwurf German Frers, Werft Ambrosini Italien
- Gitana Sixty (1986) 8-mR-Yacht der International Rule, 13,60 x 2,64 m, Entwurf Jacques Faroux, Werft Universal Yachting/Frankreich
- Gitana Grand Soleil (1990) 12,21 m Serienboot, Entwurf German Frers, Werft Grand Soleil
- Force Cash (1990) Formel 40 Katamaran, 12,18 m
- Gitana IX (1999) Open 60 Multihull, 18,28 x 14,50 m, 5,4 t, Entwurf Gilles Ollier, Werft Multiplast/Frankreich
- Gitana X (2002) ORMA 60 Multihull, 18,28 x 17,90 m, 6,5 t, Entwurf Gilles Ollier, Duncan Maclane, Sébastien Schmidt und Mario Caponnetto
- Gitana 11 (2004) ORMA 60 Trimaran, 18,28 x 18,26 m, 5,6 t Entwurf VPLP, Werft CDK Technologies/Frankreich
- Gitana 12 (2005) modernisierter ORMA 60 Trimaran von 2000, Entwurf VPLP
- Gitana 13 (2006) modernisierter Katamaran von 2000, 32,80 x 16,50 m, 32 t, Entwurf Gilles Ollier, Werft Multiplast/Frankreich
- Domaine du Mont d’Arbois (2007) Figaro Beneteau Einrümpfer von 2003, 10,10 m, Entwurf Marc Lombard, Werft Beneteau
- Gitana Eighty (2007) IMOCA 60 Einrümpfer, 18,28 x 5,28 m, 8,7 t, Entwurf Farr Yacht Design, Werft Southern Ocean Marine/Neuseeland
- Gitana Extreme (2009) 40 Fuß Katamaran, 12,19 x 7,92 m, 1,25 t, Entwurf Yves Loday, in Zusammenarbeit mit Tornado Sport, Werft Marström Composites
- Gitana XV (2011) 70 Fuß Trimaran, 21,20 x 16,80 m, 6,3 t, Entwurf VPLP und Gitana Design, Werften CDK Technologies/Frankreich, Multiplast/Frankreich, Décision SA/Schweiz, Lorima/Frankreich
- Gitana Fly One (2015) Tragflächen-Katamaran, 10 m, Entwurf Martin Fischer besierend auf einer Idee von Laurent Lenne
- Gitana 16 (2015) IMOCA 60 Einrümpfer mit Tragflächen, 18,28 x 5,70 m, 7,6 t, Entwurf Verdier/VPLP, Werft Multiplast/Frankreich
- Gitana 17 (2017) Mehrrümpfer der Ultim-Klasse, 32 x 23 m, 15,5 t, Entwurf Verdier/VPLP mit Gitana Design, Werft Multiplast, Lorima/Frankreich
- Gitana 18 (2026) Mehrrümpfer der Ultim-Klasse, 32 x 23 m, 19,5 t, zweijährige Entwicklung der zweiten Generation der Tragflächen Ultim-Klasse.
Lesenswert zum Thema:
- Dick Carter. Yacht Designer in the golden age of offshore Racing, Seapoint Books + Media, Brooklin/Maine 2018, ISBN 978-0-9973920-7-4, gebunden, 328 Seiten
- Svante Domitzlaff: Abeking & Rasmusssen, Evolution im Yachtbau, Delius Klasing Verlag Bielefeld 1996, ISBN 3-7688-0953-6
- Barry Picktall: Germán Frers. A Passion for Design. South Atlantic Publishing 2006 31 × 24 × 3 cm, 198 Seiten. ISBN: 13 978 095 310 440 6
- Mario Marzari: The Yachts of Sangermani. A century of history. De Agostini, Novara 1993, 167 Seiten, gebunden
Wie alles begann
1858 bezogen Adolph Carl und Julie de Rothschild ein neues Schloss im Genfer Vorort Pregny. 1875 bestellte Julie de Rothschild 1875 einen Dampfer namens La Gitana für den See. Der Bootsname ist vom Zigeunerchor in Giuseppe Verdis Oper „Der Troubadour“ und von Georges Bizets Oper „Carmen“ inspiriert. Das 24 m lange Boot wurde zum Transport quer durch Europa in Einzelteilen geliefert, in der Compagnie Générale de Navigation in Morges bei Lausanne zusammengebaut und 1876 übergeben. Die Eignerin legte Werft darauf, ihr Boot selbst zu steuern.
Nach zwanzigjährigem Betrieb bestellte Julie de Rothschild 1898 einen 37 m Dampfer, der dieses Mal von Le Havre auf dem Landweg über den Jura zum See gelangte. Gitana II bot einen überdachten Salon, eine separate Damenkajüte, ein Büro und weitere Annehmlichkeiten. Beladen mit 3,5 t Kohle erreichte das Boot eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 26 Knoten, annähernd 50 km/h. Dieses Tempo hatte die Baronin bereits vom ersten Boot erwartet.
Diese beiden Dampfer führten ein halbes Jahrhundert später zur ersten Segelyacht namens „Gitana“, mit der Edmond de Rothschild das geschilderte neue, seglerische Kapitel aufschlug. Schloss Pregny in Südhanglage mit Blick auf den Genfer See wird heute von den Rothschilds bewohnt.
