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Torqeedo Travel: Die Alternative außenbords

Autor: Michael Kunst

Der Torqeedo Travel 1003 im Praxistest – schnurrt wie ein Kätzchen, kann aber auch «zicken». Es gibt nur wenige Unternehmen in der Wassersportbranche, die in den letzten Jahren so viel Furore gemacht haben, wie der deutsche Bootsmotorenhersteller Torqeedo.

Torqeedo Travel: Die Alternative außenbords
Torqeedo-Travel-Einsatz auf Regatta-Kielboot – Als LEICHTER Flautenschieber hervorragend geeignet© Torqeedo

Kunststück, schließlich hat es das Starnberger Unternehmen (das mittlerweile vom Lastwagenproduzenten Deutz übernommen wurde) mit seinen innovativen Elektromotoren innerhalb einer Dekade von der buchstäblichen (Boots-)Garagenfirma zum Weltmarktführer in Sachen «grüner Antrieb» auf dem Wasser gebracht. Das Torqeedo-Prinzip, das einst auf dem Starnberger See an ersten Prototypen getestet wurde, treibt mittlerweile auf den Sieben Meeren, auf unzähligen Binnenseen und Flüssen unseres Blauen Planeten immer mehr Boote und Yachten an. Tendenz steigend.

Mittlerweile sind in den meisten einschlägigen Magazinen der Wassersportnationen Testberichte mit unterschiedlichen Torqeedo-Elektromotoren (Außen- und Inboard, Range von 1 bis 82 PS) erschienen. Deren Beurteilung, grob zusammengefasst: Klasse Konzept dank null Emission, sehr gute Nachhaltigkeitswerte, prima Verarbeitung, starke Motorenleistung, kurz: richtungsweisend!

Nun ist das mit Tests so eine Sache. Sie finden logischerweise immer am neuen Produkt statt, eine größtmögliche Objektivität wird meist mit aufwändigen technischen Prüfungen belegt. Und die entsprechenden Beurteilungen stehen und fallen mit dem Zustand des meist x-fach zuvor überprüften Produkts. Und ganz nebenbei ist die vielgerühmte Objektivität noch von der Tagesform der Tester abhängig, aber das ist ein anderes Thema.

Gebrauchtempfehlungen sind dagegen per se subjektiv ausgerichtet, da sie auf selbst erlebten oder von anderen berichteten Fakten respektive Hinweisen basieren. Praxistest wird sowas meist genannt: Von manchen Herstellern gefürchtet, da durchweg subjektiv, von vielen potentiellen Käufern geliebt, da sie so von den Erfahrungen anderer profitieren.

Auch die folgenden Zeilen beruhen auf eigenen Erfahrungen, Berichten von anderen Torqeedo-Nutzern und Infos aus dem Umfeld von Torqeedo.

Der Autor erwarb vor nunmehr vier Jahren einen Torqeedo Travel 1003 L für seinen Mini-6.50 Prototypen, der ausschließlich auf dem Atlantik zum Einsatz kommt. Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Kauf des Motors wurde niemals bereut – es gab allerdings einige Lernkurven zu bewältigen.

Ökologisch derzeit kaum schlagbar

Es kann nicht oft genug unterstrichen werden: Das Prinzip des sauberen Elektromotors als Vortrieb auf dem Wasser ist (derzeit) unschlagbar. Vielleicht werden Brennstoffzellen dem E-Motor irgendwann den Rang ablaufen – aber zur Zeit ist man davon weit entfernt.

Wer jemals versuchte, seinen Außenborder über der Reling hängend mit Benzin aus dem Kanister zu befüllen («haha, sind ja nur ein paar Tropfen daneben gegangen, homöopathische Dosis im großen Ozean!»), weiß von was die Rede ist. Ganz zu schweigen vom seekrankheitsfördernden Duft meist doch irgendwie leckender Benzinkanister an Bord.

Das Gleiche gilt für die Emissionen: Ein Motor, der keinerlei «Abgase» ausstößt, ist nun mal eine buchstäblich saubere Sache. Ohne wenn und aber. Nicht umsonst sind auf immer mehr Binnenseen Verbrennungsmotoren strikt verboten…

Über das Thema «Nachhaltigkeit» kann dagegen diskutiert werden. Letztendlich kommt es darauf an, woher der Strom für den E-Motor kommt, wie und wo manche kritische Bauteile im Motor und im Akku produziert wurden und welche Öko-Bilanz der Transport der einzelnen Teile bis hin zum Assembling aufweist. Dennoch: Im ökologischen Vergleich mit einem Verbrennungsmotor schneidet jeder Elektromotor – und somit auch der Torqeedo Travel – ungleich besser ab. Basta.

Das Strippenchaos hat nix mit dem Travel zu tun – Hier mit separiertem Gasgriff Das Strippenchaos hat nix mit dem Travel zu tun – Hier mit separiertem Gasgriff © M. Kunst

Das Problem mit der Power…

Torqeedo gibt für alle Modelle des Travel Außenborder an, dass man Beiboote, Dinghys und Daysailer bis zu 1,5 Tonnen Gewicht damit bewegen kann. Das mag durchaus für kleinere Boote mit relativ wenig benetzter Wasserfläche stimmen – vor allem auf bayerischen Seen bei Totenflaute. Problematischer wird es, wenn man den Travel als Außenborder bei Segelbooten etwa ab 5,50 Metern Länge einsetzt, die zudem auf Gewässern mit Seegang und vielleicht sogar Strömung (Tide) unterwegs sind.

Beispiele aus der Praxis: Der Autor wollte mit seinem Mini (Gesamtgewicht mit 2 Personen an Bord etwa 850 kg) bei Windstärke sechs bis sieben Beaufort genau von vorne bei eingeholten Segeln unter Travel-Motor eine Wegstrecke von ca. 0,5 Seemeilen in den Hafen bewältigen.

Die Tide war gerade am Kippen, also zu vernachlässigen. Dennoch schaffte es der Motor nicht, das Boot gegen die Böen anzuschieben. Wir standen bei Vollgas und kurz darauf warnpiependem Motor auf der Stelle – erst mit Segelunterstützung und somit höchst nervigem Aufkreuzen auf engstem Raum gelang die Einfahrt in den Hafen.

Beispiel Zwei: Flaute vor der Einfahrt zum Hafen, aber drei Knoten Strom gegenan. Unter Vollgas schaffte es der Travel, den Mini (ohne wirksame Segelunterstützung) mit ca. 0,5 bis 1 Knoten Fahrt voran zu bringen. Allerdings waren nach sieben Minuten Fahrt die noch verbliebenen 70 Prozent Akkupower verbraucht. Der Hafen war da noch weit entfernt. Letztendlich erbarmte sich ein Dickschiffer, nahm das Boot in Schlepp und zog uns mit seinem stinkenden, schwarzen Rauch hustenden Diesel sicher in Richtung Hafenbox.

Von ähnlichen Situationen berichteten mir J-70-Bundesliga-Segler, H-Boot- Skipper sowie Eigner von kleineren Daysailern.

Nun sind das allenfalls ärgerliche Episoden unter außergewöhnlichen, aber noch nicht extremen Umständen. Sie zeigen aber doch, dass man sich unter schwierigen Bedingungen nicht unbedingt auf den Travel verlassen soll und kann. Ob man das mit einem 3,5 PS-Verbrennungsmotor unter solchen Umständen kann, ist jedoch ebenfalls zu hinterfragen.

…und was die Reichweite damit zu tun hat.

Natürlich stehen und fallen die Möglichkeiten eines Elektromotors mit der Effizienz seiner Batterien bzw. Akkus. Mittlerweile gibt es für den Torqeedo Travel eine Lithium Batterie mit 915 Wh, die bis zu 75 Prozent mehr Akkuleistung verspricht. Doch von ihr soll hier nicht die Rede sein, weil sie auf dem Gebrauchtmarkt nur extrem selten zu finden ist.

Bleiben wir beim herkömmlichen Akku mit 530 WH. Der soll bei langsamer Fahrt (2 Knoten) laut Torqeedo 20 Seemeilen weit reichen. Ein Wert den ich grosso modo bestätigen kann (17 Semeilen), allerdings nur bei Flaute. Sobald auch nur eine leichte Welle, ein paar Knoten Wind oder etwa ein Knoten Strom gegenan steht, reduziert sich die Reichweite drastisch.

Dem kann man entgegen wirken, indem man entsprechend aufrüstet. So wird der «alte» Travel 2003 L (L steht für Langschaft) etwa innerhalb der Mini Klasse gebraucht meist mit zwei Akkus verkauft. Offenbar haben die Vorbesitzer ähnliche Erfahrungen gemacht wie oben beschrieben.

Übrigens bietet Torqeedo auf seiner Website gleich eine Erklärung für das Problem mit der Reichweite: «Bei Verdrängerfahrt auf dem Wasser steigt die erforderliche Antriebsleistung mit der dritten Potenz der Geschwindigkeit. Das bedeutet: Möchte man seine Geschwindigkeit verdoppeln, benötigt man die achtfache Leistung. Im Gegenzug kann man bereits mit einer geringen Reduktion der Geschwindigkeit die erzielbare Reichweite erheblich erhöhen.» (Kosten neuer Wechselakku 530 Wh = 599.- Euro; gebraucht ab ca. 150 Euro. Neuer Wechselakku 915 Wh = 899. Euro)

Verlässlich – aber auch hier gibt es Einschränkungen

Der Travel ist einer der Verkaufsschlager im Hause Torqeedo. Mehr als 40.000 Exemplare sollen davon weltweit verkauft worden sein. Und das trotz relativ hoher Verkaufspreise, die es vielen Elektro-Aspiranten zunächst nicht leicht gemacht haben, dem Verbrennungsmotor Adieu zu sagen (Travel 1003 1.799 Euro; gebraucht ab ca. 1.200 Euro. Version C mit Lith.-Batterie bis 2.199 Euro). Waren die ersten Modelle vor etwa acht Jahren noch von einigen Kinderkrankheiten geprägt – jedenfalls sind im Internet speziell zu diesen Jahrgängen viele Kritiken zu finden – zeigten sich die Modelle ab ca 2013 deutlich verlässlicher. Das Modell des Autors sprang bisher nahezu immer an, bis auf die wenigen Male, als die Stecker leicht korrodiert waren.

Eine Problematik, die unbedingt erwähnt werden muss, die aber mit einem geänderten Fahrverhalten bewältigt werden kann: Es dauert relativ lange, bis der Motor vom Vorwärts- in den Rückwärtsgang umschaltet (oder umgekehrt). Soll heißen, ein Aufstoppen etwa am Steg oder in der Box wird da schnell zum Desaster. Ein bisschen Übung im leicht zu ändernden Fahrstil hilft hier…

Ebenso soll es vorkommen (beim Autor «erst» zwei Mal), dass der Motor beim Aufstoppen ausgeht. Ärgerlich, weil oftmals fatal – doch jetzt mal ehrlich, das passiert auch regelmäßig bei Verbrennungsmotoren, oder nicht?

Torqeedo Travel Torqeedo Travel © Torqeedo

Kleinkram macht Laune

Was immer wieder Spaß macht beim Travel sind die leisen Betriebsgeräusche, die eher an ein Schnurren von Katzen erinnern, als an eine Außenborderbratze. Paradoxerweise ist genau diese Ruhe, die den Motor umgibt auch der Grund, warum er in Häfen ein «Hingucker» ist.

Ähnlich cool sind die Accessoires, die für den Travel angeboten werden. Mit einem simplen Verlängerungskabel kann man etwa den Gasgriff vom Motor abnehmen und ein paar Meter nach vorne spazieren. Nicht unpraktisch für die Orientierung!

Ebenso kann man einen separaten Ferngashebel über ein Verlängerungskabel mit dem Motor verbinden. Und richtig ökologisch vorbildlich wird es, wenn man den Strom für seinen Travel über Solar Panels selbst produziert.

Eine echte Hilfe (und bisher nahezu immer störungsfrei funktionierend) ist der kleine «Bordcomputer» mit GPS-Berechnung. Die Angaben etwa über Reichweite bei aktueller Geschwindigkeit o.ä. waren bislang genau – wenn auch oft genug ernüchternd. Vor allem dann, wenn die verbleibende Reichweite nach einer kleinen Drehung am Gasgriff plötzlich um 80 Prozent absinkt…

Unter Strom

Vor dem Kauf eines gebrauchten Torqeedo Travel muss man sich also über Einiges im Klaren sein, das manchen Gemütern den Spaß an der Sache verderben könnte. Denn wie so oft im Leben, müssen auch hier Kompromisse eingegangen werden.

Wer jedoch definitiv etwas für die Umwelt tun will und zudem einen Sinn für das Außergewöhnliche hat, dem sei dieser Außenborder als Gebrauchtmodell durchaus ans Herz gelegt. Auch dann, wenn man weiß, dass Torqeedo bei der Weiterentwicklung dieses Motors mittlerweile tolle Fortschritte gemacht hat, insbesondere bei der Leistungskapazität des Akkus.

Zu guter Letzt noch ein Klassiker unter den Gebraucht-Tipps: Torqeedo empfiehlt zum Dichtungswechsel eine Motorenwartung alle fünf Jahre. Sollte ihr Wunsch-Gebrauchter etwa dieses Alter haben, empfiehlt sich ein Kauf nur, wenn diese Wartung von Torqeedo zuvor durchgeführt wurde.

Thema

Segeln

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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