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Etap 21: Segelnde Ente

Autor: Michael Kunst
  

Warum die Etap 21i nach wie vor einer der attraktivsten, gebrauchten Kleinstkreuzer ist. Und das nicht nur für junge Familien, die damit um die Welt segeln wollen!

Etap 21: Segelnde Ente

Die Empfehlung zum Kauf einer gebrauchten Bootsklasse oder -marke ist bekanntlich eine heikle Sache. Denn das bereits ge- und benutzte Objekt taugt aufgrund seines Vorlebens per se nicht mehr zu einer methodischen Eignungsprüfung, einem objektiven Vergleich oder kurz: einem Test. Klar, man könnte bestimmte Parameter beispielsweise auf ihre Sicherheit überprüfen, doch auch hier stößt man wieder an die Grenzen des bisher Gelebten. Denn die eine Yacht hat beispielswei-se eine schwere Grundberührung erlebt, während ein baugleiches anderes Modell irgendwann einmal einen schweren Rigg-Schaden erlitt.

Entsprechend sind und bleiben Empfehlungen für Gebrauchtboote respektive -yachten immer eine subjektive Angelegenheit. Was hat der Eine mit Boot X an Schönem und weniger Tollem erlebt, wo fand Eigner Y im Laufe gemeinsam erlebter Jahre Schwächen an seiner Yacht und wie gut segelt das Boot erfahrungsgemäß tatsächlich am Wind, nachdem genau dies so vollmundig in den Neuboot-Prospekten verkündet wurde.

Deshalb hier und jetzt „nur“ ein Erfahrungsbericht als Kaufempfehlung für eine Ente. Oder eine Gans? Jedenfalls ein Federvieh, das im Großsegel belgischer Boote und Yachten prangt – zunächst dunkelrot, jetzt edelgrau. Und nein, es soll hier nicht über den „Döschwo“ respektive 2 CV, den legendären Citroen nostalgiert werden, sondern über ein vergleichsweise ähnlich kleines Boot, das ebenfalls Kultcharakter in der Fahrtenseglerszene genießt. Kurz, es geht um die „Etap 21“, die in Versionen ab Mitte der Neunzigerjahre mit einem „i“ für „innovation“ versehen wurde.

Läuft doch!

Es ist schon einige Sommer her, da lud mich ein Kumpel auf seine „Yacht“ auf dem IJsselmeer ein. Ein kleiner, mehrtägiger Törn auf seiner neuen Errungenschaft war angesagt, es wurde aber nicht verraten um welche Bootsklasse es sich handelte. Als ich dann in dem holländischen Hafen vor einem gefühlt zwei Meter, tatsächlich aber immerhin sechseinhalb Meter kurzen GfK-Bötchen stand, blieb mir erstmal die Luft weg: „Auf diesem Schuhkarton soll ich die nächsten Tage und Nächte verbringen?“

Zweiter Eindruck, nach dem Verstauen unserer zahlreichen Siebensachen: „Sieht immer noch ziemlich aufgeräumt aus, da unten!“ Dritter Eindruck, nachdem wir schon eine zweistündige saubere „Startkreuz“ bei vier Beaufort hingelegt hatten: „Läuft doch!“

Womit eigentlich schon die wichtigsten Merkmale der Etap 21i erwähnt sind: Das Boot wirkt kleiner als es ist (oder umgekehrt?), unter Deck ist es eines der vielzitierten „Raumwunder“ (wenn auch wirklich im kleinen Maßstab) und es braucht sich unter Segeln mit der damals noch „roten Ente“ als Klassenzeichen im Groß keineswegs zu verstecken.

Bleiben wir gleich bei den Segeleigenschaften. Die
Etap 21i ist bei einer Wasserlinienlänge von 6,10 m und einer Breite über alles von 2,40 m per se kein Renner. Das Großsegel misst in den älteren Versionen 16,5 qm (ab der Jahrtausendwende wurde es sogar noch um einen Quadratmeter verkleinert) und die Fock ist mit 8,9 qm auch nicht gerade üppig dimensioniert. Und dennoch konnten wir auf der „eend“ – so hieß „unsere“ Etap 21-Ente damals sinnigerweise – in der kabbeligen See während unseres IJsellmeer-Törns einige deutlich größere Boote am Wind „versägen“.

Für junge Familien mit schmalem Geldbeutel

Bei einem Windeinfallswinkel von 60 Grad lief das Bötchen meist vier bis fünf Knoten Speed, bei optimalen Bedingungen auf Reachkursen kamen wir mit unserem knapp über einer Tonne schweren Schiffchen sogar auf 6,5 bis 7 Knoten (Windstärke vier bzw. sechs Beaufort). Vor allem am Wind überraschte das Boot, weil die „eend“ mit Kimm- bzw. Tandemkiel(en) ausgestattet war (Tiefgang 0,7 m) – die ebenfalls lieferbare klassische Tiefkiel-Version (Tiefgang 1,30m) dürfte hier noch mehr „drauf“ haben. Zudem kann das Boot reichlich Lage vertragen – die Doppelruderanlage sorgt dafür, dass ein „aus dem Ruder laufen“ erst in der Extreme möglich ist.

Doch wie gesagt: Eine Etap 21 ist nicht als Racer konzipiert. Vielmehr wollten die Etap-Designer Mortain und Mavrikios ein Boot schaffen, das „jungen Familien die Gelegenheit zum Fahrtensegeln bietet, ohne sich gleich für den Rest ihres Lebens verschulden müssen,“ wie es in einem Werbeprospekt von Etap-Yachten Mitte/Ende der Neunzigerjahre hieß.

Ein Boot also, das von sich behauptet, aus einer denkbar kleinen Länge maximalen Spaß heraus zu holen. Und Fahrtensegler, egal welchen Alters, definieren „Spaß“ mit : Korrekte Segeleigenschaften, überproportionales Raumangebot und last not least: Sicherheit!

Vollgelaufen noch 5.5 Knoten schnell

Es liegt auf der Hand, dass ein Kleinkreuzer für Familien, der ursprünglich aus einer belgischen Werft stammt, in erster Linie auf die eher rauen Bedingungen der Nordsee ausgerichtet ist. Dazu zählt eben auch die Kimmkieler-Version, mit der sich erfahrungsgemäß allerbestens trockenfallen lässt.

Und der wohl wichtigste sicherheitsrelevante Aspekt aller Etap-Yachten wurde selbstverständlich auch im „Küken“ verbaut: Das Boot ist aufgrund einer doppelten Rumpfschale, die mit einem sogenannten „geschlossenporigen“ Schaum gefüllt ist, tatsächlich unsinkbar.

Um gleich falschen Annahmen den Wind aus den Segeln zu nehmen: das mit der Unsinkbarkeit haben wir auf „eende“ nicht überprüft. Das Thema war auf unserem Törn sekundär wichtig, weil wir nur zwei Tage draußen auf der Nordsee unterwegs und die wiederum von schwachen Winden geprägt waren.

Doch die Unsinkbarkeit der Etap-Yachten wurde mittlerweile an mehreren Modellen von vielen Internationalen Fachmagazinen überprüft: Zwar standen manche der Tester nach Öffnen der Seeventile tatsächlich hüfthoch im Wasser, die jeweiligen Etap-Yachten ließen erstaunlicherweise noch weitersegeln. Legendär der „Test“ eines britischen Magazins, dessen Redakteure eine Etap 21ivollständig geflutet mit bis zu 5.5 Knoten Geschwindigkeit über den Ärmelkanal segelte. Beruhigend, nicht wahr?

Eine Einschränkung muss hier jedoch erwähnt werden. Einige Etap-Yachten wurden irrtümlicherweise mit einem offenporigen Schaum befüllt, der sich bei Rumpfschäden rasch mit Wasser vollsaugt. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, welche Etap 20, 21i und angeblich sogar das Nachfol-gemodell 22 davon betroffen sind.

In Internet-Foren und innerhalb der Etap-Szene verweist man immer wieder auf diese Fälle und empfiehlt beim Kauf einer gebrauchten Etap 21i, im Zweifelsfall (also bei einem nachweisbaren Schaden am Schiff) das Gewicht des Bootes zu kontrollieren. Liegt das deutlich über 1,2 Tonnen, könnte eine nähere Überprüfung nötig werden.

Stehhöhe wird sowieso überschätzt

Zurück zu unserem Törn auf der „eende“. Wirklich erstaunlich war das gefühlte und tatsächliche Platzangebot in dem kleinen Boot. Bei 1,40 Meter Höhe im Salon will man stehend eigentlich garnicht über Wohnqualität sprechen. Das ändert sich jedoch, wenn man sitzt – Stehhöhe unter Deck wird sowieso überbewertet. Jedenfalls hat man mittschiffs zu dritt locker Platz, es geht kein wertvoller Raum durch einen Kielkasten „verloren“ und bei einem Stauraum von 400 Litern unter Deck (Backskisten: 800 Liter) kann wirklich einiges an Klamotten, Proviant etc. aus dem Blickfeld geschafft werden.

Auch die Kojen fallen verhältnismäßig großzügig aus. 2,00 x 1, 25 Meter im Vorschiff, Backbord darf der Schlafende 2,00 Meter lang sein, Steuerbord sind sogar 2,40 Meter Kojenlänge vorhanden. Nicht schlecht für ein Boot, dessen Rumpf nur 6,26 Meter kurz ist. Und apropos Komfort: Wirklich angenehm ist die deutlich niedrigere Geräuschkulisse im Inneren der Etap 21i aufgrund des ausgeschäumten Doppelschalen-Rumpfes. Gerade für Fahrtensegler, die Wochen auf ihrem Boot verbringen, ein nervenschonender Vorteil.

Und wenn wir schon von „wochenlangen Aufenthalten an Bord reden: Als Vorzeigefamilie aller Etap 21i-Fahrtensegler gelten die mittlerweile weltberühmten Harbecks. Sie umsegelten den gesamten Planeten von Colijnsplaat, Niederlande, aus über die Kanaren, den Panamakanal, Pago Pago, Australien, Dschibuti und Tel Aviv wieder zurück nach Holland zusammen mit ihrem vierjährigen Sohn auf einer Etap 21i. Braucht man noch mehr Argumente in Sachen Seetüchtigkeit, Zuverlässigkeit und Raumangebot auf 6.50 Metern Schiffslänge?

Foto

Was sonst noch auffiel

Unter Außenborder verhielt sich die „eende“ etwas zickig. Einparkmanöver, zumal bei reichlich Seitenwind, brauchten mitunter mehrere Anläufe. Und das, obwohl der Autor (Achtung: es darf gelästert werden!) schon damals als Held des Rückwärtseinparkens gefeiert wurde.

In einem größeren Yachthafen lagen wir neben einer älteren Etap 21i, deren Eigner uns auf ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal aufmerksam machte. Alle 21igen, die vor der Jahrtausendwende gebaut wurden, sind mit gepfeilten Salingen ausgestattet, die neueren Boote haben hingegen gerade Salinge plus einen Achterstag. Etap 21-Skipper, die einen direkten Vergleich zwischen beiden Varianten ziehen konnten, sprechen von einer leicht besseren Performance für das modernere Rigg, vor allem aber von einem höheren Sicherheitspotential.

Die „eende“ ist mittlerweile längst weiter verkauft, den Etap-Yachten ist mein Kumpel jedoch treu geblieben. Und wer hätte das gedacht: Der Törn auf der Etap 21i im IJsellmeer hatte „schleichende“ Folgen für den Autor dieser Zeilen. Seine Begeisterung für Segeln „nahe am Wasser“ erweiterte sich paradoxerweise auf immer kürzere Boote. Und obwohl die Etap 21i nun wirklich kein „Racer“ ist, war der Weg zum Mini 6.50 irgendwie vorgezeichnet.

Lüa: 6,56 m
Büa: 2,49 m
Gewicht: 1.180 kg
Yardstick: 113
Kojen: 4
Großsegel: 15,5 qm (neues Jahrtausend), vorher 16, 5 qm
Fock: 8, 4 qm

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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