Motoren und Technik4 min Lesezeit

Die V-Frage

Die sogenannte „Aufkimmung“ entscheidet über Gleitfahrt und Seegängigkeit

Die V-Frage
Mit Wucht durch's Wasser. Die rauhwassertaugliche «Wallypower 118» © Wally

Seitdem es leistungsstarke Motoren, also schnelle Motorboote gibt, sind bei der Rumpfform zwei widersprüchliche Eigenschaften in Einklang zu bringen. Der flache Bootsboden hilft dem Boot rasch auf seine Bugwelle und zur widerstandsarm schnellen Gleitfahrt. Die ausgeprägte V-Form dagegen erlaubt den schnellen Ritt in bewegtem Wasser.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 09.02.2016

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Einblicke in die Finessen schneller Motoryachten
  • mit welcher Aufkimmung was erreicht wird
  • wo die Limits bei den V-förmig geneigten Bootsböden sind

So ist bei der sogenannten Aufkimmung des Rumpfes - gemeint ist der Winkel des Bootsbodens vom Kiel zur Bordwand - ein Kompromiss aus Wirtschaftlichkeit, Komfort und Sicherheit gefragt. Bei einer Sonderanfertigung läßt sich die Aufkimmung auf die üblichen Wellen des Gewässers, Geschwindigkeitsvorgaben und den Geldbeutel des Eigners abstimmen. Ein ausgeprägtes V verlangt eine größere Maschine als ein flacher Bootsboden. Serienboote sind in dieser Hinsicht Allrounder.

Als der monegassische Yachtentwickler Wally mit seiner markanten Motoryachtlinie namens «WallyTender und der 36 Meter langen Hochgeschwindigkeits-Motoryacht «WallyPower 118 begann, holte Spezialist Patrick Banfield von Allseas Yachts Design das alt bekannte wavepiercer Konzept aus der Schublade.

In der Pionierphase des Dampfyachtbaus setzte man auf schmale lange Rümpfe mit mittig angeordneten Motoren. Es waren zunächst reine e Verdränger, die von wachsender Motorleistung nach und nach aus dem Wasser geschoben wurden. Sie hießen treffend «Hydroplanes. Deren schmaler Wassereintritt der Bugpartie zerschnitt das Wasser mehr, als er das Boot aus dem Wasser hob.

Auch die Commuter, mit denen New Yorker Geschäftsleute von ihren Residenzen auf Long Island nach Manhattan zum Büro bretterten, hatten schlanke Bootskörper. Deren senkrechte Vorsteven streckten mit der Wasserlinie die Geschwindigkeit in Verdrängerfahrt und durchschnitten die Wellen. Erst die Commuter der 30er Jahre, mit leistungsfähigen und deutlich leichteren Benzin- und Dieselmotoren, waren echte Gleiter. Vorreiter war die 12 m lange «Maple Leaf IV. Von einer 800 PS Maschine angetrieben erreichte sie damals schon beeindruckende 50 Knoten.

Die berühmte «Maple Leaf IV» war zu 50 Knoten schnell
Die berühmte «Maple Leaf IV» war zu 50 Knoten schnell

Nach dem zweiten Weltkrieg erlaubten leistungsfähige und erschwingliche Benzin- und Dieselmotoren die Entwicklung vergleichsweise kurzer und breiter, früh und voll gleitender Motorboote. Sie hatten wannenförmige Rümpfe hinter einem deutlich geneigten Vorsteven. Die Motoryacht hatte ihr bis heute beliebtes und sprichwörtlich eingefahrenes Design gefunden.

Ende des 20. Jahrhunderts erinnerte man sich beim Bau mehrrümpfiger Schnellfähren an die Vorzüge schnittig schlanker Vorschiffspartien, deren Bug ankommende Wellenberge durchschneidet und dessen dosierte Volumenzunahme zur Bootsmitte hin deutlich angenehmere Bewegungen in der offenen See bietet.

Diese Vorteile nutzt die im Jahr 2000 von Banfield für Wally entwickelte, seitdem in der halben Welt nachgeahmte moderne Motoryachtlinie. Abgesehen vom markanten Look bietet der senkrechte Steven einen frühen und dank seiner V-Form weichen Kontakt mit der ankommenden Welle.

Aufgabenstellung bei der «WallyPower war, das sie auch bei ¾ Gas und etwa 50 Knoten noch durch eineinhalb Meter hohe Wellen brettern kann. Die Vorschiffspartie und auch die Anordnung der die Rollbewegung stabilisierenden, zugleich Spritzwasser abweisenden Kimmkante wurde vorab im SSPA Schlepptank der Göteborger Chalmers Universität untersucht. Bei günstigen Bedingungen putzte das 35 Millionen Dollar Gefährt die Strecke Monaco – Portofino in eineinhalb Stunden weg. Nur fliegen war schneller. Das Boot wurde zu einer Ikone im Yachtbau.

Als Banfield und sein Kollege John Wilshire später die neue Fjord-Motorbootlinie im Wally-Look entwickelten, gaben sie ihrer Kreation ein Längen-Breitenverhältnis von 3:1 weil «ein breites Boot mehr Zuladung verträgt. Banfield berichtet von einem gemässigten V im vorderen Unterwasserschiff, das schnell flach wird und erklärt: «Der V-förmige Bootsboden ist nur eines von einigen Kriterien wie Längen-Breiten Verhältnis und Wasserbenetzte Fläche, die einen überzeugenden Allrounder ergeben. Mit der neuen Fjord-Linie sollte ein Boot entstehen, das zwar 40 bis 50 Knoten läuft, vor allem aber bei 25, 28 oder 30 Knoten in glattem Wasser überzeugt.

Nun gibt es außer dem wellenschneidend senkrechten Vorsteven einen weiteren Trick. Man kann dem Boot ein rauhwassertauglich V-förmiges Vorschiff geben und den Rumpf nach achtern flach auslaufen lassen, indem man den Bootsboden verdreht. Das wird auch gemacht.

Judel/Vrolijk entwickelte «Feara 47» für den schnellen Ritt nach Sardinien
Judel/Vrolijk entwickelte «Feara 47» für den schnellen Ritt nach Sardinien © Lütje Yachts

Leider gibt es für den sogenannten Twist aber aus einem speziellen Grund Grenzen, wie Schiffbau-Ingenieur Matthias Bröker vom renommierten Konstruktionsbüro Judel/Vrolijk & Co. erklärt: «Hat das Boot mit einem scharf geschnittenem Vorschiff und flacher Heckpartie vorne wenig und hinten viel Volumen, werden Kurvenfahrten gefährlich. Es stoppt abrupt und stolpert regelrecht über seinen scharfen Bug. Deshalb sind auch moderne Motorboote mit senkrechtem Vorsteven alle mit einem moderaten Twist unterwegs.

«Auch bei der Formgebung von Motoryachten gilt: nichts ist umsonst. "Wir Konstrukteure überlegen uns genau, welche Vorteile es für welchen Preis gibt. Deshalb erhielt die 47 Fuß lange «Feara im Retrostil für den schnellen Ritt von Saint Tropez nach Sardinien oder Elba zugunsten der Seegängigkeit eine große Aufkimmung. Der mit 2 x 720 PS kräftig motorisierte Lütje-Werftbau ist mit einem tiefen Vorfuß unterwegs und erreicht bis zu 38 kn Spitze. Mit einer flacheren Aufkimmung wäre er deutlich schneller.

Alles geht nicht. Deshalb muß sich der Motorbootfahrer entscheiden. Möchte er in glattem Wasser mit wenig Aufkimmung sehr schnell fahren oder ein rauhwassertaugliches Boot, dessen V-förmiger Rumpf bei passablem Tempo manche Wellen wegsteckt. Es lohnt sich auch beim Gebrauchtbootkauf, auf diesen Gesichtspunkt zu achten.

Wissenswert

Die sogenannte Aufkimmung nennt den Winkel zwischen der Horizontalen und dem Bootsboden. Bei einem Rauhwasserschiff kann er vorn bis zu 60 Grad sein. Üblich sind 20 - 30 Grad. Achtern sind moderate 10 - 15 Grad üblich, 20 - 25 Grad Aufkimmung eines Rauhwasserbootes sind viel.

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VG