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Der Verkehrtherumsegler

Autor: Erdmann Braschos
  

Mit dem dunkelblauen Dreimaster „Langlütjen“ ex „Marius IV“ erinnert eine sehens- und segelnswerte Bremensie an den Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff.

Der Verkehrtherumsegler

Was machen Männer in den besten Jahren, wenn plötzlich der Geldregen einsetzt? Sie machen Dummheiten mit einem flachen Sportwagen und dazu passender Freundin. Das ließ der Schauspieler und Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff aus. Er versenkte sein Geld richtig. Als er für die Tabakreklame „Feuer, Pfeife, Stanwell“ in den Siebziger Jahren ein Vermögen bekam, steckte er die damals stolze Summe von 650 Tausend Mark in eine Sonderanfertigung nach seinem Gusto. Die ließ er 1974 bei der angesehenen Fassmer Werft an der Weser aus Aluminium schweißen.

Der 53-jährige hatte sich einen rund 17 Meter langen, vier Meter breiten Segler von Horst Glaver zeichnen lassen. Das war Anfang der siebziger Jahre viel Schiff. Kulenkampff hätte mit seinem 18 Tonnen Schlitten ohne weiteres nach Grönland oder zu den Fidschi Inseln ablegen können. Kulenkampffs persönliches Ultima Thule befand sich aber mit der Insel Anholt im Kattegat.

Damals waren Rollsegel zum bequemen Segelmanagement noch nicht üblich. So bekam das Boot anstelle einer Sluptakelage mit großen Tüchern drei Masten mit kleinen Stagfocks und einem Besan. Die Blaupause dazu war die 39 Meter lange „Vendredi 13“ anlässlich der Einhand Atlantik-Regatta von England nach Amerika von 1972. Bei auffrischendem Wind wurde eines der handlichen Stagsegel geborgen. Das kriegten Kuli und sein Matrose Meyer auch in der schietigsten Böe problemlos hin.

Der ungewöhnliche Look brachte dem Boot bald den Spitznamen „Verkehrtherumsegler“ ein. Die eigenartige Geometrie vermittelte auf den ersten Blick den Eindruck, da stimme was nicht und das Boot würde rückwärts segeln. Wenn dieser Bonsai Dreimaster einer Fata Morgana gleich vor der Wesermündung auf der Ostsee erschien, wussten die Kenner an der Küste immer, dass das Urgestein der deutschen Fernsehunterhaltung in seinem Element, auf dem Wasser war. Natürlich provozierte so viel Takelage über 15 ½ Meter Deckslänge im Hafen ständig Fachfragen. So antwortete Kuli augenzwinkernd, warum das Schiff denn drei Masten habe: „Weil ich vier nicht unterbringen konnte.“

Zum Ritual der sommerlichen Törns zur Kattegatinsel Anholt und mancher kleinen Flucht zwischendurch in die Weite der Nordsee gehörte die Ansteuerung der Schifferklause Lehrke in Bremerhaven. Dort, an der Geeste 19 ging der Dreimaster oft längsseits. Andere Gäste, die den Fehler gemacht hatten, draußen vor dem Lokal am Tisch mit dem besten Blick auf den Hafen zu tafeln, wurden dann von der Wirtin mit dem Hinweis weg komplimentiert, sie säßen „leider gerade an Herrn Kulenkampffs Platz“ und der wäre halt „jetzt da“.

Foto

Nach dem Bacchanal eines gekonnt zubereiteten Fischgerichts mit zwei oder drei gescheiten Bieren waren Kuli und Matrose Schapp bereit für den Törn. Am nächsten Tag schob sich der Klipperstefen dem Jadebusen entgegen. Die kleinen Stagsegel flatterten im Westwind und der Diesel wurde abgestellt. Das Seglerleben konnte beginnen.

Unterwegs auf See schöpfte der bodenständige Charmeur, der clever zwischen dem Tiefgängigen und dem Seichten, zwischen Spracharbeit auf der Theaterbühne oder literarischen Sendungen und populären Auftritten vor einem Millionenpublikum, den Quiz Shows „Wer gegen wen“ oder „Einer wird gewinnen“ zu kreuzen wusste, Ausgeglichenheit und Kraft.

Vor einigen Jahren übernahm der Bremer Geschäftsmann Jens-Torsten Bausch das Boot und ließ es aufwändig generalüberholen. Als noble Bremensie lag sie als „Langlütjen“ am Stegende der Bremerhavener Lloyd Marina.

Zur Beantwortung der Frage wie sich so ein Bonsai-Dreimaster und Verkehrtherumsegler eigentlich anfasst hatte ich einmal Gelegenheit auf der Weser mitzusegeln. Das Steuerrad mit den gedrechselten Tropenholzspeichen hat mit etwa einem Meter Durchmesser nicht das Format der Pamir, erscheint aber gefühlt groß. Hier also stand der EWG (Einer wird gewinnen) Quizmaster mit seiner obligatorischen blauen Schiffermütze während Matrose Schapp das eine oder andere an Deck klarierte.

Unter Deck ist „Langlütjen“ ganz die „Marius IV“ als Kulis Zeiten geblieben. Das schwarz-grün marmorierte Pantry Kacheldekor der frühen siebziger, die dicken Rippen der Zentralheizung, die Vertäfelung in heller Eiche. Sogar die Altherrensprüche auf den Bronzeschildern aus der Abteilung „The Captain ...“ sind noch da.

Hans Joachim Kulenkampff Hans Joachim Kulenkampff

„Wissen Sie, irgendwie ist der Kuli bei uns immer dabei“ meint Eigner Bausch über den 1998 verstorbenen Kulenkampff. „Der guckt jetzt bestimmt aus irgendeiner Wolke runter und freut sich, dass sein Schiff noch segelt.“ Darauf ein kühles Bier und vielleicht auch ein schönes Fischgericht in der Schifferklause Lehrke. Morgen dann den langen Schlag hinaus in die Weite des Meeres.

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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