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Der alte Mann auf dem Meer

Geschichte eines Einhand-Seglers, der «niemals nie sagt».

Der alte Mann auf dem Meer
Der Australier Jon Sanders – alter Mann auf dem Meer © mindeero foundation, Emma Dolzadelli

Jon Sanders, 81 Jahre jung, hat Ende Januar seine elfte Einhand-Weltumseglung beendet. Wie man sowas schafft? Mit einer Menge Sturheit, noch mehr Mut und indem man(n) auf das hört, was Mutti einst flüsterte. Noch Fragen?

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 09.03.2021

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Warum der Australier sein Leben lang auf See unterwegs ist
  • Seine bislang letzte Tour bezeichnet Jon Sanders als die vielleicht wichtigste
  • Der Mann, der weit über ein Jahr nonstop auf See war
  • Ein Skipper, der gerne segelt. Nicht mehr und nicht weniger

Irgendwann, vor vielen Jahrzehnten, tröstete Ma Sanders ihr weinendes Söhnchen mit einem weisen Satz. Damals hatte «Little Jon» mal wieder auf dem Bolzplatz versagt, wollte nicht wie ein «normaler» Junge in seinem Alter gegen Bälle kicken. Sondern lieber um Segelboote im Hafen herumstreichen, ihnen auf ihrem Weg zum Horizont hinterher blicken. «Warum willst du normal sein?», fragte Mrs. Sanders, «wenn Du doch auch etwas Besonderes, ein Original sein kannst?!»

Seit Jahrzehnten eine Einheit: Mann, Boot und Ozean
Seit Jahrzehnten eine Einheit: Mann, Boot und Ozean © mindeero foundation

Ein Satz, der Jon Sanders Leben prägen sollte. Der Junge hatte verstanden, «alles, bloß nicht normal» blieb sein Motto – ein Leben lang. Und überhaupt: Wenn Andere, vermeintlich Normale, das größte Glück darin finden, im Rudel hinter einem einzigen Ball her zu rennen, bietet es sich dann für einen außergewöhnlichen, eben unnormalen Menschen nicht an, möglichst viel Zeit mit sich alleine zu verbringen? Beim Träumen von fernen Welten, exotischen Inseln, unendlichen Ozeanen und kleinen Booten, die eben diese Weiten befahren?

Auf dem Bolzplatz versagt – nur auf Booten glücklich

Heute ist der Australier Jon Sanders 81 Jahre alt. Er blickt auf ein Leben zurück, das sich im gewissen, letztendlich alles entscheidenden Sinne genau um diese mütterliche Weisheit drehte. Oder um es anders auszudrücken: Zwischen der Mutter-Sohn-Konversation von damals liegen 16 Überquerungen des Indischen Ozeans, 12 mal ließ er den Atlantik im Kielwasser, 13 mal den Pazifik. 5 mal blieb Kap Hoorn achteraus, das Kap der Guten Hoffnung rundete er 12 mal. Einhand, einsam, mutterseelenallein und als stolzer Segler – versteht sich.

Obwohl das allein reichen würde, um ihn in jeder Segel-Nation zum Helden aufsteigen zu lassen, wird er in seiner sportrekordgeilen Heimat Australien wegen anderer, sich durchaus ergänzender Leistungen verehrt, geliebt und vergöttert. 1981 bis 1982 war er der erste Mensch, der die Antarktis zwei Mal umrundete. Einhand, nonstop – Ehrensache. Doch das war nicht alles: Gegen Ende des Törns bog er Richtung Norden ab, segelte ins britische Plymouth, dann runter nach Südafrika und landete schließlich in Freemantle, Australien. Angeblich, weil er den «arroganten Schnöseln in Europa» zeigen wollte, dass er auch nach ihren Kriterien die Welt umrunden kann!

Jon Sanders während seines Rekordtörns 1987
Jon Sanders während seines Rekordtörns 1987 © Brian Jenkins/Wikipedia

Selbstverständlich muss so einer auch im Guiness Book of World Records auftauchen – Pflichtlektüre (nicht nur) für sportbesessene Australier. Dort wurde er 1988 als erster Einhandsegler eingetragen, der die Welt zwei Mal nonstop umrundete und dabei mal eben schnell den Rekord für die längste nonstop und einhand gesegelte Distanz auf die Logge brachte: 48.510 Seemeilen. Was dann (damals) auch gleich noch den Rekord für die längste, ununterbrochen auf See verbracht Zeit mit sich brachte: Sagenhafte 419 Tage, 22 Stunden und 10 Minuten.

Sag' niemals nie

Doch dies sind Ereignisse, die längst hinter Jon Sanders liegen. Was nicht heißen soll, dass sich Sanders auf seinen ursprünglich erlernten, durchaus terrestrischen Beruf besinnen würde – Schafscherer. Nein, es ist klar, dass Sanders wohl bis zum letzten Atemzug dort bleiben wird, wo er sich den größten Teil seines Lebens herumgetrieben hat: Auf See. Denn Jon Sanders hat, neben der mütterlichen Lebensvorgabe noch ein anderes Mantra, das er vor allem als alternder Skipper immer wieder aufsagt: Sag’ niemals nie!

Und bei Sanders nimmt das Formen an. Nach seiner vorvorletzten Umrundung unseres Blauen Planeten als gerade mal Ü70iger, lobten die australischen Medien seine Leistung als «letzte Weltumseglung» in einem langen Skipperleben. Ein paar Wochen später gab Jon entnervt die nächste Weltumseglung mit den Worten bekannt. «An Land langweile ich mich zu Tode».

Als auch die erledigt war, gingen dem mittlerweile legendären und nahezu angebeteten Jon Sanders die Argumente aus. Alles war für ihn erledigt und abgehakt: Rekordseemeilen nonstop, Rekordzeiten auf See, nonstop; Rekordanzahl Weltumseglungen einhand, nonstop… also einfach so raustreiben lassen und schauen, wohin ihn die Strömung und der Wind tragen?

Es muss tatsächlich so ähnlich gewesen sein für den Einhand-Veteranen. Mit der James-Bond’schen Argumentation: «Sag’ niemals nie» begab er sich wieder aufs Wasser – diesmal jedoch mit einem sogenannten «Guten Grund». Als Sponsor, Vermarkter, aber eben auch als Antrieb hatte sich der 80-Jährige die Umweltschutzorganisation «#Noplasticwaste» ausgesucht, die wiederum für die südliche Hemisphäre einen Botschafter suchte, der die Mission eines plastikfreien Ozeans über denselben die südliche Halbkugel tragen würde.

Zwar beschwerte sich der alte Salzbuckel bereits seit Jahrzehnten über die Unmengen Müll, die er im Laufe seiner Skipper-Karriere an sich und seinen Booten vorbeitreiben sah. Aber was will man als einzelner Skipper, auf einem Fliegenschiss von einem Boot in den unendlichen Weiten eine sich langsam zumüllenden Ozeans schon gegen diese Plastik- und Dreckflut ausrichten? Erst recht, wenn man nicht gerade zu den Typen mit einem großen Mundwerk zählt, sondern eher bekannt dafür ist, alles mit sich alleine auszumachen?

Nach Nonstop nun Stops mit Inhalt

Also zog er nochmals los, im Alter von 80 Jahren, wieder ging es rundum, jedoch diesmal (wie auch die letzten beiden Weltumseglungen) mit Zwischenstopps. Die gerieten zu einer besonderen Geduldsprobe: Corona setzte ihn teils Wochen und sogar monatelang fest, in manchen Häfen durfte er noch nicht einmal zum Einkaufen das Boot verlassen. Für Jon Sanders im Prinzip kein Novum – «Alleine auf dem Boot bin ich ja gewohnt!» – doch dass es dabei nicht vorwärts ging, machte ihn nervös. Aber was soll’s, unterm Strich dauerte so die Weltumseglung nur einfach ein paar Wochen länger. Und, hey, was bedeuten in so einem Alter schon ein paar Wochen mehr oder weniger auf See? Eben!

An Land langweile ich mich zu Tode

Doch Jon Sanders untertreibt, wenn er seine Leistungen so lapidar darstellt. Denn die langen Wochen in quarantäne sind nicht nur nervig gewesen, sondern haben sich auch auf seinen Törnplan ausgewirkt. Denn auch in der südlichen Hemisphäre gilt es, Strömungen und Windrichtungen zu beachten. Die logischwereise nicht ewig andauern – auch hier gilt das Motto: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, respektive die See.

Und von deren schlechten Launen hat der Australische Einhandsegler diesmal reichlich was abbekommen. «Wegen der Lockdowns und Quarantänen hinkte ich hinter den Wettersystemen her,» berichtete Sanders, als er am 31. Januar 2021 wieder in seinem Heimathafen Freemantle anlegte. Entsprechend wild sei der Ritt um die Welt diesmal gewesen. Zu häufig wehte es gegean, wo doch eigentlich beste Surfbedingungen herrschen sollten bei achterlichem Wind. Oder die Sturmsaison setzte überpünktlich ein, so der Ü-80-Segler von übelsten Wettersystem erwischt wurde.

Alter Mann auf dem Meer: Jon Sanders
Alter Mann auf dem Meer: Jon Sanders © mindeero foundation, Emma Dolzadelli

Penibler Höhepunkt dann vor Tahiti. Dort erwischte eine 10-Meter-Welle Sanders 39-Fuß-Yacht «Perie Banou», legte sie «aufs Ohr» und schleuderte den Skipper durch die Kajüte. Resultat: zwei gebrochene Rippen.

«Und was macht man mit gebrochenen Rippen? Genau – nichts. Sie müssen von alleine heilen. Also konnte ich auch gleich weitersegeln,» gab Sanders zurück in Freemantle lapidar zu Protokoll.

Übrigens, als er Wochen später vor Australien aufkreuzte, machte er dann wieder einen durchaus fitten Eindruck – auf See heilt eben alles besser, meint Jon Sanders.

Mikroplastik überall

Was für ihn bei dieser Weltumseglung jedoch neu war: Der Australier segelte auch im Dienste der Wissenschaft. Während seiner Reise filterte Sanders jeden Tag eine Stunde lang 115 Liter Meerwasser durch eine speziell entwickelte Pumpe, die durch ein Loch im Rumpf seines Bootes das Wasser ansaugt.

Ein Loch unterhalb der Wasserlinie ist riskant. Aber es ermöglichte Sanders, bei jedem Wetter Hunderte von Wasserproben aus dem Indischen Ozean, dem Atlantik, dem Pazifik und dem Südlichen Ozean zu sammeln.

«Als jemand, der mehr als 60 Jahre damit verbracht hat, die Weltmeere zu durchqueren und zu genießen, kann ich nun wirklich nicht mehr untätig zusehen, wie dieselbe Umwelt mit Plastikmüll erstickt wird», sagte Sanders zu Beginn seiner Weltumrundung.

«Aber dass es so schlecht um die Meere bestellt ist – das hätte ich mir dann doch nicht erträumen lassen,» gab er nach seiner Rückkehr zu.

noplasticwaste
noplasticwaste © noplasticwaste

Sanders wurde für seinen Törn auch von der philanthropischen Minderoo Foundation des Bergbaumagnaten Andrew Forrest mitgesponsert. Seine entnommenen Wasserproben können den Minderoo-Forschern helfen, eine Datenbank über die Mikroplastikkonzentration auch in ansonsten eher unzugänglichen Meeresgewässern zu erstellen und zukünftige Veränderungen zu verfolgen.

Der Umwelttoxikologe Dr. Alan Scarlett von der Curtin University im Australischen Perth hat Mikroplastikpartikel, die kleiner als ein Sandkorn sind, in praktisch jeder von Sanders' Proben gefunden.

«Es waren so ziemlich alle gängigen Kunststoffe, die man auch in einem Haushalt finden würde, vorhanden», sagt Scarlett.

Zwei Proben, die 600 km vor der Küste Brasiliens entnommen wurden, enthielten dreimal mehr Plastik als die aus dem Indischen Ozean. «Auch wenn meine Proben ja eigentlich nur eine Momentaufnahme sind, zeigen sie dennoch, dass Plastik überall in den Ozeanen zu finden ist. Bloß weil man es mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann, ist es dennoch omnipräsent,» berichtet Sanders bestürzt.

Entsprechend bezeichnet der «alte Mann auf dem Meer» diese letzte Weltumseglung als die vielleicht schwierigste, aber wahrscheinlich sinnvollste aller Reisen, die er bisher im Kielwasser gelassen hatte. «Endlich ging es nicht nur um mich und die See, sondern um die Menschen und die Ozeane!»

Ob denn jetzt endlich Schluss sei mit dem ganzen Weltunseglungs-Gedöns, wurde Jon Sanders nach seiner Rückkehr in fast schon traditioneller Manier gefragt. «Leute, ihr stellt mir aber auch jedes Mal die gleichen Fragen,» antwortete Sanders. «Ich habe gerade im Hafen festgemacht. Und nein, morgen werde ich nicht wieder raussegeln. Aber wer weiß schon was übermorgen ist? Und ob ich mich in einer Woche nicht schon wieder langweile? Für mich gilt noch immer: Sag’ niemals nie!»

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