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Das Blaue vom Himmel

Autor: Erdmann Braschos

Glaubt man den bunten Blättern und Websites der Bootsbranche, ist der Wassersport die reine Warenwelt. Es geht um's Kaufen und Verkaufen, das nächstgrößere, neue Boot mit mehr Platz, mehr Komfort und pfiffigen Extras.

Das Blaue vom Himmel
Vor Anker Desroches© Peter König

Von Messesaison zu Weltneuheit wird uns mehr, mehr, mehr und das Blaue vom Himmel noch dazu versprochen. Dabei kann das Seglerglück bereits darin bestehen, einfach mal das vorhandene Boot zu nutzen. Etwas aus dem zu machen, was man bereits hat. Ganz gleich, ob es eine betagte Jolle, ein kleiner Kabinenkreuzer oder ein Oldtimer ist. Wenn Sie damit am richtigen Tag im richtigen Gewässer ablegen, gibt’s das Blaue vom Himmel dazu.

Das hat Peter König neulich mit seinem 30m2 Mälarboot gemacht. Dieser Schärenkreuzer ist 11,50m lang und 2m breit, federleicht und achtzig Jahre alt. Man kann damit am Wochenende wunderbar auf Binnengewässern wie dem Mälarsee westlich von Stockholm und anderen Seen ein paar stilvoll schöne Schläge machen. Oder von Mahé zu einem Ausflug zu den Atollen der Afrikanischen Bank ablegen. Mahè ist die Hauptinsel der Seychellen. Falls Sie mal bei der Suche nach einem exotischen Urlaubsziel in Reiseprospekten geblättert haben: die Seychellen liegen zwischen Madagaskar und Indien, weit draußen im Meer. Es ist nicht das übliche Segelrevier für einen Schärenkreuzer, dessen 57cm Bordwand bei Krängung flott bis zur Deckskante wegtauchen. Aber es gibt ja noch das Süll, ein knöchelhohes Mahagonibrett hinter dem Kajütaufbau. Es hält das meiste vom Meer draußen. Und es gibt eine Pumpe. Die schafft 100 Liter die Minute.

Rückfahrt Rückfahrt © Peter König

Weil die Ansteuerung eines Atolls nur bei Tageslicht gut geht, haben König und sein Segelfreund Juan Bareso erst am fühen Nachmittag in Mahé abgelegt. So bleibt ihnen die Nacht für die Überfahrt und der nächste Tag zur Passage des Korallensaums. Für Landgänge zieht Everglow, so heißt das Boot, ein unsinkbares GfK-Dinghy hinter sich her.

Es weht mit 5 Windstärken aus Süd. Die Wogen gehen hoch. Es braucht etwas Mut, mit 260 Grad durch die Finsternis des Indischen Ozeans Richtung Afrika zu pflügen. Aber König ist ein versierter Segler. Er schwärmt von weiß schäumenden Wogen im Mondlicht. Nennenswert Platz bietet der Unterschlupf dieses Bootes nicht. Da die Beiden sich mit Steuern und Schlafen ohnehin abwechseln, langt eine halbwegs trockene Koje in Lee zum Ausruhen.

Im Indischen Ozean Im Indischen Ozean © Peter König

120 Meilen sind es von Mahé zur Afrikanischen Bank. Die putzt Everglow in 18 Stunden flott weg. Morgens gegen acht, wenn der normale Pendler im Stop and Go zur Arbeit rollt, segeln die Beiden über leuchtend grünes Wasser im Schutz des Korallenriffs zu ihrem Ankerplatz. Die Insel ist eine von Gestrüpp und fünf Kokusnußpalmen begrünte Sandbank mitten im Meer. Das Grollen der Brandung im Korallensaum, der im Rigg summende Wind und das Geschrei unzähliger Seeschwalben und Lummen füllt die Luft. Kein WLAN, keine das Hirn verkleisternde «Nachrichten», kein Bullshit. Was für eine Welt!

Bis vor kurzem noch war die Ansteuerung der westlichen Seychellen wegen Piraterie verboten. Als ein abgerockter Kahn mit einigen unrasierten Gesellen in der Lagune auftaucht, kommen den beiden Ausflüglern Zweifel. Dieser Törn scheint ein ganz blödes Ende zu nehmen. Doch die Besucher erweisen sich als Fischer und ganz gewöhnliche Eierdiebe, die nur kurz zum Einsammeln der gefragten Delikatesse vorbei schauen.

Vier Tage bleiben König und Bareso in der Wildnis zwischen Sonne und Meer. Nicht ganz freiwillig, weil sechs Windstärken in der offenen See von vorne für Everglow zu viel sind. Nach sonnendurchglühten Stunden am Strand lassen die Beiden es sich mit Serrano Schinken, Oliven, Penne mit einer Kapern Tomatensauce und Corned Beef gut gehen. Sie feixen über die Begegnung mit den Eierdieben «Die sahen aus wie frisch für einen Piratenfilm gecastet».

Natürlich hat das Paradies seinen Preis: Die Nächte am unruhigen Ankerplatz in der vom Wind durchfauchten und von Strömung durchspülten Lagune sind strapaziös. So geht es bei der ersten Gelegenheit weiter zum 35 Meilen entfernten D’Arros, wo an einem geschützten Liegeplatz sogar mal an Bord gekocht werden kann. Da bleibt die Bialetti für den Espresso sogar auf dem Gaskocher stehen. Beim nächsten Schlag nach Desroches sinkt der Meeresgrund auf über 3.000m. Die Wogen werden lang und berechenbarer als auf dem flachen, von Strömungen überspülten Amirantes Plateau.

Vor Anker Vor Anker © Peter König

Knapp 400 Meilen segeln die beiden mit ihrem Seychellenkreuzer im Lauf ihrer zehntägigen Robinsonade, das unsinkbare GfK Beiboot an langer Leine im Schlepp. Die Rückreise von Desroches nach Mahé wird angesichts drohender Flaute zur Zitterpartie. Ohne Wind wären die 123 Meilen zur Durststrecke geworden.

Das Spektrum passender Bedingungen, wo Wind und Seegang solch einen Törn im Indischen Ozean mit einem flachbordig-filigranen Mälarboot zulassen, ist klein. Der 6,5 Knoten Schnitt mit Beiboot im Schlepp und die verschwindend geringe Nutzung des Außenborders zeigen, dass sich das betagte Boot für die Robinsonade zur Afrikanischen Bank eignete. So eine vintage-Windmühle macht auch in ihrem achten Jahrzehnt allerhand aus dem Wind.

Ablegen Port Launay Ablegen Port Launay © Peter König

DAS MALÄRBOOT
Das sogenannte Mälarboot entstand als Einheitsklasse und Schärenkreuzervariante mit 15m2, 22m2, 25m2 und 30m2 Segelfläche.


MALÄR 30
132 Exemplare, gebaut in verschiedenen Werften. Everglow entstand bei der angesehenen, für ihre Qualität geschätzen Plym Werft.
Konstrukteur: Lage Eklund
Länge: 11,50m
Breite: 2,06m
Tiefgang: 1,40m
Verdrängung (leer): 2,35t
Vermessene Segelfläche: 30m2


AUSRÜSTUNGSLISTE

  • Notfalltasche mit Signalraketen, Fackeln, Wasser, Keksen, Takak, mobilem Satellitentelefon
  • zwei mobile GPS Empfänger (einer in Notfalltasche)
  • UKW Sprechfunk in Notfalltasche
  • kleine Motorradbatterie für Positionslaternen
  • Solarpanel zum Laden der Batterie
  • 16kg CQR Anker mit 15m Kettenvorlauf (8mm) und 30m Leine
  • Rettungsinsel
  • unsinkbares Beiboot, im Schlepp mit Persenning abgedeckt
  • 2 PS Außenborder für Everglow und Beiboot, zwei Ruder, zwei Paddel, 15 l Sprit
  • fest installierte Bilgenpumpe Typ Whale Titan
  • Wantenschneider, Werkzeug, übliche Ersatzteile, Leinen
  • zwei Kompasse
  • Ferngläser, Fackeln, Stirnlampen
  • alle verfügbaren Papierseekarten der Britischen Admiralität
  • Cruising Guides (25 Jahre alt)
  • zwei Focks, Genua, Groß mit einer Reffreihe, Spinnakerbäume
  • Sonnensegel und Windbeutel zur Ventilation der Kajüte
  • 120 l Wasser und Lebensmittel, etwas Gin und Whiskey
  • zwei kleine Camping Gasflaschen, Geschirr, Töpfe, Bialetti
  • vier Kühlboxen

Thema

Segeln

VG Wort Zählmarke

Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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