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Klassiker5 min Lesezeit

Das Blaue vom Himmel

Seglerglück mit dem Schärenkreuzer «Everglow» im Indischen Ozean

Das Blaue vom Himmel
Hier passt der Lack zum Gewässer: Desroches im Südwesten der Seychellen © Peter Koenig

Glaubt man den bunten Blättern und Websites der Bootsbranche, ist der Wassersport die reine Warenwelt. Es geht ums Kaufen und Verkaufen, das nächstgrößere Boot mit mehr Platz, Extrakomfort und dem vorerst letzten Schrei.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 09.01.2018, aktualisiert am 07.09.2023

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • die Geschichte eines kühnen Törns mitten im Indischen Ozean
  • wie die Ansteuerung des korallenumsäumten Atolls gelang
  • was der frühere Klassiker-Bootsmakler Peter König heute macht
  • wie der Törn vorbereitet wurde
  • spezielle Sicherheitsvorkehrungen
  • Informationen zum Bootstyp, der 30 qm Mälar Schärenkreuzerklasse

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Von Messesaison zu Weltneuheit wird uns immer mehr und dazu noch das Blaue vom Himmel versprochen. Dabei besteht das Seglerglück vielleicht einfach darin, etwas aus dem zu machen, was man bereits hat. Ganz gleich, ob es eine betagte Jolle, ein kleiner Kabinenkreuzer oder ein Klassiker ist. Wenn Sie damit am richtigen Tag im richtigen Gewässer ablegen, gibt’s das Blaue vom Himmel gratis dazu. Das Revier spielt fast keine Rolle, wobei es rings um die Seychellen zwischen dem 4. und 10 Grad südlicher Breite natürlich besonders schön ist.

Los gings von Port Launay im Westen von Mahé
Los gings von Port Launay im Westen von Mahé © Peter Koenig

Das hat der langjährige Hamburger Klassikerspezialist und Bootsmakler Peter König neulich mit seinem 30 Quadratmeter Mälarboot gemacht. Dieser Schärenkreuzer ist 11,50 m lang, ganze 2 Meter breit, federleicht und achtzig Jahre alt. Man kann damit am Wochenende wunderbar auf Binnengewässern wie dem Mälarsee westlich von Stockholm und anderen Seen ein paar stilvoll schöne Schläge machen. Oder von Mahé zu einem Ausflug zu den Atollen der afrikanischen Bank ablegen. Mahè ist die Hauptinsel der Seychellen. Falls Sie mal bei der Suche nach einem exotischen Urlaubsziel in Reiseprospekten geblättert haben: die Seychellen liegen zwischen Madagaskar und Indien, ziemlich weit draußen im Meer. Es ist nicht gerade das übliche Segelrevier für einen Schärenkreuzer, dessen 57 Zentimeter Bordwand bei Krängung flott bis zur Deckskante wegtauchen. Aber es gibt ja noch den Süllrand, dieses knöchelhohe Mahagonibrett hinter dem Kajütaufbau. Es hält das meiste vom Meer draußen. Und es gibt eine Pumpe. Die schafft 100 Liter die Minute.

«Everglow» unterwegs im Indischen Ozean
«Everglow» unterwegs im Indischen Ozean © Peter Koenig

Weil die Ansteuerung eines Atolls nur bei Tageslicht klappt, legen König und sein Segelfreund Juan Bareso erst am frühen Nachmittag in Mahé ab. So bleibt ihnen die Nacht für die Überfahrt und der nächste Tag zur Suche der Durchfahrt und sicheren Passage des Korallensaums. Für Landgänge zieht «Everglow», so heißt das lindgrüne Boot (englisch für Immerleuchtend) ein unsinkbares GfK-Dinghy hinter sich her.

Es weht mit 5 Windstärken aus Süd. Die Wogen gehen hoch. Es braucht etwas Mut, mit 260 Grad durch die Finsternis des Indischen Ozeans Richtung Afrika zu pflügen. Aber König ist ein versierter Segler. Er schwärmt von weiß schäumenden Wogen im Mondlicht. Nennenswerten Platz bietet der Unterschlupf des Schärenkreuzers nicht. Da die beiden sich mit Steuern und Schlafen ohnehin abwechseln, langt eine halbwegs trockene Koje in Lee zum Ausruhen.

Vogelkolonie auf einem Eiland der African Bank
Vogelkolonie auf einem Eiland der African Bank © Peter Koenig

120 Meilen sind es von Mahé bis zur afrikanischen Bank. Die putzt «Everglow» in 18 Stunden weg. Morgens gegen acht, wenn der normale Landlebens-Pendler zur schlimmsten Stunde der Rushhour im Stop-and-Go Modus zur Arbeit rollt, schweben die beiden über leuchtend grünes Wasser im Schutz des Korallenriffs zum Ankerplatz. Die Insel ist eine von Gestrüpp und fünf Kokosnusspalmen begrünte Sandbank mitten im Meer. Das Grollen der Brandung im Korallensaum, der im Rigg summende Wind und das Geschrei unzähliger Seeschwalben und Lummen füllt die Luft. Kein WLAN, keine einzige, das Hirn verkleisternde «Nachricht», zero «Social Media», kein Bullshit. So kann die Welt auch sein.

Bis vor kurzem noch war die Ansteuerung der westlichen Seychellen wegen Piraterie verboten. Jetzt scheint es ein Paradies zu sein - bis plötzlich ein abgerockter Kahn mit einigen unrasierten Gesellen in der Lagune auftaucht. Der Törn scheint für Bareso, König, «Everglow» und ihr Beiboot ein richtig blödes Ende zu nehmen. Doch die Besucher erweisen sich als Fischer und Eierdiebe, die nur kurz zum Einsammeln der gefragten Delikatesse vorbeischauen.

Leider unruhiger Schaukelplatz in einer durchströmten Lagune der African Bank
Leider unruhiger Schaukelplatz in einer durchströmten Lagune der African Bank © Peter Koenig

Vier Tage bleiben König und Bareso in der Wildnis zwischen Sonne und Meer. Nicht ganz freiwillig, weil sechs Windstärken in der offenen See von vorne für das flachbordige Boot zu viel sind. Nach sonnendurchglühten Stunden am Strand lassen die beiden es sich mit Serrano Schinken, Oliven, einer Penne mit einer Kapern Tomatensauce und Corned Beef gut gehen. Sie holen tief Luft und feixen über die Begegnung mit den Eierdieben. «Die sahen aus wie frisch für einen Piratenfilm gecastet».

Leider hat das Paradies außer diesem Schrecken einen weiteren Preis: Die Nächte am unruhigen Ankerplatz, in der vom Wind durchfauchten und von Strömung durchspülten Lagune sind strapaziös. Und es gibt einen variablen Wasserstand. So geht es bei der ersten Gelegenheit weiter zum 35 Meilen entfernten D’Arros, wo an einem geschützten Liegeplatz sogar an Bord mal gekocht werden kann. Hier bleibt die Bialetti für den Espresso endlich auf dem Gaskocher stehen. Beim nächsten Schlag nach Desroches sinkt der Meeresgrund auf über 3.000 m. Die Wogen werden lang und berechenbarer als auf dem flachen, von Strömungen überspülten Amirantes Plateau.

Langer Ritt: Müde steuert Peter König seine «Everglow» zurück nach Mahé
Langer Ritt: Müde steuert Peter König seine «Everglow» zurück nach Mahé © Juan Bareso

Knapp 400 Meilen segeln die beiden mit ihrem Seychellenkreuzer im Lauf ihrer zehntägigen Robinsonade, das unsinkbare GfK Beiboot an langer Leine im Schlepp. Die Rückreise von Desroches nach Mahé wird angesichts drohender Flaute zur Zitterpartie. Ohne Wind wären die 123 Meilen eine Durststrecke geworden.

Das Spektrum passender Bedingungen, wo Wind und Seegang solch einen Törn im Indischen Ozean mit einem flachbordig-filigranen Mälarboot zulassen, ist klein. Der 6,5 Knoten Schnitt mit Beiboot im Schlepp und die verschwindend geringe Nutzung des Außenborders zeigen, dass sich das betagte Boot für die Robinsonade zur afrikanischen Bank eignete. So eine vintage-Windmühle macht auch in ihrem achten Jahrzehnt allerhand aus dem Wind.

Land in Sicht: die Seychelleninsel Mahé
Land in Sicht: die Seychelleninsel Mahé © Peter Koenig

DAS MALÄRBOOT

Der ursprünglich schwedische Schärenkreuzer ist eine Konstruktionsklasse, wo sich jeder Eigner innerhalb gewisser Vorschriften eine Sonderanfertigung nach seinen Vorstellungen entwerfen und bauen lassen kann. Das sogenannte Mälarboot entstand als Einheitsklasse und Schärenkreuzervariante mit 15 qm, 22 qm, 25 m qm und 30 qm Segelfläche.

MALÄR 30

132 Exemplare, gebaut in verschiedenen Werften. «Everglow» entstand bei der angesehenen, für ihre Qualität geschätzten Plym Werft südöstlich von Stockholm.
Konstrukteur: Lage Eklund
Länge: 11,50 m
Breite: 2,06 m
Tiefgang: 1,40 m
Verdrängung (leer): 2,35 t
Vermessene Segelfläche: 30 qm

Ausrüstung

  • Notfalltasche mit Signalraketen, Fackeln, Wasser, Keksen, Takak, mobilem Satellitentelefon
  • zwei mobile GPS Empfänger (einer in Notfalltasche)
  • UKW Sprechfunk in Notfalltasche
  • kleine Motorradbatterie für Positionslaternen
  • Solarpanel zum Laden der Batterie
  • 16 kg CQR Anker mit 15 m Kettenvorlauf (8 mm) und 30 m Leine
  • Rettungsinsel
  • unsinkbares Beiboot, im Schlepp mit Persenning abgedeckt
  • 2 PS Außenborder für Everglow und Beiboot, zwei Ruder, zwei Paddel, 15 l Sprit
  • fest installierte Bilgenpumpe Typ Whale Titan
  • Wantenschneider, Werkzeug, übliche Ersatzteile, Leinen
  • zwei Kompasse
  • Ferngläser, Fackeln, Stirnlampen
  • alle verfügbaren Papierseekarten der britischen Admiralität
  • 25 Jahre alte Cruising Guides
  • zwei Focks, Genua, Groß, mit einer Reffreihe, Spinnakerbäume
  • Sonnensegel und Windbeutel zur Ventilation der Kajüte
  • 120 l Wasser und Lebensmittel, etwas Gin und Whiskey
  • zwei kleine Camping Gasflaschen, Geschirr, Töpfe, Bialetti
  • vier Kühlboxen
VG