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Das Blaue vom Himmel

Seglerglück mit dem Schärenkreuzer «Everglow» im Indischen Ozean

Das Blaue vom Himmel
Ankerplatz vor Desroches südwestlich der Seychellen © Peter Koenig

Glaubt man den bunten Blättern und Websites der Bootsbranche, ist der Wassersport die reine Warenwelt. Es geht um's Kaufen und Verkaufen, das nächstgrößere Boot mit mehr Platz, mehr Komfort und Extras.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 09.01.2018

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • ein kühner Törn mitten im Indischen Ozean
  • wie die Ansteuerung des korallenumsäumten Atolls gelang
  • was der frühere Klassiker-Bootsmakler Peter König heute macht
  • Sicherheitsvorkehrungen für solch einen Törn
  • Informationen über die Mälar 30 Schärenkreuzerklasse

Von Messesaison zu Weltneuheit wird uns mehr, mehr, mehr und dazu noch das Blaue vom Himmel versprochen. Dabei besteht das Seglerglück bereits darin, etwas aus dem zu machen, was man bereits hat. Ganz gleich, ob es eine betagte Jolle, ein kleiner Kabinenkreuzer oder ein Klassiker ist. Wenn Sie damit am richtigen Tag im richtigen Gewässer ablegen, gibt’s das Blaue vom Himmel gratis dazu.

Abfahrt von Port Launay im Westen von Mahé
Abfahrt von Port Launay im Westen von Mahé © Peter Koenig

Das hat Peter König neulich mit seinem 30 Quadratmeter Mälarboot gemacht. Dieser Schärenkreuzer ist 11,50 m lang und 2 m breit, federleicht und achtzig Jahre alt. Man kann damit am Wochenende wunderbar auf Binnengewässern wie dem Mälarsee westlich von Stockholm und anderen Seen ein paar stilvoll schöne Schläge machen. Oder von Mahé zu einem Ausflug zu den Atollen der Afrikanischen Bank ablegen. Mahè ist die Hauptinsel der Seychellen. Falls Sie mal bei der Suche nach einem exotischen Urlaubsziel in Reiseprospekten geblättert haben: die Seychellen liegen zwischen Madagaskar und Indien, ziemlich weit draußen im Meer. Es ist nicht das übliche Segelrevier für einen Schärenkreuzer, dessen 57 Zentimeter Bordwand bei Krängung flott bis zur Deckskante wegtauchen. Aber es gibt ja noch das Süll, dieses knöchelhohe Mahagonibrett hinter dem Kajütaufbau. Es hält das meiste vom Meer draußen. Und es gibt eine Pumpe. Die schafft 100 Liter die Minute.

Mälarboot unterwegs im Indischen Ozean
Mälarboot unterwegs im Indischen Ozean © Peter Koenig

Weil die Ansteuerung eines Atolls nur bei Tageslicht gut geht, legten König und sein Segelfreund Juan Bareso erst am fühen Nachmittag in Mahé ab. So blieb ihnen die Nacht für die Überfahrt und der nächste Tag zur Passage des Korallensaums. Für Landgänge zieht Everglow, so heißt das Boot, ein unsinkbares GfK-Dinghy hinter sich her.

Es weht mit 5 Windstärken aus Süd. Die Wogen gehen hoch. Es braucht etwas Mut, mit 260 Grad durch die Finsternis des Indischen Ozeans Richtung Afrika zu pflügen. Aber König ist ein versierter Segler. Er schwärmt von weiß schäumenden Wogen im Mondlicht. Nennenswert Platz bietet der Unterschlupf dieses Bootes nicht. Da die Beiden sich mit Steuern und Schlafen ohnehin abwechseln, langt eine halbwegs trockene Koje in Lee zum Ausruhen.

Vogelkolonie auf einem Eiland der African Bank
Vogelkolonie auf einem Eiland der African Bank © Peter Koenig

120 Meilen sind es von Mahé zur Afrikanischen Bank. Die putzt Everglow in 18 Stunden flott weg. Morgens gegen acht, wenn der normale Pendler im Stop and Go zur Arbeit rollt, segeln die Beiden über leuchtend grünes Wasser im Schutz des Korallenriffs zu ihrem Ankerplatz. Die Insel ist eine von Gestrüpp und fünf Kokusnußpalmen begrünte Sandbank mitten im Meer. Das Grollen der Brandung im Korallensaum, der im Rigg summende Wind und das Geschrei unzähliger Seeschwalben und Lummen füllt die Luft. Kein WLAN, keine das Hirn verkleisternde «Nachrichten», kein Bullshit. So kann die Welt auch sein.

Bis vor kurzem noch war die Ansteuerung der westlichen Seychellen wegen Piraterie verboten. Als ein abgerockter Kahn mit einigen unrasierten Gesellen in der Lagune auftaucht, scheint dieser Törn ein blödes Ende zu nehmen. Doch die Besucher erweisen sich als Fischer und gewöhnliche Eierdiebe, die nur kurz zum Einsammeln der gefragten Delikatesse vorbei schauen.

Ein leider unruhiger Ankerplatz in einer durchströmten Lagune der African Bank
Ein leider unruhiger Ankerplatz in einer durchströmten Lagune der African Bank © Peter Koenig

Vier Tage bleiben König und Bareso in der Wildnis zwischen Sonne und Meer. Nicht ganz freiwillig, weil sechs Windstärken in der offenen See von vorne für Everglow zu viel sind. Nach sonnendurchglühten Stunden am Strand lassen die Beiden es sich mit Serrano Schinken, Oliven, Penne mit einer Kapern Tomatensauce und Corned Beef gut gehen. Sie feixen über die Begegnung mit den Eierdieben «Die sahen aus wie frisch für einen Piratenfilm gecastet».

Natürlich hat das Paradies seinen Preis: Die Nächte am unruhigen Ankerplatz in der vom Wind durchfauchten und von Strömung durchspülten Lagune sind strapaziös. So geht es bei der ersten Gelegenheit weiter zum 35 Meilen entfernten D’Arros, wo an einem geschützten Liegeplatz sogar mal an Bord gekocht werden kann. Da bleibt die Bialetti für den Espresso sogar auf dem Gaskocher stehen. Beim nächsten Schlag nach Desroches sinkt der Meeresgrund auf über 3.000 m. Die Wogen werden lang und berechenbarer als auf dem flachen, von Strömungen überspülten Amirantes Plateau.

Langer Ritt: Peter König steuert "Everglow" zurück nach Mahé
Langer Ritt: Peter König steuert "Everglow" zurück nach Mahé © Juan Bareso

Knapp 400 Meilen segeln die beiden mit ihrem Seychellenkreuzer im Lauf ihrer zehntägigen Robinsonade, das unsinkbare GfK Beiboot an langer Leine im Schlepp. Die Rückreise von Desroches nach Mahé wird angesichts drohender Flaute zur Zitterpartie. Ohne Wind wären die 123 Meilen zur Durststrecke geworden.

Das Spektrum passender Bedingungen, wo Wind und Seegang solch einen Törn im Indischen Ozean mit einem flachbordig-filigranen Mälarboot zulassen, ist klein. Der 6,5 Knoten Schnitt mit Beiboot im Schlepp und die verschwindend geringe Nutzung des Außenborders zeigen, dass sich das betagte Boot für die Robinsonade zur Afrikanischen Bank eignete. So eine vintage-Windmühle macht auch in ihrem achten Jahrzehnt allerhand aus dem Wind.

Land in Sicht: die Seychelleninsel Mahé
Land in Sicht: die Seychelleninsel Mahé © Peter Koenig

DAS MALÄRBOOT

Der usprünglich schwedische Schärenkreuzer ist eine Kostruktionsklasse, wo sich jeder Eigner innerhalb gewisser Vorschriften eine Sonderanferigung nach seinen Vorstellungen entwerfen und bauen lassen kann. Das sogenannte Mälarboot entstand als Einheitsklasse und Schärenkreuzervariante mit 15 qm, 22 qm, 25m qm und 30 qm Segelfläche.

MALÄR 30

132 Exemplare, gebaut in verschiedenen Werften. Everglow entstand bei der angesehenen, für ihre Qualität geschätzen Plym Werft.
Konstrukteur: Lage Eklund
Länge: 11,50 m
Breite: 2,06 m
Tiefgang: 1,40 m
Verdrängung (leer): 2,35 t
Vermessene Segelfläche: 30 qm

Ausrüstung

  • Notfalltasche mit Signalraketen, Fackeln, Wasser, Keksen, Takak, mobilem Satellitentelefon
  • zwei mobile GPS Empfänger (einer in Notfalltasche)
  • UKW Sprechfunk in Notfalltasche
  • kleine Motorradbatterie für Positionslaternen
  • Solarpanel zum Laden der Batterie
  • 16 kg CQR Anker mit 15 m Kettenvorlauf (8 mm) und 30 m Leine
  • Rettungsinsel
  • unsinkbares Beiboot, im Schlepp mit Persenning abgedeckt
  • 2 PS Außenborder für Everglow und Beiboot, zwei Ruder, zwei Paddel, 15 l Sprit
  • fest installierte Bilgenpumpe Typ Whale Titan
  • Wantenschneider, Werkzeug, übliche Ersatzteile, Leinen
  • zwei Kompasse
  • Ferngläser, Fackeln, Stirnlampen
  • alle verfügbaren Papierseekarten der Britischen Admiralität
  • 25 Jahre alte Cruising Guides
  • zwei Focks, Genua, Groß mit einer Reffreihe, Spinnakerbäume
  • Sonnensegel und Windbeutel zur Ventilation der Kajüte
  • 120 l Wasser und Lebensmittel, etwas Gin und Whiskey
  • zwei kleine Camping Gasflaschen, Geschirr, Töpfe, Bialetti
  • vier Kühlboxen

VG