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Seekrankheit, das böse Histamin

Autor: Carsten Kemmling

Es gibt viele Faktoren, die das Unwohlsein auf See verstärken. Welche Strategie die beste Wirkung verspricht.

Seekrankheit, das böse Histamin
Harte Bedingungen auf hoher See © Amory Ross / Team Alvimedica / Volvo Ocean Race

Es könnte so schön sein. Eigentlich besteht beim Menschen doch eine natürliche Nähe zum Wasser und deshalb verbringen er gerne seine Freizeit auf einem Boot. Aber selten wird er sich seiner Unvollkommenheit so bewusst, als wenn er sich für eine längere Zeit per Boot auf dem Wasser bewegt. Die Seekrankheit kann jeden treffen. Neun von zehn Menschen erfahren sie in ihrem Leben, und so richtig gute Patentrezepte für absolute Immunität gibt es immer noch nicht.

Dabei ist die Geschichte der Seekrankheit so alt wie die der Seefahrt. Die Probleme auf alten Kriegsschiffen waren weniger die Kanonen der Gegner als das Übel mit der Übelkeit. Ein Bericht von 1864 beschreibt, dass auf einem Linienschiff schon mal 800 von 900 Matrosen infolge von Seekrankheit ausgefallen sind.

Tausende wissenschaftliche Studien wurden schon zu dem Thema veröffentlicht, und immer wieder kommen neue hinzu. Aber das Rätsel scheint sich einfach nicht lösen zu lassen. Warum haben manche Menschen mehr und andere weniger mit dem Übel zu kämpfen?

Gesichert ist, dass die Seekrankheit zu den Bewegungskrankheiten zählt, die auch in Bussen, Autos oder Flugzeugen auftreten. Augen, Bewegungsapparat und Gehirn sind mitverantwortlich. Das Auge hat Einfluss, weil Übelkeit auch in 3D-Kinos auftreten kann. Aber auch Blinde werden seekrank.

Prinzipiell kommt es immer dann zu Problemen, wenn die Wahrnehmung über die Augen nicht zu dem passt, was der Mensch fühlt. Es kommt zu einer Missinformation im Gehirn. Das Gleichgewichtsorgan sendet Signale, die vom optischen Eindruck abweichen.

Dann werden Stresshormone ausgeschüttet, und besonders Histamin spielt dabei eine große Rolle. Dieser Stoff ist als primäre Ursache für das Auftreten von Übelkeit identifiziert worden. Wenn der Histaminspiegel zu hoch wird, tritt Seekrankheit auf. Das heißt, Gegenmaßnahmen sollten dieses Hormon abbauen, blockieren oder es gar nicht erst auftreten lassen.

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Die Bedeutung der Ernährung

Deshalb kommt die Ernährung ins Spiel. Denn in zahlreichen Lebensmitteln ist Histamin enthalten. Wenn man vor einer Seereise auf diese verzichtet, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, am Übel zu erkranken. Histamin findet sich vor allem in leicht verderblicher eiweißreicher, tierischer Nahrung wie Fisch und Fischprodukten und in solcher, die im Verlauf der Verarbeitung, Reifung und Lagerung biochemischen und mikrobiellen Veränderungen unterliegt.

Dazu zählen bestimmte Käsesorten, Rohwurst, roher Schinken, Sauerkraut, Spinat, Hefeextrakte, Wein und Bier. Auch in langsam reifenden Käse- und Wurstsorten (u. a. Gruyère, Roquefort, Salami) finden sich höhere Konzentrationen, wie in bestimmten Fischarten wie Makrele, Thunfisch oder mariniertem Hering. Empfehlenswert sind auf See dagegen histaminfreie Speisen wie alle frischen Lebensmittel mit Ausnahme von Spinat und Tomaten.

Auf der anderen Seite ist festgestellt worden, dass Vitamin C einen abbauenden Einfluss auf den Histaminspiegel hat. Mindestens zwei Gramm Vitamin C täglich schon vor dem Törn eingenommen können die Seekrankheit unterdrücken. Beim Auftreten von Symptomen sollte dann zusätzlich Vitamin C in Form von 500-mg-Kautabletten über die Mundschleimhaut aufgenommen werden.

Wenn Vitamin C nicht ausreicht und man doch zum Medikament greifen muss, hat sich die Gruppe der Antihistamine bewährt. Dabei scheint der Wirkstoff Cinnarizin gut zu funktionieren. Er kann aber sehr müde machen. Idealerweise sollte man eine Woche vor dem Törn mit der Einnahme von 75-mg-Cinnarizin-Kapseln (ein- bis zweimal täglich) beginnen. Das Medikament blockiert die Histamin-Bindungsstellen (Rezeptoren) im Gehirn. Die Müdigkeitserscheinungen, die bei manchen als Nebenwirkungen eintreten, vergehen nach einigen Tagen.

Das wohl beliebteste Präparat Scopolamin zählt dagegen nicht zu der Medikamentengruppe der Antihistaminika. Trotzdem wirkt es. Dieses Alkaloid, dessen Wirkstoff auf einer giftigen Stickstoffverbindung basiert, unterdrückt den Histamin-Anstieg nicht. Aber es wird ihm eine Einflussnahme auf die Übertragung der Reize im Gehirn zugesprochen. Problematisch an dem Wirkstoff, der über ein Pflaster hinter dem Ohr übertragen wird, ist eine Beeinträchtigung des Nahsehens. In besonderen Fällen kann er sogar Halluzinationen verursachen. Und er behindert die Gewöhnung an die Bewegungen auf See.

Wenn alles nichts hilft, kann Schlaf eine wirksame Gegenmaßnahme sein. Im Ruhemodus sinkt der Histaminspiegel ebenfalls ab. Auch mit Entspannungstechniken können die Symptome der Seekrankheit gelindert werden. Generell hat die Gedankenwelt einen großen Einfluss auf das Übel. Deshalb gibt es so viele Methoden und Produkte, die von verschiedensten Herstellern propagiert werden. Dabei ist ihr Effekt meist nicht größer als der eines Placebos. Akkupressurbänder fallen in diese Rubrik.

Sicher ist dagegen, dass es einige Beschleuniger für die auftretenden Probleme gibt. Unter Deck schwingende Gardinen zum Beispiel lösen einen Augen-Reflex aus, der das Unwohlsein beschleunigt. Aber auch Angst, Müdigkeit, Schlafmangel, Gerüche und besonders Frieren verstärken das Gefühl.

Beruhigend mag sein, dass im Alter die Anfälligkeit abnimmt. Und auf See sollte nach zwei bis drei Tagen ein Gewöhnungseffekt eintreten. Aber für viele Geplagte ist das nur ein schwacher Trost.

Autor

Carsten Kemmling

Geschrieben von

Segel-Journalist (segelreporter.com), Reporter, Match-Racer, Fahrtensegler.

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