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Raymond Charles Hunt

Autor: Erdmann Braschos

Angesichts heutiger Motorboote kann man sich kaum vorstellen, dass sie jemals anders aussahen. Jedes Unterwasserschiff einer schnellen Motoryacht hat im Prinzip die gleiche Form, ein ausgeprägtes V (siehe: Die V-Frage), das sie durch die Wellen schneiden und zugleich gleiten lässt. Ausgedacht hat sich das ein vielseitiger Amerikaner.

Raymond Charles Hunt
Dick Bertrams 31 Füßer© Hunt Yachts

Im Juli 1958 gehen die Wogen vor Newport hoch. Ein kräftiger Südost schiebt den Atlantik ruppig zusammen. Anlässlich einer Regatta zur Auswahl des Amerika Pokal Verteidigers wird Dick Bertram auf ein kleines Begleitboot aufmerksam. Konstrukteur Ray Hunt prescht mit seinem 7 Meter Flitzer mit beeindruckendem Tempo über Wellenberge und -täler. Am gleichen Tag bestellt Bertram einen 9 ½ Meter Spritsäufer mit der sogenannten Hunt-Form.

Damit hat sich hat ihr Schöpfer Ray Hunt, der Spross einer Fischer- und Seglerfamilie südlich von Boston, seit den Vierzigerjahren beschäftigt. Seine ersten Entwürfe hatten noch ein von vorn nach achtern flacheres V mit entsprechend gekrümmten Bodenplatten. Achtern lief der Bootsboden annähernd waagerecht aus.

Ray Hunt Ray Hunt © Ray Hunt Design

Hunts revolutionäres Unterwasserschiff mit dem ausgeprägten und bis achtern konstant durchgezogenen V revolutioniert das Motorbootfahren. Die vom Bug zum Heck einheitliche Aufkimmung von 24 Grad (der Winkel wird zwischen dem Bootsboden und der Waagerechten gemessen) erlaubt im Seegang ein ganz anderes Tempo. Bemerkenswert ist, dass es trotz beharrlicher Entwicklung, Schlepptankversuche und immer neuer Experimente bei rauhwassertauglichen Speedbooten bis heute bei diesem Winkel geblieben ist.

1960 schreibt Bertram mit seinem ersten Hunt-Entwurf beim 160 Meilen Rennen von Miami nach Nassau dann Motorboot-Geschichte. Die Strecke durch das ruppige Gewässer des Golfstroms ist ein Härtetest für Mensch und Material. Hier zerlegt es Rümpfe, knacken Stringer, brechen Tanks und Motorfundamente aus dem Boot. Bertram deklassiert die Konkurrenz mit einem erschütternd eintägigen Vorsprung. Seitdem kommt für schnelle Motorboote nur noch die Hunt-Form in Frage und Bertram laminiert im großen Stil rauhwassertaugliche Motorboote.

Brave Moppie Brave Moppie © Betram Yachts

Die Fachzeitschrift «Nautical Quartely» feierte Hunt einmal als «New England Archimedes». Angesichts der Bedeutung, die das rauhwassertaugliche Motorboot für den Wassersport weltweit hat, ist die Bezeichnung passend.

Im Vergleich zu seinen Konstrukteurs-Kollegen hat Hunt (1908 - 78) wenige Boote gezeichnet. Dafür sind seine Entwürfe hinreißend wie die legendäre Fahrtenyawl vom Typ Concordia, bis heute eine der schönsten Tourenyachten überhaupt. Mit diesem Boot schrieb die Bremische Werft Abeking & Rasmussen bis 1966 den Epilog des Serien-Holzbootsbaues. Die Ray Hunt Konstruktion wurde 103 mal gebaut. Dank des starken Dollar war Deutschland für die Amerikaner damals ein Billiglohnland. Die Concordia war hübsch, gediegen, handlich und praktisch. 1955 hinterließ er mit seiner Concordia # 55 namens «Harrier» gemeinsam mit seinen Söhnen in Cowes und bei der Fastnet Regatta bleibenden Eindruck. Es gibt einen weltweiten Fanclub und wunderbare Bücher über diesen Ray Hunt Entwurf.

Ein weiterer großer Wurf war der Boston Whaler, den Hunt gemeinsam mit Kollegen entwickelte. Dick Fisher hatte ursprünglich an eine unsinkbare Jolle zum Segeln gedacht. Hunt fand Dick Fishers Idee zwar interessant, meinte aber. «Wenn Du mit der neuen schaumgefüllten Glasfaser-Bauweise Stückzahlen erreichen willst, musst Du ein Motorboot bauen». Dann entwickelte er das Boot dazu. Im Unterschied zur Hunt-Form war der Boston Whaler eine breite Wanne mit enormer Formstabilität. Die ideale Plattform zum Ankern, Angeln, Abhängen, Wasserski fahren oder als Beiboot. Der Evergreen wurde zigtausend mal gebaut. Hunt hat für sein Konzept ganze 850 Dollar bekommen.

Hunt war ein Kopf, der rasch zum Kern einer Sache vordrang und sich nicht von Einzelheiten oder Randfragen ablenken ließ. Ideen mussten rasch umgesetzt werden. Sein Mitarbeiter Fenwick Williams erinnerte Hunt als ungeduldig. Für die detailliert ausgeführte Zeichnung interessiert Hunt sich nicht. Er war rastlos, eine endlos sprudelnde Quelle immer neuer Ideen.

Für den Mann des großen Wurfs war seine Lieblingsbeschäftigung, das Regattasegeln, ähnlich wie die Börsenspekulation eine Art Schach. Wer zur rechten Zeit die richtigen Entscheidungen tritt, ist erfolgreich. Hunt war einer der besten Steuerleute Amerikas. Eine richtige Ausbildung hat er nie absolviert. Während des Krieges verdiente er mit dem einträglichen Hummerfang Geld. Bald dachte er über die Verbesserung der Hardware dazu nach und skizzierte ein Boot, das ihn schneller zu den Bojen der Hummerkörbe und zurückbringt. Bereits in den Dreißigerjahren hatte er sich mit einem neuartigen Bootsbaumaterial, mit Sperrholz beschäftigt. Auch damit war Hunt früh dran. 1960 segelte er vor Neapel Gold im 5,5er. Drei Jahre später wurde er in der Klasse Weltmeister. Seinen ersten 5,5er hatte er wenige Jahre vorher für Ted Hood auf der Rückseite eines Briefumschlags skizziert.

Ray Hunts 7m Motorboot 1958 Ray Hunts 7m Motorboot 1958 © Ray Hunt Design

Leider hatte der talentierte Segler mit der allseits bewunderten Begabung Winddreher zu ahnen mit seinem America‘s Cupper «Easterner» keinen Erfolg. Sein Entwurf kam weder 1958 noch 1962 zum Zug. 1958 machte er den gravierenden Fehler, einem Journalisten zu früh von seiner Hunt-Form zur erzählen. Die Veröffentlichung sollte sich während eines Patentstreits für Hunt später rächen.

Sein 1966 in Boston gegründetes Büro Hunt Associates variiert die Hunt-Form bei Motoryachten bis heute und konstruiert Lotsenboote für die amerikanischen Ost- und Westküste. Namhafte Marken oder Werften wie Baltic Yachts, Bertram, Camper & Nicholson, Chris Craft, Emocean Marine, Grand Banks oder Little Harbour ließen oder lassen vom Spezialisten für rauhwassertaugliche Motorboote zeichnen.

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Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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