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Traum von einer Yacht

Autor: Michael Kunst
  

Träumen wird man ja wohl noch dürfen. Selbst eingefleischte Karbon-Fanatiker und Foil-Fetischisten sehen sich gerne Filme und Fotos über eine „Grande Dame“ an, die zwar ungestraft als „betagt“ bezeichnet werden darf, der man aber immer im gleichen Atemzug pure Schönheit, ästhetische Linien und geschmackvolle Kleidung attestiert.
Die Rede ist von einer atemberaubenden Klassikyacht, die auf den etwas atypisch anmutenden Namen „Mariquita“ (Marienkäfer) getauft wurde. Und derzeit erneut allen Klassik-Liebhabern die Köpfe verdreht.

Traum von einer Yacht

Reden wir von Schönheit, Anmut, Eleganz und von den Träumen, die damit verbunden sind. Viele Segler geraten beim Anblick dieser klassischen Yacht ins Schwärmen. Das Seglerherz pumpt, wenn solch eine Schönheit im schönsten Gewand aus Groß, Toppsegel, Fock, Klüver und Flieger aufkreuzt.

„Verdammt schnell“

Der Anblick der „Mariquita“, dem 19mR-Gaffel-Rennkutter aus dem Jahre 1911, gezeichnet von William Fife III, ist seit über einhundert Jahren für alle Seglergenerationen ein Objekt der Begierde.

Das Kunstwerk von Konstrukteur William Fife III wird allerdings nur selten in der Best-of-Liste des Schotten genannt. Offenbar eigneten sich Yachten, die in erster Linie Regattasilber gewinnen sollten (Shamrock I und II, Moonbeam, Dragon, Tuiga etc.) schon aus PR-spezifischen Gründen besser.

Doch William Fife III soll einmal gesagt haben, dass er auf den 19 mR-Gaffel-Rennkutter „Mariquita“ besonders stolz sei.

Was allzu verständlich ist. Bei einer Länge über alles von 38,1 Metern (zwischen Nock von Klüver- und Großbaum (38 m), Länge über Deck (29 m), Wasserlinie (19 m)), unter einer Segelfläche von 582 qm und bei einer Verdrängung von 69 Tonnen segelte der Gaffel-Rennkutter „verdammt schnell“, wie sich sein erster Eigner, der Industriebaron Arthur Stothert, gleich nach den ersten Törns begeisterte.

Die „Great 19s“

Die „Mariquita“ läutete gemeinsam mit ihren nahezu zeitgleich gebauten Schwesterschiffen Corona, Octavia und Norada unter der neu geschaffenen 19 mR-Formel das Zeitalter des Big Class-Segelns ein.

Vor dem 1. Weltkrieg waren die „Great 19s“ auf fast allen (damals) großen Regattabahnen unterwegs: vor Kiel, Le Havre, Dartmouth, Cork, Cowes, Harwich… überall wo die 19 MR-Yachten auftauchten, wurde es spektakulär.

Nach nur drei Saisons war dann Schluss mit lustig – im ersten Weltkriegsjahr wurde die „Mariquita“ nach Norwegen verkauft, wo sie in den Gewässern des neutralen Staates fünf Jahre buchstäblich friedlich segelte, während sich die restliche Welt abschlachtete.

Nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs galten alle 19 mR-Yachten als verschollen oder waren tatsächlich abgewrackt worden. Nur wenige Eingeweihte wussten, dass die „Mariquita“ zumindest noch zum Teil überlebt hatte.

Die Yacht war mittlerweile wieder nach Großbritannien veräußert worden und hegte drei Jahrzehnte lang ein eher trauriges Dasein als… Hausboot. Ohne Mast, ohne Kiel, fest verankert in den Tidengewässern des Flusses Orwell bei Pinmill, nahe Suffolk sanken die ästhetischen Linien der „Mariquita“ immer tiefer in den schwarzen Gezeitenschlamm.

Bis William Collier und Albert Obrist 1991 nach langer Recherche herausfanden, welch ein Schatz da im Orwell vor sich hinmoderte.

Die beiden Klassiker-Fanatiker initiierten ein Restaurations-Projekt, das bis heute als eines der professionellsten überhaupt bezeichnet wird. Bei „Fairlie Restorations“ wurden die Reste der Yacht vollständig zerlegt, um daraufhin von 2001 bis 2004 nach den Original-Plänen, mit größtenteils Original-Hölzern exakt so wieder aufgebaut zu werden, wie es William Fife III mit einem seufzenden „Well done!“ wohl gefallen hätte.

Die Eigner der „Mariquita“ wollten mit diesem Projekt nicht nur eine alte Schönheit vor dem sicheren Untergang retten, sondern auch den Ethos alter Bootsbaukunst aufrecht erhalten.

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Eine Crew mit Organisationstalent

So begann eine zweite „Traumzeit“ für die „Mariquita“. Seit 2004 segelte der „Marienkäfer“ Jahr für Jahr bei allen wichtigen und großen Klassiker-Regatten im Mittelmeer, Atlantik und Solent.

Dabei machte der Gaffel-Rennkutter seinem Ruf alle Ehre und ersegelte Podiumsplätze, schaffte aber auch legendäre Siege gegen Erzrivalen wie „Moonbeam“ und „Cambria“. Ausgerechnet bei ihrer letzten Regatta vor Cowes, schaffte die „Mariquita“-Crew, die den Klassiker übrigens ohne moderne Hilfsmittel wie Mehrgang- oder Motor-Winschen im alten Stil bewegt, nochmals spektakuläre Siege.

Über viele Jahre hinweg galt dabei die „Mariquita“ nicht nur optisch als wahr gewordener „Traum von einer Yacht“ – ihr Crew-Management war ebenso vorbildlich wie ohnegleichen. Was als „Mariquita-Methode“ bekannt geworden ist, war vor allem hervorragend funktionierende Seemannschaft einer 12 – 15 Personen starken Crew, die bei den einschlägigen Klassiker-Regatten durch hervorragend ausgeführte Manöver und im After-Sail-Partyzelt als Stimmungsmacher punktete.

Mit gegenseitigem Respekt, klar abgegrenzten Rechten und Pflichten, eindeutig zugewiesenen Aufgabenbereichen und einer lang im Voraus dargestellten Timeline machte die „Mariquita“ und ihre Crew auch organisatorisch Furore.

Traumhaft? Traumhaft!

Und jetzt mal ehrlich: Wohl wissend, dass diese buchstäbliche Traumyacht für das Kleingeld von dreieinhalb Millionen Euro zum Verkauf steht… stutzt man da nicht ein wenig? Ganz so wie beim Lottospiel: Was wäre wenn? Was wäre, wenn ich diese Schönheit aus Holz segeln dürfte? Wenn ich an diesem doch eigentlich ziemlich kleinen Steuer den „Vogel fliegen“ lassen dürfte?

Mal ganz abgesehen davon, dass in der Kasse Ebbe mit hohem Koeffizenten herrscht – wäre das nicht auch ein Projekt für all’ die Kumpel und Freunde, mit denen man in der letzten Zeit segelte. Wenn über ein halbes Tausend Quadratmeter Segelfläche über einem aufragen und das Flieger-Segel diesem sowieso schon majestätischen Gewand die Krone aufsetzt?

Die Crew zieht zu Fünft am Fall den Klüver hoch, drei andere holen die Schot dicht. Und du drehst ganz leicht am Steuerrad, fällst leicht ab, die „Mariquita“ krängt sanft nach nach Lee, die Logge zeigt am Wind schon lockere 12 Knoten… wäre all das nicht traumhaft?

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Autor

Michael Kunst

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Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
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