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Die Winschen nicht vergessen

Autor: Erdmann Braschos
  

Wir Segler haben sie ständig vor Augen. Die Winsch macht jahrein jahraus ihren Job. Deshalb vergißt man, sich um sie zu kümmern.

Die Winschen nicht vergessen
Winsch © E. Braschos

Der führende Hersteller Lewmar empfiehlt allen Ernstes, Winschen zwei bis dreimal jährlich zu warten. Dem dänischen Hersteller Andersen zufolge langt bei üblicher Nutzung – keine Regatten, kein Chartereinsatz – ein zweijähriges Wartungsintervall. Angesichts der normalen Nutzung von Freizeitbooten erscheint die Lewmar Empfehlung praxisfern.

Denn es gibt neben den Winschen weitere Ausstattungen wie den Motor, das Getriebe, die Rollanlagen usw. zu warten. Würde man alles an Bord gemäß Checkheft pflegen, bliebe dem berufstätigen Eigner mit Familie und weiteren Verpflichtungen kaum Gelegenheit, mit seinem Boot überhaupt mal abzulegen.

Neulich meldete sich eine Fallwinsch bei mir mit einem seltsamen Geräusch. Also öffnete ich die Winsch gleich am nächsten Morgen. Meist tut es ein gängiger Schraubenzieher aus dem Bordwerkzeug. Für manche Modelle ist Spezialwerkzeug nötig, welches an Bord zur Hand sein und nicht igendwo zuhause liegen sollte.

Die Trommel ließ sich nach dem Lösen der Sicherung des Selftailing Arms flott vom Sockel heben. Der erste Blick auf die Lager und Zahnräder ergab nichts. Aber dabei fiel mir ein, daß ich das Innenleben der Winsch länger nicht mehr gereinigt und gefettet hatte. Ich hatte die Winsch vor einer Weile neu gekauft. Außerdem gab es keinen Wartungsplan, wie ich ihn für übliche Arbeiten rings um den Motor, das Getriebe und andere Themen in einem Fach des Kartentischs parat habe.

Wenn Sie Ihr Boot gebraucht gekauft haben oder schon länger mit Ihren Winschen unterwegs sind: Der nächste Hafentag ist eine gute Gelegenheit für die vermutlich überfällige Wartung.

1. Öffnen Sie die Winsch und klären bei der Gelegenheit, mit welchem Modell und Baujahr oder Serienummer Sie unterwegs sind. Diese Angaben sind bei manchen Modellen auf den Sockel gestanzt und für die Beschaffung des geeigneten Manuals und passender Ersatzteile wichtig. Oft hilft auch das ungefähre Alter und ein Foto vom Kopf der Schottrommel. Damit kann der Hersteller die Winsch identifizieren.

Da die Hersteller im Lauf der Jahre oder Jahrzehnte die Bauweise ihrer Winschen ändern, reicht es leider nicht, wenn sie Zubehör beispielsweise zu einer Andersen 46 oder Lewmar 16 bestellen. Der Händler muß wissen, von wann die Winsch ist oder um welche Serie es sich handelt. Bei den Andersen Winschen neueren Datums ist das auf den Bronzesockel graviert. Läßt sich die Gravur nach Abnehmen der Trommel nicht auf Anhieb erkennen, reiben Sie den Sockel mit etwas Metallpolitur ein und die Gravur wird sichtbar.

2. Sollten Sie keine Unterlagen zu den Winschen an Bord haben, dann beschaffen Sie sich diese bei nächster Gelegenheit. Die Bedienungsanleitung mit Wartungshinweisen, Explosionszeichnung und Stückliste per Download ist über die Website der Hersteller oder Händler zu bekommen. Sie haben später bei der Ersatzteilbeschaffung viel bessere Karten, wenn Sie Teile, die zur Fortsetzung Ihres Törns unentbehrlich sind, anhand dieser Informationen und Bestellnummer passend beschaffen.

3. Es lohnt sich, gängiges Zubehör wie Sperrklinken, Federn und spezielles Winschenfett parat zu haben. Kleinteile gehen bei einem Mißgeschick beim Zerlegen einer Winsch schon mal verloren.

4. Zur Reinigung brauchen Sie eine kleine Schüssel oder Wanne – die Sie vermutlich ohnehn für Arbeiten am Motor (Filterwechsel) in der Backskiste liegen haben. Außerdem Waschbenzin oder ein ähnliches Hausmittel zum Entfetten, eine Dose WD40, eine alte Zahnbürste oder einen Pinsel, Latexhandschuhe, einen Behälter für die zerlegten Kleinteile und eine halbe bis eine Stunde Zeit.

Da es zahlreiche Winschenhersteller gab und noch gibt, von Andersen, Antal, über Barlow, Barient, Harken, Lewmar, Meißner oder Setamar und jedes Fabrikat im Detail unterschiedlich ist, gibt es keine universelle Anleitung. Aber grundsätzlich sind die meisten Winschen ähnlich aufgebaut. Ein Beispielvideo von Lewmar finden Sie unten.

Vor der Arbeit an seitlich auf dem Süll sitzenden und außenbords geneigten Schotwinschen legen Sie ein großes Tuch, zum Beispiel eine Persenning auf die Fußleiste und Reling oder beginnen die Zerlegung des Innenlebens vorsichtshalber mit einem Helfer. Sollte beim Zusammenbau der Winsch nach der Wartung ein Teil fehlen läßt sich die Winsch nicht mehr nutzen.

Wenn Sie die Trommel abgehoben haben, drehen Sie die Zahnräder langsam mit der eingesetzten Winschkurbel und hören sich die offene Mechanik aus der Nähe an: Klingt sie metallisch und heiser, ist die Winsch trocken und braucht dringend neues Fett.

Auszug Lewmar Manual @ Lewmar Auszug Lewmar Manual @ Lewmar

Nach der Beseitigung von Schmutz und Resten alten Fetts werden die Lager und Zahnräder mit speziellem Winschenfett geschmiert. Schauen Sie sich bei der Gelegenheit die Sperrklinken an und prüfen deren Bewegung, ein- und ausgeklappt. Die kleinen Federn sollten die Sperrklinken leichtgängig und mit vergleichbarer Kraft nach außen drücken. Ermüdete Federn werden ersetzt. Achten Sie beim Zusammenbau darauf, das die Sperrklinken richtig herum montiert sind. Sonst stoppen sie die Winsch nicht. Die Außenkanten müssen gut im außen laufenden Zahnkranz sitzen. Bei Unsicherheiten dokumentieren Sie mit ein paar Handyfotos, wie die Winsch vor dem Zerlegen zusammengebaut war.

Die Sperrklinken werden nicht mit Winschenfett geschmiert, da es die Klinken schwergängig macht. Hierfür nehmen Sie WD40 oder ein ähnliches Mittel, zum Beispiel einen Tropfen Motoröl. Es ist schon vorgekommen, daß durch ungeeignetes, verharztes Fett verklebte Sperrklinken eine belastete Winsch plötzlich freilaufen ließ. Steckt dann eine Kurbel in der Winde und es sitzt jemand daneben, führt die rotierende Winschkurbel zu Verletzungen.

Beim Zusammenbau der Winsch orientieren neben den empfohlenen Handyfotos die Montageanleitung und die Explosionszeichnung des Manuals. Nach der Montage hören Sie sich die gewartete Winsch noch einmal aus der Nähe an. Die Klinken sollten jetzt satt und nicht mehr heiser und metallisch klingend einrasten. Abschließend machen Sie die Wartung sämtlicher Winschen mit einem Wartungsplan zur zweijährigen Routine.

Auszug Lewmar Manual @ Lewmar Auszug Lewmar Manual @ Lewmar
Klinkenmontage @ Lewmar Klinkenmontage @ Lewmar

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Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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