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Das stehende Gut angucken

Wanten und Stagen sind Verschleißteile und gelegentlich zu erneuern

Das stehende Gut angucken
Mit erneuerten Wanten wird auch bei viel Wind unbesorgt gesegelt © E. Braschos

Kennen Sie das? Sie sind bei herrlichem Segelwind unterwegs und haben gesetzt, was das Boot gerade noch verträgt. Es macht Spaß, doch spätestens jetzt taucht die Frage auf, ob das Rigg hält.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 05.07.2017

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Rigg-Knowhow eines langjährigen Praktikers
  • welche Intervalle zum Wechseln einzuhalten sind
  • wie sich Alterung und Bruch ankündigen
  • worauf beim Auftakeln zu achten ist
  • wie das Rigg unterwegs kontrolliert wird
  • wann Terminals verbraucht sind
  • wie preiswert gewechselt wird

Diese Spaßbremsenfrage ist nicht schön aber berechtigt. Denn Mastbrüche durch ausgereckte Wanten, nachlässig montierte Wantenspanner, überlastete Terminals oder Korrosion kommen vor. Viele Segler betrachten Edelstahl als endlos haltbares Material. Das trifft beim Kochgeschirr zu, beim stehenden Gut leider nicht. Aufhängungen im Mast (Terminals), Wanten, Stagen und dazu gehörenden Spanner, werden bei Wind und Seegang erheblich in Anspruch genommen. Das stehende Gut ist Verbrauchsmaterial und nach 15 Segelsommern oder 25 Tausend gesegelten Meilen sprichwörtlich am Ende.

Von Exoten abgesehen ist das stehende Gut üblicherweise aus sogenanntem 1 x 19 Nirostadraht. Dieses Material hat den Vorteil, das es etwas nachgibt und so die Ruckbeanspruchung durch hartes Einsetzen im Seegang oder Böen abgefedert an die Beschläge im Mast und ans Boot abgibt. Leider schwindet diese schonende Eigenschaft im Lauf der Jahre. Der Draht dehnt sich. Deshalb lassen sich Wanten immer weiter spannen. Irgendwann - erfahrungsgemäß nach 15 Jahren oder 25 Tausend Meilen - hat der Draht seine Elastizität verloren, was zu Haarrissen und zum Bruch an den Beschlägen führt. Deshalb sollten Sie bei Übernahme eines gebrauchten Bootes fragen, ob die Wanten und Stagen schon mal erneuert wurden. Da sich die wenigsten Eigner um dieses Detail kümmern, die Arbeit und vor allem die Kosten scheuen, sind Wamten und Stagen meist uralt.

Beim Wechsel des stehenden Guts taucht immer wieder die Frage auf, ob bei der Gelegenheit gleich auf höherwertige und dehnungsarme Ware, wie bei Regattabooten zu sehen, umgerüstet werden sollte. Bei einem Serienboot empfiehlt sich das nicht, weil es dafür nicht gebaut ist. Wie heißt es so schön? Never change a running system. Bleiben Sie bei der bewährten Machart. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant zu wissen, dass Klassiker wie der 19 m-R Gaffelkutter «Mariquita» bewußt mit labberigen Wanten im Hafen liegt. Das ganze System, bestehend aus Mast, Wanten und den im Boot verankerten Rüsteisen ist aufeinander abgestimmt und elastisch. Deshalb hält es lange.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Sie ihre Wanten ab und zu genau anschauen sollten. Im entlasteten Zustand baumeln sie lose in Lee. Ähnlich wie eine Büroklammer durch häufiges Biegen weich wird, biegt der Draht oberhalb der Pressung und ist nach endloser Wiederholung irgendwann so weit geschwächt, dass die ersten Litzen brechen. Dann ist es höchste Zeit für den Wechsel.

Dieser Wantenspanner brach, weil ein Toggle fehlte
Dieser Wantenspanner brach, weil ein Toggle fehlte © Battermann & Tillery

Wer das Intervall zum Wechsel der Drähte einhält, passende Bolzen nimmt und diese mit geeigneten Stift- nicht den häufig zu sehenden Rundsplinten sichert, die Gelenkstücke – Toggles genannt – bei Wanten und Stagen nicht vergißt, segelt sicher. Prüfen Sie bei auffrischendem Wind die gleichmäßige Biegungdes Mastes, dann können Sie es auch bei ruppigen Bedingungen krachen lassen. Ich schaue mir jedes Frühjahr nach dem Auftakeln und Trimm des Mastes bei den ersten mit Krängung gesegelten Schlägen den Mast an. Hängt er irgendwo durch? Für Wellen oder Dellen ist die Maströhre nicht gebaut. Der Mast kann etwas nach Lee und soll bei angezogenem Achterstag durchaus nach achtern biegen. Aber es muß eine gleichmäßige Krümmung sein. Ein welliger Masttrimm läßt sich leicht mit nachgezogenen Unter-, Mittel- oder Oberwanten beseitigen. Schwergängige Spanner lassen sich entlastet in Lee von Hand nachziehen. Damit Sie den Masttrimm nicht jedes Frühjahr neu erfinden müssen, empfiehlt es sich, die jeweilige Wantenspannerstellung mit einem Maßband auszumessen, die Abstände zu notieren und die bekannten Längen dann einzustellen.

Die Gewinde der Wantenspaner sollten sauber gehalten und alljährlich mit wasserfestem Fett eingerieben werden, sonst verschleißen sie vorzeitig. Torsten Rust, Sachverständiger der Battermann & Tillery Global Marine GmbH, erläutert: «Selbst bei bester Pflege und Nutzung hochwertiger Legierungen sind die Standzeiten der Gewinde begrenzt. Empfohlen wird ein Wechsel nach 8 bis 10 Jahren, bei intensiver Nutzung früher.»

Von diesem verschlissenen Gewinde riß die Wantenspannerhülse ab
Von diesem verschlissenen Gewinde riß die Wantenspannerhülse ab © Battermann & Tillery

Auch die in den Aluminiummast heute üblicher Machart eingelassenen Aufhängungen für die T-Terminals der Wanten sind auf Verschleißspuren wie ausgemergelte Zugaufnahmen und etwaige Haarrisse hin zu prüfen. Für den handwerklich geschickten Eigner ist der Wechsel der Bleche mit dem richtigen Werkzeug und Material (Bohrmaschine, Durchschlag, Neuteil, passende Nieten aus einer Speziallegierung samt Nietzange) eine Sache von Minuten.

Es sind Kleinigkeiten wie vertauschte Bolzen, nicht zum Bolzen passende Splinte oder verschlissenes Zubehör, das bei viel Wind über die Sicherheit entscheidet. Gerät das Schiff nach einem Mastbruch in Ufernähe bei auflandigem Wind in die Brandung, ist es wahrscheinlich verloren. Bestenfalls kommen Sie, Ihre Familie oder Segelfreunde mit dem Schrecken davon. Die Beseitigung des Schadens wird ein teurer Spaß (neues Rigg, neue Segel). Oft ramponiert der gebrochene Mast in stürmischer See das Deck und den Kajütaufbau.

Die Spannung der Ober-, Mittel- und Unterwanten ist aufeinander abgestimmt
Die Spannung der Ober-, Mittel- und Unterwanten ist aufeinander abgestimmt © E. Braschos

Als Eigner eines gängigen Markenbootes wenden Sie sich am besten an den Bootshändler. Er sollte die Maße kennen und Ihnen die Drähte mit den passenden Terminals (Endstücken) fertig konfektioniert in der passenden Länge beschaffen. Wenn Ihnen der Wechsel des gesamten stehenden Guts zu viel Mühe macht oder auf einen Rutsch zu teuer erscheint, machen Sie es in Etappen. Zunächst die Wanten, später die Stagen. Die beste Gelegenheit dazu ist das Einwintern des Bootes im Herbst. Da wird das stehende Gut eh vom Mast abgenommen. Statt es an Bord zu verstauen legen Sie es in den Kofferraum bringen es Ihrem Takler.

Ich empfehle das 92-seitige Heft des schwedischen Mastenbauers Seldén mit Hinweisen zum Thema. Es sollte an Bord liegen, auch wenn Sie keinen Mast dieses angesehenen Herstellers haben.

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VG