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Stehendes Gut angucken – Wanten und Stagen halten nicht ewig

Autor: Erdmann Braschos
  

Kennen Sie das? Sie sind bei herrlichem Segelwind unterwegs und haben gesetzt, was das Boot gerade noch verträgt. Es macht Spaß, aber irgendwann fragen Sie oder einer Ihrer Segelfreunde sich, ob das Rigg hält.

Stehendes Gut angucken – Wanten und Stagen halten nicht ewig
Mit erneuerten Wanten segeln Sie auch bei viel Wind unbesorgt © Braschos

Diese Spaßbremsenfrage ist nicht schön aber berechtigt. Denn Mastbrüche durch ausgereckte Wanten, nachlässig montierte Wantenspanner, überlastete Terminals oder Korrosion kommen vor. Viele Segler betrachten Edelstahl als endlos haltbares Material. Was beim Kochgeschirr zutrifft, gilt beim erheblich von Wind und Seegang beanspruchten stehenden Gut, bestehend aus den Aufhängungen im Mast (den Terminals), Wanten, Stagen und dazu gehörenden Spannern, leider nicht. Das stehende Gut ist sprichwörtlich Verbrauchsmaterial. Es ist nach 15 Segelsommern oder 25 Tausend gesegelten Meilen sprichwörtlich am Ende. Wußten Sie das?

Von Exoten abgesehen ist das stehende Gut üblicherweise aus sogenanntem 1 x 19 Nirostadraht. Dieses Material hat den Vorteil, das es etwas nachgibt und so die Ruckbeanspruchung durch hartes Einsetzen im Seegang oder Böen abgefedert an die Beschläge im Mast und ans Boot abgibt. Leider schwindet diese schonende Eigenschaft im Lauf der Jahre. Der Draht dehnt sich. Deshalb lassen sich Wanten immer weiter spannen. Irgendwann - erfahrungsgemäß nach 15 Jahren oder 25 Tausend Meilen - hat der Draht seine Elastizität verloren, was zu Haarrissen und zum Bruch an den Beschlägen führt. Deshalb sollten Sie bei Übernahme eines gebrauchten Bootes fragen, ob die Wanten und Stagen so alt wie das Boot sind, oder schon mal ersetzt wurden. Da sich die wenigsten Eigner um dieses Detail kümmern, Arbeit und Kosten scheuen, unterbleibt der Wechsel meist.

Beim Wechsel des stehenden Guts taucht immer wieder die Frage auf, ob bei der Gelegenheit gleich auf höherwertige und dehnungsarme Ware, wie bei Regattabooten zu sehen, umgerüstet werden sollte. Bei einem Serienboot empfiehlt sich das nicht, weil es dafür nicht gebaut ist. Wie heißt es so schön? Never change a running system. Bleiben Sie bei der bewährten Machart. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht interessant zu wissen, dass Klassiker wie der 19 m-R Gaffelkutter «Mariquita» bewußt mit labberigen Wanten im Hafen liegt. Das ganze System, bestehend aus Mast, Wanten und den im Boot verankerten Rüsteisen ist aufeinander abgestimmt und elastisch. Deshalb hält es lange.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Sie ihre Wanten ab und zu genau anschauen sollten. Im entlasteten Zustand baumeln sie lose in Lee. Ähnlich wie eine Büroklammer durch häufiges Biegen weich wird, biegt der Draht oberhalb der Pressung und wird nach endloser Wiederholung irgendwann so weit geschwächt, dass die ersten Litzen brechen. Dann ist es höchste Zeit für den Wechsel.

Dieser Wantenspanner brach, weil ein Toggle fehlte © Batterman & Tillery Dieser Wantenspanner brach, weil ein Toggle fehlte © Batterman & Tillery

Wer das Intervall zum Wechsel der Drähte einhält, passende Bolzen nimmt und diese mit geeigneten Stift- nicht den häufig zu sehenden Rundsplinten sichert, die Gelenkstücke – Toggles genannt – bei Wanten und Stagen nicht vergißt segelt sicher. Achten Sie bei auffrischendem Wind auf die wünschenswert gleichmäßige Mastbiegung, dann können Sie es auch bei ruppigen Bedingungen krachen lassen. Ich schaue mir jedes Frühjahr nach dem Auftakeln und Trimm des Mastes bei den ersten mit Krängung gesegelten Schlägen den Mast an. Ist die Biegung gleichmäßig? Hängt er irgendwo durch? Wellen oder Dellen mag die Maströhre gar nicht. Dafür ist sie nicht gebaut. Der Mast kann etwas nach Lee oder achtern weg biegen. Aber es muß eine gleichmäßige Krümmung sein. Ein welliger Masttrimm läßt sich leicht mit nachgezogenen Unter-, Mittel- oder Oberwanten beseitigen. Schwergängige Spanner lassen sich entlastet in Lee von Hand nachziehen. Damit Sie den Masttrimm nicht jedes Frühjahr neu erfinden müssen, empfiehlt es sich, die jeweilige Wantenspannerstellung mit einem Maßband auszumessen, die Abstände zu notieren und die bekannten Längen einzustellen.

Die Gewinde der Wantenspaner sollten sauber gehalten und alljährlich mit wasserfestem Fett eingerieben werden, sonst verschleißen sie vorzeitig. Torsten Rust, Sachverständiger der Battermann & Tillery Global Marine GmbH, erläutert: «Selbst bei bester Pflege und Nutzung hochwertiger Legierungen sind die Standzeiten der Gewinde begrenzt. Empfohlen wird ein Wechsel nach 8 bis 10 Jahren, bei intensiver Nutzung früher.»

Von diesen verschlissenen Gewinde riß die Wantenspannerhülse ab © Batterman & Tillery Von diesen verschlissenen Gewinde riß die Wantenspannerhülse ab © Batterman & Tillery

Auch die in den Aluminiummast heute üblicher Machart eingelassenen Aufhängungen für die T-Terminals der Wanten sollten Sie auf Verschleißspuren wie ausgemergelte Zugaufnahmen und etwaige Haarrisse hin anschauen. Für einen handwerklich geschickten Eigner ist der Wechsel der Bleche mit dem richtigen Werkzeug und Material (Bohrmaschine, Durchschlag, Neuteil, passende Nieten aus einer Speziallegierung samt Nietzange) eine Sache von Minuten.

Es sind Kleinigkeiten wie vertauschte Bolzen, nicht zum Bolzen passende Splinte oder verschlissenes Zubehör, das bei viel Wind über ihre Sicherheit entscheidet. Gerät Ihr Schiff nach einem Mastbruch in Ufernähe bei auflandigem Wind in die Brandung, ist es wahrscheinlich verloren. Bestenfalls kommen Sie, Ihre Familie oder Segelfreunde mit dem Schrecken davon. Die Beseitigung des Schadens wird ein teurer Spaß (neues Rigg, neue Segel). Oft beschädigt ein gebrochener Mast in stürmischer See das Deck und den Kajütaufbau.

Der Zug der Ober-, Mittel- und Unterwanten sollte stimmen © Braschos Der Zug der Ober-, Mittel- und Unterwanten sollte stimmen © Braschos

Als Eigner eines gängigen Markenbootes wenden Sie sich am besten an den Bootshändler. Er sollte die Maße kennen und Ihnen die Drähte mit den passenden Terminals (Endstücken) fertig konfektioniert in der passenden Länge beschaffen. Wenn Ihnen der Wechsel des gesamten stehenden Guts zu viel Mühe macht und zu teuer erscheint, machen Sie es in Etappen. Zunächst die Wanten, später die Stagen. Die beste Gelegenheit für diese Maßnahme ist das Einwintern des Bootes im Herbst. Da nehmen Sie das stehende Gut ohnehin vom Mast ab. Statt es ins Boot zu legen packen Sie es einfach in den Kofferraum und bringen es Ihrem Takler.

Ich empfehle das 92-seitige Dossier mit Informationen und Hinweisen zum Themas, des schwedischen Mastenbauers Seldén. Diese Unterlagen sollten sich ausgedruckt an Bord befinden, auch wenn Sie vielleicht keinen Qualitätsmast dieses angesehenen Herstellers haben.

Thema

Segeln

VG Wort Zählmarke

Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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