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Seeventile: Vorsicht Billigheimer

Warum Armaturen aus günstigem Baumarkt-Messing gefährlich sind

Seeventile: Vorsicht Billigheimer
Alte Armatur mit festsitzendem Seeventil © Swedesail

Bei der Übernahme eines Gebrauchtbootes gibt es viele Themen. Um dieses hier sollten Sie sich bald kümmern, damit Ihr Boot auf Dauer schwimmt.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 30.05.2017

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • warum übliche Messing-Armaturen für Seewasser ungeeignet sind
  • wie Sie Billigheimer erkennen
  • warum Großserienwerften wie Markenhersteller sowas installieren
  • wie namhafte Bootsausrüster ahnungslose Eigner im Unklaren lassen

Dieser Artikel erscheint in zwei Teilen:

Eine Motor- oder Segelyacht hat einige Zu- und Abflüsse. Die Einbaumaschine kriegt Kühlwasser von außenbords. Die Toilette wird mit Seewasser gespült. Der Ankerkasten, die Plicht und die Achterpiek haben eigene Drainagen. Jedes Waschbecken, Dusche und Toilette hat einen eigenen Abfluß. Bei modernen Booten mit mehreren Waschräumen kommen einige Armaturen zusammen.

Sie sitzen nah an der Wasserlinie oder darunter und sind sicherheitshalber mit Ventilen versehen. Jede Armatur besteht aus einer Borddurchführung, dem Ventil mit Absperrhahn und der Tülle zum Anschluß des Schlauchs. Je nach Platzverhältnissen vor Ort ist die Tülle gerade oder gekrümmt. Es gibt sie in

  • Bronze
  • Messing
  • Stahl

Bewährte Armaturen aus Bronze, geeignetem Messing oder Edelstahl sind etwas teurer und halten lange. Früher ging jeder Eigner zurecht davon aus, dass die Installation ewig hält, solange sich das Ventil leichtgängig öffnen und schließen läßt. Geöffnete Ventile im Winterlager ersparen dem Eigner teure Frostschäden. Im Frühjahr etwas Ballistol oder WD 40 von außen auf die Kugel gesprüht, während ein Helfer im Boot das Ventil bewegt - fertig.

Vorsicht bei Messing

Zunehmend üblich, weil billig ist Messing, wie es sonst an Land in jedem Haushalt zu finden ist. Übliches Messing besteht aus einer nicht seewasserbeständigen Kupfer-Zink-Legierung. Sie ist für Frischwasser an Land gedacht und damit durchaus für Boote in Binnenrevier, ansonsten auf Dauer nicht geeignet.

Galvanische Korrosion im salzhaltigen Meerwasser lässt das Zink im Messing verschwinden. Bei einem 40 % Zinkanteil im Messing wird das Bauteil durch den Schwund soweit geschwächt, dass es irgendwann bricht. Die Armatur wird undicht und das Boot läuft voll.

Der Schwund wird durch Kriechströme im Hafenbecken, die eiserne Spundwand oder ein Stahlschiff nebenan beschleunigt. Die Elektrifizierung der Yachten, heute übliche 220 Volt-Anschlüsse, eine unsachgemäße Elektroinstallation in der Nachbarschaft oder die abgebrutzelte Zinkanode eines Nachbarboots beschleunigt den Vorgang. Dann hält die Armatur nicht einmal die vorgeschriebenen fünf Jahre. Höherwertige Messinglegierungen mit einem Messinganteil unter 15 Prozent gelten diesbezüglich als sicher.

Es gibt bei Unterwasserschiffs-Armaturen unsäglichen Pfusch

Nun haben sich die Hersteller etwas einfallen lassen. Zumindest einen Teil der Armatur, das sichbare Ventil, gibt es vernickelt. Man kennt diesen Look vom beschichteten Chrom-Vanadium Schraubenschlüssel. Das sieht gut aus. Mit dieser Optik gilt das für Salzwasser ungeeignete Messing gemäß ISO-Norm für die Dauer von fünf Jahren als «korrosionsbeständig». Laut dieser Norm darf es während fünf Jahren keine Anzeichen von Korrosion geben. Danach ist das Seeventil regelmäßig zu prüfen und gegebenenfalls zu ersetzen. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Nach spätestens fünf Jahren soll er also sämtliche Armaturen turnusmäßig prüfen, obwohl man von außen gar nichts sieht. Die Entzinkung beginnt innen, wo die Armatur mit Seewasser Kontakt hat.

Großserienhersteller wie Bavaria oder Großhändler erklären, vernickelte Ventile entsprächen der ISO Norm. Auch hätte es bisher damit ihres Wissens keine Probleme gegeben. Wie der Kieler Yachtsachverständige Uwe Baykowski aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Bootsbaumeister und Gutachter weiß, stimmt das nicht. Er kennt 30 Fälle, wo die Armaturen infolge Auszinkung durchgegammelt sind. Zwei Schiffe sind deshalb gesunken. Der Hamburger Bootsbauer Jan Böhm, er ist regelmäßig zu Wartungsarbeiten an Yachten der Lütje Werft auch am Mittelmeer unterwegs, berichtet von einem werftneuen Großserienboot, das nach bereits einem Jahr im sonnigen Süden aus diesem Grund auf Tiefe gegangen ist.

Der englische Yachtgutachter Paul Stevens hat hunderte Messingventile samt Zubehör auf ganz unterschiedlichen Booten, billigen und teuren, gesehen. Er fragt: «Warum um alles in der Welt wird ungeeignetes Material für eine derart wichtige Funktion unter der Wasserlinie genommen?»

Tülle futsch: Diese Messingarmatur war 27 Jahre auf einem Boot der angesehenen dänischen Marke Luffe eingebaut
Tülle futsch: Diese Messingarmatur war 27 Jahre auf einem Boot der angesehenen dänischen Marke Luffe eingebaut © Uwe Baykowski

Liegt das Boot ganzjährig in warmem Salzwasser, wird Messing durch Auszinkung eher geschwächt, als in einem nördlichen Revier, wo das Boot ein halbes Jahr an Land steht.

Was ist nun beim Kauf eines Gebrauchtbootes oder nach Übernahme zu tun? Fragen Sie den Verkäufer oder Voreigner des Bootes, was eingebaut ist. Wurden die Armaturen mal gewechselt?

Vorsicht bei

  • Messing 58, auch Tonval, CW617N, CZ122 oder OT58 genannt
  • unspezifiziertem Messing, vom Fachhändler Toplicht irreführend als «Sondermessing» bezeichnet
  • vernickeltem ISO-Norm Billig-Messing mit der Prägung CR (corrosion restistant)
  • Ventilen mit Hebeln aus üblichem Stahl oder sprödem Aluguß: Niemand braucht rostende Hebel, wo die Farbe abblättert oder solche, die brechen
  • einer Mischung verschiedener Metalle wie Messing und Niro

Werften wie Hallberg-Rassy dokumentieren ihre Erzeugnisse vorbildlich, beispielsweise mit einem Ventilplan. Sollte es sowas nicht geben, notieren Sie die Anzahl der Borddurchlässe. Zählen Sie bei Besichtigung des aufgebockten Bootes wie viele Ab- und Zuflüsse es gibt.

Eine Motoryacht oder ein Tourensegelboot üblicher Größe hat ohne weiteres ein Dutzend Borddurchführungen. Die Armaturen werden anhand ihrer Nennweite in Zoll bezeichnet. Meist sind 1, 1 ¼ oder 1 ½ Zoll Abflüsse, ¾ Zoll Zuläufe und beim Auspuff 1 ¾ eingebaut. Beim gediegenen englischen oder skandinavischen Werftbau von beispielsweise Camper & Nicholsons, Baltic, oder Nautor's Swan haben Sie hinsichtlich der Armaturen wahrscheinlich gute Karten.

Wie Sie Billigheimer per Handy an Bord ausfindig machen

Schauen Sie nach, was für Armaturen an Bord eingebaut sind. Bei schlecht zugänglichen Installationen helfen Taschenlampe und Spiegel. Fotografieren Sie was eingebaut ist. Mit dem Handy kommt man fast überall hin. Grünspan an den Armaturen weist auf langlebige Bronze hin.

Das Messing der freigeschabten Borddurchführung ist einwandfrei
Das Messing der freigeschabten Borddurchführung ist einwandfrei © Swedesail

Schaben Sie das Antifouling mit einem Schraubenzieher vom außenbords sitzenden Bund der Borddurchführung. Glänzt das Messing gold ist es in Ordnung. Gibt es rote Verfärbungen, hat die Auszinkung begonnen. Jetzt wissen Sie, welche Armaturen zu wechseln sind.

Bei der sogenannten Opferanode, einem komplett aus Zink bestehenden Bauteil, ist der Materialschwund erwünscht. Das Wegbrutzeln des vergleichsweise unedleren Materials schützt andere Metalle vom Getriebe, Welle, Wellenbock und Propeller vor der Zerstörung durch die gefürchtete galvanische Korrosion.

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VG