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Wenn schon, denn schon – Keine halben Sachen

Autor: Erdmann Braschos
  

Der Kauf und Betrieb eines Segelbootes ist eine ziemlich unvernünftige Sache. Die macht nur konsequent, also richtig unvernünftig, Spaß – mit einem hoffnungslos veralteten, anachronistisch schweren Zwölfer

Wenn schon, denn schon – Keine halben Sachen

So ein Geschoß ist in seiner ansehnlichsten, der Vintage-Ausführung der Dreißiger Jahre, um die 21m lang, etwa 3,5m breit und hat 2,60m Tiefgang. Etwa 16 Tonnen Blei halten 180 Quadratmeter Tuch aufrecht am Wind.

Es gibt keinen zweiten Bootstyp, der mit vergleichbarer Rasanz zur Sache geht. Mit einem Zwölfer segelt man ab zweieinhalb Windstärken gefühlt viel. Ab Drei hat er Wumms, ab Vier macht er süchtig, ab Fünf alle. Er verlangt Geschick, Erfahrung, Teamwork und Übersicht. Deshalb: wenn überhaupt ein Boot, wenn der Betrieb einer richtigen Yacht in Reichweite liegt, dann muß es ein Zwölfer sein.

Die Klasse ist das Ergebnis einer cleveren Formel, die in der sogenannten International Rule wenige Eckdaten so miteinander verrechnet, dass eine 12 dabei herauskommt. Daher das Klassenzeichen, eine unterstrichene 12 und der Name Zwölfer. Es gibt auch kleinere Exemplare der sogenannten Meterklassen, 5er, 6er, 8er und größere Varianten wie 15er, 19er und 23er.

Der Zwölfer ist die prominenteste Meterklasse. Bereits in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zeichnete sich ein Wechsel von der kostspieligen, 40 Meter langen J-Class zum vergleichsweise reellen, nur halb so langen Zwölfer ab. Damals bereiteten sich die America’s Cup Protagonisten Vanderbilt und Sopwith bereits auf die Pokalregatten im Zwölfer vor. Der zweite Weltkrieg verzögerte den Wechsel um zwei Jahrzehnte.

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So richtig Fahrt hatte der Zwölfer mit der 1933 überarbeiteten International Rule aufgenommen. Die Klasse wurde länger, schwerer und kreuzte bei abgesenktem Ballastschwerpunkt mit 180 statt 260 Quadratmetern Welten besser. Auch besteuert die als sogenannte Third Rule eingeführte Regeländerung die Segelfläche mehr.

Weltweit, in England, den Staaten, in Skandinavien und im Deutschen Reich wurden damals jene Boote gebaut die heute restauriert und mit großer Begeisterung gesegelt werden. Jenseits der seglerischen Faszination und Eleganz verdankt der Zwölfer seinen besonderen Nimbus dem Status als olympische Klasse 1908 - 20 und als Amerika Pokal Schlachtroß 1958 bis 1987.

Mittlerweile tummeln sich einige in Norddeutschland, Dänemark, Norwegen und Finnland beheimatete Zwölfer an der Ostsee. Hinzu kommen zwei Instand zu setzende, bereits in Flensburg bei Robbe & Berking Classics verwahrte Schiffe.

Unter Vernunftgesichtspunkten gibt es ein klares Nein zu einer klassischen
Regattayacht dieser Kategorie. Vernünftige Leute sagen aus gutem Grund: Finger weg von allem was schwimmt, wiehert oder fliegt. Das gilt unbedingt für etwa 30 Tonnen Blei, Mahagoni, Eiche und Teak.

Der Erhalt dieses Klassikers in Mischbauweise aus Mahagoni, Stahlspanten und Blei ist eine Herausforderung. Besonders, wenn er Jahrzehnte im Kielwasser hat.

Das erklärt, warum die Substanz der klassischen Zwölfer weltweit, hierzulande von Anita, Ostwind und Westwind im Lauf der Jahrzehnte gründlich abgesegelt wurde. Es war eine unterschiedlich gemeisterte Bürde, die Schiffe in Schuß zu halten. Der Instandhaltungsetat eines klassischen Zwölfers ist erheblich: spätestens dann, wenn die Stunde einer grundlegenden Sanierung gekommen ist. Dann gehen einige Hunderttausend Euro ins Schiff.

Es gibt keinen einzigen rationalen Grund einen Zwölfer zu betreiben. Es gibt alerdings den, seiner Leidenschaft für klassischen Segelsport in aller Konsequenz, also richtig unvernünftig, nachzugeben. Das geht auf diesem Segelschlachtroß und Paradepferd der Regattabahnen am besten.

Wer also richtig Geld für die Sanierung eines klassischen Zwölfers versenken kann, für ein von den Kielbolzen aufwärts umfassend saniertes - das heißt neu gebautes Exemplar 1,5 Millionen Euro - und auch den jährlichen Etat für den artgerechten Betrieb und Erhalt in Höhe einiger Zig Tausend Euro hat, der segelt mit einem Zwölfer stilvoll und gut.

Nach jahrzehntelanger Agonie der letzten, nach und nach stillgelegten Exemplare kam es in den Neunziger Jahren in Norddeutschland mit Evaine, Flica, Trivia zu ersten, ambitioniert gesegelten Übernahmen aus dem Ausland. Es folgten Restaurierungen (defacto Neubauten) wie Sphinx, Anitra, oder Heti, dann die Erweiterung der Flotte um interessante Exemplare aus dem Mittelmeer mit Cintra und Vim. In Dänemark wurden Vanity V und Thea flott gemacht. Und Anita, das Yawl-getakelte Vereinsboot des Segelclub Rheingau, wurde jahrein- jahraus unbeirrt gesegelt und vor einigen Jahren zunächst bis zum Deck saniert. Der Umbau des Zweimasters zur Slup steht noch aus.

Wem das alles zu teuer ist, der heuert einfach auf einem Schiff der aktuellen Zwölferflotte an. Decksarbeiter, die Schnauze halten und zupacken können, die wissen was sie tun, sind immer gefragt. Es ist eine Schinderei. Aber eine, die man sich mal einige Segelsommer geben kann.

Wer gerade Langeweile hat und bei den aktuellen Strafzinsen nicht so recht weiß wohin mit seinem Geld, der sieht sich in Flensburg in der Werft Robbe & Berking Classics, das ist die nautische Abteilung des an der Förde ansässigen Tafelsilberfabrikanten Oliver Berking, mal die Reste von Jenetta und Gretel an. Die Verwandlung des morschen Gebälks in ein gefechtsklares Vintage Schlachtroß der Regattabahnen vor Flensburg, Kiel, Kopenhagen, Marstrand oder Risör wird ein, zwei Jahre dauern.

Und dann gibt es ja noch die bei einem Brand verlorenen gegangene «Aschanti» des illustren Bremischen Bootsbauers Ernst Burmester. Die darf eigentlich nicht mehr in den Archiven bleiben. Die müßte dringend wieder auf Kiel gelegt werden.

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Man kann sich die Lust und Bürde eines Zwölfers übrigens auch teilen. Als Eignergemeinschaft zu zweit oder dritt halbieren oder dritteln sich die Kosten. Clevere Zwölfer-Aficionados machen das schon länger so.

Wenn das komplett außerhalb ihrer Reichweite ist, dann fahren Sie im Sommer mal an die Kieler oder Flensburger Förde. Es ist ein Fest, die Flotte durch die Ostsee pflügen zu sehen. Toll, daß es derart Verrückte und Besessene gibt, die dieses Segelfestspiel wieder aufführen.

Einige Zwölfer wie Trivia oder Cintra sind auch mit Bootsmann/Skipper zu chartern. Oder sie heuern beim Vereinsboot Anita an.

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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