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Eine Art von Glück - Eine Schweizer-Deutsche Geschichte

Autor: Erdmann Braschos

Haben Sie noch Sex oder segeln Sie schon Klassiker? Mit dieser Anspielung auf den bekannten Golferwitz stieg der Redner einer Klassikerveranstaltung vor älterem Publikum mal kühn in einen Vortrag ein.

Eine Art von Glück - Eine Schweizer-Deutsche Geschichte

Das Seglerpaar Inke Paulsen und Arnd Deutsch aus Lübeck macht erstens einen glücklichen Eindruck. Es hat zweitens ein wunderschönes Boot, den „Gugger“. Obwohl ganze 10 ½ m lang, flachbordig und unscheinbar, ist es eines der schönsten der Ostsee.

Wenn man „Gugger“ mit dem maronenbraun in der Sonne schimmernden Teak, dem schlichten weißen Deck in der alten leinenbespannten Machart und dem eher zum Anschauen als zum Stehen und Rausgucken gemachten Deckshaus sieht, fährt ein Film von der guten alten Zeit ab. Begegnet man „Gugger“ auf der Ostsee, spult dieser herrliche Film aus dem Sepia längst vergangener Tage einige Jahrzehnte vor in die Gegenwart.

Das Paar bewegt das Boot versiert, manövriert es segelnd durch verwinkelte Hafeneinfahrten und läßt es mit dosierter Restfahrt durch die Pfosten an den Liegeplatz schweben. Mit Erfahrung und Augenmaß gelangt man in die meisten Häfen ohne Motor - wenn man sich traut, es regelmäßig macht und kann. Manchmal greifen die beiden die letzten Meter zum Paddel. Mit gut 50 Quadratmetern am neuen Mast ist der aparte Schlitten gut betucht. Mit ganzen drei Tonnen ist der motorlose Langkieler für solche Manöver handlich genug.

Natürlich wird die Ostsee mit so einem flachbordig-schlanken Boot ab vier Windstärken zum Sportplatz mit ständigen Duschen. Solche Bedingungen erinnern daran, warum der berühmte norwegische Konstrukteur Johan Anker seine meist für den südlichen Ausgang des Oslofjords und die windreiche Skagerrak-Küste gedachten Boote sparsam besegelte. Aber „Gugger“ entstand für den Zürichsee, wo bereits das Nichts einer thermischen Brise als Wind gilt.

Spätestens jetzt müssen zwei miteinander zusammenhängende Sachen geklärt werden. Die Segelnummer „Z 2“ und der Bootsname. Beides hat Deutsch, der das Boot Ende der neunziger Jahre gebraucht kaufte, in Erinnerung an den ersten Eigner Ernst Schweizer beibehalten.

Schweizer arbeitete in den 1930er Jahren bei einer Bank in Zürich, ließ sich damals an der schönen, sonnenbeschienenen Seite des Zürichsee nieder und sich vor gut 80 Jahren vom renommierten norwegischen Konstrukteur Johan Anker ein neues Boot entwerfen. „Gugger“ hat mit dem 1916 gezeichneten N-Båd namens „Mistral“ einen etwas größeren, allerdings deutlich schwereren Vorläufer. Ähnlicher ist „Gugger“ dem sogenannten Stordrak, den Anker 1939 als größere Schwester des beliebten Dreimannkielboot Drachen entwarf und den er im Alter selbst im Oslofjord segelte. Gebaut wurde „Gugger“ von John Faul in Horgen an den gegenüberliegenden, schattigen Seite des Zürichsee, der sogenannten „Pfnüsselküste“.

Es bekam wie Schweizers voriges Boot wieder einen Vogelnamen. Gugger nennen die Eidgenossen den Kuckuck. Marianne Gut-Schweizer, die Tochter des ersten Eigners, erinnert den Brauch der Familie, dann segeln zu gehen, wenn man den Kuckuck hört. Diese Art von Glück lässt sich mit einem weitgehend unveränderten Boot mit Original Segelnummer am besten fortsetzen.

Paulsen und Deutsch segeln, hegen und pflegen die Nautiquität vom Zürichsee, wie man mit einem traditionell geplankten Holzboot leben sollte, damit es allen dreien gut geht: auf ihre angenehm bescheidene, selbstverständliche Bootslebensart. Das Paar hat kein Auto. Zum Liegeplatz wird geradelt. „Ne Dose Bootslack kannst Du immer auf dem Sattel einklemmen“ meint Deutsch. Wenn mal Planken zu wechseln oder Spanten zu ersetzen sind, ein neuer Mast fällig ist, oder die dazu passende Garderobe, dann hauen die Architektin und der gelernte Schiffbauer und Segelmacher rein. Bei einem großen Projekt bleibt das Boot im Frühjahr oder Frühsommer länger an einem schattigen Platz, wird das alte Gebälk gewässert und es wird gearbeitet, bis „Gugger“ wieder gesund ist.

Natürlich lernte sich das Paar, wie könnte es anders sein, über das Boot kennen. Als Deutsch vor einigen Jahren mal mit seinem Klassiker solo in Svendborg anlegte, stand Inke Paulsen zufällig am Hafen. Sie dachte „whaow“ und guckte sich das Schiff näher an. Tja und „der Rest“ mit dem Skipper fügte sich dann auch. Womit bewiesen wäre, wie wichtig es ist, mit dem richtigen Boot anzulegen.

Die 1896 in Wollishofen bei Zürich gegründete und seit 1914 in Horgen am Zürichsee ansässige „John Faul Automobile und Wasserfahrzeuge“ begann als Tankstelle mit Autoverkauf und -werkstatt nebst Werft. Der Werftgründer verdingte sich nebenher zunächst als Fahrlehrer. Später baute Faul Passagierschiffe, Schlepper, Motor- und Segelboote: vom Piraten bis zum Lacustre. Bis 1975 entstanden bei
Faul etwa 1.200 Holzboote, darunter Motoryachten der Hausmarke „Swiss Craft“. Heute verkauft, repariert und lagert der Betrieb an zwei Standorten am Zürichsee Boote.

VG Wort Zählmarke

Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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