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Sprechen Sie Nautisch?

Autor: Erdmann Braschos
  

Ein Plädoyer für eine möglichst verständliche Bordsprache ohne überflüssiges Fach-Chinesisch und unnützes Schulmeistern.

Sprechen Sie Nautisch?

Seit Jahrzehnten bin ich mit wechselnden Crews unterwegs. Dabei fällt mir auf, daß viele Einsteiger absurd überausgerüstet kommen. Vor einer Weile hatte ich jemand an Bord, der sich für eine Kaffeefahrt bei absehbar zwei Windstärken einkleidete, als ginge es bei Kuhsturm ins Fastnet Race. Der arme Kerl war völlig unbeweglich in seinem Overall, Stiefeln, Mütze, Lifebelt und Schwimmweste. Der Karabinerhaken seines Lifegurtes dengelte ans Boot. Immerhin hatte er die Stirnlampe im Seesack gelassen.

Zweitens erscheinen Scheine und deren Geltungsbereiche enorm wichtig. Auch da bin ich tolerant, wende mich aber innerlich gähnend dem Meer zu. Gibt es was Langweiligeres als die Seeschifffahrtsstraßenordnung und dazu gehörende Paragraphenreiterei? Wenn die Begegnung mit großen Pötten auf dem Kiel-Ostsee-Weg auch nur ansatzweise unsicher ist, fahre ich da hinten (achtern) rum. Die laufen mit 15 bis 20 Knoten, ich Welten langsamer. Der Kerl auf der Brücke hat Dienst, ich Freizeit. Kapiert der Steuermann eines anderen Freizeitboot nicht, daß er ausweichen muß, lasse ich ihn durch. Anders ist es bei kleine-Jungs-Fights wie Privat-Regatten. Da gilt Backbord- vor Steuerbordbug.

Drittens muß man sich an Bord anscheinend immer möglichst fachlich, also ungewohnt ausdrücken. Obwohl ich schon länger segele, sage ich an Bord grundsätzlich links und rechts. Dafür werde ich auch in der kommenden Segelsaison wieder von manchem Experten Texte kriegen. Nun gehöre ich zur werktätigen Bevölkerung. Ich lebe und arbeite die Woche über an Land - wie übrigens alle meine Segelfreunde auch. Deshalb sage ich fast immer links und rechts statt back- und steuerbord. Das versteht jeder.

Natürlich hat es den unschlagbaren Vorteil, daß die Back- und Steuerbordseite an Bord definiert sind, es also keine Verwechslung geben kann. Wenn aber vorne links an der Reling ein Bootskissen (im Nautikersprech Fender - ich finde den plattdeutschen Begriff Knallbüdel viel anschaulicher) weg zunehmen ist, oder ein Backstags-Bändsel, dann bitte ich auf deutsch darum. Meist stehen wir ja nebeneinander im Boot und blicken in Fahrtrichtung.

Nun gibt es an Bord eines Bootes Ausrüstungen, die klar, also von Anfang an gleich richtig benannt werden müssen. Da helfen keine Eindeutschungen. Das Bordleben würde sonst zu umständlich. Wer weiß, was ein Vor- und Achterstag ist, was und wofür Backstagen sind, kommt an Bord besser zurecht. Aber meist ist Zeit, all die Begriffe segelnd Schritt für Schritt zu erklären. Das gern von Anfängern und Experten vorgeführte Fachchinesisch ist da nur ein lästiges Bollwerk.

Dieser ganze aufgeblasene Nautikersprech törnt ab. Das ist was für den Tresen im Clubhaus oder die Seglerkneipe, wo bekanntlich die größten Kap-Horniers beidrehen und bei steigendem Pegel Heldentaten aus früheren Zeiten ausschmücken.

In den Neunziger Jahren war ich einmal mit Mario in der Adria unterwegs. Er hatte einen tollen Schlitten und beherrschte diesen perfekt. Ich war sein Marinero, sein Matrose, wie er mich augenzwingernd nannte. Bordsprache war englisch und er sagte immer nur left oder right statt port- oder starbord side. Irgendwann fragte ich ihn warum. Wir wären doch beide Segler. Mario erklärte, nur Mailänder würden back- und steuerbord sagen. Das wären alles Landratten, ein Menschenschlag dem ohnehin nicht zu helfen sei. Mario kam aus Genua.

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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