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Rollen, stampfen, schlingern… würgen!

Autor: Michael Kunst
  

Tipps gegen Seekrankheit gibt es viele. Welche davon tatsächlich helfen, sei dahin gestellt. Ob hohe Vitamin-C-Dosen oder die Brille mit schwimmendem Horizont – immer gilt: Das Übel wird am Körper bekämpft (Seekrankheit, so ein Übel). Doch es gibt Skipper die schwören, das wirksamste Mittel gegen Seekrankheit sei das richtige Boot!

Rollen, stampfen, schlingern… würgen!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt keine Schiffsbewegungen, bei denen Nausea, vulgo: Seekrankheit besonders verlässlich aus- bzw. erbricht. Ganz egal, ob die Yacht in einer langen, achterlichen Dünung vor sich hin „rollt“, ob sie auf raumen Kursen im Glitsch schlingert, ob sie bei Totenflaute vor sich hin dümpelt oder am Wind in Kreuzseen auf und nieder stampft… es kann jeden in jeder Situation voll erwischen. Nur ganz wenige Personen geben an, ausschließlich bei einer bestimmten Wind- und Wellensituation seekrank zu werden.

Stellt sich die Frage: Welcher Bootstyp gleicht die Unbilden der See und des Wetters am besten aus? Oder anders formuliert: Kann es eine Yacht geben, auf der man nicht seekrank wird?

Die ernüchternde Antwort zuerst: Nein, diese Yacht gibt es nicht, weil jede Seekrankheit auf individuelle Art ausbricht. Die gute Antwort: man kann die Ursachen mit dem „richtigen“ Yachttyp jedoch eindämmen.

Motoryachten und -boote:

Fangen wir mit dem größten Übeltäter an. Motorboote im Seegang gelten als die verlässlichsten Seekrankheits-Verursacher. Bei niedrigen Geschwindigkeiten werden sie von jeder Welle (in Fahrtrichtung) in alle nur erdenklichen seit-auf-und-abwärts-Richtungen geschaukelt, da im Gegensatz zum Segelboot der Winddruck und somit das stabilisierende Moment fehlt. Bei höheren Geschwindigkeiten springt das Motorboot von Welle zu Welle (Gleiter) oder prescht durch sie hindurch (Verdränger) – „Schiffsschaukel“ wörtlich genommen. In großen Booten helfen Stabilisatoren zwar deutlich, aber das ist erst ab einer gewissen Bootslänge und somit Preisklasse effizient.

Segelyachten und -boote

Katamarane: Sie gelten als die am ruhigsten laufenden Schiffe. Kunststück: Vor allem schwere Fahrtenkats liegen „wie ein Brett“ auf dem Wasser und beginnen erst bei höherem Seegang „aufzuschaukeln“ – egal ob am oder vor dem Wind. Moderne, leichtere Versionen heben jedoch deutlich häufig „ein Bein“, womit der gefürchtete Lifteffekt einsetzt. Der Magen lässt meist erst dann grüßen!

Trimarane:

Etwas „nervöser“ in den Auf- und-Ab-Bewegungen als der Katamaran, aber bei starken Winden in der Welle laufruhiger.

Einrümpfer:

  • Unter allen „Monos“ gilt der Langkieler traditionell als das „ruhigste“ Schiff. Vergleichsweise behäbig in den Manövern verhält sich der „Klassiker“ unter den Yachtkieltypen eher zahm, wenn es weht und klatscht. Vor allem am Wind ist das Eintauchen in die Welle deutlich sanfter. Vor dem Wind sind Roll- und Schlingerbewegungen behäbiger.

  • Moderne Segelyachtkonstruktionen mit eher flachem Rumpf, Flossenkiel, Kielbomben oder sogar Schwenkkiel sind relativ anfällig für Seegang und bewegen sich deshalb häufig abrupt – seitlich (durch Winddruck), auf und ab in Fahrtrichtung gegen die Welle (am Wind) und auf Raumschots-Kursen „im Glitsch“, im „hoch und runter“ der Wellen.

  • Interessant: Von den viel geschmähten schwimmenden „Joghurtbechern“, also eher runde, hoch gezogene Rumpfformen mit hohem Freibord, werden seltener Seekrankheitsprobleme berichtet als von den rasenden Gleitern auf hoher See. Obwohl mit letztgenannten Typen eher die „Profis“ unterwegs sind.

  • Viele Fahrtensegler berichten von einem vergleichsweise ruhigen Seeverhalten der Kimmkieler.

Grundsätzlich gilt also: Je weniger Bewegung im Schiff desto weniger anfällig ist die Crew für Seekrankheit. Dass auch dies nicht unbedingt als „Mittel gegen Seekrankheit“ bezeichnet werden kann, liegt auf der Hand. Auf (fast) jedem Schiffstypen wurden jedoch Bereiche ausgemacht, in denen es sich bei Seegang am besten „aushalten“ lässt:
1. Mittschiffs (deshalb gelten auch Mittelcockpit-Yachten als Nausea-„feindlich“)
2. Bei Ketsch in der Nähe der Masten
3. Bei Trimaranen mittschiffs im Hauptrumpf
4. Bei Fahrtenkatamaranen mittig im vorderen Drittel, auch in der Nähe des Mastes

Tipp für das richtige Verhalten in der Schiffsbewegung:
1. Möglichst oft selbst steuern
2. Blick auf den Horizont
3. Blick bei der Kippbewegung (auf und ab) Richtung Bug des Schiffs
4. Blick bei der Rollbewegung zur Back- oder Steuerbordseite

Doch allen Nausea-Geschädigten sei versichert: Die Zukunft gehört Euch! Denn die sich rasant ausbreitenden Schiffs- und Bootstypen auf Foils heben die Boote und wohl immer häufiger auch Yachten den entscheidenden Meter aus dem Wasser (Rasant reisen – auf Tragflächen). Vielleicht ist das die Richtung weg von den Wellen, weg vom Stampfen, Schlingern, Rollen… und Würgen!

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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