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Das 1$ Boot

Autor: Erdmann Braschos

Wenn etwas sensationell günstig ist, hat die Sache einen Haken. Bei einer Baustelle beispielsweise, die für einen Dollar zu bekommen ist, handelt es sich eher um ein Problem als ein Boot.

Das 1$ Boot
Tally Ho© Leo Sampson Goolden

Das Problem heißt «Tally Ho» besteht aus etwa 15 Tonnen Eiche, Teak, Ulme, Blei, etwas Beton und vergammelten Beschlägen. Es steht schon länger an Land und muß weg, weil der Stellplatz im US Bundesstaat Oregon für eine Kläranlage gebraucht wird. Das Kettensägen-Schicksal droht.

Der Aufwand zur Instandsetzung und Erhalt eines Holzbootes wird unterschätzt. Deshalb rate ich beim Fachsimpeln mit Gästen und Segelfreunden an Bord meiner Swede 55 und auch hier im boat24.com-Blog vom Kauf eines Holzbootes ab. Die Folgekosten, bestehend aus Arbeit, Geld und Zeit sind hoch. Wer ein normal in Pflicht und Kür getaktetes, ein in Arbeit und Freizeit kalibriertes Leben führt, sollte das nicht machen.

Lorema Lorema © Leo Sampson Goolden

Aber so ein Leben führt der 27-jährige Engländer Leo Sampson Goolden nicht. Er hat 2010 in Bristol eine Bootsbauerlehre begonnen, sich sein erstes Boot mit sparsamer Lebensweise und nächtlichen Kellnerjobs zusammengespart. Fünf Jahre später kommt er mit «Lorema» in der Karibik an. Es ist kühn, mit einem 7,60m langen Folkeboot über den Atlantik zu segeln. Aber Goolden weiß, wie man mit wenig viel erreicht. Nach einem Intermezzo als Skipper einer klassischen 30m Ketsch heuert er auf dem 65m Schoner Adix an. «Allein der Klüverbaum ist länger als mein Folkeboot.» An Bord dieser Yacht und als Bootsbaunomade verdient er seine Brötchen. Als er im Alter von 17 Jahren von «Tally Ho» und ihrem drohenden Kettensägen-Schicksal im fernen Oregon hört, holt er das Gebälk vom Hof, stellt es in der Nähe von Seattle bei Freunden neben deren top ausgestattete Werkstatt und krempelt die Ärmel hoch.

Atlantiküberquerung Lorema Atlantiküberquerung Lorema © Leo Sampson Goolden

Denn das 1$ Schnäppchen ist eine Legende englischen Hochseesegelns. «Tally Ho» gewann 1927 die Fastnet Regatta bei brutalen Bedingungen. Zwei von 15 Schiffen kamen damals überhaupt ins Ziel. Sie entstand 1910 als Yacht und Hochseeangelboot gleichermaßen - und zwar im südenglischen Bristol, Gooldens Heimat.

Seit Juli 2017 hat der junge Bootsbauer beeindruckend Gas gegeben, ein Zelt über der Baustelle errichtet, das Deck entfernt und die untergebolzten 4,75t Blei ohne Kran unter (!) dem stehenden Boot abgenommen. Bereits dieses Kunststück ist in Folge 8 seines Videoblogs sehenswert. Goolden hebt das aufgepallte Boot mit Hydraulikpressen zentimeterweise an und passt mit Hammerschlägen auf die Keile die Länge der seitlichen Pallhölzer an, damit es nicht umkippt. So einfach geht das, wenn man so pfiffig und hemdsärmelig ist wie Goolden. Beeindruckend ist auch, wie er mit dem Bohrmeißel den Beton aus der Bilge holt, oder den untersten Plankengang vom Kiel zerrt. Für Goodson scheint es keine Probleme zu geben, nur lösbare Aufgaben. Zwischendurch geht er ne Runde laufen, empfängt freiwillige Helfer oder holt mal eine aus dem fernen Europa angereiste Freundin am Flugplatz ab.

Tally Ho Tally Ho © Leo Sampson Goolden

«Ich werde oft gefragt, warum ich eigentlich dieses rotte Schiff restauriere und nicht ein neues baue. Es geht um die Magie eines Tages auf einem historischen Boot zu segeln das ich selbst restauriert habe. Das ist eine der romantischsten Ideen, die man haben kann» meint Goolden.

Bis dahin hat Goodson noch einige tausend unromantische Stunden harter Arbeit vor sich. Eine rotte Huk mit Kuhfuß, Motorsäge, Axt und Hammer zerlegen geht schneller und ist Welten einfacher, als sie Spant für Spant, Planke für Planke, Knie für Knie, Decksbalken für Decksbalken millimetergenau wie Anno 1910 für die nächsten hundert Jahre zusammen zubauen.

Tally Ho Einrichtungsplan Tally Ho Einrichtungsplan © Leo Sampson Goolden
Tally Ho Segelplan Tally Ho Segelplan © Leo Sampson Goolden

GAFFELKUTTER TALLY HO

Entwurf: Albert Strange
Gebaut: 1909/10
Werft: Stow and Son Werft in Shoreham-by-Sea
Länge über Alles: 16,75m
Deckslänge: 14,50m
Wasserlinie: 13,30m
Breite: 3,90m
Tiefgang: 2,10m
Verdrängung: ca. 15t
Außenballast: 4,75t
Innenballast: ca. 8t
Bauweise: Teak und Ulmen Planken auf Spanten aus Eiche

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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