Werftporträt6 min Lesezeit
Die Boeschs halten Kurs
Wie die Schweizer Werft seit Jahrzehnten ihre Mahagonigleiter kultiviert

Die Boote der Boesch Werft sind nicht nur edel. Bemerkenswert sind die Gewichtsverteilung und Fahreigenschaften dank Mittelmotor und starrer Welle. Das Spezialruderblatt bietet Spurtreue und direkte Kursänderungen. Nachdem die Boeschs den Sound der Achtzylinder kultivierten, beschäftigen sie sich seit Mitte der Neunzigerjahre mit dem leisen und emissionsarmen Elektromotor.
Von Erdmann Braschos
Das erwartet Sie in diesem Artikel
- etwas Boeschologie
- wie der kultivierte Klang der Achtzylinder zustande kommt
- Finessen wie Mittelmotor und Spezialruderblatt
- ein Blick auf die elektrische Motorisierung
Boesch Motorboote - Die perfekte Kombination aus Leistung und Eleganz
Alle Angebote in der Übersicht
Auf über hundert Jahre Bootsbau und eine Flotte gediegener Motorboote blickt die Schweizer Werft zurück. Wirtschaftskrisen, den Zweiten Weltkrieg, die Flut günstiger Plastikboote, erschwerte Exportmöglichkeiten und strengere Vorschriften für den Gewässer- und Umweltschutz meisterte der über mehrere Generationen geführte Familienbetrieb auf helvetisch gelassene Art – mit unbeirrter Modellpflege und beharrlich verfolgten Verbesserungen. Die Boeschs denken das Thema schöner Runabouts schon eine ganze Weile weiter. Anlass für ein wenig Boeschologie.
Abgesehen von schneller Fahrt durch raues Wasser gibt es für ein Motorboot keinen härteren Test als den Wasserski-Einsatz. Ständige Lastwechsel, große Leistung, Auskuppeln, Einkuppeln, enge Kurven verlangen Maschine, Motorlager, Kühlung, Schmierung, Getriebe und Welle allerhand ab. Das geht und hält am besten, wenn die Komponenten des Antriebsstrangs einfach gehalten sind und zueinanderpassen. Dazu sollte die Kraft vom Motor über eine starre Welle direkt mit der Schraube ins Wasser gelangen. Eine durchzugsstarke Maschine hilft, hat aber den Nachteil, schwer zu sein, weshalb sie am besten als Mittelmotor im Boot und nicht wie sonst üblich im Achterschiff untergebracht ist. In den großen doppelschraubigen Boesch Booten wirken zwei große Achtzylinder.
Boesch Boote waren schon immer edle Zugpferde für das spritzige Vergnügen des Wasserski-Einsatzes. Deshalb befindet sich das Cockpit eines Boesch Bootes wie beim Mittelmotor-Sportwagen direkt vor der mittschiffs eingebauten Maschine. Die Propeller-Welle bringt die Kraft 15 Grad aus der Horizontalen geneigt ins Wasser. Dieser Winkel hebt das Heck an, was bremsende Trimmklappen entbehrlich macht. Die Schweizer bezeichnen diesen 1955 von Walter Boesch perfektionierten Fahrtzustand stolz als «horizontales Gleiten». Eine Finesse, die bei achtern wegsackenden Motorbooten nicht selbstverständlich ist. Man möchte doch sehen, wo die Reise hingeht, und nicht andauernd bergauf fahren.
Ein weiterer Vorteil ist die unter statt hinter dem Rumpf angeordnete Schraube. Damit werden versehentliches Aufwickeln des Schleppseils und Verletzungen beim Wasserski vermieden.
Verblüffend anders ist auch das Ruderblatt zum Steuern des Bootes. Damit es Kursänderungen bei verschiedenen Geschwindigkeiten prompt ausführt, muss das Wasser möglichst parallel, sprich laminar, das Blatt entlangziehen. Das wird bei Boesch erstens mit einem eigenartig keilförmigen Profil erreicht. Im Unterschied zu jedem üblichen vorn dicken und hinten dünn endenden Ruderblatt ist das Boeschruder genau andersherum. Es ist keilförmig, vorn spitz und hinten an der Abrisskante breit wie ein Beil. Etwa so schwer ist es auch, weil aus einer speziellen Legierung. Dieses robuste Material hält dem Strudel des Schraubenwassers und der Blasenbildung durch Kavitation stand.
Ein weiterer Clou ist die von hinten gesehen wellige Form. Das Ruder ist dem hinter der Schraube welligen statt geraden Strömungsverlauf angepasst. So wird der Drall des Schraubenwassers ausgeglichen und man kann das Steuerrad loslassen, ohne dass das Boot durch den sogenannten Radeffekt der Schraube ungewollt seitwärts abbiegt. Das lästige Gegenhalten am Steuerrad entfällt. Angeblich hat die amerikanische Marine die Idee mit dem sogenannten Beulenruder von Urs Boesch in den Achtzigerjahren für ihre schnell laufenden Schiffe übernommen.
Tja, die weltweit größte Seefahrernation kann sogar etwas von Bootsbauern eines Alpen-nahen Binnengewässers mitten in Europa, 406 Meter über dem Meeresspiegel, lernen. Der Schiffbauingenieur Klaus Boesch und sein Bruder Urs, er ist Maschinenbauingenieur, leiteten die Werft viele Jahre, bis Junior Markus Boesch den Betrieb vor einer Weile übernahm.
Weil beim klassischen Mahagoni-Gleiter der kultivierte Sound der herkömmlichen Verbrennungsmotoren so wichtig ist wie der Fahrspaß, entwickelten die Boeschs für ihre Boote eine spezielle Schalldämmung. Sie trennt gleich hinter dem Auspufftopf die schnell entweichenden Abgase vom langsam fließenden Kühlwasser und führt es durch zwei separate Auspuffschläuche zum Heck, wo beide in einer speziellen Mischkammer außenbords direkt über der Wasserlinie austreten. Eine Kamm-ähnliche Vorrichtung speist ein Wasser-Schaumgemisch in die Mischkammer, wo der Schaum den Lärmpegel erheblich reduziert. Die Schalldämpfung des flüsternden Boesch-Auspuffs wird mit zunehmender Motorleistung und Geschwindigkeit immer wirksamer. Mit dieser Finesse, die Boeschs nennen ihre Entwicklung „Kaskadendämpfung“, wird der Lärm des Achtzylindermotors gezähmt.
Ein Nachteil des einmotorigen Antriebs mit starrer Welle ist der große Drehkreis des Bootes und die schlechte Manövrierbarkeit rückwärts. Das bei den großen einmotorigen Boesch-Booten wie dem Boesch 710er Modell unter dem Vorschiff ausklappbare Bugruder soll dieses Manko ausgleichen. Es halbiert den Drehkreis etwa um die Hälfte und erleichtert Anlegemanöver rückwärts enorm. Natürlich wurde auch die Vergesslichkeit des Steuermanns mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung mit ausgeklapptem Bugruder bedacht. Neuerdings setzen die Boeschs aber zunehmend auf ein Bugstrahlruder.
Nun steht und fällt die Zukunft der edlen Mahagoni-Gleiter mit der Motorisierung. Denn auf weitgehend windstillen Gewässern, wo Motorbootfahren interessant ist und an deren Ufern es Geld für gediegene Boote gibt, sind Verbrennungsmotoren entweder verboten, gibt es kaum noch Zulassungen oder sind nur zu phantastischem Tarif zu bekommen. Auf dem Ammer-, dem Chiem- und dem Starnbergersee, dem Wörther- oder Wolfgangsee haben einzig neue Boote mit Elektroantrieb eine Chance.
So beschäftigen sich die Boeschs bereits seit Mitte der Neunzigerjahre mit dem Elektroantrieb. Markus Boesch zufolge machten die deutlich leichteren Lithium-Ionen-Polymer-Batterien anstelle anfangs eingebauter Bleiakkus seit 2005 den Elektroantrieb überhaupt für schnelle Gleiter sinnvoll. Sie punkten zugleich mit mehr und länger abrufbarer Leistung.
Auch wenn die aktuelle Generation des Elektroantriebs vorerst noch nicht mit den Betriebsstunden eines vollgetankten Bootes mit Verbrennungsmotor mithalten kann, wie der Vergleich der von Boesch angebotenen Motoren zeigt. Der von 198 Ah Lithium-Akkus angetriebene Piktronik-80-kW-Synchronmotor bietet laut Werftangaben im 360-Volt-Betrieb bei 40 km/h (knapp 22 kn) Geschwindigkeit im Boesch 710 eine Reichweite von 47 km (25 sm). Mit einem 125 kW Motor und 432 Volt Betriebsspannung ist bei der gleichen Geschwindigkeit eine Reichweite von immerhin 76 km (41 sm) drin. Dann braucht das Boot eine Steckdose.
In der herkömmlichen Motorisierung mit einem 5,7-l-Achtzylinder und 175-Liter-Tank ist ein gedankenlos gefahrenes Wochenende drin. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei beeindruckenden 38 Knoten. Es wird noch dauern, bis der Elektroantrieb hinsichtlich Endgeschwindigkeit und Reichweite den Abstand zu den aktuellen Verbrennern verkleinert. Boesch liefert die Boote mit Benzin- oder Dieselmotoren. Die nahezu lautlose Fahrt ist dagegen ein wunderbarer Genuss.
Hinzu kommen der Vorreiter und Tesla-Effekt, der den Eigner des Elektroantriebs stolz macht. Die Tankstellenrechnung eines mit hohen Drehzahlen sportlich gefahrenen Runabout ist bei den aktuelle Spritpreisen derart gepfeffert, dass Spitzengeschwindigkeiten im oberen 30-Knoten-Bereich selten gefahren werden.
Da wundert es nicht, dass bereits ein Drittel der Boesch Boote mit Elektroantrieb geliefert werden. Wer das Budget einen neuen Boesch Boot scheut, wird vielleicht mit einem gebrauchten hier auf Boat24 glücklich. Es lässt sich zu gegebener Zeit, nachdem der Stand der Batterietechnologie weitere Sprünge gemacht hat, preiswert umrüsten.