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Blinde Passagiere – was am Rumpf mitreist
Nicht nur Frachtschiffe transportieren fremde Organismen von einem Meer ins andere.

Eine Yacht kann weit mehr über die Ozeane transportieren als Crew, Proviant und Reisegepäck. Unterhalb der Wasserlinie entstehen mitunter kleine Lebensgemeinschaften, deren Mitglieder nach der Ankunft in einem neuen Revier zu einem großen ökologischen Problem werden können. Die Wissenschaft nimmt deshalb zunehmend auch Sportboote als Transportmittel invasiver Arten in den Blick.
Von Michael Kunst
Das erwartet Sie in diesem Artikel
- Wie aus einem Bootsrumpf ein schwimmendes Ökosystem wird.
- Warum auch Langfahrt- und Regattayachten invasive Arten verschleppen können.
- Welche Organismen besonders erfolgreich als blinde Passagiere um die Welt reisen.
- Weshalb Marinas zu wichtigen Drehscheiben für die Ausbreitung fremder Arten werden.
- Was Antifouling leisten kann und wie Skipper das Verschleppungsrisiko reduzieren können.
Die wichtigsten invasiven Arten an Europas Küsten
Nicht jede eingeschleppte Art wird automatisch invasiv. Einige Organismen können sich jedoch erfolgreich etablieren, heimische Arten verdrängen oder Hafen- und Küstenökosysteme verändern.
Wakame (Undaria pinnatifida)
Herkunft: Japan, Korea, China
Die große Braunalge besiedelt bevorzugt Marinas, Hafenanlagen und Pontons. Heute ist sie entlang weiter Teile der europäischen Atlantik- und Mittelmeerküste verbreitet.
Pazifische Auster (Magallana gigas, früher Crassostrea gigas)
Herkunft: Nordwest-Pazifik
Ursprünglich für die Aquakultur eingeführt. Heute bilden sich vielerorts selbstständige Populationen, die Watt- und Küstenlebensräume verändern können.
Styela plicata (Gefaltete Seescheide)
Herkunft: vermutlich Westpazifik
Besiedelt Bootsrümpfe, Dalben und Hafenanlagen. Sehr tolerant gegenüber Temperatur- und Salzgehaltsschwankungen.
Didemnum vexillum (Teppich-Seescheide)
Herkunft: Nordwest-Pazifik
Bildet großflächige Kolonien auf Stegen, Riffen und Muschelbänken. Gilt weltweit als problematische invasive Art.
Watersipora subatra / W. subtorquata
Herkunft: Pazifik
Koloniebildendes Moostierchen, das besonders häufig auf Bootsrümpfen wächst und selbst moderne Antifouling-Beschichtungen teilweise toleriert.
Mittelmeer-Fächerwurm (Sabella spallanzanii)
Herkunft: Mittelmeer
Außerhalb seines natürlichen Verbreitungsgebietes gilt er beispielsweise in Australien und Neuseeland als invasive Art. Er besiedelt Häfen und Schiffsrümpfe.
Schiffbohrmuschel (Teredo navalis)
Herkunft: vermutlich Atlantik
Keine klassische Neozoe Europas, aber ein gutes Beispiel dafür, wie holzbohrende Organismen Hafenanlagen und historische Holzbauwerke schädigen können.
Australisches Moostierchen (Bugula neritina)
Herkunft: wahrscheinlich Indopazifik
Typischer Biofouling-Organismus auf Bootsrümpfen, Stegen und Hafenanlagen.
Japanische Seepocke (Amphibalanus amphitrite)
Herkunft: Indopazifik
Heute weltweit in warmen Häfen verbreitet und typischer Bestandteil des Biofouling.
Japanischer Beerentang (Sargassum muticum)
Herkunft: Japan
Eine der erfolgreichsten invasiven Braunalgen Europas. Wächst in flachen Küstenbereichen und verdrängt örtlich heimische Algenbestände.
Es beginnt keineswegs dramatisch, eher unscheinbar, fast schon banal. Es braucht keinen Sturm, keine Havarie und eigentlich noch nicht einmal einen besonders langen Törn. Den Anfang macht meist ein Boot, das einfach nur eine Weile an einem Ort im Wasser liegt.
Schon nach wenigen Tagen überzieht ein unsichtbarer Biofilm aus Bakterien die Oberfläche. Es folgen Kieselalgen und andere Mikroorganismen – und wenig später finden auch die Larven von Muscheln, Seepocken oder Seescheiden genau den Untergrund, auf den sie gewartet haben. Für den Skipper ist das zunächst nichts weiter als lästiger Bewuchs, der zwar die Geschwindigkeit des Bootes reduziert, aber was soll’s, der nächste Krantermin ist ja nicht mehr fern.
Unter biologischen Gesichtspunkten ist das Boot inzwischen jedoch etwas vollkommen anderes geworden: ein schwimmendes Ökosystem. Lichtet der Skipper den Anker und segelt einige hundert oder gar tausend Seemeilen weiter, reisen diese Organismen mit. Manche sterben unterwegs, andere überleben. Und einige wenige finden am Zielort genau jene Bedingungen, die sie brauchen, um sich anzusiedeln. Aus einem unscheinbaren Bewuchs am Rumpf wird plötzlich der Beginn einer biologischen Invasion.
Neu im Fokus: Wassersport
Dass Containerschiffe über Ballastwasser Arten rund um den Globus transportieren, gehört inzwischen zum ökologischen Allgemeinwissen. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Wissenschaft ihren Blick in den vergangenen Jahren zunehmend auf eine ganz andere Flotte richtet: Wassersportboote wie Langfahrt- und sogar Regattayachten.
Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO spricht inzwischen ausdrücklich davon, dass Biofouling – also der biologische Bewuchs von Schiffsrümpfen – weltweit zu den wichtigsten Transportwegen invasiver Arten gehört. In vielen Küstenregionen gilt der Rumpfbewuchs kleinerer Fahrzeuge heute sogar als bedeutender als Ballastwasser. Besonders dort, wo Marinas, Naturhäfen und Inselgruppen eng miteinander verbunden sind.
Ein Rumpf ist kein totes Stück GFK
Der Begriff Biofouling klingt nach Biologie-Unterricht und wenig interessanter Theorie. Tatsächlich beschreibt er einen der faszinierendsten biologischen Prozesse überhaupt. Kaum taucht eine künstliche Oberfläche ins Meer ein, beginnt sie sich zu verändern. Innerhalb weniger Minuten lagern sich organische Moleküle an. Bakterien bilden einen ersten mikrobiellen Film. Es folgen Kieselalgen, Mikroalgen und weitere Mikroorganismen. Dieser unscheinbare Biofilm wiederum sendet chemische Signale aus, auf die Larven anderer Arten reagieren. Plötzlich erscheinen Seepocken, Muscheln, Röhrenwürmer, Moostierchen, Schwämme oder Seescheiden.
Biologen sprechen dabei von einer Sukzession, einer Abfolge natürlicher Besiedlungsstadien. Ein Bootsrumpf wird damit innerhalb weniger Monate zu einem künstlichen Riff. Dabei siedeln die Organismen keineswegs gleichmäßig über den gesamten Rumpf verteilt. Besonders beliebt sind jene Stellen, die der Bootseigner bei der jährlichen Reinigung am schlechtesten erreicht: Propeller, Welle, Saildrive, Bugstrahlruder, Ruderlager, Loggeber, Seeventile oder der Übergang zwischen Kiel und Rumpf. Genau diese sogenannten „Niche Areas“ stehen heute im Mittelpunkt der internationalen Biofouling-Forschung. Denn dort können Organismen selbst längere Überfahrten erstaunlich gut überstehen.
Warum ausgerechnet Yachten interessant sind
Über Jahrzehnte konzentrierte sich die Forschung fast ausschließlich auf Frachtschiffe. Verständlich, schließlich bewegen sie jährlich Milliarden Tonnen Ballastwasser zwischen den Kontinenten. Doch je genauer Wissenschaftler die Ausbreitung invasiver Arten untersuchten, desto häufiger tauchte dieselbe Frage auf: Wie gelangen Arten eigentlich von den großen Handelshäfen in kleine Marinas, Buchten und Naturhäfen? Die Antwort erstaunt wenig: über Freizeitboote.
Langfahrtyachten als Taxi
Eine Langfahrtyacht verbringt oftmals Wochen, manchmal sogar Monate in derselben Marina. Genau dort entsteht intensiver Bewuchs. Anschließend segelt sie vielleicht über den Atlantik, durch die Karibik, weiter auf die Azoren oder ins Mittelmeer. Ein Regattaboot reist zwar meist erheblich schneller, besucht dafür aber innerhalb weniger Monate zahlreiche Reviere, wird gekrant, getrailert oder auf eigenem Kiel überführt. Beide Bootstypen verbinden Lebensräume miteinander, die biologisch bislang voneinander getrennt waren. Australien und Neuseeland beschäftigen sich deshalb seit Jahren intensiv mit diesem Thema. Dort gelten einlaufende Yachten längst nicht mehr ausschließlich als Sportgeräte oder Freizeitfahrzeuge.
Sie gelten ebenso als potenzielle Träger fremder Organismen. Teilweise dürfen in Australien Boote, die von Übersee kommen, bestimmte Häfen erst nach einer Reinigung anlaufen. In Neuseeland müssen internationale Yachten nachweisen können, dass ihr Unterwasserschiff vor der Einreise gereinigt wurde. Die Botschaft ist eindeutig: Der Bootsrumpf wird zunehmend als biologische Grenze betrachtet.
Die etwas anderen Weltumsegler: Wakame, Styela und Watersipora
Besonders eindrucksvoll lässt sich das an einigen Arten zeigen, die heute praktisch zu Symbolfiguren biologischer Invasionen geworden sind. Da ist zunächst Wakame (Undaria pinnatifida). Ursprünglich stammt diese große Braunalge aus Japan, Korea und Teilen Chinas. Heute wächst sie an Küsten Europas, Australiens, Neuseelands, Nord- und Südamerikas. Ihre bevorzugten Lebensräume sind ausgerechnet Marinas, Pontons und Hafenanlagen. Dort findet sie ideale Bedingungen und kann Millionen Sporen freisetzen. Forscher gehen davon aus, dass der Ferntransport zunächst überwiegend über Handelsschiffe erfolgte. Die weitere regionale Verbreitung zwischen Marinas wird jedoch ausdrücklich auch Freizeitbooten zugeschrieben. Ähnlich verhält es sich mit Styela plicata, einer Seescheide, deren ursprüngliche Heimat heute kaum noch sicher bestimmt werden kann. Sie besiedelt Bootsrümpfe, Dalben, Stege und Hafenmauern mit beeindruckender Geschwindigkeit. Gleichzeitig toleriert sie Temperaturschwankungen, Verschmutzung und wechselnde Salzgehalte deutlich besser als viele heimische Arten.
Noch problematischer erscheinen verschiedene Arten der Gattung Watersipora. Diese koloniebildenden Moostierchen wachsen wie dünne Krusten auf nahezu jeder festen Oberfläche unter Wasser. Sie gelten als vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber manchen Antifouling-Systemen und nutzen Bootsrümpfe gewissermaßen als schwimmende Taxis zwischen verschiedenen Häfen. Gerade diese sogenannten Sekundärtransporte beschäftigen die Wissenschaft heute besonders. Denn selbst wenn eine invasive Art zunächst über einen Frachter in Europa angekommen sein sollte, entscheidet oft erst die Verteilung durch regionale Schifffahrt und Sportboote darüber, ob sie sich dauerhaft etablieren kann.
Regattayachten: sauber, schnell – und trotzdem Teil des Systems
Wer nun glaubt, moderne Regattayachten könnten mit dem Thema nichts zu tun haben, irrt zumindest teilweise. Tatsächlich gehört ein makellos glatter Rumpf zum kleinen Einmaleins jeder erfolgreichen Regattakampagne. Schon ein dünner Biofilm kann messbare Geschwindigkeit kosten, von Seepocken ganz zu schweigen. Vor wichtigen Rennen werden Rumpf, Kiel und Ruder daher oft sorgfältig gereinigt oder poliert. Doch genau darin liegt ein interessantes Paradox. Regattayachten gehören zu den mobilsten Booten überhaupt. Sie wechseln innerhalb weniger Wochen und Monate zwischen Revieren, werden getrailert, per Frachtschiff transportiert oder auf eigenem Kiel überführt. Internationale Hochseeklassen wie IMOCA, Class40, Mini 6.50 oder TP52 verbinden Werften, Trainingszentren und Regattahäfen in Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien oder den USA praktisch im Dauerbetrieb.
Zwar ist ihr Bewuchs meist deutlich geringer als der einer Langfahrtyacht, doch auch ein Rennboot besitzt Nischen: Seeventile, Ruderlager, Propeller, Kiel-Aufnahme im Rumpf etc. Untersuchungen der IMO zeigen, dass gerade diese geschützten Bereiche häufig als Rückzugsorte für Organismen dienen, auch wenn der übrige Rumpf nahezu makellos erscheint. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Je kürzer die Reise dauert, desto größer sind die Überlebenschancen vieler Arten. Ein Organismus, der auf einer monatelangen Passage abstirbt, kann eine schnelle Überführung zwischen zwei europäischen Revieren problemlos überstehen. Geschwindigkeit wird damit aus biologischer Sicht nicht unbedingt zum Vorteil.
Ballastwasser – der berühmt-berüchtigte, aber nicht einzige Transportweg
Ballastwasser bleibt selbstverständlich einer der wichtigsten Verbreitungswege invasiver Arten weltweit. Schätzungen zufolge transportieren Handelsschiffe täglich mehrere tausend verschiedene Organismen durch die Weltmeere. Mit jeder Aufnahme und jeder Abgabe von Ballastwasser gelangen Plankton, Larven, Kleinkrebse, Algen oder Bakterien in völlig neue Lebensräume.
Deshalb verabschiedete die Internationale Seeschifffahrtsorganisation bereits 2004 das Ballast Water Management Convention, das inzwischen weltweit umgesetzt wird. Moderne Handelsschiffe müssen ihr Ballastwasser filtern, behandeln oder mit UV-Licht oder anderen Verfahren reinigen, bevor es wieder abgegeben werden darf. Segelyachten spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. Klassische Kielyachten besitzen keine Ballastwassertanks wie Frachter. Anders sieht es bei Hochleistungsbooten mit Wasserballast aus. Manche moderne Offshore-Racer oder einige schnelle Fahrtenyachten nehmen mehrere Tonnen Meerwasser in Ballasttanks auf, um Krängung und Trimm zu beeinflussen. Die Mengen sind im Vergleich zu Frachtschiffen gering, der biologische Mechanismus ist jedoch derselbe: Wasser wird aufgenommen, transportiert und an anderer Stelle wieder abgegeben. Noch spannender erscheint den Forschenden inzwischen allerdings das Bilgenwasser kleiner Boote. Eine australische Untersuchung konnte mithilfe moderner DNA-Analysen zahlreiche Organismen nachweisen, darunter auch nicht heimische Arten. Bilgen entwickeln sich damit zu einem bislang unterschätzten Transportmedium – nicht spektakulär, aber biologisch relevant.
Warum Marinas Drehscheiben sind.
Früher dachte man bei biologischen Invasionen vorwiegend an die Industrie- und Handelsschifffahrt. Heute richtet sich der Blick zunehmend auf Marinas. Eigentlich ist das logisch. Eine Marina bietet genau jene Bedingungen, die viele invasive Arten lieben: künstliche Hartsubstrate, wenig Wellengang, oft höhere Wassertemperaturen als das offene Meer, Nährstoffe und vor allem eine enorme Dichte an Booten. Stege, Dalben, Schwimmkörper und Hafenmauern werden so zu riesigen Siedlungsflächen. Liegen dort Hunderte Yachten dicht nebeneinander, genügt oft schon der nächste Törn, um Larven oder kleine Kolonien in einen anderen Hafen mitzunehmen. Die Forschung spricht deshalb längst von einem Netzwerk maritimer “Stepping Stones”. Jede Marina wird zum Zwischenstopp einer biologischen Reise. Besonders in dicht befahrenen Revieren wie dem Mittelmeer, der Ostsee, der Adria oder entlang der französischen Atlantikküste entsteht dadurch ein engmaschiges Transportnetz.
Antifouling – unverzichtbar, aber keine Wunderwaffe
Natürlich lautet für jeden Bootseigner die naheliegende Antwort: Antifouling. Tatsächlich gehört ein funktionierender Antifouling-Anstrich zu den wirksamsten Mitteln gegen Bewuchs. Er reduziert den Aufwuchs deutlich und spart gleichzeitig Treibstoff oder erhöht die Geschwindigkeit unter Segeln. Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht. Frühere Beschichtungen auf Basis von Tributylzinn (TBT) waren außerordentlich effektiv – und zugleich so giftig, dass sie schwere Schäden an Muscheln, Schnecken und anderen Meeresorganismen verursachten. Seit Jahren sind sie international verboten.
Heute dominieren kupferhaltige oder biozidfreie Systeme. Beide besitzen Vor- und Nachteile. Kupfer schützt zuverlässig, trägt jedoch selbst zur Belastung vieler Hafenbecken bei. Biozidfreie Silikon- oder Foul-Release-Beschichtungen arbeiten anders: Organismen haften schlechter und lösen sich bei ausreichender Fahrt leichter wieder ab. Wer allerdings monatelang im Hafen liegt, darf davon keine Wunder erwarten. Auch die Reinigung verdient Aufmerksamkeit. Ein stark bewachsenes Boot einfach im Wasser abzubürsten, klingt zunächst umweltfreundlich. Tatsächlich können dabei aber genau jene Organismen freigesetzt werden, deren Verbreitung man verhindern möchte. Viele Fachleute empfehlen deshalb Reinigungsverfahren, bei denen Bewuchs aufgefangen und an Land entsorgt wird. Allerdings sind professionelle In-Water-Reinigungssysteme, bei denen Bewuchs und abgelöstes Material vollständig aufgefangen werden, in europäischen Marinas bislang eher Ausnahme als Standard.
Was Skipper konkret tun können
Die gute Nachricht lautet: Jeder Bootseigner, vor allem aber Langfahrtsegler können mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen dazu beitragen, das Risiko deutlich zu reduzieren. Dazu gehört zunächst die regelmäßige Kontrolle des Unterwasserschiffs – und zwar nicht nur der großen Flächen, sondern gerade jener Stellen, die leicht vergessen werden: Saildrive, Propeller, Welle, Seeventile, Loggeber, Ruderlager oder Bugstrahlruder. Wer längere Zeit in einem stark bewachsenen Revier gelegen hat und anschließend in ein anderes Seegebiet wechselt, sollte den Rumpf möglichst vorher reinigen lassen. Auch Anker, Kette, Fender, Festmacher, Dinghy und Tauchausrüstung können Organismen oder Pflanzenteile transportieren.
Bilgenwasser sollte nicht unnötig zwischen verschiedenen Revieren ausgetauscht werden. Last but not least lohnt sich ein Blick auf die jeweiligen Einreisebestimmungen. Australien und Neuseeland kontrollieren Biofouling an Yachten inzwischen äußerst konsequent. Europa setzt bislang überwiegend auf internationale IMO-Leitlinien, regionale Managementkonzepte und Prävention. Doch der regulatorische Druck wächst: Die IMO arbeitet inzwischen an einem verbindlichen internationalen Regelwerk gegen die Verschleppung invasiver Arten durch Schiffsbewuchs. Sollten daraus verpflichtende Standards entstehen, könnte das langfristig auch für international reisende Yachten Konsequenzen haben.
Eine neue Form seemännischer Verantwortung
Segler und auch viele Motorbootfahrer verstehen sich gern als besonders naturverbundene Nutzer der Meere. Im Vergleich zu Kreuzfahrtschiffen oder Containerriesen erscheint eine Zwölf-Meter-Yacht tatsächlich verschwindend klein. Doch biologische Invasionen interessieren sich nicht für Schiffslängen oder Verdrängung. Eine einzige Muschellarve, eine kleine Kolonie von Seescheiden, ein unscheinbares Büschel Algen genügen, um mit „blinden Passagieren“ eine Reise anzutreten, die so nie geplant war.
Antifouling heute – welche Systeme gelten als vergleichsweise umweltverträglich?
Das ideale Antifouling gibt es nicht. Moderne Beschichtungen sollen Bewuchs verhindern und gleichzeitig möglichst wenig Schadstoffe an die Umwelt abgeben.
Kupferbasierte Antifoulings
Der heutige Standard bei vielen Fahrtenyachten. Kupferionen hemmen den Bewuchs zuverlässig, gelangen jedoch mit der Zeit ins Wasser. In einigen Revieren werden Einsatz und Wirkstoffgehalt bereits eingeschränkt.
Silikon- und Foul-Release-Beschichtungen
Besonders glatte Oberflächen sorgen dafür, dass Organismen schlechter haften und sich während der Fahrt leichter lösen. Sie enthalten meist keine klassischen Biozide und gelten als deutlich umweltfreundlicher. Voraussetzung ist allerdings regelmäßige Bewegung des Bootes.
Hydrogel-Beschichtungen
Eine vergleichsweise neue Technologie. Die wasserhaltige Oberfläche erschwert vielen Organismen das Anhaften und kommt weitgehend ohne klassische Biozide aus.
Enzym- und biomimetische Systeme
Noch überwiegend im Entwicklungsstadium. Sie orientieren sich an natürlichen Vorbildern – etwa der Haut von Haien oder Delfinen – und sollen Bewuchs rein physikalisch verhindern.
Regelmäßige Reinigung
Unabhängig vom Anstrich bleibt die Pflege entscheidend. Ein dünner Biofilm lässt sich deutlich leichter entfernen als starker Muschelbewuchs. Wichtig ist jedoch, dass bei professionellen Reinigungen der entfernte Bewuchs möglichst aufgefangen und nicht unkontrolliert ins Hafenbecken gespült wird.
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VERBOTEN:
Tributzinn (TBT)
Über Jahrzehnte galt TBT als äußerst wirksam gegen Bewuchs. Wegen seiner gravierenden Schäden für Muscheln, Schnecken und zahlreiche andere Meeresorganismen wurde der Wirkstoff durch das internationale Übereinkommen der IMO verboten und darf auf Sport- und Handelsschiffen nicht mehr verwendet werden.
