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Wie Foiling-Technik die Welt des Fahrtensegelns verändert

Autor: Carsten Kemmling
  

Die Welt des Segelns wird dieser Tage von einer Erfindung erschüttert, die den Sport so revolutionär verändert, wie vielleicht noch nie zuvor. Segelboote stützen sich auf Tragflächen und heben ihre Rümpfe über die Wellen. Das gelingt nicht nur den kleinen Fliegengewichten, wie der Moth-Klasse, die diese Innovation besonders maßgeblich weiterentwickelt und ihren Speed verdoppelt hat. Immer mehr werden auch Hochsee-Yachten mit den Profilen bestückt.

Wie Foiling-Technik die Welt des Fahrtensegelns verändert
DSS Foil auf einem 50 Fuß Cruiser Racer © JK Yachts

Was zuerst als Spinnerei abgedrehter Mini-Klassen-Tüftler abgetan wurde und schließlich die Neugestaltung des America’s Cups beflügelte - die Organisatoren wechselten von schweren Yachten zu schnellen Katamaranen - prägt nun immer mehr das Gesicht des Segelsports.

Denn nicht nur filigrane Extrem-Segler schweben über die Wellen, sondern seit der vergangenen Nonstop Einhand-um-die-Welt-Regatta Vendée Globe bahnt sich die Unterwasser-Flügel-Entwicklung immer mehr auch ihren Weg in den Mainstream-Segler-Bereich.

Flügel für Fahrtensegler?

Die IMOCA 60 Yachten, die von den Alleinseglern um den Globus geprügelt werden, sehen schon mehr nach «normalen» Segelbooten aus. Und damit scheint die Flügelei auch immer näher an den Fahrtensegler heranzurücken.

Die von Fahrtenseglern oft argwöhnisch beäugten Rumpf-Anhänge haben ihre Verlässlichkeit bei maximaler Belastung demonstriert. Und nun steht der nächste Entwicklungsschritt kurz bevor: Die neue Generation der 100 Fuß Trimarane, die schnellsten Hochsee-Segler der Welt, ist mit Foils ausgerüstet. Sie werden die neue Technik auch bei den riesigen Wellen im Southern Ocean anwenden und alle Rekorde pulverisieren.

100 Fuß Trimaran mit Foil © Macif 100 Fuß Trimaran mit Foil © Macif

So scheint es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der Cruiser in den Genuss der Flügel kommt. Wie könnte dieser Transfer ablaufen?

Die Foiler Technik gibt es schon seit mehr als 50 Jahren. Sie hatte nur eine Bedeutung in Bastel-Nischen. Aber nun ist die moderne Materialkunde so weit fortgeschritten, dass Yachten immer leichter und Foils immer stabiler und effektiver werden.

Allerdings eignet sich die klassische Fahrtenyacht kaum, um Nutzen aus den Tragflächen zu ziehen. Sie ist einfach zu schwer, um sich aus dem Wasser zu heben. Und daran können auch die besten Unterwasser-Profile nichts ändern.

Wer die neue Technik nutzen will, muss nicht die Foils an die Boote anpassen sondern umgekehrt. Bei der ersten Generation der Vendée-Globe-Racer war es noch so, dass man die seitlich abstehenden Profile an funktionierende Rümpfe angebaut hat. Die Yachten heben sich nur in einem schmalen Wind- und Wellen-Fenster aus dem Wasser und waren kaum schneller als ihre konventionellen Vorgänger. Aber sie belegten eben die ersten vier Plätze.

Vendée Globe Racer «Edmond De Rothschild» mit Foil und Neigekiel © Gitana Vendée Globe Racer «Edmond De Rothschild» mit Foil und Neigekiel © Gitana

Für die nächste Generation ist klar, dass sich auch die Rümpfe ändern werden, um im Überwasser-Flugmodus effektiver zu sein. Das wird auch der Weg sein, um eine Bedeutung für Fahrtenyachten zu haben.

Katamarane sind gut geeignet

Viel deutet darauf hin, dass Katamarane besonders gut dafür geeignet sind. Durch den fehlenden Kiel bringen sie weniger Gewicht auf die Waage und punkten durch eine stabilere Plattform. Die Firma Gunboat war mit ihrer viel beachteten 40 Fuß langen G4 Katamaran der Vorreiter dieser Entwicklung. Schon bei 12 Knoten Wind hob der Cruiser-Racer ab (siehe: Rasant reisen – auf Tragflächen). Aber er kenterte 2015, und inzwischen ist die Firma pleite.

DSS Foil an einem Cruiser Racer © DSS DSS Foil an einem Cruiser Racer © DSS

Das Konzept wurde allerdings weiter entwickelt und floss in einen reinrassigen Racer ein, den 14 Meter langen F4. Er gilt weiterhin als Basis für eine Fortschreibung des Projektes auch für Cruiser-Bedürfnisse. Aber so weit scheint man noch lange nicht zu sein. Besonders die Steuersystematik für das automatische Beibehalten der optimalen Flughöhe scheint aufwändiger als gedacht.

In diesem Bereich machen die America’s Cup Ingenieure gerade große Fortschritte. An dieser Front entscheidet sich der Regattasieg in Bermuda. Und danach erwarten die Konstrukteure wichtige Erkenntnisse für den Einsatz auf fliegenden Fahrtenyachten. Elektronische Stabilisatoren können die erforderlichen Anströmwinkel der Profile je nach Windstärke und -Richtung automatisch einstellen.

DSS Foil für Cruiser-Yachten

Das kann aber noch seine Zeit dauern. Näher liegt der Einsatz der so genannten DSS Foils auf den Fahrtenyachten der Zukunft. Sie werden schon immer häufiger eingebaut, um die Leistungsdaten einer Yacht zu verbessern. Dem 100 Fußer «Wild Oats XI» gelang es, damit das Sydney Hobart Race zu gewinnen.

Dabei handelt es sich nicht um einen Flügel, der den gesamten Rumpf aus dem Wasser heben soll. Vielmehr wird er in Lee aus dem Rumpf geschoben und wirkt der Krängung entgegen. Durch den Auftrieb in Lee vergrößert sich das aufrichtende Moment ohne dass ein schwererer Kiel montiert werden müsste. Und es erlaubt zum Beispiel das Setzen von mehr Segelfläche oder die Konstruktion eines schmaleren, widerstandsärmeren Rumpfes.

Q23 Foiler mit nach außen geschwungenen DSS Foils © Quant Q23 Foiler mit nach außen geschwungenen DSS Foils © Quant

Eine radikalere Version dieses DSS Foils ist die geschwungenen DSS Version des Quant-Kielbootes (Die Zukunft hat begonnen), das sich dann doch auch wieder in der Lage ist, sich vollkommen auf seine ausgestellten Tragflächen zu heben.

Diese Art von Flügeln kann aber auch dazu verwendet werden, das Seegangsverhalten normaler Fahrtenyachten zu kontrollieren. So ist es jetzt schon denkbar, dass die durch die automatische Anpassung des Anstellwinkel der Foils das Auf und Ab der Yacht im Wellengang verringert werden kann.

Fliegen werden normale Einrumpfyachten in naher Zukunft wohl eher nicht, wenn sie nicht extrem leicht gebaut werden. Aber ihr Segelverhalten kann durch Foils maßgeblich verbessert werden. Multihulls dagegen könnten schon früher in den Genuss von Wellen-Überflügen kommen, da sie vergleichsweise leichter gebaut werden. Wenn die automatischen Steuersysteme nach dem America’s Cup einem größeren Kreis zugänglich gemacht werden, mag die fliegende Zukunft für Cruiser nicht mehr allzu weit entfernt sein.

Thema

Segeln

Autor

Carsten Kemmling

Geschrieben von

Segel-Journalist (segelreporter.com), Reporter, Match-Racer, Fahrtensegler.

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