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Umwelt- und Meeresschutz8 min Lesezeit

Schwebende Fähre

Schnell und umweltverträglich: Artemis Technologies baut in Belfast eine 150-Personen-Foil-Fähre

Schwebende Fähre
Schon beim Pendeln über den Sorgen "schweben" – die 150-Personen-Fähre von Artemis Technologies

Von ein paar Prototypen einmal abgesehen, ist es zwar noch reine Theorie. Dennoch bestimmen Foils mittlerweile nicht nur die Zukunftstechnologien des Regatta-Segelns, Surfens und des Motor-Wassersports – auch in der Passagier-Schifffahrt hat man mittlerweile Augen und Ohren für die Anhängsel wohlwollend geöffnet.

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 16.06.2023

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Wo und warum Foils auch in der Schifffahrt Sinn ergeben
  • Die Kombination aus Elektro-Antrieb und Foil-Technologie ist das Nonplusultra
  • In Paris scheiterten Foil-Taxis an der Behörden-Willkür
  • In Belfast will Artemis Technologies mit seinen Booten und Schiffen dagegen die Schifffahrt revolutionieren
  • Auch andere haben gute Ideen: E-Foil-Fähren von BMW, VPLP Design und Candela im Kurzporträt

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So soll eine 150-Personen-Fähre ab 2024 über die Bucht vor Belfast schweben

Kunststück, denn was der Segelsport mit Foils ursprünglich vorhatte und mittlerweile bis zum Extrem sehr erfolgreich anwendet – erhöhte Geschwindigkeit durch reduzierten Wasserwiderstand – ist zunächst in der Motor-Wassersportbranche und schließlich auch in der Schifffahrt auf weiterreichendes Interesse gestoßen.

Denn muss ein Boot oder Schiff weniger Widerstand überwinden, um in Fahrt zu kommen oder zu bleiben, muss der antreibende Motor weniger leisten, um eine gesetzte Geschwindigkeit zu erzielen. Folgerichtig wird weniger Energie (welcher Art auch immer) verbraucht, ganz zu schweigen von den klimaschädlichen Ausstößen bei Verbrennungsmotoren.

Das gibt es doch schon seit Jahrzehnten!

Foils in der Schifffahrt? Natürlich möchten wir hier keine Vision im Stil „Kreuzfahrtschiff hebt sich dank Foils aus dem Wasser“ vorstellen. Doch gibt es in der Passagier-Schifffahrt mittlerweile ein vielversprechendes Projekt, das bald die Welt der Personenfähren revolutionieren könnte. Denn hier bieten Foils neben der Energieersparnis beim Vortrieb noch weitere Vorteile – derentwegen sich vorwiegend Städte mit Wasserstraßen oder Hafenanlagen besonders für das Konzept interessieren. Wenn sich auch manche dabei selbst im Wege stehen.

Sieht so die Zukunft der Passagierfähren aus? ©artemis technologies
Sieht so die Zukunft der Passagierfähren aus? ©artemis technologies

Werfen wir zunächst einen Blick zurück. Gerade in der Historie der Personenfähren ist das Prinzip des „über den Wassern schweben“ nicht unbekannt. Seit den Fünfzigerjahren wurden solche Passagierboote und -fähren etwa für die norditalienischen Seen und entlang der Mittelmeerküste gesichtet. Aber auch in Russland und den USA wurden Boote mit dem neuartigen Hydro-Prinzip entwickelt – größtenteils allerdings für den militärischen Einsatz.

Trotz im Detail unterschiedlicher Technologien funktionierten alle Boote und Schiffe nach dem gleichen Prinzip: Mit einer entweder V-, U- oder T-förmigen Tragfläche hoben sich die Boote und Schiffe ab einer bestimmten Geschwindigkeit aus dem Wasser und schwebten auf ihren „Stelzen“ über der Wasseroberfläche. Dabei reduziert sich der Wasserwiderstand –Vorteile: mehr Speed, weniger Verbrauch, mehr Komfort.

Umweltspezifische Gedanken waren damals noch Mangelware, es ging meistens um den reinen Speed respektive Zeitgewinn auf den jeweiligen Strecken und Routen. Und ein wenig um den Komfort der Passagiere, die „über den Wellen“ deutlich weniger vom Seegang spürten.

Allein zwischen 1974 und 1985 stellte allein Boeing etwa 30 Passagierschiffe mit „Tragflügeln“ her.

Bis heute sind weltweit noch Dutzende Tragflügelboote im Einsatz, sie gelten jedoch als eine Art „aussterbende Technologie“.
Denn Hydrofoils der neueren Generation sind ungleich effizienter. Sie heben die Boote und Schiffe vollständig über die Wasseroberfläche, sind leichter und reduzieren so den Energieverbrauch erheblich.

Das e-Foil-Prinzip©artemis technologies
Das e-Foil-Prinzip©artemis technologies

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Im nahezu gleichen Zeitraum, der für die Entwicklung der Foils benötigt wurde, verbesserten junge Start-ups die seit Langem bereits eingesetzten Elektro-Motoren. Noch besser: Sie kombinierten Elektro-Motor und Foil -Technologie auf geniale Weise.

Der Mix aus Foil und E-Motor – in Sachen Umwelt- und Gewässerschutz nach aktuellem Stand der Technik unschlagbar!

Schwebende Wassertaxis und Behörden-Willkür

Interessanterweise war es Alain Thébault, der mit seinen „Bubbles“ den Anfang machte. Ausgerechnet der charismatische Rekordjäger und Segelsportler, der mit seinem riesigen Tragflügel-Trimaran „Hydroptère“ mehrfach Geschwindigkeits-Weltrekorde einfuhr, brachte sein Foil-Know-how reduziert auf den „Punkt“ oder besser gesagt in die „Blase“.

Denn seine Taxis, die er für den Einsatz in Großstädten mit ausgedehntem Wasserwegenetz konzipierte, sahen (zumindest als Projekt) wie niedliche Wasserperlen aus, in denen die Passagiere wie in einem Auto-Taxi von A nach B gefahren werden. Über den Wassern schwebend wohlgemerkt.

Ohne CO₂-Ausstoß, ohne starke Wellenentwicklung. Schließlich heben sich die Bubbles auf Foils aus dem Wasser (Verdrängung findet nur in den Start-, Lande- und Einparkphasen statt) und werden von starken E-Motoren angetrieben. Die wiederum zumindest im Einsatz keine Emissionen ausstoßen.

Bubbles – vorerst letzter Entwurf©sea bubbles
Bubbles – vorerst letzter Entwurf©sea bubbles

Zwar gab es vor Thébault bereits Motorboote für den Wassersport, die auf modernen Foils über den Wassern schwebten. Doch ein kommerzieller Einsatz wie die Beförderung von Passagieren in Foil-Taxis war ein Novum.

Die ersten Wassertaxis mit E-Motor – Madame Hidalgo, die „grüne“ Bürgermeisterin von Paris, ließ sich rasch von den umweltspezifischen Vorteilen dieser Bubbles überzeugen und gab Thébault ihren Segen.

Doch keiner hatte mit einer immensen bürokratischen Sturheit bei den Verkehrsbehörden Frankreichs gerechnet: Die Bubble-Taxis (nun als Prototypen eher im Stil schwebender Boxautos statt in Blasen- oder Perlenform) dürfen die festgesetzte Höchstgeschwindigkeit von 5 kn nicht überschreiten – um überhaupt auf ihre Foils steigen zu können, benötigen sie jedoch mindestens 7–8 kn Fahrtgeschwindigkeit.

Wohlgemerkt: Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Seine wurde eingeführt, damit die Uferbefestigungen durch zu hohe Wellenbildung bei zu hoher Geschwindigkeit nicht beschädigt werden. Foiler produzieren jedoch deutlich weniger Wellen im Foil-Modus.

Dennoch wurde das Projekt Sea Bubbles in Paris kurz vor der Pandemie „vorerst auf Eis“ gelegt.

Doch auf Alain Thébault und seine Bubbles warten weitere Großstädte mit reichlich Wasserstraßen…

Vom America’s Cup zur Passagierfähre

Vorhang auf für Artemis Technologies! Moment mal – noch nie davon gehört? Das America’s Cup Spin Off Artemis Technologies ist beispielsweise für interessierte Regattasegler längst keine Unbekannte mehr.

Das innovative Unternehmen des britischen Olympiasiegers und America’s Cup-Seglers Iain Percy wurde 2017 gegründet und hatte sich damals zum Ziel gesetzt, Know-how aus mehr als sieben Jahren Entwicklungsarbeit für den America’s Cup auch in anderen maritimen Bereichen einzusetzen.

Iain Percy ist Americas's Cup-Segler und mehrfacher Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen©artemis technologies
Iain Percy ist Americas's Cup-Segler und mehrfacher Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen©artemis technologies

Mittlerweile hat sich das innovative Start-up mit diversen zukunftsweisenden Öko-Projekten für die Handels- und Passagierschifffahrt einen Namen gemacht. Doch Visionen und Projekte gibt es bekanntlich Unmengen – was Artemis Technologies im Besonderen auszeichnet, ist die Nähe zur Praxis. S

So stellte das Start-up im nordirischen Belfast im Jahr 2022 nach einer relativ kurzen Entwicklungs- und Bauzeit von nur zwei Jahren das erste ausschließlich elektrisch angetriebene Arbeitsboot auf Foils vor. Dabei kam auch erstmals das aktuelle Spitzenprodukt aus den Artemis Technologies-Werkstätten zum Zug: Der E-Foiler. Er basiert auf der Integration einer elektrischen Motor-Generator-Einheit in ein autonom gesteuertes Foil.

Auf diese Weise gelingt es, die „Flugphase“ des immerhin 11,5 m langen E-Foilers in allen möglichen Situationen stabil zu halten. Ein für Vergleichsfahrten gebautes, identisches Arbeitsboot, das jedoch ohne Foils und mit Verbrennermotor unterwegs ist, konnte bei Testfahrten in keiner Situation besser abschneiden. Ganz zu schweigen von den Rückständen, die der Verbrennermotor in der Luft hinterlässt.

Das revolutionäre Arbeitsboot von Artemis Technologies©artemis technologies
Das revolutionäre Arbeitsboot von Artemis Technologies©artemis technologies

Das Mehrzweck-Arbeitsschiff ist das Ergebnis einer Investition von rund 14 Millionen Euro. Es soll eine Reichweite von 60 Meilen haben, maximal 34 Knoten erreichen, in einer Stunde aufgeladen sein und kaum Wellenschlag erzeugen. Im Vergleich zu den üblichen Arbeitsbooten beträgt die Energieeinsparung bis zu 90 Prozent.


Dieses Arbeitsboot mit dem etwas theatralischen Namen „Pioneer of Belfast“ ist seit der Inbetriebnahme 2022 bei jedem Wetter im Einsatz. Ohne Probleme, wie aus Artemis-T-Kreisen zu vernehmen ist.

Keine kleinen Brötchen backen

Doch Artemis Technologies hat sich längst viel Größerem verschrieben. Gründer Ian Percy will nichts Geringeres, als die Personen- und/oder Fährschifffahrt „revolutionieren“. Und hat mit einem Anfang 2023 vorgestellten Projekt beste Chancen, genau dies zu erreichen.

Artemis Technologies hat eine vollelektrische Passagierfähre entwickelt, die 2024 in Betrieb gehen soll (siehe auch Video oben). Lift-off-Geschwindigkeit: 18 kn. Der Betreiber Condor Ferries will das Tragflächenboot im Rahmen eines Pilotprojekts zwischen Belfast und Bangor in Nordirland einsetzen und setzt dabei auf die Schnelligkeit und Umweltverträglichkeit der Fähre.

Die jetzt vorgestellte 24 Meter lange EF-24 ist ein Elektroschiff für bis zu 150 Passagiere. Bei einer Geschwindigkeit von 25 Knoten (etwa 46 km/h) bietet die Fähre eine Reichweite von 115 Seemeilen (etwa 213 Kilometer). Als Höchstgeschwindigkeit werden 38 Knoten (70 km/h) angegeben.

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Das revolutionäre Arbeitsboot von Artemis Technologies©artemis technologies

Doch auch hier sei noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, unterstreicht Artemis Technologies-Boss Percy. Zwar soll die Passagier-Fähre als Prototyp den Weg für foilende Fähren ebnen. Es geht den Artemis-Machern jedoch in erster Linie um die Akzeptanz ihrer E-Foil-Technik.

Entsprechend wurden weitere Bootstypen konstruiert, die mittlerweile längst die Planungsphase hinter sich gelassen haben und zum Teil bereits gebaut werden. So will Artemis Technologies im Jahr 2024 einen vollelektrischen Crew-Tender zu Wasser lassen, mit dem z.B. Arbeitscrews zu Offshore-Windanlagen oder zu Schiffen, die auf Reede liegen, übergesetzt werden.

E-Foils für die Städte

Ein besonders großes Potenzial sieht man bei Artemis Technologies allerdings in der Konstruktion von Wassertaxis. Die sollen – im Prinzip ähnlich eingesetzt wie die o.g. Bubbles – vorwiegend auf innerstädtischen Wasserstraßen oder in Hafenanlagen eingesetzt werden.

So könnten die Wassertaxis viele Auto-Taxis mit Verbrennermotoren ablösen©artemis technologies
So könnten die Wassertaxis viele Auto-Taxis mit Verbrennermotoren ablösen©artemis technologies

Basierend auf der effizienten E-Foil-Technologie sollen die genannten umweltspezifischen Vorteile und die relativ niedrige Wellenbildung zum Schutz der Uferanlagen überzeugen. Laut Artemis Technologies haben bereits Städte aus allen Ecken der Welt ihr Interesse an den Taxis bekundet.

Bleibt zu hoffen, dass die dortigen Behörden „offener“ der neuen Foil-Technologie gegenüber stehen als etwa die Pariser.
In jedem Fall zählt die britische Industrie und die britische Regierung die neue E-Foil-Technik zu ihren Lieblingsprojekten. So hat sich ein relativ großes Konsortium aus britischen Marine-Unternehmen zusammengeschlossen und agiert als (finanzieller) Partner von Artemis Technologies. Zudem wird das Projekt mit sechs Millionen Pfund von der britischen Regierung im Rahmen des „Clean Maritime Fund“ unterstützt.

Gute Ideen haben bekanntlich auch andere. So wagten sich mittlerweile weitere Start-ups, „gestandene“ Großunternehmen oder Designbüros an das Thema Wassertaxis respektive Personenfähren. Drei Beispiele für Projekte, die bereits Prototypen vorgestellt haben bzw. deren Realisierung kurz bevorsteht (Stand Sommer 2023)

Der Premium-Automobilhersteller BMW stellte während des Filmfestivals 2023 vor Cannes die Passagierfähre „Icon“ vor. Das Design der foilenden 13m-Fähre mit E-Antrieb ist etwas gewöhnungsbedürftig, dafür machte die „Flugphase“ im schwebenden Zustand auf den Foils einen stabilen Eindruck. Ob die Fähre tatsächlich in Serie geht, wird wohl – wie immer in solchen Fällen – von der Nachfrage bestimmt werden. Zwei jeweils 100 kW starke Elektromotoren setzen den Energiegehalt von 240 kWh, der von sechs Batterien aus dem BMW i3 bereitgestellt wird, in eine Reichweite von mehr als 50 Seemeilen um. Dabei ist eine Betriebsgeschwindigkeit von 24 Knoten möglich. Die Maximalgeschwindigkeit liegt bei 30 Knoten.

© BMW
© BMW

Ein weiteres vielversprechendes, aber noch in der Entwicklungsphase befindliches Projekt ist die „F3“. Gezeichnet vom in der Hochsee-Segelszene weltberühmten Designbüro VPLP in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen MerConcept des französischen Vorzeigeseglers Francois Gabart (Weltrekord-Skipper auf foilenden Ultim-Trimaranen), hat „F3“ offenbar bereits in mehreren französischen Hafenstädten für Aufmerksamkeit gesorgt. Allerdings soll die 24 m lange Foil-Fähre mit Platz für über 200 Passagiere von einem Verbrennermotor angetrieben werden.

Den vielleicht größten Erfahrungsschatz mit foilenden Elektro-Motorbooten bringt die Werft Candela aufs Wasser. Die Schweden bauen bereits seit Jahren stabil foilende Runabouts mit E-Motor-Antrieb und haben damit reichlich Erfolg. Durch die Zusammenarbeit mit dem Elektroautohersteller Polestar bezieht Candela nun Batteriepacks mit der hohen Energiedichte und den Sicherheitsstandards der Automobilindustrie. Diese Technologie will Candela – in Kombination mit ihrer erfolgreichen Foil-Technik – in E-Foil Personenfähren und -Taxis einsetzen. Die Candela P12 Passagierfähre soll bis zu 400 Prozent energieeffizienter unterwegs sein als zum Beispiel ein Hybrid-Bus an Land. Der erste P12-Prototyp soll 2024 vom Stapel laufen.

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