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Bestevær 2

Autor: Erdmann Braschos

Es ist interessant, was Yachtkonstrukteure für sich selbst entwerfen und segeln. Ihre Boote verraten, wie sie ticken: Zum Beispiel die weit gereiste 16m Blauwasseryacht «Bestevær 2» von Gerard Dykstra.

Bestevær 2
Kodak Grönland© Gerard Dykstra

Gerard Dykstra ist ein vielseitiger Mann. Er begann als Segelmacher in New York und navigierte die siegreiche «Flyer» beim Whitbread Race um die Welt. 1969 machte er sich in Amsterdam als Yachtkonstrukteur selbstständig und segelte mit seiner ersten «Bestevær» einhand bei der OSTAR-Regatta über den Atlantik. Er entwarf Kanus, Fischerboote und kleine Frachter für ein Entwicklungshilfeprojekt in Indonesien und steht maßgeblich hinter der Wiederinbetriebnahme der J-Class. Er zeichnete große Yachten wie «Athena», «Adix», «Borkumriff IV», «Meteor» oder «Windrose» und entwickelte Windjammer wie «Cisne Branco» oder «Stad Amsterdam». Dykstra hat sich von Selbststeueranlagen bis hin zum Dyna-Rigg der gigantischen Segelroboter «Maltese Falcon» und «Black Pearl» mit praktisch allen Facetten seines Metiers beschäftigt. Einige seiner Aufgaben waren so speziell, dass Dykstra sie mit Machbarkeitsstudien begann. Auch im yachtbaulichen Meilenstein «Hetairos», einer ultraleichten, generös besegelten 66 m Hightech Ketch, steckt sein Knowhow.

Dykstra ist ein stiller Mann, der mit unaufgeregter Sachlichkeit Einblick in seine Arbeit gibt. Als zurückhaltender Mensch, der sich kaum für das Rampenlicht der heute üblichen Awards und die künstliche Welt der Boatshows interessiert, segelt er seit Jahrzehnten auf den interessantesten Booten der Welt. Viele der heute allseits bewunderten Showboats hat er gezeichnet. Bei den J-Class Regatten ist er als Beobachter dabei, auch weil er hier seine Kunden, die Eigner, und die künftigen Eigner neuer Entwürfe trifft. Mit dem manchmal erdrückenden Ego seiner Kunden kommt er klar.

Als ich ihn Ende der Neunzigerjahre damals noch in seinem ersten Büro in Amsterdam besuchte, meinte er nebenbei: «Ich möchte mal wieder selbst ein bisschen segeln gehen» und kündigte ein Boot nach eigenem Gusto an. «Es wird ganz einfach, denn ich segele lieber als zu basteln.» Seine zweite Bestevær ist ein nüchterner Zweckbau, so charmant wie unbehandelter Waschbeton oder naturbelassenes Aluminium sein kann. Grau, schnörkellos und unkaputtbar.

Bestevaer2 Bestevaer2 © Gerard Dykstra

Seit 1 ½ Jahrzenten ist er nun mit «Bestevær 2» unterwegs, einem Boot, dessen Name erklärungsbedürftig ist: «Bestevær, «best-a-far» ausgesprochen, ist der Spitzname des holländischen Admirals Michiel Adriianszoon de Ruyter» berichtet Dykstra. «Das heißt wörtlich übersetzt guter Vater. De Ruyter war der Nelson der Holländer im 17. Jahrhundert. Und dann heißt «Vær außerdem «Vaarder» wie Farer im englischen «Seafarer». De Ruyter wird nicht nur als fairer Skipper, er wird auch als guter Seefahrer erinnert.

In der ersten Saison ging es nach Spitzbergen und Norwegen, den Winter 2005 lag das Boot in Tromsö, von wo meine Frau Loon und ich Törns machten, die mit Schneefegen an Deck begannen. Es war großartig und eine schöne Zeit an Bord. Frühjahr und Sommer erkundeten wir die Lofoten. Im Jahr darauf ging es von Holland via Lissabon, Madeira zu den Kanaren, von dort im November nach Rio de Janeiro. Den Winter dann die brasilianische Küste entlang. Eigentlich wollte ich nach Patagonien, aber es gab zu viel in Amsterdam zu tun. Ich versuche das später noch mal» berichtet der Gerne- und Vielsegler Dijkstra, der seinen Namen zugunsten seiner internationalen Kundschaft in Dykstra änderte. Das können Nichtholländer besser aussprechen.

«Bestevær 2» ist ein typisch Dykstrascher Cross Over von traditioneller Anmutung, modernem Unterwasserschiff und Hightech Segelhardware wie handlich leichten Karbonspibäumen oder Kutter- und Backstagen aus Aramidfaser. Die 53 Fuß Slup ist durchweg praktisch, vom markanten Vorsteven bis zum Spiegelheck. Dort hängt hinter einem stabilen Bügel die Windfahnenselbststeueranlage der bewährten Marke Windpilot. Auch der Betrieb eines Notruders war mit angeschweißten Beschlägen bereits ab Werft vorgesehen. Zur Vermeidung der lästigen Elektrolyse bei der Montage von Metallen mit unterschiedlicher Eigenspannung wurden die Poller nicht mit dem Boot verschraubt, sondern angeschweißt und so homogener Bestandteil der Aluminiumkonstruktion.

Wie manche andere Aluyacht auch, ist «Bestevær 2» ohne Farbe auf dem Rumpf und Aufbauten unterwegs. Voraussetzung dafür ist die beulenfrei saubere Leichtmetallverarbeitung der K&M Werft im holländischen Makkum. Die formschönen Rundungen des Deckshauses beeindrucken. Das ist Karosseriebau, wie ihn wenige ohne Spachtel hinkriegen.

BV2 lift RJV 2 BV2 lift RJV 2 © Gerard Dykstra

Das Vor- und Achterschiff ließ Dykstra zwecks Gewichtstrimm und ruhigem Seeverhalten leer. Die Vorpiek ist mit einem wasserdichten Schott und das hintere Viertel des Schiffes so abgetrennt, dass das Boot nach einem Wassereinbruch mit passablem Freibord schwimmt. «Damit kannst Du nach einer Havarie noch nach Hause Segeln,» so Dykstra, der das erste Weihnachten und Neujahr nicht in der warmen Wohnung sondern auf einer friesischen Insel im Kreis von unbeirrten «Eisseglern» an Bord verbrachte. Da braucht man natürlich einen leistungsfähigen Ofen aus Gusseisen. Der verbreitet im Salon angenehme Wärme. Weißblaue Makkumer Kacheln gehören für einen Holländer natürlich dazu. Die Kohle und Holzscheite sind im Sideboard neben dem Sofa verstaut.

Wie die segelnden Lotsen und Fischer früherer Zeiten hat «Bestevær 2» eine Sommertakelung und ein Starkwindrigg. «Im Winter lasse ich einfach den Klüver aufgerollt und segele mit der herkömmlich an Stagreitern gesetzten Fock.» Mit dem kleinen Vorsegel und mit drei Reffreihen reduziertem Groß verträgt die kuttergeriggte Slup viel Wind und Seegang. Auch beim Rigg setzt Dykstra auf einfache Lösungen. Anstelle von Beschlägen zur Befestigung der Blöcke sind bei «Bestevær 2» wie bei modernen Regattabooten Stropps gelascht. «Die passen sich der Zugbelastung besser an und klappern nicht» so der Praktiker. Deshalb gibt es überall Endlos-Stropps des amerikanischen Herstellers Yale Cordage. Dieser leichte, geräusch- und verschleißarme Schäkelersatz ist heute auf Regattabooten üblich.

Natürlich ist der Praktiker mit einer Pinne statt Rad unterwegs. «Die Pinne funktioniert immer, bietet mehr Gefühl, zeigt die Ruderlage an und spart gegenüber der Radsteuerung Gewicht, Platz und Wartungseinheiten.» Die sparsam mit Holz ausgelegte Plicht mit den metallisch unbehandelten Aluoberflächen ist nicht jedermanns Sache. Sie hat den Charme eines Rohbaues.

Das Deckshaus bietet dem Langfahrtseglerpaar entscheidende Annehmlichkeiten wie Windschutz und Überblick. Schiffsverkehr, Wind und Wetter lassen sich durch die vielen Fenster beobachten. Verklicker und Segelstand beobachtet Dykstra durch das Skylight über dem Kartentisch. So bringt er das Schiff auch bei unwirtlichen Bedingungen durch nautisch anspruchsvolle, verkehrsreiche Tidengewässer.

Isafjordur April 13 – Gerard und Loon Dykstra Isafjordur April 13 – Gerard und Loon Dykstra © Gerard Dykstra

Das Schiff ist ohne Seeventile und Schläuche unterwegs, stattdessen mit angeschweißten Bordwanddurchführungen. Das Vorschiff wurde unter Wasser aus 10 mm starkem Aluminium geschweißt, das entspricht einer leichten Eisklasse. Auch die Kühlung des Motors wurde eisigen Bedingungen angepasst. Sie erfolgt mit einem geschlossenen System per Wärmetauscher im Kiel und trockenem Auspuff. Die Fenster tragen Perspex-Innenrahmen gegen Kondensation und der Rumpf ist innen mit einer dicken Schaumschicht isoliert.

Wie von einem mehr auf See als dem Messestand überzeugenden Schiff zu erwarten, wird bei «Bestevær 2» im ruhigen achteren Mittschiffsbereich gekocht, geschlafen und die Toilette benutzt. Das Boot hat einen einzigen, dafür großen Toilettenraum mittschiffs unmittelbar am Niedergang, wo es die wenigsten Bewegungen gibt.

Deckenverkleidung und Schotten traditioneller Arbeitsboote und Yachten des 19. bis frühen 20. Jahrhunderts waren einst freundlich hell ausgebaut. Eine Lösung, die Dykstra für sein Schiff übernahm. Wie in der Berufsschifffahrt üblich tragen die in die Bordwand eingelassenen Bullaugen Seeschlagblenden.

Im Vergleich zu ihrer Vorgängerin, Dykstras einstigem Ostar Transatlantikrenner gleichen Namens von 1976, ist die zweite Bestevær breiter, dennoch nach heutigen Maßstäben kein breites Boot. Das ergibt eine ausgeglichen symmetrische Wasserlinie des gekrängten Bootes und brauchbare Am Wind Segelleistung. Die 2,60 Meter tief gehende Kielflosse mit 5 Tonnen Ballast trägt dazu bei. «Damit ist das Boot so steif wie ein Regattaboot oder eine schwere Fahrtenyacht» erläutert der Eigner. Wer komfortabel segeln, später reffen oder mehr aus dem Schiff herausholen möchte, pumpt die 600 Liter Frischwasser unter die angehobene Deckskante und füllt den dahinter sitzenden Wasserballasttank mit 1,2 Tonnen Seewasser. Damit segelt das Boot acht Grad aufrechter.

Das Schiff mit dem markanten Vorsteven sieht zwar behäbig aus, hat dank starker Achterlieksrundung im Großsegel und 155 Quadratmetern am Wind die für ein Fahrtenboot ordentliche Segeltragezahl von 4,8 und macht mit 270 qm raumschots reichlich Dampf. All das halb beladen, nicht netto. «Das Schiff muss laufen.» Deshalb hat die «Bestevær 2» wie Dykstras andere Um- und Neubauten auch, einige Quadratmeter Segeltuch mehr. «Einpacken kannst Du immer» meint er.

Lofoten Lofoten © Gerard Dykstra

Nach vielen Tausend Meilen bleibt die Frage, was er anders machen würde «Das Heck könnte ein bisschen breiter sein. Diese Erkenntnis, habe ich bereits in die Bestevær Serie einfließen lassen.» Dykstras Schiff wurde zum Prototypen einer Kleinserie von Semicustom Booten, die die K&M Werft in Makkum trotz der gediegener Preise mit beachtlichem Erfolg fertigt.

«Die Systeme würde ich noch einfacher machen, als sie auf meinem Schiff ohnehin schon sind. Besonders die Zugänglichkeit ist wichtig» berichtet der Eigner. Also bleibt er beim «Keep it simple», dem «KIS» Prinzip», mit einer bemerkenswerten Abweichung übrigens: «heute bin ich mit einem richtigen, ausschließlich für die Navigation zuständigen Bordcomputer unterwegs.» Zunächst hatte Dykstra noch einen billig-Windows Rechner von Aldi proklamiert, den er alle paar Jahre durch ein neues Gerät einschließlich der erforderlichen Softwareupdates ersetzten wollte. «Den Laptop benutze ich ausschließlich für den «Haushalt» und die Kommunikation. Und noch etwas würde er ändern: «Ich würde die Farbe an Deck weglassen.»

Im Grunde ist Gerard Dykstra, der Hochseesegel-Veteran und Yachtkonstrukteur sich nach seinem Berufsleben mit «Bestevær 2» bloß treu geblieben. Bereits als Student hatte er sich eine alte 6 mR Rennyacht mit Bordmitteln zurecht gemacht, sie «Old Salt» getauft und mit dem flachbordigen, nass segelnden Gefährt Nord- und Ostsee erkundet.

Länge über Alles (LOL): 16,17m
Breite: 4,52m
Verdrängung half load: 18,5t
Segeltragezahl (half load!): 4,8
Ballast: 5t
Wasserballast: 1,2/1,8t
Tiefgang: 2,60m
Kuttertakelung: 155m2
Maschine: Nanni 65 PS/48 kW
Interieur: Mahagoni, weißgraue Vertäfelung
Heizung: Zentralheizung und Kamin

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Segeln

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Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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