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Boote im Porträt9 min Lesezeit

Jeff Bezos takelt auf

Einzelheiten zum 127 m Schoner «Koru» des Amazon Gründers

Jeff Bezos takelt auf
Kolossaler Dreimaster mit Klüverbaum und Wasserstag © Dutch Yachting

Es ist seltsam, welche Geheimniskrämerei Superyachteigner um ihre Schiffe machen. Sie präsentieren sich unübersehbar mit ihrer Yacht und verlangen zugleich von allen Beteiligten maximale Diskretion. Das ultimative Gedöns gibt's beim Geisterschiff «Y721».

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 17.02.2023, aktualisiert am 16.06.2024

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Infos zum Dreimastschoner «Koru» von Jeff Bezos
  • diskrete Fertigstellung an drei Standorten bei Rotterdam
  • ein Blick in die Welt der Großsegler
  • schöne Details wie die beinahe vergessene Portugieser Brücke
  • wie große Pötte heute aus der Halle kommen
  • warum sie in Registertonnen vermessen werden
  • warum der Backdecker praktisch ist
  • Wissenswertes zur Takelage
  • die größte Segelyacht der Welt?
  • mehr zum 75 m Versorger «Abeona»
  • der interessierte Blick des Autors, der ganze 12 ½ Registertonnen bewegt

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Fangen wir beim Werftcode «Y721» an. Es handelt sich um eine Umkehrzahl der Gesamtlänge in Metern. Das Schiff ist einschließlich Klüverbaum 127 m lang. Die Geheimniskrämerei ging bei diesem Schiff so weit, dass das bereits 2018 begonnene Projekt erst publik wurde, als es 2021 südlich von Rotterdam auf unzähligen Reifen eines zweiteiligen Gespanns aus der Werfthalle von Oceanco in Zwijndrecht kam. Bestimmt wurde jeder Reifen vorher noch mal gut aufgepumpt. Denn die Maschinen und auch die Decks waren schon drin und das ganze Zeug wiegt. Von dort wurde der Rohbau samt Fahrgestell auf einem Ponton zur Fertigstellung zur Werftzentrale nach Alblasserdam geschleppt.

Rollout von Projekt «1050H» durch eine «Lichtdusche» in Zwijndrecht
Rollout von Projekt «1050H» durch eine «Lichtdusche» in Zwijndrecht © Oceanco

Die Sache mit dem Rollout

Auch erschien der 127 m Schlitten bis Februar 2023 nicht auf der Werft-Website. Das ist ungewöhnlich, da Werften und Zulieferer ihre Erzeugnisse stolz präsentieren. Solche Schiffe rutschen schon lange nicht mehr über eine geneigte Helling ins Wasser. Sie gelangen wie ein Flugzeug mit einem sogenannten Rollout in die Öffentlichkeit. Dieser Rollout mit PR-Spektakel, Schnittchen und Publicity auf sämtlichen Kanälen ist für die Werft wichtig, weil er künftigen Kunden zeigt, was sie kann. Kommt solch ein Mammutprojekt zu einem absehbaren Abschluss, brauchen mehrere hundert Schiffbauer, all die Spezialisten und Zulieferer rings um die Werft den nächsten Auftrag.

Ist der Eigner nicht ganz so prominent, gibt's Zinnober
Ist der Eigner nicht ganz so prominent, gibt's Zinnober © Oceanco

Ein Beispiel für dieses Spektakel ist der Umbau der 105 m langen Motoryacht mit dem Code «1050H» von Oceanco. Er wurde im Januar mit einer effektvollen Lichtshow bei natürlicher holländischer Schietwetter-Suppe statt künstlichem Diskonebel und starken Sprüchen wie «What if an icon evolves» von Ocenaco präsentiert. Es ging zu wie in Paris beim französischen Nationalfeiertag - in einem Vorort von Rotterdam mitten im Winter.

Diskretes Rollout von «Y721» auf zahlreichen Reifen in Zwijndrecht
Diskretes Rollout von «Y721» auf zahlreichen Reifen in Zwijndrecht © Oceanco

Der 127 m Segler wurde stattdessen in aller Stille aus der Halle geschoben. Bekannt wurde er dann Anfang 2022, weil es sich um eine Segelyacht handelt, deren Masten nach dem Stapellauf in Alblasserdam im Südosten Rotterdams auf der Werft gestellt werden sollten. Es handelt sich um einen Dreimast-Gaffelschoner mit bis zu 100 m hoher Takelage, der unterwegs zur Nordsee nicht durch die historische 46 m hohe Hubbrücke namens Koningshavenbrug gepasst hätte. So sollte der Mittelteil der Brücke für einige Stunden abgenommen und nach der Passage des Schiffes wieder montiert werden. Technisch wäre es kein Problem gewesen, zumal die frühere Eisenbahnbrücke seit 1993 nicht mehr von Zügen befahren wird.

Ziemlich Start-up: CNBC-Interview mit Amazon-Gründer Jeff Bezos 1999

Nun hatte sich herumgesprochen, dass die Yacht für Amazon-Gründer Jeff Bezos entsteht. Wie der sehenswerte Clip von 1999 zeigt, ist Bezos im Interview ein gewinnender Typ und beeindruckend auf den Punkt. Als einer der vermögendsten Männer der Welt soll Bezos 2014-18 in den Staaten - God bless America - 0,98 Prozent Einkommenssteuer gezahlt haben. Er hat Kollegen, die die Ausplünderung ihrer Heimat noch weiter auf die Spitze treiben.

Das erklärt zu einem Teil den Widerstand der Einheimischen, für die vermutlich 500 Millionen Dollar teure Yacht die Brücke vorübergehend zu demontieren, obwohl Bezos die Kosten dafür wohl übernommen hätte. Für die Werft wäre es praktisch gewesen, das Schiff vor Ort aufzutakeln. Das kennen wir Segler normal großer Boote auch: Kurze Wege zwischen Boot und Takelage mit dem passenden Werkzeug helfen. Dann wäre das Schiff pünktlich fertig geworden. Doch sollte Bezos seinen Willen diesmal nicht bekommen.

Die ersten Meilen Anfang August 22 auf Noord und Nieuwe Maas auf eigenem Kiel, dokumentiert von Dutch Yachting

Angesichts der Wut vieler Einheimischer, dass bei der denkmalgeschützten Brücke ausgerechnet für Bezos eine Ausnahme gemacht werden sollte, wurde das Schiff im Sommer 22 ziemlich früh am Morgen ohne Masten zum Rotterdamer Waalhaven geschleppt. Die Masten kamen auf Schuten zum Waalhaven und wurden dort an Bord gehoben. Man kann überall auftakeln, wo es Platz und standfesten Boden für die Kräne gibt. Es dauert halt länger. Hier wurde auch die lange Jobliste der abschließenden Arbeiten erledigt. Auf den letzten Meilen der Nieuwe Maas zur Nordsee gibt es keine Brücken.

Ein Blick von Dutch Yachting auf die drei transportfertigen Masten in der Oceanco Werft in Alblasserdam

Hübscher Backdecker

Es ist keine entzückende Gegend, in der «Y721» die vergangenen Monate lag, ein Industriehafen mit Brackwasser, Rost und Dreck, Schwimmdocks, Schleppern, Tankern. Hinzu kommt das Wetter mit normal niederländischem Dauergrau unter tiefen Wolken.

Die moderne 86 m Ketsch «Aquijo»
Die moderne 86 m Ketsch «Aquijo» © Tripp Design

Das Schiff selbst ist sehenswert, kein gesichtsloser Mix aus Motor- und Segelyacht mit windschnittigen Aufbauten und umlaufend schwarzen Fensterbändern wie «Aquijo» (Oceanco/Vitters 2016, 86 m, 1500 Bruttoregistertonnen). «Y721» ist ein Anachronismus mit dunklem Rumpf wie der Dampfer «Corsair IV» des New Yorker Bankiers Morgan. Ein richtiges Schiff mit Klüverbaum, Klippersteven und elegantem Yachtheck, eines mit Anfang und Ende.

Die Fenster des Ess- und Wohnzimmers auf dem Mitteldeck sind vertäfelt wie die Portugieser Brücke
Die Fenster des Ess- und Wohnzimmers auf dem Mitteldeck sind vertäfelt wie die Portugieser Brücke © Dutch Yachting

Ein sogenannter Backdecker mit angehobenem, bis hinter die Brücke reichendem Vorschiff. Da bleibt vorne Platz für die Beiboote, die hinter großen, in die Bordwand eingelassenen Klappen verstaut werden, vermutlich auch für die Quartiere der 40-köpfigen Besatzung. Es ist sehenswert, wie sich die gewölbten Klappen in die Bordwand fügen. Praktisch ist, dass auf einem so hohen Vorschiff bei unwirtlichen Bedingungen selten Spritzwasser an Deck kommt.

Traditionell vertäfelte Portugieser Brücke
Traditionell vertäfelte Portugieser Brücke © Sea Cloud Cruises

Segeln mit Portugieser Brücke

Interessant ist auch das traditionell holzvertäfelte Steuerhaus hinter der Portugieser Brücke. Dieses Detail kennt man von charmanten alten Dampfern. Als Portugieser Brücke wird der draußen vorne um den Steuerstand führende Gang bezeichnet. Da kann man mal nach dem Rechten sehen und muss beim Anlegemanöver nicht ständig durch das Steuerhaus flitzen. Das obige Foto zeigt solch eine Brücke an Bord eines «Sea Cloud» Kreuzfahrtseglers.

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Die Verkleidung schützt bei deftigem Wetter. Bei «Y721» geriet der Gang zur breiten Terrasse auf dem Backdeck. Kein schlechter Platz fürs Social Distancing. Wie auf solchen Schiffen üblich, ist das gesamte Oberdeck dem Eigner vorbehalten.

Ein Besuch von Dutch Yachting im Rotterdamer Waalhaven. Ein paar Sachen waren Sommer 22 noch zu machen.

9.339 Kubikmeter Luxusfrachter

Lange war unklar, wer der Auftraggeber ist. Steckt Jeff Bezos, getarnt durch eine auf den Kaimaninseln (70.000 Einwohner, 200.000 Briefkastenfirmen) registrierte Adresse dahinter? Die Fährte zu Bezos legte der amerikanische Journalist Brad Stone in seinem Buch Amazon Unbound. Stone bestätigte die Vermutung am 21. Oktober 21 bei Twitter anlässlich des diskreten Rollouts in Zwijndrecht: „The record-breaking Bezos Yacht emerges - as I wrote about in my book Amazon Unbound. You can bet OceanCo will transport this thing at night, to evade pesky photos.“

Bezos hat sich vor einer Weile aus dem aktiven Geschäft bei Amazon zurückgezogen und damals seine schwimmende Residenz bei Oceanco bestellt.

Die Sache mit den Registertonnen

Große Pötte werden anhand des umbauten Raums bezeichnet, weil sich die Verdrängung beim Frachtschiff je nach Beladung ändert. Einen verlässlichen Wert bietet die in der Berufsschifffahrt übliche Vermessung des umbauten Raums vom Kiel bis zur Oberkante der Aufbauten. Die Nomenklatur und Berechnung stammt aus der Seefahrernation England, wo eine Registertonne 100 englischen Kubikfuß entspricht. Das sind 2,83 Kubikmeter. Zwar hat sich die Bezeichnung inzwischen geändert, heißt Bruttoraumzahl (BRZ), International Gross Registered Tons (GRZ) oder schlicht Gross Tons. Gemeint ist das gleiche.

So werden sehr große Yachten anhand des Rauminhalts vermessen. Das ist praktisch, weil es im Yachtbau unserer Tage auch im kleineren Format ausschließlich um den Platz unter Deck geht. Leider ist die tatsächliche Verdrängung sehr großer Yacht-Neubauten nicht ohne weiteres in Erfahrung zu bringen. Sie wird oft erst im Nachhinein bekannt.

Die Viermastbark «Sea Cloud» vor Porquerolles in Südfrankreich
Die Viermastbark «Sea Cloud» vor Porquerolles in Südfrankreich © BaS - Public Domain/Wikimedia

Bordleben im Pamir-Format

Amerikanische Eigner lassen große Pötte schon länger vom Stapel. Der Viermast-Rahsegler «Sea Cloud» wurde 1931 von der Friedrich Krupp Germaniawerft in Kiel aufgetakelt. Das Deutsche Reich war damals ein Billiglohnland, wo Amerikaner preiswert Yachten kauften. «Hussar V» entstand für den Börsenmakler Edward Francis Hutton und seine Frau Marjorie Merriweather Post für 900.000 Dollar. Das war damals viel Holz. Die beiden besaßen damals den Nahrungsmittelhersteller General Foods.

Dank der 2.500 Bruttoraumzahl gab es reichlich Platz. Das Gewicht für die Einbauten spielte bei bis zu 3.400 t Verdrängung voll beladen, leer etwa die Hälfte, keine große Rolle. Das Schiff war das zweite private Großprojekt der Ehe. Wenige Jahre zuvor hatte das Paar den Sommersitz Mar-a-Lago in Palm Beach mit über hundert Zimmern erreichtet. Große Zahlen sind für vermögende Leute wichtig.

Den ersten Törn unternahm das Ehepaar von den Bahamas nach New York. Es folgten private Kreuzfahrten mit prominenten Gästen durchs Mittelmeer, nach Monaco, zu den Galapagosinseln und nach Hawaii.

Schrat- statt Rahsegler

Nun ist die Takelage mit vielen Rahen derart anspruchsvoll, dass heutige Großsegler für private Zwecke als Schoner mit vergleichsweise handlichen Schratsegeln entstehen. Hier werden die Tücher mittschiffs am Mast gesetzt und geborgen. Da braucht es nicht so viele Matrosen.

Dreimastschoner «Athena» in Auckland
Dreimastschoner «Athena» in Auckland © Piotr Zurek/Magnus Manke (CC BY 2.0)

So entstand die 93 m lange «Eos» 2006 als Dreimastschoner für das amerikanische Ehepaar Diane von Fürstenberg und Barry Diller ebenfalls als Schratsegler. Das 13,50 m breite Schiff bietet mit 1.500 Registertonnen Platz für 16 Gäste und die 21-köpfige Besatzung. Zwei Jahre zuvor hatte Jim Clark den Dreimast Gaffelschoner «Athena» aufgetakelt. Das 90 m lange Schiff ist 12,20 m breit und hat 1.100 Registertonnen. Es ist davon auszugehen, dass die beiden Schiffe die Blaupause zu Bezos' schwimmender Altersresidenz waren.

«Eos» mit Rollmasten vor Falmouth Südengland
«Eos» mit Rollmasten vor Falmouth Südengland © Simon Pooley (CC BY-SA 3.0)

Bleibt die Frage, ob Bezos‘ Dreimaster mit 127 m Länge einschließlich Klüverbaum die größte Segelyacht der Welt ist. Der knapp 143 m messende Motorsegler «A» von 2015 ist länger und hat mit 12.600 Registertonnen mehr Platz. Mit seinem Verhältnis von Segelfläche zu wahrscheinlich 14.300 t Verdrängung und einer Segeltragezahl von 2,5 fährt er allerdings wie ein Blumentopf. Es kommt bei diesem Vergleich darauf an, was man unter einer Segelyacht versteht. Diese Frage stellt sich beim Besuch von Bootsausstellungen und Marinas oder beim Blick in das Angebot von Boat24 im kleineren Format auch.

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden stattliche Dampfer, wie die erwähnte Motoryacht «Corsair IV» des amerikanischen Bankiers Morgan mit 2.142 Registertonnen. Das 104 m lange Schiff lief 1930 bei den Bath Irons Works vom Stapel.

Blick auf das große Ganze bei der ersten Probefahrt Anfang Februar 23 vor Rotterdam

Bezos' Großsegler soll «Koru» heißen, was in der Maori Sprache «Neuanfang» bedeutet. Bleibt die Frage, wie sich «Koru» unter Segeln macht. Nun, das Schiff hat ähnlich wie die alten Rahsegler oder moderne Frachter einen vollen U-Spant. Es hat im Unterschied zu «Athena» keinen Kiel, wie wir ihn von Segelyachten kennen. Wie die Bugwelle und die Wellenbildung des Youtube-Clips der Probeläufe vor Rotterdam zeigen, schiebt der Dreimastschoner ordentlich Wasser zur Seite. Vielleicht werden demnächst die Verdrängung und auch die Am Wind Besegelung bekannt. Die Zweisalingsmasten und die Gaffeltakelage verheißen keine besonders ambitionierte Besegelung. Die Gaffelsegel halten den Segelschwerpunkt niedrig und es läuft raumschots besser. Die Inbetriebnahme unter Segeln steht noch aus. Warten wir es ab.

Jeff Bezos war in seinem Leben oft einen Schritt weiter als gewöhnliche Leute. Demnächst legt er mit seiner neuen Lebensgefährtin Lauren Sánchez an Bord von «Koru» ab. Die beiden werden gewiss wie das Ehepaar Hutton-Post ein paar gute Freunde zu ihren Kreuzfahrten einladen. Platz für Buddies gibt es an Bord und auf dem Begleitboot.

75 m Versorger «Abeona» mit Hubschrauberlandeplatz, Stauraum für Beiboote und Platz für weitere Gäste
75 m Versorger «Abeona» mit Hubschrauberlandeplatz, Stauraum für Beiboote und Platz für weitere Gäste © Dutch Yachting

Versorger zum Schiff
Ergänzend zu den 3.300 Registertonnen bestellte Bezos bei der holländischen Damen Werft eine 75 m Motoryacht als Versorger. Hier können sehr große Hubschrauber landen, es gibt Platz für weitere Beiboote, außerdem Kabinen für 45 Personen (Crew und Gäste). Das Schiff hat ebenfalls ein hohes Vorschiff und sieht auf den ersten Blick aus wie ein Bohrinselversorger. Die fahren bekanntlich durch dick und dünn. Es heißt «Abeona» und hat mit 1.900 Registertonnen mehr Volumen als die Boote von Clark und Diller.

Weiterführende Links

VG