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Bootspolitur - gewusst wie

Wie Sie zu glänzenden Ergebnissen kommen

Bootspolitur - gewusst wie
Professionell aufpoliertes Motorboot

Der Vorteil eines Bootes aus pflegeleichtem Kunststoff ist sein unschlagbarer Nutzwert. Ab und zu mal putzen reicht. Einen glänzenden Eindruck erzielt, wer es gelegentlich poliert. Wie Sie mit erträglichem Aufwand zu einem schönen Finish kommen.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 11.08.2021

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • wie das Gelcoat eines werftneuen Bootes konserviert wird
  • wie altes, vernachlässigtes und kreidiges Gelcoat wieder glänzt
  • mit welcher Vorbereitung und Chemie man zu guten Ergebnissen kommt
  • warum "viel hilft viel" hier leider schlecht ist
  • empfehlenswerte Bootswachse
  • Handarbeit oder Maschine?
  • welche Maschinen empfehlenswert sind
  • selber machen oder polieren lassen?
  • Kosten der DIY-Variante und Poltur vom Profi

Wie in vielen Häfen zu sehen, kann man ein Motor- oder Segelboot aus pflegeleichtem Gfk einfach lassen, wie es ist. Viele Boote, ganz gleich ob Jolle oder Yacht, werden selten oder nicht poliert. Beruflich und privat ausgelastete Eigner legen mit ihrem Boot in der kostbaren Freizeit lieber ab, genießen die schönen Stunden mit der Familie oder Freunden an Bord.

Maschinenpolitur = besseres Ergebnis in 1/3 der Zeit

Liegt das Boot am fernen Liegeplatz, bleibt gerade mal Zeit zur nötigsten Instandhaltung, für die Technik, Deck schrubben, Proviant kaufen und Tanken. Am Mittelmeer, in England oder Skandinavien, wo auch die Nautik gelassener als im vergleichsweise pingeligen Deutschland, Österreich oder der Schweiz betrieben wird, spielt die Bootspflege eine untergeordnete Rolle. Man nimmt sich mehr Zeit zum Leben und Genießen. Mattes und verwittertes Gelcoat wird übersehen.

Dabei sieht ein poliertes Boot Welten besser aus. Bereits etwas Paste, mit einem weichen Lappen aufgetragen und von Hand auf dem Gelcoat verrieben, wirkt Wunder. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, geht das nach langjähriger Vernachlässigung quadratzentimeterweise. Es ist mühsam. Gerade an Deck, wo es viele kleine Flächen, Fenster, Skylights, Lukendeckel, Rundungen, Ecken und Beschläge gibt. Zügiger geht es rings um die Bordwand des an Land aufgebockten Schiffs. Ich habe das jahrelang immer von Hand gemacht. Aus Gewohnheit, weil ich keine Lust hatte, mich da reinzudenken und auch die Kosten einer Poliermaschine scheute. Es gibt wichtigere Themen im Leben und an Bord.

Gelcoat ist 0,4 bis 0,8 mm dünn. Vorsicht mit schleifmittelhaltigen Polituren

Hartnäckig verdreckte Stellen, Abrieb von schwarzen Sohlen oder Fendern, Steifen zu dicht passierter Heckpfähle beim An- und Ablegen lassen sich mit einem sogenannten Rubbing rasch beseitigen. Das ist eine Politur, die etwas Schleifpaste enthält. Ich habe eine Flasche immer an Bord. Aber Vorsicht. Die Schichtstärke von Gelcoat liegt zwischen 0,4 und 0,8 mm. Werden die gleichen Stellen damit regelmäßig bearbeitet, wird das Gelcoat im Lauf der Zeit dünn. Dann zeigt sich das dahinterliegende Laminat. Ansonsten tut es eine Flasche Autopolitur, wie im Baumarkt oder an der Tankstelle zu bekommen.

Übliche Autopolitur aus dem Baumarkt und eine mit Schleifmittel
Übliche Autopolitur aus dem Baumarkt und eine mit Schleifmittel © Swedesail

Es gibt unzählige verschiedene Polituren und Bootseigner, die auf spezielle Produkte und angebliche Wundermittel schwören. Wer Spaß an einem glänzenden Boot hat und etwas für die Kosmetik seines Bootes tun möchte, nimmt sich ein wenig Zeit und kommt mit vertretbarem Aufwand flott zu Potte. Profis lehnen übliche silikonhaltige Autopolituren ab, weil Silikon bei einer eventuellen späteren Lackierung des Bootes schlecht zu entfernen ist. Kann man so sehen. Ich finde das übertrieben. Meine Devise:

Den Schlitten ab und zu bohnern, polieren, das Zeug wegpacken. Fertig!

Die Jolle, ein kleines bis mittelgroßes Boot ist von Hand halbwegs flott poliert. Wenn man das Boot lange hat lohnt bei großen Flächen eine Poliermaschine. Es gibt zwei Systeme, die Rotationsmaschine, wo sich der Polierteller um eine starre Achse dreht und solche mit einem Exzenter. Die Rotationsmaschine ist leichter und günstiger. Sie bringt jedoch nur eine kleinere Fläche zum Glänzen. Polierfetischisten meinen, dass man sich damit eher ein sogenanntes Hologramm auf die Bordwand bohnert.

Schleifmittelhaltige Paste zur Grundreinigung und zwei Polituren zur Versiegelung mit Carnaubawachs
Schleifmittelhaltige Paste zur Grundreinigung und zwei Polituren zur Versiegelung mit Carnaubawachs © Swedesail

Die Maschine mit exzentrisch geführter Polierscheibe bewegt sich zusätzlich zur Drehung seitwärts, was bessere Ergebnisse bringt. Sie ist schwerer und teurer. Auf den ersten Blick spielt das Gewicht keine Rolle. Wenn man aber einige Stunden damit arbeitet, schon. Ich hatte zunächst eine Maschine mit 150 mm Polierteller bestellt. Erschrocken über das Gewicht tauschte ich Sie sofort gegen das kleinere Modell mit 125 mm Teller.

Vergeblich versuchte ich zur Auswahl der Maschine im Internet Orientierung zu bekommen. Nach drei supernerdigen Filmen, wo die Kühlerhauben von Autos mit unfaßbarer Akribie poliert wurden (so würde nicht nicht mal mein Boot polieren) und Beiträgen, wo es um gezieltes Produkt-Placement von Bootspflegemitteln ging, rief ich entnervt den befreundeten Bootsbauer Jan Böhm an. Er riet mir zur Rupes BigFoot, einer Profimaschine. Ich rede mir die Anschaffung erschütternd teuren Werkzeugs immer damit schön, dass die Arbeit gut wird und ich lange davon habe.

Großes Geschütz und leider teuer, dafür gut
Großes Geschütz und leider teuer, dafür gut © Swedesail

Im Frühjahr polierte ich die Bordwand meines 16 m langen Bootes damit etwa in einem Tag, einem Drittel der Zeit und deutlich besserem Ergebnis, als mit zwei- bis dreitägiger Handarbeit all die Jahre zuvor. Es braucht etwas Übung, bis man den Bogen raus hat. Welche Drehzahl, welchen Polierschwamm, welche Paste und wie viel Druck braucht es im ersten Arbeitsgang, wenn mattes Gelcoat bearbeitet wird? Die Anleitung zur teuren Maschine gab dazu leider nichts her. Ich finde das unsäglich. Der Polierschwamm wird wie die Klettscheibe beim Exzenterschleifer auf den Teller gedrückt. Es gibt von grob bis fein abgestuft Schwämme in verschiedenen Farben, bei der Rupes BigFoot von Grün und Blau über Gelb bis weiß. Andere Hersteller haben andere Farbzuordnungen.

Andreas Woyda von Vosschemie rät "bei ausgekreideten und matten Oberflächen zu Refinish One von Yachtcare. Diese Schleif- und Polierpaste verändert ihre Rauhigkeit beim Schleifen selbständig von einer 600er auf eine 1200er Körnung. Dabei wird die Maschine zunächst erst mal leicht an die Bordwand gedrückt, bis man Übung mit er Handhabung hat. Dann mit mehr Druck arbeiten. Die ideale Umdrehungszahl liegt bei 1300–1400 U/Min., höchtens jedoch 1600 U/Min. Bei einer schnelleren Umdrehung besteht die Gefahr, dass das Gelcoat durch eine Überhitzung „verbrannt“ wird." Damit kommt die erwähnte Rupes Bigfoot mit 2000 U/Min Mindestdrehzahl nicht in Frage.

Polierschwämme gibt es in verschiedenen Härtegraden
Polierschwämme gibt es in verschiedenen Härtegraden © Swedesail

Wissenswert

  • die Schichtstärke des Geldcoat messen Profis mit einem speziellen Gerät
  • altes Gelcoat vergilbt nach der Politur eher als neues
  • Vorsicht bei der Politur des Kajütdaches. Das sieht zwar gut aus, wird aber spiegelglatt.

Zur Politur der Bordwand braucht man einen guten, sichern Stand und Kraft. Muckies, Ausdauer und auch ein gewisses Körpergewicht, wie es Skipper oft haben, hilft. Das Gestell, von dem aus die Bordwand poliert wird, muß stabil, die Standfläche sollte lang und breit sein. Idealerweise hat es seitlich und an der Rückseite ein Geländer. Mit einer Klappleiter oder dem Hocker/Tritt von zuhause wird es nichts.

Nachmittags und in den Abendstunden erzielt man die besten Ergebnisse
Nachmittags und in den Abendstunden erzielt man die besten Ergebnisse © Swedesail

Wichtig sind die Lichtverhältnisse. Ich habe nachmittags in die Abendstunden hinein poliert. Abgesehen davon, dass man wegen schnell trockender Politur nie in der prallen Sonne polieren soll, erkennt man bei nicht zu grellem Licht überhaupt erst die Unterschiede zwischen unbehandelten, scheckigen Flächen und einheitlich glänzenden Abschnitten. Immer nur begrenzte, höchtens einen Meter breite Flächen bearbeiten, am besten von oben nach unten.

Flott zu guten Ergebnissen kommt, wer mit viel Abrieb (grober Schwamm, schleifmittelhaltige Paste und Druck) poliert. Allerdings ist die Deckschicht des Celcoat wie erwähnt dünn. Die tatsächlich vorhandene Schichtstärke ist von Bootsmarke zu Marke unterschiedlich und auch von der damaligen Tagesform des Laminierers abhängig. Wurde das Boot vorher regelmäßig oder achtlos mit viel Abtrag poliert, ist das Gelcoat irgendwann runtergeschliffen. Man sieht beim Polieren eines älteren Bootes, wo das Glasfaserlaminat durchscheint. Dann steht eine teure Lackierung des gesamten Rumpfes an.

Profis arbeiten das Gelcoat einmal gründlich auf, wobei die verwitterte äußerste Schicht angeschliffen wird. Danach wird nur noch mit Wachs versiegelt. Das sieht schick aus und spart Arbeit. Eine gut versiegelte, glatte Oberfläche nimmt weniger Schmutz an und vergilbt nicht so schnell.

Vorbereitend zur Politur sollte der Rumpf über der Wasserlinie mit Oxalsäure behandelt sein. Beispielsweise dem Produkt "Antigilb" des Herstellers Yachticon, oder dem, was der Bootsausrüster oder die Bootsabteilung des Baumarks im Regal stehen hat. Man macht das idealerweise gleich nach dem Auswassern des Bootes am Kranplatz. Das Mittel etwa eine halbe Stunde auf der Bordwand einwirken lassen und es beim Abkärchern des Unterwasserschiffes "in einem Aufwasch" entfernen. Es ist unnötig mühsam, das im Frühjahr am Stellplatz zu machen. Es lohnt, die gesamte Bordwand ab und zu bis hinauf zum Deck mit Oxalsäure zu behandeln. Auf der Ruß rings um den Aufpuff geht damit flott weg. Versierte Eigner erledigen solche Kosmetik wie auch das Antifouling malen schon im Herbst. Sie stellen ihr Boot dann poliert und unten herum fertig gestrichen in die Winterlagerhalle. Damit ist es im Frühling kosmetisch startklar und die Jobliste dann schön kurz.

erste Schitte

  • wenn Sie noch nie ein Boot poliert haben, probieren Sie es erst mal von Hand
  • arbeiten Sie stets mit Einmalhandschuhen. Abgesehen davon, dass die Chemie schädlich für die Haut ist, behalten Sie den speziellen Geruch stundenlang an den Fingern. Von der ungeschützten Arbeit mit Polierpaste haben Sie mit stumpfer Haut an den Fingerkuppen etwa eine Woche
  • weichen Lappen nehmen. Ein altes Handtuch in 30 x 30 cm Stücke zerschneiden. Praktisch sind Bodenwischtücher/Aufnehmer aus dem Supermarkt. Die Tücher lassen sich nach Gebrauch in die Waschmaschine stecken und öfter verwenden
  • verschiedene Flächen mit und ohne Schleifpaste einreiben, Ergebnisse vergleichen. Der Substanz zuliebe im Zweifel die schleifmittelhaltige Paste weglassen
  • den ultimativen Glanz erreichen Sie mit Polierwatte aus dem Autozubehör/Baumarkt

Abgesehen von den Kosten ist der Gelcoat-Abtrag schleifmittelhaltiger Politur der Grund, warum ich mein Boot nicht polieren lasse: Profis entscheiden sich für reichlich Abrieb, um rasch fertig zu werden. Wieviel Gelcoat nach 15 bis 20 Jahren noch da ist, ist Sache des Eigners.

Tipps

  • erkundigen Sie sich bei dem Kauf eines gebrauchten Gfk-Bootes mit Gelcoat-Außenhaut, ob und wie oft es poliert wurde
  • verwittertes Gelcoat läßt sich mit Geschick gut aufpolieren
  • es kann, muß jedoch nicht die Profi-Exzenter-Maschine sein. Eine handlich leichte und vermutlich haltbare Rotationsmaschine gibt es auch für etwa 125 €
  • Vorsicht bei der Auswahl: die erwähnte Rupes BigFoot gibt es auch mit Koffer und Schnickschnack unnötig teuer
  • die genannten Schwammsets reichen vermutlich für vier Polituren
  • nach der Vorbehandlung wurde der Rumpf in einem zweiten Arbeitsgang mit carnaubahaltigem Bootswachs eingerieben und mit einem feinporig weißen Polierschwamm bei hoher Drehzahl versiegelt
  • nehmen Sie sich Zeit, um mit der Maschine und den Verbrauchsmaterialien vertraut zu werden
  • achten Sie gerade für langsame Drehzahl und großen Anpressdruck auf eine sichere Standfläche: fahrbares Gestell mit Geländer oder am Schiff entlang verlegte Bohlen
  • zur Politur des Bootes braucht es gutes Licht, Platz rings ums Boot und einen ebenen Untergrund für das fahrbare Gestell
  • Deck, Kajütaufbau und Plicht lassen sich während der Saison an einem ruhigen Segel-, Anker- oder Hafentag polieren

Alle genannten Produkte wurden vom Autor regulär bezahlt.

Kosten

Beispielfläche nur Bordwand circa 38 qm

  • Rupes BigFoot LHR 15ES Exzenterpoliermaschine 125 mm Polierteller via Internet 285 €
  • vier Sets Polierschwämme (Blau, Grün, Gelb und Weiß) für 130 - 150 mm Polierteller 151 €
  • drei Tuben 300 ml Refinish One von Yachtcare 39 € (zwei für Bordwand verbraucht)
  • Carnaubahaltiges Bootswachs 300 gr Dose, circa 20 € (reicht für 2-3 Polituren der Bordwand)
  • Politur durch einen Fachmann circa 1.750 €

Weiterführende Links

VG