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Umwelt- und Meeresschutz8 min Lesezeit

Geisternetze, die unsichtbare Gefahr

Verlorene oder aufgegebene Fischernetze treiben oft jahrelang durch die Meere und sind wahre Killer

Geisternetze, die unsichtbare Gefahr
Verlorene Fischernetze fangen weiter, obwohl sie niemand mehr nutzt. © Doug Helton (NOAA/NOS/ORR/ERD) / Wikimedia Commons Public Domain

Geisternetze sind Meeresmüll mit Funktion. Sie treiben, hängen, sinken, fangen weiter – und werden so nicht nur für Meerestiere zur tödlichen Falle, sondern auch für Taucher, Segler und Motorbootfahrer zu einer unsichtbaren Gefahr.

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 08.10.2026

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Warum Geisternetze zu den gefährlichsten Altlasten der Fischerei zählen.
  • Wie verlorenes Fanggerät Meerestiere tötet und Lebensräume beschädigt.
  • Weshalb Ghost Gear auch für Segler und Motorbootfahrer ein reales Sicherheitsproblem ist.
  • Welche Beispiele aus Fahrtensegeln und Hochseerennen die Gefahr greifbar machen.
  • Was Bergungsprojekte und bessere Fischereiregeln gegen das Problem ausrichten können.

Die Untoten der Fischerei

Die See hat ein gewisses Talent für Heimtücke. Die sich eben nicht immer mit schwarzer Wand am Horizont, mit Fallböen oder barometrischem Auf und Ab ankündigt. Nein, die See kann auch ganz anders heimtückisch oder zumindest hundsgemein werden: lautlos, farblos, knapp unter der Oberfläche oder tief unten am Grund. Heimtücke, in Form eines Netzes, das wie ein farbiger Kunstgegenstand der „Modern Art“ auf zwei Meter Tiefe treibt. Eine hinterlistige Leine, die sich vom eigentlichen Zweck gelöst hat und doch weiterarbeitet. Ein Stück Fischereigerät, das niemand mehr will und das gerade deshalb so fatal wirksam bleibt. Geisternetze sind die „Untoten“ der Fischerei: verloren, aufgegeben oder schlicht nicht mehr geborgen, aber noch jahrelang imstande zu fangen, zu würgen, zu scheuern, zu töten. Genau das meint der Fachbegriff ALDFG – abandoned, lost or otherwise discarded fishing gear.

Geisternetz vor den Malediven
Geisternetz vor den Malediven © Mstelfox / Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0

Der öffentliche Reflex in Bezug auf Geisternetze ist meist vorhersehbar. Man denkt an Schildkröten, Delfine, Robben, an Seevögel, die sich in Maschen verfangen und elend zugrunde gehen. Das ist richtig und bereits tragisch genug, aber es ist nur die halbe Geschichte. Denn Geisternetze sind nicht nur ein Problem des Naturschutzes, sondern auch eines der Seefahrt und des Wassersports. Sie treiben im Wasser, sinken ab, verhaken sich an Wracks und Riffen, wandern mit Strömungen, scheuern über den Grund oder hängen wie eine wassergetränkte Falle im Nichts. Für Berufsfischer sind sie wirtschaftlicher Schaden und ökologischer Bumerang. Für Taucher sind sie ein reales Risiko. Und für Fahrtensegler oder Motorbootfahrer sind sie genau die Art von Gefahr, die man erst dann wirklich ernst nimmt, wenn es im Propeller plötzlich still oder aus Gleitfahrt ein Dümpeln wird..

Ein morscher Korb verrottet – und Geisternetze?

Das eigentlich Verstörende an Geisternetzen ist ihre Ausdauer. Moderne Fischereigeräte bestehen aus widerstandsfähigen Kunststoffen, gerade weil sie stark, flexibel und langlebig sein sollen. Diese Eigenschaften machen sie im Meer so verhängnisvoll. Ein Netz, das sich losreißt oder absichtlich aufgegeben wird, verschwindet eben nicht einfach, wie ein morscher Korb aus Naturmaterial früher vielleicht einmal sank und schon kurz darauf verrottete. Es bleibt und fischt weiter.

Irgendwann, in schätzungsweise zweihundert bis dreihundert Jahren zerfällt es in kleinere Teile und trägt damit zusätzlich zur Mikro- und Makroplastikbelastung bei. Eine oft zitierte Metaanalyse zu globalen Fanggeräteverlusten stammt aus dem Forschungsumfeld der australischen Wissenschaftsorganisation CSIRO; zu den Autoren zählen die Meeresforscher Chris Wilcox und Britta Denise Hardesty. Demnach gehen im Jahresmittel rund 5,7 Prozent aller Netze, 8,6 Prozent aller Reusen und Fallen sowie 29 Prozent aller Leinen und Langleinen verloren oder werden aufgegeben. Solche Zahlen sind naturgemäß mit Unsicherheiten behaftet; sie schwanken nach Region, Fangmethode, Wetter, Management und Ehrlichkeit der Datengrundlage. Aber selbst wenn man jede Übertreibung misstrauisch abzieht, bleibt ein Befund übrig, der dramatisch genug ist: Es geht nicht um ein paar vergessene Maschen, sondern um riesige Verlustmengen.

Strangulierter und mumifizierter Basstölpel auf Helgoland
Strangulierter und mumifizierter Basstölpel auf Helgoland © Engelberger / Wikimedia Commons CC BY 3.0

Wie groß das Problem im Wasser tatsächlich wird, zeigen nicht nur Studien, sondern auch die Bergungszahlen. Nach dem Sturm Fiona ließ Kanada im Atlantikraum 695 Tonnen verlorenes Fanggerät bergen. In Thailand wurden in einem Bergungs- und Recyclingprogramm 130 Tonnen Fischereigerät gesammelt. Der WWF hat zwischen 2014 und 2020 allein aus der Ostsee 18 Tonnen Geisternetze geborgen; Healthy Seas und Ghost Diving meldeten seit 2013 weltweit mehr als 585 Tonnen. Solche Mengen klingen nicht mehr nach Müll in Einzelstücken, sondern nach einer zweiten, dunklen Fischerei: einer, die niemand betreiben will und die doch Jahr für Jahr weiterläuft.

Netze sind Killer

Die Tiere bezahlen dafür zuerst und am brutalsten. Geisternetze funktionieren ja noch immer nach ihrer ursprünglichen Bestimmung: Sie fangen. Fische, Schildkröten, Haie, Rochen, Seevögel, Meeressäuger. Wer sich darin verfängt, stirbt langsam – durch Erschöpfung, Verletzungen, Infektionen, Hunger oder Ersticken. Für luftatmende Tiere wie Wale, Delfine oder Schildkröten ist die Sache besonders grausam, weil schon ein einziges Netzstück oder eine straffe Leine ausreichen kann, um das Auftauchen zu verhindern. An der US-Westküste wurden für den Zeitraum 2000 bis 2012 im Schnitt elf große Wale pro Jahr dokumentiert, die in Geisternetzen oder anderem verlorenen Fanggerät verheddert waren. Im US-Bundesstaat Washington fanden sich in 870 geborgenen Netzen mehr als 32.000 Tiere.

Und dann eben „Timmy“. Der Buckelwal, der im Frühjahr 2026 in der Ostsee zum traurigsten und ambivalentesten Prominenten des deutschen Nordens wurde, geriet mehrfach in Fischernetze oder trug Netzreste mit sich herum. Vor Steinbeck wurde er aus einem Netz befreit, später in der Lübecker Bucht erneut mit Fischereigerät am Körper beobachtet; zeitweise hingen sogar Netzreste aus seinem Maul. Der Fall war deshalb so bedrückend, weil er in aller Öffentlichkeit zeigte, was Ghost Gear in engem, stark genutztem Küstenwasser anrichten kann: Selbst ein tonnenschwerer Wal ist für verlorenes oder treibendes Fischereigerät keineswegs „zu groß“. Im Gegenteil. Je größer das Tier, desto größer oft die Kräfte, mit denen sich das Material tiefer einschneidet oder das Schwimmen, Atmen und Fressen behindert.

Mehrere Tonnen schweres Geisternetz im Pazifik
Mehrere Tonnen schweres Geisternetz im Pazifik © NOAA / Wikimedia Commons Public Domain

Studien belegen, dass vor allem in Südostasien, wo Fischerei, Korallenriffe und Tourismus dicht aufeinandertreffen, ALDFG eine reale Gefahr darstellen. Vor Phuket schneiden Taucher regelmäßig aufgegebene Netze aus Riffen, während Behörden zugleich einen wachsenden Anteil gefährdeter Meerestiere verzeichnen, die von Plastikverschmutzung betroffen sind. In der oberen Andamanensee stieg dieser Anteil laut thailändischer Behörden von 20 Prozent im Jahr 2021 auf mindestens 30 Prozent im Jahr 2023.

Gefahr auch für Segler und Motorbootfahrer

Für die Sportschifffahrt ist das Thema deshalb relevant, weil sich die Gefahr selten als großes, klar erkennbares Objekt zeigt. Ein Fahrtensegler landet nicht mit Absicht in einem ausgewachsenen Schleppnetz. Problematisch sind vielmehr die unsichtbaren oder halbsichtbaren Reste: treibende Tampen, Netzbahnen, auf Spannung geratene Leinen an Bojen, die wiederum Netze oder Reusen markieren sollen. Unter Segeln merkt man davon im besten Fall nur einen unangenehmen Ruck, eine veränderte Ruderwirkung oder das Gefühl, dass das Boot plötzlich „komisch läuft“. Unter Maschine kann es erheblich schneller ernst werden: Netz oder Leine wickeln sich um Propeller und Welle, die Drehzahl fällt, Kühlwasserprobleme drohen, das Boot verliert Manövrierfähigkeit. In freiem Wasser ist das lästig. In Küstennähe, in Fahrwassern oder bei See kann es zum Sicherheitsproblem werden.

Dass dies kein Seglerlatein ist, zeigt ein beispielhafter Fall vor Barbuda, der sich kürzlich ereignete. Dort geriet eine 43-Fuß-Stahlyacht in rauer See in aufgegebene Fischernetze, die sich um Rumpf, Kiel und Propeller wickelten. Die Crew konnte nicht einfach die Maschine nutzen und weiterfahren, sondern musste das Boot in eine geschützte Ankerbucht segeln. Dort brauchte man über eine Stunde, um den Rumpf freizubekommen.

Vom Fahrtenboot bis zum IMOCA

Für Hochseesegler und Regattateams ist das Problem ähnlich, auch wenn es in Berichten oft unscharf bleibt. Dort ist dann eher von Leinen, Tauen oder undefinierten floating objects die Rede als ausdrücklich von „Geisternetzen“. Für moderne Offshore-Yachten macht das kaum einen Unterschied. Was sich unter Wasser verfängt, bremst nicht nur brutal, sondern kann binnen Sekunden aus Höchstleistung ein Sicherheitsproblem machen.

Tauchgang während der Hochseeregatta Vendée Arctique 2026
Tauchgang während der Hochseeregatta Vendée Arctique 2026 © Screenshot aus «Mamma mia che avventura questa regata» von Ambrogio Beccaria / Link zu Video: youtube.com

Ein medial spektakulärer Fall im „Umfeld“ der Geisternetze ereignete sich während der Hochseeregatta Vendée Arctique 2026. Der IMOCA des Italieners Ambroggio Beccaria verfing sich in der Leine einer Boje, die offenbar Reusen oder einen Fischgrund markierte. Das 60 Fuß-Boot wurde tatsächlich aufgestoppt, der Einhandsegler musste mehrere Tauchgänge machen, bis er auf vier Meter Tiefe die straff gespannte Leine von der Kielbombe los­schneiden konnte.

Zerstörer von Lebensräumen

Ökologisch betrachtet sind Geisternetze noch aus einem weiteren, eher selten zitierten Grund fatal: Sie sind nicht nur Fallen, sondern auch Habitat-Zerstörer. Besonders driftende Netze und Leinen scheuern über Korallen, Seegras oder den Boden, verhängen Wracks und Riffe, sammeln weiteren Müll ein. Taucher, die solche Netze aus Riffen schneiden, beschreiben sie nicht zufällig als Zonen, in denen kaum noch etwas lebt. Ein Netz, das sich über empfindliche Unterwasserstrukturen legt, reduziert dramatisch Licht, Bewegung, Durchlässigkeit und die Chance, sich zu erholen.

Warum das Problem so hartnäckig ist

Dass das alles so lange weitergeht, liegt an einer Kombination aus Material, Geografie und Ökonomie. Moderne Netze sollen robust sein; Fanggründe sind oft rau, tief oder strukturell kompliziert; die Bergung ist teuer, gefährlich und technisch anspruchsvoll. Dazu kommt eine wenig glamouröse menschliche Wahrheit: Nicht jedes verlorene Netz wird gemeldet, nicht jede Entsorgung im Hafen ist praktisch oder billig, nicht jede Fischfangflotte wird gleich streng kontrolliert. Als Hauptgründe für Verluste werden in der Fachliteratur Wetter, schwierige Bodenstrukturen, operative Fehler und unzureichendes Management genannt. Das klingt nüchtern, ist jedoch nichts anderes als die Bezeichnung für langlebigen Meeresmüll.

Was dagegen getan wird

Die gute Nachricht lautet immerhin: Es gibt inzwischen mehr als lediglich symbolische Gegenmaßnahmen. Die Global Ghost Gear Initiative dient als internationales Bündnis gegen verlorenes Fanggerät. In der Ostsee und Nordsee bergen Organisationen wie WWF, Ghost Diving oder regionale Projekte seit Jahren Netze. Das ist mühsam, teuer und alles andere als spektakulär, aber es ist konkrete Arbeit, nicht nur Meerespathos. Jedes geborgene Netz ist nicht bloß eines weniger im Wasser, sondern auch eine Falle weniger für Tiere, Menschen und ihre Boote.

Früher in Dosen, heute im Netz: Meeresschildkröte im Geisternetz
Früher in Dosen, heute im Netz: Meeresschildkröte im Geisternetz © NOAA / Wikimedia Commons Public Domain

Was lässt sich darüber hinaus tun? Die Antwort ist wenig abenteuerlich: bessere Fischereiverwaltung, Markierungen an Netzen, Meldepflichten, Rücknahmesysteme, Entsorgung ohne Hürden, mehr Kontrolle, Bergung, acuh wenn sie aufwendig erscheint. Ein Netz, das nie verloren geht oder dessen Verlust sofort gemeldet und bearbeitet wird, wird gar nicht erst zum Geisternetz. Prävention ist auch zu diesem Thema wieder die einzig vernünftige Lösung.

Was Freizeitskipper daraus lernen sollten

Für Freizeitskipper folgt daraus eine einfache Lehre: In bekannten Fischereigebieten, in der Nähe von Bojenfeldern, an Wracks, Riffen, vor Häfen oder nach schwerem Wetter ist erhöhte Vorsicht angesagt. Ein Blick voraus ersetzt unter Wasser natürlich gar nichts, aber er schärft die Haltung: Wo Fischerei stattfindet, können auch Reste von Fischerei treiben oder liegen. Und wer mit Maschine unterwegs ist, tut gut daran, bedächtig und vorausschauend zu agieren: Lieber einmal zu früh auskuppeln, kontrollieren, Abstand gewinnen, als sich mit drehender Welle tiefer in ein Problem hineinzuschrauben.

Müll mit Erbe

Vielleicht liegt darin der eigentliche Kern dieses Themas. Geisternetze sind nicht einfach Müll. Sie sind Müll mit Erbe respektive Konsequenzen (wie übrigens fast jeder Müll). Gebaut, um zu fangen, und noch im Verlorensein dieser Funktion verhaftet. Gerade deshalb sind sie gefährlicher als die meisten anderen Plastikreste im Meer. Ein Netz ist aktiv: es arbeitet, würgt, verhakt sich. Es sammelt Opfer und zerfällt dabei langsam weiter in jenes Material, das die Meere ohnehin längst überfordert. Für Meeresschützer ist das ein Skandal, für Fischer ein Problem der eigenen Industrie, für die Meeresfauna ein reales Risiko und für Segler und Motorbootfahrer eine jener stillen Gefahren, die man leicht übersieht, bis sie plötzlich mitten im Törn den Ton angeben. Das Meer ist voll sichtbarer Tücken – Geisternetze gehören zu den unsichtbaren und müssen entsprechend ernst genommen werden.