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Flügelsegel für Cruiser

Autor: Carsten Kemmling
  

Immer wenn sich die hochbezahlten America’s-Cup-Ingenieure Gedanken über das Segeln machen, sorgen die Erfindungen später oft auch für einen Entwicklungsschub beim Fahrtensegeln. Diesmal könnte das besonders die Flügelsegel betreffen.

Flügelsegel für Cruiser
Die beiden Oceanis 41 im Vergleich © Beneteau

Wenn die jüngste Generation der America’s-Cup-Katamarane mit 50 Knoten über das Wasser fliegt, ist diese Art des Segelns scheinbar so weit vom Cruiser entfernt wie noch nie. Aber es ergeben sich offenbar dennoch Parallelen. Die Technik des Flügelsegels bahnt sich einen Weg zur Fahrtenyacht.

Die aerodynamische Überlegenheit einer Tragfläche im Vergleich zum traditionellen Segeltuch ist längst bewiesen. Sie erzeugt mehr Lift bei weniger Widerstand. Seit Jahrzehnten wird schon an den starren Profilen gebastelt, und 1988 segelte der Katamaran von Dennis Conner mit einem solchen Segel zum America’s-Cup-Sieg.

Problematisch war aber immer das hohe Gewicht der Konstruktionen und das schwierige Handling dieser Art «Segel». Die Entwicklung der leichten Kohlefaser-Strukturen machen den «Wing» wieder interessant. Allerdings sind starren Flügel der Multihull-Racer beim Cup immer noch so unhandlich, dass sie jeweils per Kran auf die Boote gehievt werden müssen. Wenige Yacht-Eigner haben solch ein Hilfsmittel zur Hand, wenn sie gerade mal ihr Segel bergen oder reffen wollen.

Das Tuch kann geborgen werden © VPLP Das Tuch kann geborgen werden © VPLP

Die Zeit ist reif

Aber findige Tüftler haben inzwischen Möglichkeiten entwickelt, wie man die Vorteile des starren Profils nutzen und trotzdem auf die Ansprüche an das Cruising-Verhaltens eingehen kann.

Besonders das französische Design-Büro VPLP, dessen Konstruktionen die wichtigsten Speed-Weltrekorde im Segeln halten, treibt die Entwicklung für den Normalo-Segler voran. Die Ingenieure glauben, dass die Zeit reif ist für das Flügelsegel.

Marc Van Peteghem und Vincent Lauriot-Prévost beschäftigen sich seit sieben Jahren mit starren Profilsegeln. 2010 bestand eine Partnerschaft mit BMW Oracle für den Bau des legendären 625 Quadratmeter großen «BOR 90»-Flügels, mit dem die Amerikaner den 33. America’s Cup gewannen. Für 2013 halfen die Franzosen dem Artemis Team und sammelten auf diese Weise jede Menge Know How über die Technologie.

Das zweigeteilte Wingsail © VPLP Das zweigeteilte Wingsail © VPLP

Aber dabei ging es immer um die möglichst beste Profilierung und Trimmbarkeit. Schnelles Bergen stand nie im Fokus. Dieses Problem scheint jetzt gelöst. Das zweiteilige Profilsegel Oceanwing kann man rollen, reffen, bergen und es lässt sich automatisch bedienen.

Per Tablet kann die gewünschte Profilform eingestellt werden. Das soll so effektiv sein, dass im Vergleich zu einer konventionellen Besegelung für gleichen Vortrieb die Hälfte der Segelfläche ausreicht.

Per Tablet kann der Flügel automatisch eingetrimmt werden © VPLP Per Tablet kann der Flügel automatisch eingetrimmt werden © VPLP

Mehr als zehn Jahre Entwicklung

Auch andere Entwickler basteln an dem optimalen Segelpan für Fahrtenschiffe. Seit 2005 testet die britische Firma Omer Sails gemeinsam mit dem französisch-holländischen Rigg-Konstrukteur Formula Marine die revolutionäre Technik. Sie hat die futuristisch wirkende Flügeltechnologie auf einer Elan 37 mit einem geteilten Segelplan am frei rotierenden Mast installiert.

Das Flügelsegel besteht aus gängigem Segeltuch und erhält nach dem Hissen seine Flügelform mittels durchgängiger Segellatten. Dabei befindet sich mindestens ein Viertel der Segelfläche vor dem Mast.

Die Leistungsverbesserungen mit dem neuen Prinzip sollen eklatant sein. Vor allem am Wind läuft die Test-Elan gut zehn Prozent mehr Höhe und ist dabei erheblich schneller als mit herkömmlichem Rigg. Das Schiff kränge mit dem Flügelsegel deutlich weniger, sagen die Macher. Die ausgesprochen einfache Handhabung – auch beim Reffen, wie beim Gaffelsegel – sei prädestiniert für das Einhand- bzw. Familiensegeln.

Die Beneteau überzeugt insbesondere durch gute Höhe am Wind © Beneteau Die Beneteau überzeugt insbesondere durch gute Höhe am Wind © Beneteau

Initiative von Beneteau

Die aktuellste Initiative kommt vom französischen Yacht-Hersteller Bénéteau. Seit zwei Jahren experimentieren Werft-Spezialisten mit dem Flügelsegel auf einer Oceanis 41. Die Tests sind positiv verlaufen und führen dazu, dass die Yacht schneller und höher segelt, und dabei sogar noch einfacher zu bedienen ist. So müssen keine Wanten geriggt werden, und die Lasten auf den Schoten sind deutlich geringer.

Die schnellste Einführung der Entwicklung auf dem Cruising-Markt erhoffen sich die Franzosen allerdings auf zwei Rümpfen. Sie haben entschieden, das Projekt für die Lagoon-Werft anzupassen, dem größten Katamaran-Hersteller der Welt, der auch Teil der Beneteau-Gruppe ist.

Der Grund dafür ist laut Werftangaben der im Vergleich zum Einrumpfer weiter nach vorne versetzte Segelschwerpunkt, der den Einsatz des Flügels effektiver mache. Aber wichtiger noch ist die unterschiedliche Zielgruppe.

Obwohl inzwischen klar ist, dass Flügelsegel fast ausnahmslos Vorteile bringen, gilt Traditionalisten das Erscheinungsbild des revolutionären Riggs sehr gewöhnungsbedürftig. Deshalb glaubt man bei Bénéteau, dass Katamaran-Käufer einer solchen Revolution beim Segelantrieb aufgeschlossener gegenüber stehen.

Möglicherweise sei auch der Schritt vom Motorboot-Eigner zu einem mit Flügelrigg ausgestatteten sehr einfach zu bedienenden Katamaran, der nicht krängt, viel einfacher.

Für den normalen Segler wird der Übergang schwer bleiben. Viel spricht zwar dafür, dass die Segelboote der Zukunft einmal von einem solchen Flügelsegel angetrieben werden. Aber wenn heutzutage jemand ein solches Rigg auf seinem Schiff installieren sollte, wird er im Hafen eher einer der Liegeradfahrer nahe stehenden Spezies zugerechnet: Ein solcher mag effektive Technik schätzen, ist aber irgendwie anders.

Die unterschiedliche Ästhetik spielt eine Rolle © Beneteau Die unterschiedliche Ästhetik spielt eine Rolle © Beneteau

Thema

Segeln

Autor

Carsten Kemmling

Geschrieben von

Segel-Journalist (segelreporter.com), Reporter, Match-Racer, Fahrtensegler.

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