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Wildes Huhn und cooler Skipper

Autor: Michael Kunst

Der 24-jährige Franzose Guirec Soudée segelt mit seinem Huhn Monique um die Welt. Nach zwei Jahren und Tausenden gemeinsamen Seemeilen liegt nun die arktische Nordwestpassage vor ihnen. Die wollen sie als jüngster Einhandskipper und erstes Huhn in diesem Sommer bezwingen.

Wildes Huhn und cooler Skipper
Guirec Soudée© VoyagedYvinec

Neulich hat ein berühmter französischer TV-Moderator in seiner Outdoor-Sendung gesagt, dass all diese Märsche durch Patagonien, dieses Bezwingen der höchsten Gipfel und das Erforschen entlegener Wüsten und Urwälder nichts im Vergleich zu dem wäre, was manche Blauwassersegler so leisten. Recht hat der Mann, auch oder vor allem mit dem, was er noch hinzufügte: „Außerdem gibt es wohl nirgendwo sonst so verrückte Typen, wie bei den Einhandseglern.“

Nun ist das mit dem „verrückt“ und dem „Segeln“ so eine Sache. Die einen finden schon die Überquerung des Ärmelkanals auf einem Optimisten ausgesprochen „irre“, für die anderen beginnt der Status des „Durchgeknallten“ dagegen erst nach einer Solo-Atlantiküberquerung in einer Mikro-Nussschale von drei Metern Kürze (siehe Es kommt auf die Kürze an!).

Wie auch immer man den Grad des „nicht ganz Alltäglichen“, vulgo: Unnormalen auch definieren mag, unter den Langfahrtseglern sind tatsächlich einige Typen dabei, über die man Bücher schreiben könnte (wenn nicht schon längst geschehen) und die sich durchaus den Status eines Paradiesvogels verdient haben.

Guirec Soudée Guirec Soudée © VoyagedYvinec

Zwei bunte Vögel

Der erst 24-jährige Franzose Guirec Soudée hat das mit dem Paradiesvogel jedenfalls wörtlich genommen. Mal ganz abgesehen davon, dass er auf einer ziemlich betagten, aber höchst verlässlichen (wie sich rausstellen sollte) Scorpion 9 mal eben so als 21-jähriger zu einer Weltumseglung aufgebrochen ist.

11,80 Meter lang ist die „Yvinec“, ein Stahlschiff aus dem Jahre 1985, auf dem er „nur wenig umbauen musste,“ wie er des Öfteren zu Protokoll gegeben hat. Erstens, weil er sowieso keine Ahnung von diesen Basteleien habe und zweitens, weil er in die Erbauer, ein segelverliebtes Paar aus Rouen, die das Schiff im Garten auf Kiel legten, tiefstes Vertrauen habe. Also einfach lossegeln, nachdem er das Schiff offenbar für einen höchst anständigen Preis erworben hatte. 2014 war das und bis zu den Kanaren schipperte er tatsächlich alleine. Dort lernte er Monique kennen.

Das wäre nun für die Langfahrtszene kein ungewöhnliches Ereignis – junge Skipper lernen bekanntlich andauernd Damen in den Häfen kennen – wüsste man nicht, dass es sich bei Monique um ein Huhn handelt. Ja, richtig gelesen: Guirec Soudée freundete sich mit einem Legehenne an, brachte sie an Bord seiner „Yvinec“, führte das erfreut gackernden Tier ein bisschen herum, lockte wohl auch mit einem schmackhaften Dinner aus Körnern und Fischstückchen und erhielt schließlich von Monique das Ja-Gackern für eine gemeinsame Weiterreise.

Der Deal: Monique legt dem Skip möglichst jeden Tag ein frisches Ei, damit dessen Proteinhaushalt in den Wasserwüsten keine Mangelerscheinungen aufweist. Und dafür bringt Guirec seiner Monique coole Sachen wie Segelbootsteuern im Passat, Surfen, Skateboarden und, ja tatsächlich auch Schlittenfahren bei.

Guirec Soudée Guirec Soudée © VoyagedYvinec

… und jeden Tag ein Ei

Liest sich alles ein wenig bescheuert? Ist aber die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Tatsächlich segelten Guirec Soudée (einhand) und Monique (acht Krallenzehen, sitzend auf der Pinne) auf der Barfuß-Route über den Atlantik und verbrachten danach nahezu ein ganzes Jahr in der Karibik.

Dort verdiente Guirec mit Gelegenheitsjobs Geld für die Weiterfahrt rund um den Globus. Und auch Monique steuerte mit zusätzlich gelegten Eiern, die an andere Langfahrtsegler verkauft wurden, ihren Anteil bei. In der standesgemäß gemeinsam verbrachten Freizeit löste wiederum Guirec sein Versprechen ein und brachte der Henne das Surfen auf dem SUP-Board und korrektes Skateboarden bei.

Guirec Soudée Guirec Soudée © VoyagedYvinec

Doch es sollte ja um die Welt gehen. Nur war den beiden Langfahrtseglern der einfache Törn mal eben schnell durch den Panama-Kanal rüber in den Pazifik irgendwie zu simpel, vielleicht auch ordinär. „Mein Traum war schon immer der Norden,“ schwärmte Guirec immerzu. „Und schließlich habe ich ja ein Stahlschiff, was soll uns also passieren?“

Sie ahnen schon, um was es den beiden Paradiesvögeln in Wirklichkeit ging? Jedenfalls segelten Monique und Guirec entlang der US-amerikanischen Ostküste und entlang Kanadas Küstenstreifen bis hinauf nach Grönland. Wo sich die beiden im letzten Winter sage und schreibe monatelang im Packeis „einfrieren“ ließen. Doch von wegen „Hühnchen, tiefgefroren“ – die beiden lebten den ewig erscheinenden Winter, mehr als 30 Kilometer von der nächsten Inuit-Siedlung entfernt, putzmunter und mit einigen Abenteuern, die so garantiert nie wieder von einem anderen Segelpaar erlebt werden.

Dabei bewies Monique, dass Legehennen durchaus Arktis-fähig sind. Auch wenn sie zuvor von den Einheimischen wie ein kleines Weltwunder betrachtet wurde: Die meisten Inuit hatten noch nie ein lebendes Huhn gesehen.

130 Tage verbrachten die beiden in ihrem meist dunklen, unwirtlichen Kosmos und Monique legte 105 Eier in dieser Zeit. Nur wenn Eisbären in der Nähe waren, verkroch sich das Federvieh lieber in den Tiefen des Stahlrumpfes der „Yvinec“. Ansonsten waren so oft wie nur möglich Spaziergänge in unmittelbarer Umgebung des Schiffes angesagt, wobei Guirec jedoch Wert auf die Feststellung legt, dass Henne Monique nur bis minus 30 Grad aufs Packeis durfte. Bei noch niedrigeren Temperaturen wäre das Geflügel sonst wohl festgefroren.

Guirec Soudée Guirec Soudée © VoyagedYvinec

Warten auf die freie Passage

Seit Mai kann die „Yvinec“ wieder Packeis-frei in den grönländischen Gewässern segeln. Und seit Mai steht fest: Monique und Guirec bleiben erstmal oben im Norden. Die Nordwestpassage lockt, nicht nur weil meteorologische Langzeitprognosen für dieses Jahr eine relativ eisfreie Passage vorhersagen. Sondern auch, weil sich Stahlschiff „Yvinec“ hervorragend im Packeis gehalten hat und weiterhin ihrem Ruf als robuster Abenteuer-Segler alle Ehre macht. „Natürlich ist mir Monique im Winter eine große Hilfe gewesen,“ resümiert der junge französische Abenteurer den letzten Winter süffisant. „Aber der eigentliche Star dieses Abenteuers ist unser Schiff. Es gibt für solche Reisen nichts Besseres als einen Stahlrumpf. Wir sind vielleicht nicht die Schnellsten, aber wir kommen überall durch!“

Doch bis zur großen Fahrt Richtung Westen wird Monique wohl noch viele Eier legen. Derzeit segeln die beiden – öfters von Freunden und TV-Kameras begleitet – lange Erkundungsschläge in die bizarre Welt der Eisberge und Growler.

Guirec Soudée Guirec Soudée © VoyagedYvinec

Zuhause in Frankreich haben die beiden in der Zwischenzeit einen regelrechten Segelhuhn-Hype ausgelöst. Ihre Videos sind millionenfach angeschaut worden, ihre Geschichte erscheint derzeit in vielen großen, internationalen Zeitschriften und auf den wichtigsten Websites. Ein französischer TV-Sender hat längst ein Team zu dem Traumpaar geschickt und die Bretagne – Guirecs Heimat – drückt sowieso die Daumen für eisfreie Passagen ab August.

Bis dahin gilt es, Monique von Eisbären und herumstreunenden Schlittenhunden fern zu halten. Dem Vernehmen nach trainiert das Federvieh derzeit den Ausguck aus der Mastspitze, um ihrem Skip unten an der Pinne die eisfreie Fahrt durch die Nordwestpassage anzugackern. Ein cooles Chick, dieses Huhn.

Guirec Soudée Guirec Soudée © VoyagedYvinec

Wer sich Guirecs Ratschlag zu Herzen nehmen möchte: Für kernige Erlebnisse in mehr oder weniger wilden Gewässern kann ein robuster Rumpf tatsächlich nicht schaden. Auf boat24.com finden Sie jedenfalls einige (Stahlschiff Segelboot und Stahlschiff Motorboot), die Sie sicher ins Abenteuer und wieder zurück bringen werden. Es muss ja nicht gleich die Nordwestpassage sein.

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Segeln

Autor

Michael Kunst

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Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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