Blog

Tipps fürs Trockenfallen

Autor: Holger Peterson

Eigentlich ist Trockenfallen im Watt ganz einfach – jedenfalls wenn man ein Boot hat, das nicht umkippt.

Tipps fürs Trockenfallen
© Holger Petersen

Man fährt auf einen Strand und wartet, bis das Wasser fällt. Dann steht man herum, bis es wiederkommt. Doch die Gleichung kann zuweilen mehr Unbekannte haben, als vermutet: Tidenhub, Windrichtung, Stromstärke, Ankergrund. Diese Faktoren sind veränderlich und nicht jedem geheuer. Die Ängste vor dem «ersten Mal im Watt» sind groß: Wie wird das Wetter sein, wenn die Wellen wiederkommen? Kann ein schief stehendes Boot durch Kiel- oder Ruderbruch beschädigt werden? Und wenn mein Boot umkippt: Säuft es im Flutstrom ab? Holger Peterson zeigt in seinem Buch «Wie wir im Norden segeln.», wie man entspannt trockenfällt.

Zunächst: Ein stabiler Rumpf steckt all das weg. Selbst wenn das Boot auf der Sandkante steht, warum sollte die Neigekraft des Kiels an der Wurzel größer sein, als bei 30-Grad-Lage, wenn wir segeln? Im Gegenteil, die Hebelwirkung von wechselnden Kräften der Wellen ist beim Segeln größer. Beim Trockenfallen können hohe Hebelkräfte nur durch zwei Faktoren eintreten: Wenn sich Kiele zwischen Felsen verkeilen oder hohe Wellen das Boot vor dem Trockenfallen immer wieder auf den Grund setzen. Das wird selten vorkommen, weil man gewöhnlich nicht auf Legerwall ankert. Und doch muss das Boot harte Schläge wegstecken, wenn sich der Wind gedreht hat und er beim Aufschwimmen Wellen heranbläst.

Wer einen voll verschweißten Metallrumpf hat, das Ruder gar einen Skeg mit drittem Lager, hat weniger Gründe zur Sorge. Anders sieht es bei GFK-Rümpfen mit untergebolzten Kielen und frei stehenden Spatenrudern aus. Die Belastung durch Wellen, die den Kiel beim Aufsetzen immer wieder in den Rumpf stauchen, darf nicht zu groß werden.

Foto

Der richtige Platz

Der richtige Platz zum Trockenfallen ist fest, eben und frei von Schlick, damit der Anker gut hält. Er lässt sich aus dem Strand- und Strombild erkennen. Wo das Wasser Turbulenzen bildet, ist der Strom stärker. Dann wird das Boot in einem Bereich aufgesetzt, in dem die Strömung dem Fahrwasser folgt. Richtet man den Rumpf im parallelen Verlauf zum Strom aus, ist man auf der sicheren Seite, gerade zu stehen. Kurz vor dem Aufsetzen wird mit dem Bootshaken auf jeder Rumpfseite gelotet.

Nun kann es aber sein, dass eine Querstromrinne den Prickenweg kreuzt. Das erkennt man am Wellenbild. Diese Querstromrinnen können ein halbes Wattengebiet füllen oder leeren – der Strom ist dann bis zum endgültigen Trockenfallen gleichmäßig stark, was zum Einspülen der Kiele führen kann. Steht hier auch noch Wind gegen Strom, kann der Platz während des Aufschwimmens unruhig sein. Daher gilt: Suchen Sie ein gleichmäßiges Wellenbild. Es ist oft schon 50 Meter weiter zu finden.

Wo sich zwei Tidenströme aufheben, sind die feinen Sedimente zu finden. Durch die Baljen strömen sie um die Inseln oder Sandbänke und treffen sich in der Mitte. Gewöhnlich ist das der untiefe Bereich eines Prickenweges, das sogenannte «Wattenhoch» weiter man davon entfernt ist, desto fester wird der Sandgrund sein, denn die Bereiche der Wattenhochs sind zum Trockenfallen nicht geeignet: Der Grund ist schlammiger – der Anker findet keinen Halt. Ist man noch unerfahren, erkundigt man sich besser im Vorfeld bei einheimischen Seglern. Die hohen Wattfahrwasser werden zudem durch zwei Pricken angezeigt, bis wieder zwei zusammenstehende Pricken das Ende der flachsten Passage anzeigen – auch dies ist eine nützliche Orientierung. Dass wir nicht absichtlich in einem ausgeprickten Fahrwasser trockenfallen, ist selbstverständlich.

Foto

Zeitpunkt und Windrichtung beachten

Wangerooge, 5. Juni 2015. Hochwasser ist gegen 14:40 Uhr. Wir kommen aus der Jade und steuern um 15:30 Uhr bei fallendem Pegel südlich von Minsener Oog die Blaue Balje an. Um 16 Uhr überqueren wir das Wattenhoch und haben noch 50 Zentimeter unter den 130 Zentimeter tiefen Kimmkielen. Die Telegraphenbalje, das zweite Wattenhoch, trennt uns vom Hafen von Wangerooge. Das Wasser fällt in der dritten Stunde nach Hochwasser um rund 70 Zentimeter in der Stunde. Wir könnten versuchen, noch so eben rüberzurutschen, aber wenn man festkommt, kann man sich den Platz nicht mehr aussuchen, an dem man trocken sitzt. So entschließen wir uns für den festen Sandgrund am ehemaligen Anleger Wangerooge Ost. Zweieinhalb Stunden nach Hochwasser ist der ideale Zeitpunkt zum Trockenfallen, denn dann wird man auch zweieinhalb Stunden vor Hochwasser wieder aufschwimmen, um das nächste Wattenhoch zu passieren.

Zwischen der letzten roten Tonne und der Dreierpricke könnte ich unser Boot nun stumpf auf den flachen Strand setzen. Stelle ich die Kiele in Stromrichtung, werden sie sich auch nicht einspülen. Es ist ein perfekter Platz. Das Wasser ist zu Beginn der dritten Stunde nach Hochwasser um rund 80 Zentimeter gefallen. Selbst wenn sich der Wind nach Osten drehen sollte und das nächste Hochwasser 50 Zentimeter weniger aufläuft, werden wir noch vor Hochwasser wieder abdampfen können.

Das Boot steht im Tidenstrom, aber der läuft weit neben der Balje nicht so stark. Nach 40 Minuten beginnt das Boot sanft aufzusetzen. Mit dem Bootshaken lote ich die Wassertiefe. Sie beträgt auf beiden Seiten 1,30 Meter. Als wir mit dem Essen fertig sind, stehen nur noch 20 Zentimeter Wasser um die Kiele.

Schwänzchen in die Höhe: den Kiel einspülen

Der aufrechte Stand erleichtert das Bordleben. Es gibt jedoch mehrere Gründe, warum eine gewisse Neigung des Rumpfes von Vorteil sein kann. Darauf kann man Einfluss nehmen und die Kiele gezielt im Bugbereich einspülen.

Entscheidend ist, wie stark der Strom ab dem Zeitpunkt des Aufsetzens ist, wie lange er anhält und in welchem Winkel man die Kiele dazu abstellt. Dazu sucht man sich die Spülkante einer Ablaufrinne, in der der Strom besonders lange und stark läuft. Wenn man hier eine «hohe Kante» entdeckt und sein Boot quer zum Strom aufsetzt, kann man in den ersten Minuten durch Maschineneinsatz oder Ruderlegen den Bug etwas mit dem Strom drehen. Dann wird an den vorderen Kanten der Strom abreißen und die Kiele unterspülen. Das kann so weit gehen, bis der Bug aufsetzt und das Heck recht steil in die Höhe reicht.

Angst vor dem Umkippen brauchen unter solchen Verhältnissen nur Monokieler mit Wattstützen zu haben. Ihre Stützen sind schnell überfordert. Sie knicken weg oder sinken zu weit ein, wenn das Boot erst zu viel Lage erreicht hat. Das Umfallen ist dann nur noch durch einen querab ausgebrachten Anker am Fall zu verhindern. Allerdings, und davor sei ausdrücklich gewarnt, ist die Statik eines Riggs für zu starke Zugkräfte am Masttop nicht ausgelegt. Auch diese Sicherung hat ihre Grenzen. Dann ist es besser, das Boot mit ablaufendem Wasser langsam umkippen zu lassen.

Schwenkkiel- oder Plattbodenskipper interessiert das kaum. Sie fallen stets aufrecht trocken, solange keine tiefen Spülrinnen vorhanden sind. Kimmkieler und Mehrrumpfboote sind stets eine gute Wahl, wenn es um die «Kunst des Trockenfallens» geht. Eines ist bei jedem Trockenfallen zu bedenken, unabhängig von der Art des Bootes: Man sollte immer die zu erwartenden Wetter- und Lichtverhältnisse beim Aufschwimmen einkalkulieren.

Tiden- und Trockenfallzeiten genau berechnen

Die Vorstellung, mitten im Meer plötzlich auf Grund zu sitzen, erscheint Vielen ein wenig unheimlich. Doch es gibt ein paar einfache Regeln, wo und wie man am besten trockenfällt und wie man die Fahrzeiten berechnet. Einsteigern in das faszinierende Revier des Watts sei noch einmal gesagt: Nach ein paar Fahrten überschlagen Sie die Fahrtenstrategie in wenigen Sekunden im Kopf, weil die Höhe der Wattenhochs überall ähnlich ist. Wer weiß, wie man die Fahrzeiten berechnet, kann auch die Trockenfallzeiten überschlagen. Dazu benötigt man nicht mal Stromatlanten, denn allein ein Blick in die Seekarte reicht aus, um zu wissen, in welche Richtung der Strom zu welcher Zeit setzt. Dass Sie wissen, wie man ankert, setze ich voraus.

Verzichten Sie möglichst auf schwere Ankergewichte, denn im Watt gibt es besten Sandgrund und das Boot soll beim Kentern des Stroms leicht über den Anker hinwegtreiben und seine neue Position finden. Auch von zusätzlichen Heckankern rate ich ab. Bei Einsatz eines Heckankers säße man auf dem einzigen Kahn, der seine Position nicht ändert. Noch ein Tipp für Monokieler: Wattstützen sind sperrig und benötigen Führungsleinen. Andererseits hat man nach der ersten Grundberührung genug Zeit, sie anzubringen. Wenn das Boot sicher auf Kiel und Ruder abgestellt werden kann, kann man damit experimentieren.

Checkliste: Die eisernen Grundsätze für Wattenmeersegler

  • Wattenhochs und Seegatten sollten möglichst bei steigendem Wasser angelaufen werden. Sitzt man fest, kommt man mit der steigenden Flut auch wieder frei.
  • Mit dem Flutstrom kann man lange Zeit fahren. Man «reitet» dann auf der Welle. Da, wo man hin will, tritt der höhere Wasserstand erst später ein.
  • Mit dem Ebbstrom kann man nur kurze Strecken fahren. Da, wo man hin will, ist das Wasser schon früher gefallen.
  • Seegatten sollten bei auflandigem Wind ab Windstärke 5 nicht angelaufen werden. Meiden Sie Wind gegen Strom! Bei starkem Wind aus NW – NO besteht durch Grundseen Lebensgefahr.
  • Durch tiefe Wellentäler bei stärkerem Wind können Boote frühzeitiger aufsetzen. Planen Sie stets eine Reserve von 0,5 Meter ein.
  • Kein Trockenfallen um Hochwasser bei hohem Wasserstand! Dreht der Wind auf Ost, kommt man vielleicht wochenlang nicht mehr weg. Ansonsten gilt: Rechtzeitig nach der Prielkante loten!
  • Kein Trockenfallen, wenn eine Winddrehung erwartet wird, die einen auf Legerwall setzt. Wellen setzen das Boot dann beim Aufschwimmen immer wieder auf Grund.
  • Das richtige Boot fürs Watt: Ein watttaugliches Boot sollte nicht mehr als 1,40 Meter Tiefgang haben, um bei Hochwasser über das Watt zu fahren, andernfalls können Inseln nur über Seegatten von der offenen Nordsee her angelaufen werden.
  • Trockenfallen richtig vorbereiten: Ziel sollte es sein, aufrecht und gerade trockenzufallen. Hebelkräfte entstehen, wenn sich Kiele zwischen Felsen verkeilen oder hohe Wellen das Boot vor dem Trockenfallen immer wieder auf den Grund setzen.
  • Die Belastung durch Wellen, die den Kiel beim Aufsetzen immer wieder in den Rumpf stauchen, darf nicht zu groß werden.
  • Der richtige Platz zum Trockenfallen ist fest, eben und frei von Schlick, damit der Anker gut hält. Strand- und Strombild geben dem geübten Auge Auskunft, wo ein geeigneter Platz zum Trockenfallen ist.
  • Zeitpunkt und Windrichtung beachten, das gilt auch, wenn man bereits trockengefallen ist. Immer die zu erwartenden Wetter- und Lichtverhältnisse beim Aufschwimmen einkalkulieren.
  • Keine Angst vor dem Umkippen: Kimmkieler und Mehrrumpfboote sind stets eine gute Wahl, wenn es um die «Kunst des Trockenfallens» geht. Monokieler sind für das Watt weniger geeignet. Für den richtigen Einsatz von Wattstützen brauchen Skipper Erfahrung und einen guten Untergrund.
  • Verzichten Sie möglichst auf schwere Ankergewichte, das Boot soll beim Kentern des Stroms leicht über den Anker hinwegtreiben und seine neue Position finden.
  • Besonders wichtig: Stets einen Plan B und einen Fluchtweg planen für den Fall, dass Wind und Wetter eine neue Beurteilung der Lage beim Aufschwimmen notwendig machen. Genug Leeraum lassen, damit das Schiff nicht plötzlich gegen die übrigen Ankerlieger bzw. trockengefallenen Boote treibt.

Thema

Segeln

Autor

Holger Peterson

Geschrieben von

„Maritimer Geschichtensucher und
Chronist“: Als YACHT-Autor hat er neben der bekennenden
Liebe zu Texten zwei weitere Leidenschaften: Segeln und
Fotografieren.

Das (seemännische) Maß der Geschwindigkeit

Das (seemännische) Maß der Geschwindigkeit

Von Knoten, Logscheits und der Fahrt durchs Wasser. Was der Knoten mit der Bootsgeschwindigkeit zu tun hat – Antworten auf die Fragen eines neugierigen Wassersportrookies.

Für und Wider Strahlantriebe

Für und Wider Strahlantriebe

Der Jet-Antrieb punktet mit beeindruckenden Vorteilen, hat gegenüber dem herkömmlichen Antrieb mit außenbords drehender Schraube aber auch einige Nachteile. Hier eine Gegenüberstellung der zentralen Gesichtspunkte.

Das «One Minute Boat»

Das «One Minute Boat»

Eine 55-Fuß-Hochsee-Rennyacht aus dem 3D-Drucker, die ausschließlich aus recyceltem Plastik gebaut werden soll. Ein weiteres kreatives Projekt, das den Kampf gegen die Plastikflut in den Meeren aufnehmen will.

Kooperationspartner
YACHTboote
Kundenfeedbacks
Feedbacks“Inserate erstellen funktioniert einfach und komfortabel. Gute Applikation.”
Zahlungsmethoden
Visa MasterCard American Express PayPal Rechnung Bankeinzug

Visa, MasterCard, American Express, PayPal, Rechnung oder Bankeinzug

Sicherheitssystem
No Spam

Unser Sicherheitssystem schützt Sie sicher vor Werbe-E-Mails und Onlinebetrügern.

© 2018 boat24.com