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Die wahre Heldin

Autor: Michael Kunst

Was Joshua Slocum bei seiner ersten Einhand-Weltumseglung leistete, war phänomenal. Doch war die eigentliche Protagonistin dieses legendären, bis heute gefeierten Abenteuers nicht seine Yacht «Spray»?

Die wahre Heldin
Joshua Slocum während seiner Weltumseglung© Wikipedia

Einhand auf einem Segelboot kaufen um die Welt. Das schreibt, sagt und liest sich heute so einfach. Zu Zeiten, in denen sich immer mehr Männer und Frauen auf dieses Abenteuer sogar nonstop und nicht selten in Rekordzeiten einlassen, erscheint heute die erste Reise dieser Art wie ein überbewertetes Relikt aus der vermeintlich guten alten Zeit.

Doch gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts, als Joshua Slocum seinen legendären und bis heute zurecht «besungenen» Törn um den Globus segelte, war so eine 46.000 Seemeilen-Runde eine ungeheure und gleichermaßen faszinierende Premiere. Nicht zuletzt, weil sie zeitgleich mit dem Ende einer ganzen Ära einher ging. Denn damals lösten die «stinkenden, Luft und Meer verschmutzenden Motordampfer» (O-Ton Slocum) unwiderruflich die Lasten- und Frachtsegler der der vormaligen Jahrhunderte ab. Was paradoxerweise überhaupt erst zu dieser ersten Einhand-Weltumseglung des Joshua Slocum führte.

Freak der Meere

Slocum war besessen von der See. Schon als Kind ahnte und wusste der Kanadier, der später die US-amerikanische Nationalität annehmen sollte, dass die Meere sein Schicksal sein würden. Und zwar in jeder Hinsicht. Als junger Mann machte er alles – Hauptsache, es hatte irgendwie mit der See und Segeln zu tun. Er heuerte auf Fischkuttern an, war jahrelang auf den letzten Lastenseglern unterwegs, verdingte sich aber auch als Robbenjäger. Im zarten Alter von 25 Jahren vertraute man ihm ein erstes Schiff an. Als Kapitän der «Washington» besegelte er hauptsächlich den Pazifik. Bis das Schiff vor Alaska in einem Sturm strandete. Was für andere Kapitäne das Aus ihrer Karriere bedeutet hätte, festigte den Ruf Slocums als hervorragender Seemann: Er baute mit seiner Crew ein Boot aus den Resten der «Washington» und segelte damit nach Kodiak, von wo aus er und seine Mannschaft sich in Richtung Süden durchschlagen konnten.

Joshua Slocum fuhr weiter als Kapitän zur See auf den letzten, großen Lastenseglern. Doch im Jahre 1887 ging die «Aquidneck» vor dem brasilianischen Dorf Guarakasava durch Strandung auf einer Sandbank verloren. Damals hatte Slocum seine Kinder und seine zweite Ehefrau dabei. Aus den Resten der gestrandeten «Aquidneck» baute er für sich und seine Familie die 10 Meter lange «Libertade», auf der die Slocums wieder an die US-amerikanische Ostküste segelte.

Nach diesem Abenteuer manifestierte sich bei Slocum eine berufliche Pechsträhne. Die Segelschiffe, die man ihm als Kapitän anbot, waren Seelenverkäufer und bargen zu hohe Risiken für einen, der nicht bei einer der damals sehr häufigen Versicherungsbetrügereien auf Hoher See draufgehen wollte.

An seiner Passion fürs Segeln änderte das jedoch nichts. Abgebrannt und völlig mittellos winkte ihm das Schicksal – in Form eine Wracks! Slocums Freund Captain Pierce schenkte ihm einen alten, mehr als reparaturbedüftigen Austernfischer (11,2 Meter lang und 4,3 Meter breit), an dem Slocum 13 Monate lang, größtenteils alleine, wie wild arbeitete. Noch ahnte kaum jemand, was der mittlerweile 49-Jährige mit seinem Boot, das er «Spray» nannte, vorhatte: Eine Reise um die Welt. Und das bitteschön alleine und ohne einen Cent in der Tasche.

Das Einhand-Abenteuer par excellence

Was folgt ist längst Geschichte. In 38 Etappen segelte der passionierte Seemann von April 1895 bis Juni 1898 in drei Jahren und zwei Monaten um die Welt. Immer alleine, immer auf sich selbst und niemand sonst gestellt. Eine Reise, die Slocum zum Helden unzähliger Segler nach ihm machte und ihm bis heute ein Stück Unsterblichkeit sicherte. Ein Jahr nach seiner Rückkehr veröffentlichte der Abenteurer das Buch «Allein um die Welt», das bis heute ein «Muss» für alle Skipper, vor allem aber für short-handed Segler geblieben ist.

Wer den epischen Törn jedoch aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten möchte, der sollte sich den Zeichentrickfilm «Slocum at Sea with himself» gönnen: Ein wunderbarer Spaß, produziert mit einer gehörigen Portion Fantasie. (Einzelne Szenen in 10 Teaser-Filmen. Download des 2-stündigen Meisterwerks klassischer Animationskunst hier (13,40 Euro).

Die «Spray», Joshua Slocums treue Gefährtin während seiner 1. Einhand-Weltumseglung Die «Spray», Joshua Slocums treue Gefährtin während seiner 1. Einhand-Weltumseglung © Wikipedia

Genie und Robustheit

Es mag angesichts der faszinierenden Abenteuer eines Joshua Slocum etwas despektierlich klingen, aber für den Autor dieser Zeilen ist die wahre Heldin bei dieser ersten Einhand-Weltumseglung die «Spray»! Ihre Robustheit, ihre buchstäblichen Selbststeuerungsfähigkeiten und nicht zuletzt ihre Ausdauer im Kampf gegen die Elemente macht sie zur eigentlichen Protagonistin dieser legendären Reise. Wenn auch, zugegeben, die eine niemals so verlässlich unterwegs gewesen wäre, ohne die Genialität des anderen…

13 Monate lang baute also Joshua Slocum seine «Spray» um und aus. Das 11,2 Meter lange Boot soll nach dem «Refit» wie neu ausgesehen haben. Der angehende Weltumsegler musste sich Gelder für die Begleichung der Kosten für den Aus- und Umbau seiner Yacht in Höhe von 550 US Dollar (was einem heutigen Wert von knapp 16.000 Dollar entspricht) von Freunden und Bekannten leihen. Die notorische Ebbe in seinem Geldbeutel sollte übrigens über die gesamt Reise hinweg anhalten. Sogar auf den zu Sextant-Zeiten so wichtigen Chronometer verzichtete Slocum und erstand stattdessen eine simple Uhr für 1,50 Dollar. Mit der er übrigens überall «durchkam».

Früher, als die Spray noch zum Fischen diente, war sie als Gaffelkutter geriggt. Das beinhaltete Gaffel-Groß, Klüver und Außenklüver. Ein Rigging, das Slocum zunächst beibehielt, nach ersten See-Erfahrungswerten jedoch Schritt für Schritt zur Yawl umfunktionierte. Dazu musste der Großbaum gekürzt und am Heck ein Besanmast gestellt werden. Auch den Besan bestückte Slocum mit dem damals üblichen Gaffelsegel. Nicht zuletzt, weil diese schneller und einfacher zu reffen waren.

Überhaupt verbrachte Slocum notgedrungen viel Zeit damit, sein Boot einhandtauglich aus- und umzurüsten. Auch er verlegte maximal viele Schoten und Fallen in die Plicht, um vor allem in Gefahrensituationen, wenn schnell reagiert werden musste, alles griffbereit zu haben. Heute eine Selbstverständlichkeit auch für Crew-Boote – damals, in Zeiten als grundsätzlich mit Mannschaft gesegelt wurde, ein zwar logisches, jedoch kaum gekanntes Novum. Gerade über die anstrengenden und im Sturm gefährlichen Segelwechsel machte sich Slocum viele Gedanken. Eine Konsequenz daraus war ein verkürzter Klüverbaum, der das Einholen und Wechseln der Vorsegel erleichterte.

Die wichtigste Eigenschaft der «Spray» war jedoch ihre Selbststeuerungsfähigkeit. Was durchaus wörtlich zu nehmen ist: Dieses Boot steuerte sich, einmal auf Kurs gebracht, unter normalen Wetterbedingungen tatsächlich selbst. Denn Autopiloten, wie wir sie heute kennen, waren damals noch undenkbar.

Slocum berichtet in seinem Buch von faszinierenden Erfahrungen mit seiner ganz offensichtlich perfekt ausbalancierten Gefährtin. So schreibt in seinem Buch etwa von dem Törn zu den Cocos Islands im Indischen Ozean, dass er «über eine Distanz von 2.700 Seemeilen und einen Zeitraum von 23 Tagen höchstens drei Stunden am Ruder verbracht» habe. Die restliche Zeit war das Steuer der «Spray» über ein System aus Umlenkrollen und einer Schot «arretiert». Und ganz egal ob wochenlang vor dem Wind mit Seegang von achtern oder am Wind mit Welle von vorn oder seitlich – das Boot blieb kurstreu.

Über dieser außergewöhnlichen Kursstabilität haben zwischenzeitlich einige Bootsbauer (auch mit Computerhilfe) ihre Köpfe zum Rauchen gebracht. Im Prinzip sind hier zwei Lager von ihrer jeweiligen Theorie überzeugt: Fraktion Slocum behauptet, dass die perfekte Balance nur durch die genialen Umbaumaßnahmen und durch einen perfekten Segeltrimm des Skippers möglich wurden. Fraktion Spray wiederum ist der Meinung, dass die Linien des Bootes per se – egal unter welchem Rigg – für die richtige Balance gesorgt hätten. Wahrscheinlich ist, wie so oft in solchen Fällen, dass eine Mischung aus beiden Theorien für das ausgeglichene Segelverhalten der Spray sorgte. Was übrigens einige detailgetreue Replika der «Spray» in der Zwischenzeit bestätigten: Auch sie fahren wie auf Schienen – ohne dass des Skippers Hand allzu häufig eingreifen muss.

Die Spray – gezeichnet Die Spray – gezeichnet © Slocum alone with himself (Paul and Sandra Fierlinger)

Beide bleiben auf See

Eine Problematik wurde dem Boot damals (und bis heute) nachgesagt: Die «Spray» hatte offenbar bei Lage wenig Endstabilität und konnte somit in plötzlich einfallenden Böen, in denen nicht schnell genug reagiert wurde, kentern. Auch wenn Slocum dies bestreitete, wird von einigen Konstrukteuren, Seglern und Bootsbauern genau dieser Umstand als Grund für das spurlose Verschwinden der Beiden auf See bezeichnet.

Nachdem Slocum 1899 sein Buch veröffentlicht hatte und damit rasch Geld verdiente, erwarb er 1902 den ersten festen Wohnsitz seines Lebens: eine Farm auf der Insel Martha’s Vineyard, eine Insel vor der Südküste von Cape Cod/Massachusetts/USA. Dort hielt es Slocum nicht lange. 1909 brach er im Alter von 65 Jahren erneut zu einem großen Einhandtörn auf – selbstverständlich auf der «Spray», der er während seiner Zeit als «Landei» treu geblieben war. Doch in ihrem ersten Ziel, dem Mündungsgebiet des Orinoko in Venezuela, kamen Slocum und seine Spray niemals an.

Was genau unterwegs passierte, werden wir wohl niemals erfahren. Manche machten die erwähnte, mangelhafte Endstabilität und ein etwaig im Seegang gelöster Ballast aus Zement verantwortlich. Andere wiederum vermuteten, dass die «Spray» einen Wal rammte und daraufhin sank. Doch die meisten machten einen dieser, von Slocum bis zu seinem Ende abgrundtief gehassten Motordampfer für sein Ende verantwortlich. Auf den damals schon vielbefahrenen Routen zwischen den USA, der Karibik und Südamerika könnte eines dieser Stahlmonster nachts unbemerkt die «Spray» überfahren haben.

Wie auch immer, es mag ein Trost sein, dass Mann und Boot gemeinsam, in ihrem Element ein Ende fanden.

Das nachfolgende Doku-Video fasst die Reise gut zusammen:

Video

Thema

Segeln

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
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