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Scharfe Hintern

Autor: Michael Kunst
  

Zehn ansprechende Heckpartien ausgewählter Yachten im Kurzporträt. Eine Ode an schöne Formen an der richtigen Stelle.

Scharfe Hintern

Es ist wie im wahren Leben: Das Objekt der Begierde wird oft erst durch seine Rückansicht attraktiv. So auch beim Kauf einer Yacht oder beim Träumen von derselben, wobei nur selten die Liebe auf den ersten Blick eine Rolle spielt. Vielmehr ist der häufig wiederholte, gefühlvoll und genießerisch schweifende Blick über die Formen und Linien der Yacht eigentlich nur ein erstes Kennenlernen, bis man sich über beide Ohren in ein bestimmtes Merkmal oder einen Bereich des Schiffes verknallt.

Hand aufs Herz, zählen Sie nicht auch zu den Skippern, die besonders das Heck einer Yacht mögen? Sei es aus rein ästhetischen Gründen oder nur wegen der Funktionalität. Ganz egal, ob es sich dabei um die elegante Form eines Rundgatts auf einem Holzklassiker handelt oder um die oftmals extrem breite, offene Version eines modernen Regattarenners, mit dem es sich auf Reachkursen unübertroffen schön gleiten lässt.

boat24.com hat zehn Yachten von gestern und heute mit attraktiven Hecks respektive scharfen Hintern für Sie zusammengestellt. Wie bei allem Schönen geschah auch diese Auswahl unter rein subjektiven Kriterien. Und um gleich jeglicher Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, der Autor ist keineswegs obsessiv veranlagt. Vielmehr zeigt sich in den folgenden Bildern lediglich seine Amour fou zu schönen Formen an der einzig richtigen Stelle… bei Yachten. Wo sonst?

Übrigens ist der Begriff «Heck» an Yachten und Booten im Prinzip eine falsche Bezeichnung. Denn per Definition enden Boote mit dem Steven oder Spiegel. Da sich der Begriff «Heck» jedoch im deutschen, maritimen Sprachgebrauch für den achterlichen, abschließenden Bereich des Schiffes durchgesetzt hat, wollen wir hier und heute nicht päpstlicher sein als der Papst…

Wally Esense © Wally Wally Esense © Wally

Schönheit hat ja angeblich keinen Preis – diese Yacht schon, und zwar einen ziemlich hohen. Ca. 15 Millionen Euro soll das Schiffchen kosten. Doch mal ganz unabhängig davon, was man von mondänen und luxuriösen Superyachten mit glatzköpfigen Steuermännern halten mag – ist dieses Heck nicht ergreifend schön? 43,7 Meter ist die Wally «Esense» lang und 8,57 Meter an der breitesten Stelle; die leicht beschwingten Formen laufen danach sanft in die Heckpartie über. Ein Traum von einem Schiff mit einem mondänen, eleganten und wie immer bei dem genialen Yacht-Konstrukteur Luca Bassani unvergleichlichen Schwung in den Linien. Zum niederknien.

J-Class Shamrock © J-Class J-Class Shamrock © J-Class

Natürlich werden J-Class Yachten nicht umsonst wegen ihrer zeitlosen Schönheit allerorten gezeigt und gelobt. Ihre Rasse und Eleganz sind unübertroffen, unvergessen die harten Luvkämpfe der nahezu gleich schnellen Superyachten während der mittlerweile zahlreichen J-Class-Treffen mit den Reichen und Schönen auf den mondänsten Revieren der Welt. Was man dabei seltener sieht: Auch ein schöner J-Class-Rücken kann entzücken!

Die «Shamrock» nimmt im J-Class-Reigen eine besondere Rolle ein: sie wurde in den 1930er-Jahren vom Tee-Tycoon Sir Thomas Lipton persönlich gesegelt und eine der zahlreichen Legenden um diesen außergewöhnlichen Mann mit seinem faszinierenden Schiff behauptet, dass er es sich nach jedem Trainingstag oder nach gewonnenen Regatten bei der Heimfahrt niemals nehmen ließ, auf dem Heck der Shamrock bei einer «guten Tasse Tee» die volle Schönheit seiner Yacht zu genießen. Verständlich, oder?

Robertissima © Robertissima Robertissima © Robertissima

Der Inbegriff des rasanten Segelns! Ein breites, unverbautes und offenes Heck, das zwar an der Kreuz nicht unbedingt zu Höchstform aufläuft, dafür aber mit etwas Lage spektakulär in Szene gesetzt wird. Die 22 Meter lange JV 72 «Robertissima III» (ex «Ran») ist überall dort zuhause, wo die schnellsten und mitunter auch exotischsten Yachten sich ihre Rennen liefern. Die innen kaum ausgebaute, reine Renn- und Performance-Yacht aus GRP wurde im Jahre 2009 gebaut und ist auf den Cayman Islands registriert. Mal ehrlich: Sieht dieses Hinterteil, pardon: Heck nicht richtig rassig aus? Jedenfalls hält es, was es verspricht: Die «Robertissima» zählt zu den schnellsten Monorumpfern der Welt, 25-30 Knoten auf Reach-Kursen sind sozusagen Normalgeschwindigkeit.

Klassiker aus Holz © Wooden Boats Klassiker aus Holz © Wooden Boats

Ein kürzlich wieder neu aufgebauter Klassiker aus Kanada, der in den sozialen Netzwerken Furore machte. Warum? Na wegen seines außerordentlich formschönen Hecks, warum sonst? Der Cat-Daysailor (nur ein Segel, Mast weit vorne im Bugbereich) besticht durch breite, geschwungene Formen im mittleren Bereich des Bootskörpers und läuft dann elegant und ziemlich schmal in die Heckpartie aus. Geht’s noch lässiger?

Pen Duick II © Association Pen Duick Pen Duick II © Association Pen Duick

Das zweite Boot des legendären Eric Tabarly, das von der Ecole Nationale De Voile in La Trinité sur Mer an der Französischen Atlantikküste restauriert und «in Schuss gehalten» gehalten wird. Mit ihm segelte die lebende Legende Loick Peyron auf den Spuren Tabarlys bei der Neuauflage der Regatta «The Transat» (Plymouth-New York, einhand, nonstop) letztes Jahr mit. Obwohl Peyron mitten auf dem Atlantik wegen einer Havarie umkehren musste, waren er und Pen Duick II doch die heimlichen Stars der Regatta. Wobei zumindest im Falle von «Pen Duick» auch die elegante Form des Hecks eine gewisse Rolle gespielt haben dürfte. Typisch Sechzigerjahre des letzten Jahrhundert: Lange Rumpfform, extrem schmales Spiegelheck. «Gestreckte Linien» nennen das die Franzosen…

Zephyr © Zefir Zephyr © Zefir

Will man als Heck-Fetischist überhaupt einen Spitzgatter erwähnen? Eine Heckform, die dem Bug nachempfunden ist, also eigentlich an der Kehrseite des Schiffs nichts zu suchen hat? Aber logisch, schließlich soll hier jeder seine ganz persönlichen Vorlieben ausleben. Die hier gezeigte «Zephyr» wurde in den frühen Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts von einem nach Australien ausgewanderten Schweden als Einzelstück gebaut und wird noch heute von ihrem mittlerweile sechsten Eigner fleißig auf Regatten «Zephyrs» Erbauer wiederum ließ sich von den damals durchaus üblichen Segel- und Fischerbootrissen Skandinaviens inspirieren, die häufig mit Spitzgatthecks ausgestattet waren. Definition aus Dänemark, wo noch ganz besonders häufig Spitzgatter unterwegs sind: Größere Winkel als 120 Grad = Rundgatt. Kleinerer Winkel = Spitzgatt. Wenn ich’s mir so recht überlege, sieht Zephyrs Hinterteil dann doch richtig sexy aus, oder nicht?

La Recouvrance © Association la Recouvrance La Recouvrance © Association la Recouvrance

Zum Aufhübschen und Schönmachen werden besonders die Hecks älterer Schiffe gerne in Szene gesetzt. Wie etwa auf dem Plattgatt des französischen Schoners «La Recouvrance»: Güldene Verzierungen rund um die bretonische Flagge machen deutlich, dass die «Recouvrance» im 19. Jahrhundert für die französische Republik zum Einsatz kam. Als Handelsbegleitschiff sicherte sie mit 60 Soldaten an Bord Warenkonvois unter Segeln bei ihren Fahrten zu den verschiedensten Destinationen.

Knapp sechs Meter ist ihr Heck breit, bei einer Länge von 41 Metern kann man das fast schon als filigran bezeichnen. Nicht nur für Liebhaber eher reifer Boote ein echter Hingucker!

Weatherly © America's Cupper Weatherly © America's Cupper

Ein America’s Cupper, der mit reichlich «Hüftgold» daherkommt, um schließlich im Heck überproportional schmal zu enden. Das einzige 12-Meter-Design von Paul Rhodes, das prompt den America’s Cup vor Rhode Island 1962 gewann. Kurz vor und nach dem AC-Sieg war John F. Kennedy öfter Gast auf dem Schiff. Er wird sich dabei nicht ganz so sportlich auf der Kante gelümmelt haben wie die Herren auf dem Foto, aber wohl auch kaum Zeit und Muße gefunden haben, um über die «üppigen Formen» dieses Rhodes-Risses nachzudenken. Ein ziemlich scharfer Hintern mit der maritimen Ästhetik aus den Zeiten des Aufbruchs beim America’s Cup.

Saudade © Histoire des Halftons Saudade © Histoire des Halftons

Auf der «Roten Sau» gelang es 1973 erstmals einem Deutschen Team, den Admiral’s Cup zu gewinnen. 1987 war die «Saudade»-Crew in der vierten Version auf einem revolutionären Design von Judel/Vrolijk unterwegs, bei dem vor allem der Kiel und das offene, lang gezogene Heck für Furore sorgten. Formen, die offshore jahrelang «state of the art» wurden.

Laser auf Foil © UCPA Laser auf Foil © UCPA

Wetten, Sie haben dieser alten «Dame» gar nicht auf das Heck geschaut? Sondern erstaunt eine Etage tiefer geblickt? Kein Wunder, denn wer hätte gedacht, dass die mit über 200.000 weltweit verkauften Exemplaren erfolgreichste Jolle aller Zeiten aus dem Jahre 1970 jemals noch «fliegen» würde? Möglich machen es ein relativ einfach zu installierendes Foil-Schwert und -Ruder, welche die «Kühlschranktüre» über die Wasser heben. Was das mit dem Heck zu hat? Es ist mal wieder wie im wahren Leben: Dem Heck wird mehr Aufmerksamkeit zuteil, weil es etwas angehoben wird. Ganz schön sexy, oder?

Thema

Segeln

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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