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Neue Ära für Lastensegler

Autor: Michael Kunst

Französische Chocolatiers lassen für den Transport von 32 Tonnen Kakaobohnen, Kaffee und mehr einen modernen Lastensegler bauen. Der soll den Atlantik ab 2019 befahren – Baukosten: 1 Million Euro.

Neue Ära für Lastensegler
Ganz schön cool für einen Lastensegler, oder?© Grain de Sail

Verkehrte Welt. Da lebt man in einem Zeitalter des sogenannten technologischen Fortschritts, in dem gigantische Containerriesen Abermillionen Tonnen Waren in Rekordzeiten über die Ozeane transportieren, und dann das: Schiffsmakler und Reeder bieten wieder Güterverkehr unter Segeln an. Mit wachsendem Erfolg!

Ganz vorne dabei sind – wie so oft, wenn es um Segeln geht – die Franzosen. Entlang ihrer Atlantischen Küsten gibt es in der Normandie, Bretagne und weiter unten im Vendée bereits mehrere Schiffsmakler und sogar Reeder, die sich auf den Transport von Waren mit meist alten, liebevoll restaurierten Lastenseglern spezialisiert haben. Ihre Argumente im Umgang mit potentiellen und bereits bestehenden Kunden sind ökologisch wie ökonomisch-qualitativ ausgerichtet.

Als Beispiel sei hier die Schiffsagentur TOWT (Transoceanic Wind Transport ) genannt. Ihre jungen «Macher» sind in Frankreich dank moderner Medien-Arbeit bereits (fast) überall bekannt. Und ihre Herangehensweise ans neue/alte Geschäft hat längst Schule gemacht. Mittlerweile «bedient» die Agentur Routen entlang der europäischen Atlantikküsten, Transatlantik-Routen nach und von den Antillen sowie in und von den USA.

So sehen die Routen des neuen Lastenseglers aus So sehen die Routen des neuen Lastenseglers aus © Grain de Sail

Zu langsam oder schnell genug?

Klar, wer segelt, verbraucht keinen Treibstoff, schützt also die Ressourcen und pustet keinen Dreck in die Luft. Doch reichen solche Fakten noch lange nicht, um Produzenten und Händler davon zu überzeugen, ihre Waren unter Segeln zu transportieren. Zu lang ist die Liste der Nachteile und Unwägbarkeiten: Die Lastensegler sind im Vergleich mit den Container-Konkurrenten sehr langsam, durch Wetterabhängigkeit unpünktlich und zudem kaum für ökonomisch interessante Produktmengen ausgelegt.

Und dennoch funktionieren Konzepte wie die von TOWT ganz offensichtlich. Das liegt vor allem daran, dass die Betreiber neue, und irgendwie dann doch wieder alte Wege beschreiten.

So konnten Reeder und Schiffsmakler für die Lastensegler Manufakturen von Produkten begeistern und gewinnen, die klassisch, also vor vielen Jahren in der Prä-Motor-Ära bereits auf Lastenseglern transportiert wurden. Kaffee, Kakao, Tee, Rum, Portwein, ja sogar edle Bordeaux-Weine in Holzfässern finden ihren Platz im Lagerraum.

Laderaum Laderaum © Grain de Sail

Solche Luxus-Produkte erfahren nach Angaben der Händler eine eindeutige Wertsteigerung, wenn sie auf die ökologische und traditionelle Art transportiert wurden. Und Portweinen sowie manchem Bordeaux verhilft die hoffentlich sanfte Schaukelei in der langen Atlantikdünung durchaus zu mehr Reife und Qualität. Damit die Kunden letztendlich einen teureren Preis für die außergewöhnliche Transportmöglichkeit bezahlen, muss allerdings eine Voraussetzung erfüllt sein: Sie müssen davon erfahren!

Hierfür haben die Schiffsmakler und Reeder der neuen/alten Lastensegler zu einem bewährten Mittel gegriffen und mal eben eine neue Marke respektive Gütezeichen ins Leben gerufen.

So sind mittlerweile sogar schon in französischen Supermärken Produkte zu finden, die mit dem Label «unter Segeln transportiert» gekennzeichnet sind. Zudem etablieren sich erste Boutiquen, die ausschließlich solche Waren feilbieten, ganz zu schweigen von ersten eigenen Marken, die von den Reedern und Bootsmakler der Lastensegler ins Leben gerufen wurden.

Segelverrückte Chocolatiers

Mit einem ähnlichen Ansatz ging auch die junge Manufaktur «Grain de Sail» (typisch-französisches Wortspiel: grain de sel bedeutet eigentlich Salzkorn, das wiederum in französischen Schokoladen sehr beliebt ist. Und «sail» deutet auf eine Passion fürs Segeln hin) ans Werk. Seit 2010 produzieren die Mitarbeiter des StartUps in Morlaix/Finisterre Schokolade vom Allerfeinsten, für die sie von allen Seiten mit «Ruhm und Ehr» überhäuft wurden. Seit 2013 betreiben sie zusätzlich eine Kaffeerösterei und einen edlen Kaffee-Ausschank direkt neben der Schleuse von Morlaix. Ehrensache, dass ein Großteil der Rohstoffe für ihre Leckereien per Lastensegler transportiert wurden.

Reichlich Platz für Schokolade, Kaffe und Co. Reichlich Platz für Schokolade, Kaffe und Co. © Grain de Sail

Doch damit nicht genug. Von Anfang an hatte sich die segelverrückte Crew von «Grain de Sail» auf die Fahnen geschrieben, dass sie auch die Welt des Lastensegelns im gewissen Sinne revolutionieren werde. Im Gegensatz zu den meisten gängigen Lastensegler-Reedern, die ausschließlich auf klassische Schiffe setzen (Beispiele: Très Hombres des niederländischen Fairtransport und die deutsche Timbercoast), wollen die Bretonen nun einen anderen, innovativeren Weg beschreiten.

Grain de Sail wird einen neuen Lastensegler bauen – ein moderner Riss mit gutem Geschwindigkeitspotential und wirtschaftlich vertretbarer Ladefläche.

Die Votaan in einer frühen Version. Aus diesem Blickwinkel erinnert sie sogar an einen modernen 60-Fuß-Hochseerenner Die Votaan in einer frühen Version. Aus diesem Blickwinkel erinnert sie sogar an einen modernen 60-Fuß-Hochseerenner © Grain de Sail

«Votaan» soll das gute Stück heißen, und was bis vor Kurzem aufgrund einer eher zurückhaltenden Kommunikation aus dem Hause «Grain de Sail» von der Szene stark angezweifelt wurde, ist nun gegenüber boat24.com betätigt worden. «Es wird tatsächlich stattfinden,» schreibt uns Jacques Barreau, Directeur bei «Grain de Sail», «wir werden im Sommer definitiv mit dem Bau unseres Lastenseglers beginnen!»

22 Meter Länge, 495m2 Segelfläche, 35 Tonnen Zuladung

Die «Votaan» ist eine Herausforderung für ihre Designer, Konstrukteure und Schiffsbauer. Nach vier Jahren intensiver Arbeit am Riss und den Bauplänen gaben nun die Französischen Behörden für Handelsschifffahrt und die technische Aufsichtsbehörde Veritas ihr Okay zum Bau des Lastenseglers.

Auch interessant für zahlende Passagiere? Auch interessant für zahlende Passagiere? © Grain de Sail

Etwas Technik:

  • 72 Fuß (22m) Länge
  • 31 Tonnen Verdrängung (ohne Ladung)
  • 35 Tonnen Lastaufnahme
  • Die Ladung wird auf speziellen Paletten gesichert im Bauch und an Deck des Schiffes untergebracht
  • Zwei gleich hohe Masten, Schoner-Rigg
  • Die Profi-Crew wird aus nur vier Seeleuten bestehen
  • Kojen für zwei zahlende Passagiere
  • 356m2 Segelfläche am Wind
  • 495m2 vor dem Wind
  • Motor 115 PS
  • Tiefgang voll beladen: 3,50m
  • Alle Manöver sind vom Cockpit aus möglich
  • Sechs Segeltypen sind vorgesehen: Von der Sturmfock bis zum asymmetrischen Spi

Die (bald) segelnden Chocolatiers wollen wohlgemerkt nicht von ihrer ursprünglichen Passion abweichen und zu Seeleuten konvertieren, behalten sich aber die eine oder andere Atlantik-Überquerung auf ihrem Lastensegler vor – nur der Kontrolle halber, man weiß ja nie.

Entsprechend dürften Kakaobohnen zunächst am häufigsten auf der «Votaan» transportiert werden. Ferner sind die oben erwähnten klassischen Produkte im Bauch des neuen Lastschiffes zu erwarten. Etwa eine Million Euro wird für den Bau der «Votaan» veranschlagt, wofür «Grain de Sail» finanzielle Unterstützung durch die französischen Handels-, Seefahrts- und Umweltministerien erhält. Zudem wird der Bau von privaten Investoren finanziert, die im Prinzip «Lastensegeln» viel ökonomisches und ökologisches Potential sehen.

Wer weiß, vielleicht spezialisieren sich ja bald schon die ersten Werften auf den Bau von Lastenseglern? Zukunftsmusik mit nostalgischem Beiklang…

Wenn es schnell und trotdem nostalgisch gehen soll Wenn es schnell und trotdem nostalgisch gehen soll © Grain de Sail

Thema

Segeln

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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