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Schwimmauto: Fahren oder Skippern?

Autor: Erdmann Braschos
  

Drei Viertel der Erde sind wasserbedeckt. Das schränkt Landmenschen arg ein. Jeder Autofahrer kennt das rot umrandete Gefahrenschild mit der Abbildung eines ins Wasser stürzenden Wagens.

Schwimmauto: Fahren oder Skippern?

Nun weiß die Menschheit schon länger, das an Land nicht Schluß sein muß. Es gibt bekanntlich Boote. Doch wozu vom Auto umsteigen, wenn man auch sitzen bleiben und einfach weiter fahren kann?

Das dachte sich ein Däne im Reich der vielen Inseln bereits 1899 als er mit dem Magrelen Amphibium zum Strand fuhr. Es gilt als erstes Schwimmauto und soll mit einer Art Verbrennungsmotor unterwegs gewesen sein. Auch die Schweizer, obwohl sie eher Berge als Wasser haben, beschäftigten sich mit dem Thema. Das Modell Garbaccio wurde Anno 1913 auf dem Wasser mit einem großen Luftpropeller bewegt. In Vereinigten Königreich entstand Anfang der zwanziger Jahre mit dem Mathieson Seacar eine Kreuzung aus Rettungsboot und Ford T Chassis.

Ein unermüdlicher Tüftler war der Deutsche Hanns Trippel, der sich im Lauf seines Lebens dreißig verschiedene Schwimmauto-Modelle ausdachte. Trippel fuhr bereits als junger Mann mit seinem Land-Wasser-Zepp, einem Schwimmauto aus Aluminiumblech auf einem 600-cm³-DKW-Chassis, in den Darmstädter Oberwaldhausteich. Von diesem Experiment ermutigt ging es bald bei Oppenheim in den Rhein. Später pütterte er während einer Italienreise mit seinem Schwimmgeländewagen vom Typ SG6 nach Capri und schaute bei der Gelegenheit auch mal bei der blauen Grotte rein. Eigentlich wollte er mit seinem Gefährt von Sizilien nach Afrika übersetzen, aber das paßte seinen Auftraggebern im Deutschen Reich nicht.

Die amphibischen Eigenschaften waren für das Militär zu interessant. So wurde der SG6 2.500 mal, ab 1941 mit Allradantrieb, gebaut. Ein von Ferdinand Porsche auf der Basis des KdF-Wagens entwickeltes Schwimmauto entstand in 14.000 Exemplaren. In den Staaten entwickelte Ford einen schwimmfähigen Jeep.

© grünes Amphicar: Rudolf Stricker © grünes Amphicar: Rudolf Stricker

1942 dachte sich ein ungarischer Ingenieur in Amerika das sogenannte Hydromobil mit Holzrumpf aus. Dessen Räder wurden im Wasser eingeklappt. Auf diese Technik setzt auch der Aquada von Gibbs Technologies, der vor einigen Jahren mit Rekordquerungen des Ärmelkanals von sich Reden machte und bis zur Serienfertigung ausgereift wurde. Die wiederholt angekündigte Produktion steht noch aus. Sechzig Patente stecken in diesem schnellen, an den Mazda MX-5 erinneren Gefährt.

Eine beeindruckende Stückzahl erreichte in den Sechziger Jahren das von Trippel entwickelte Amphicar. Die Quandt Gruppe der gleichnamigen deutschen Industriellenfamilie sah für das Amphicar in den USA einen Markt. Die Produktion war kühn auf einen jährlichen Absatz von 20.000 Exemplaren angelegt. Der Wagen wurde in Strandweiß, Regattarot, Lagunenblau und Fjordgrün angeboten. Den zierlichen 4.3m langen und 1.5m breiten Zweisitzer gab es nur als Cabrio.

Motorisiert war das Amphicar mit einem 43 PS Vierzylinder des englischen Triumph Herald 1200, der in einer ähnlichen Variante noch bis 1980 im Triumph Spitfire eingebaut wurde. Angetrieben von zwei unter der hinteren Stoßstange rotierenden Nylonpropellern erreichte der Wagen damit im Wasser 7 Knoten und an Land 110 Stundenkilometer.

Die aufwändige doppelbödige Karosserie machte das Auto mit damals 12.000 Mark (in den Staaten um die 3.000 Dollar) jedoch so teuer wie einen richtigen Sportwagen. Die große Bodenfreiheit und der hinten eingebaute Motor gaben dem Amphicar die Straßenlage einer fahrenden Badewanne. Der Zweisitzer war eng, langsam und teuer. Außerdem ähnelte er dem bekanntesten Erzeugnis ostdeutschen, nicht eben fortschrittlichen Automobilbaues derart, dass er hierzulande bald als «Schwimm-Trabbi» verspottet wurde. Da half es nicht, dass zwei Franzosen 1962 den Ärmelkanal in 5 Stunden und 20 Minuten in einem Amphicar querten und sich später gleich zwei englische Amphicars als bewährtes Jaguar-Tandem (einen zum fahren und einen zum reparieren) auf den Weg machten. Auch der Auftritt eines Amphicar im Film «Inspector Clouseau» rettete das Experiment nicht. Als Herbert Quandt das Abenteuer in den Sechziger Jahren beendete, hatte er eine stattliche Summe versenkt.

© rotes Amphicar im Wasser: Valder137 © rotes Amphicar im Wasser: Valder137

Der Kompromiss aus Auto und Boot wurde einmal als «weder ein gutes Autos, noch gescheites Boot» beschrieben. Die Fans der Schwimmauto-Szene sehen die Sache genau anders herum. «Das Amphicar ist das schnellste Auto im Wasser und das schnellste Boot auf der Straße.»

3.046 der 3.878 Amphicars gingen in die USA. Mehr als siebenhundert Amphicars existieren noch, was für die Qualität und mehr noch für die Begeisterung und Beharrlichkeit der Besitzer für den Erhalt ihrer fahrenden und schwimmenden Kuriositäten spricht. Alljährlich wird es zu sogenannten Swim-ins, einem gemeinsamen Schwimmauto Badetag, seiner schönsten Bestimmung, dem Wasser zugeführt. An Elbe und Havel und natürlich auch in manchem Gewässer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

1993 wurde in Frankreich der Renault Racoon entwickelt, ein Offroad Konzept, das über Stock und Stein hinaus auch mit Wasser fertig werden sollte. Das Allrad Auto mit einem V6 Turbo sollte im Wasser fünf Knoten erreichen. Ein Kompaß am Armaturenbrett gehörte zur Grundausstattung. Wie die meisten Schwimmautos handelte es sich beim Renault um ein vorne und unten herum zweckmäßig zum geschlossenen Unterwasserschiff abgedichtetes Auto, dessen Fahrwerk und Räder durch das Wasser gezogen werden.

© Gibbs Aquada: Peter Shaw © Gibbs Aquada: Peter Shaw

Im 2002 vorgestellten Aquada geht es hinsichtlich Fahrleistungen und Manövrierfähigkeit ganz anders zur Sache. Vom gebürtigen Neuseeländer Alan Gibbs in siebenjähriger Entwicklung, abgesichert von sage und schreibe 60 Patenten und von Gibbs Technologies in England gebaut, überzeugt das Gefährt mit beeindruckenden 160 km/h Spitze auf der Straße und 27 Knoten im Wasser. Im April 2004 bretterte der englische Millionär Sir Richard Branson damit in 90 Minuten über den Ärmelkanal. Damit war die amphibische Rangordnung zugunsten Großbritanniens wiedergeherstellt. Auch die Beschleunigungswerte des türlosen 175 PS Roadsters sind beachtlich: auf der Straße erreicht er die 100 km/h Marke in weniger als zehn Sekunden. Im Wasser soll der Aquada in fünf Sekunden den Gleitzustand erreichen. Das Gefährt ist wasserskitauglich. Das sogenannte High Speed Amphibian, kurz HSA genannt, ist im Wasser mit clever in die Radkästen eingezogenen Rädern unterwegs. Der Mechanismus dazu ist gleichermaßen aufwändig wie wirksam. Die Umschaltung vom Straßen- auf den Wassermodus erfolgt per Knopfdruck und ist in vier Sekunden erledigt. Nach Prüfung der ausreichenden Wassertiefe werden die Räder vom Antrieb abgekoppelt und geborgen. Trimmklappen werden ausgefahren und die straßenübliche Beleuchtung auf die maritime Variante umgeschaltet. Beim ablegen muss der Fahrer bloß auf eine Mindestdrehzahl von 2.000 U/min achten, damit der Strahlantrieb genug Wasser ansaugt. Und der hat es hinsichtlich Leistungsgewicht und Abmessungen in sich. Der in Anlehnung an einen Wasserbike-üblichen entwickelte Jetantrieb generiert bei ganzen 90 Zentimetern Länge und 40 Kilogramm Gewicht mehr als eine Tonne Schub.

Trotz der leistungsstarken Technik soll der Wagen leer ganze 1.350 kg wiegen. Der Fahrer oder Skipper sitzt übrigens in der Mitte. Back- und Steuerbord ist Platz für die Begleitung. Der Aquada wird so teuer wie ein exquisiter Sportwagen. Leider blieb es bisher bei den viel versprechenden Prototypen. Dabei ist das Schwimmauto genau das Richtige für Fahrer und Skipper, die sonst schon alles haben.

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Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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