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Kein Leben auf der MARS

Autor: Michael Kunst
  

Unbemannte, autonom agierende Segelboote oder -roboter faszinieren Seefahrer und Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Großes Ziel ist die Überquerung der Ozeane. Dabei sollen die Roboter im Dienste der Menschheit meteorologische, meeresbiologische und umweltspezifische Daten sammeln.

Kein Leben auf der MARS

Doch wirklich große Strecken konnten mit den bisher konstruierten Booten ohne Crew erst in einem Fall zurückgelegt werden. Was nichts am Bastel- und Innovationseifer der „Shore-Crews“ ändert, die sich immer wieder auf der ganzen Welt dem Thema widmen.

So haben die mittlerweile jährlich stattfindenden „großen“ Events für Segelroboter wachsende Teilnehmerzahlen zu verzeichnen. Und immer mehr renommierte Universitäten unterstützen talentierte Studententeams, aus denen bereits das eine oder andere, vielversprechende Start-Up-Unternehmen entstanden ist.

Wohl wissend, dass – ähnlich wie in der Automobilindustrie – zwar die Zukunft nicht unbedingt im vollständig autonomen Wasserverkehr liegen wird, eine gewisse weiterentwickelte „Intelligenz“ bei Segel- und Motorbooten jedoch für Skipper und Crew von Vorteil sein dürfte. Und manche monotonen, wochen- und monatelangen Arbeiten auf hoher See können im Dienste der Menschheit und im Kampf gegen die Sünden derselben, durchaus von Robotern erledigt werden.

Von Kalifornien nach Hawaii

Den bisher längsten Törn kann der kalifornische Segelroboter „SD1“ für sich verbuchen. Der 5,80 m lange und 2,10 m breite Trimaran segelte unter dem Namen „Projekt Saildrone“ im November 2013 von Kalifornien nach Kaneohe auf der hawaiianischen Insel Oahu. Das unbemannte Boot brauchte für die 2.100 Seemeilen 34 Tage, was ungefähr 2,5 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit entspricht. Immerhin 650 Seemeilen bewältigte der Segelroboter bei Windstärken über 35 Knoten.

Die kalifornische  "Segel-Drohne" überquerte immerhin schon mutterseelenallein den halben Pazifik und landete zielsicher auf der Hawaii-Insel Oahu. ©saildrone Die kalifornische "Segel-Drohne" überquerte immerhin schon mutterseelenallein den halben Pazifik und landete zielsicher auf der Hawaii-Insel Oahu. ©saildrone

Das damals federführende Unternehmen „saildrone“ machte aus dieser Premiere ein Business: Seitdem segelten Segelroboter gleichen Namens mit unterschiedlichen Forschungsaufträgen über 50.000 Seemeilen datensammelnd etwa durch den Golf von Mexiko, die Beringsee und weit in den Atlantik.

Weniger erfolgreich, aber nicht minder enthusiastisch haben sich die jeweiligen Teilnehmer in die seit 2008 durchgeführten „Microtransat Competition“ eingebracht, bei der es aber noch keines der Roboterboote weiter als 650 km geschafft hat. Doch nicht nur auf Langstrecken sind die Roboter unter Segeln aktiv, auch auf kurzer Distanz messen sie sich untereinander. So hat etwa die WorldRobotoc Sailing Championship 2015 auf den Äland-Inseln immerhin drei Teams am Start gesehen.

Gute Chancen auf die erste Transatlantik-Überquerung haben in diesem Jahr die Studenten der University of British Columbia, die an ihrer 5,5 Meter langen „Ada“ unter Windsurf-Rigg bereits seit 2013 arbeiten und dieses Jahr den Sprung über den großen Teich endlich schaffen wollen.

Nur ein Hirngespinst?

In einer ganz anderen Liga bewegt sich dagegen das Projekt MARS der britischen Universität Plymouth. Schluss mit den „Modellbaubooten“ tönt es aus England – nur mit wirklich großen Roboteryachten, die auch tatsächlich reichlich wissenschaftliche Hardware mitnehmen könnten, sei der Erfolg der Roboter auf dem Atlantik möglich. So soll das „Mayflower Autonomous Research Ship“ (MARS) beeindruckende 100 Fuß (33 Meter) lang werden und britischer Zukunfts- und Umweltforschung ein gebührendes Denkmal setzen.

Der entsprechend ambitionierte Entwurf der britischen Yacht-Design-Agentur Shuttleworth stellt einen Trimaran-Zweimaster dar, der mit einer Geschwindigkeit von ca. 20 Knoten unter Segeln und maximal 12,5 Knoten unter elektrisch angetriebenem Motor unterwegs sein soll.

Den Bootsdesignern ging es beim Entwurf dieser autonom segelnden Yacht jedoch erst in zweiter Linie um Geschwindigkeit und optimale Segeleigenschaften. Als primär wichtig werden die Aspekte Sicherheit und Forschung eingestuft. So wollen die auftraggebenden Wissenschaftler der Uni Plymouth hauptsächlich „eine Testumgebung für neue Navigationssoftware und neue Formen der Energieversorgung durch Solar-, Wellen- und Segeltechnik“ auf der MARS untersuchen.

Außerdem sollen von der MARS aus startende Drohnen meteorologische, ozeanografische und klimatische Daten sammeln. Ähnlich wie bei der „Space Shuttle“ wird eine Nutzlast-Ladebucht im Schiff diverse Geräte für die Durchführung unterschiedlicher Forschungsaufträge transportieren.

Roboter zur See

Da keine Menschen auf dem Trimaran segeln, kann das Boot zwar mit technischem Equipment „vollgestopft“, es muss aber auch auf eine höchst simple Form der „Segelbedienung” zurückgegriffen werden. Das Zwei-Masten-System auf der Mars (Windsurf-Rigg) soll ein relativ einfaches, automatisches Reffen beider Segel (160 qm Gesamtsegelfläche) durch Einrollen möglich machen. Der ausschließlich mit autonom gewonnenem Strom angetriebene Elektromotor wird logischerweise bei Flaute zum Einsatz kommen. Die Energieversorgung ist so ausgerichtet, dass die MARS bei etwa fünf Knoten Geschwindigkeit unter Motor ohne Reichweitenbeschränkung fahren kann.

Die erste Atlantik-Überquerung der MARS soll 2020 stattfinden, also 400 Jahre nachdem die legendäre Fleute „Mayflower“ die sogenannten Pilgerväter und ihre Familien zur Besiedlung der „Neuen Welt“ an die Ostküste Nordamerikas brachte. Am 16. September 1620 stach der Dreimaster von Plymouth aus mit 102 Siedlern in See, die am 21. November nahe dem heutigen Ort Provincetown an Land gingen.

Zwei Menschen starben während der Überfahrt, ein Kind wurde geboren. Die Reise gilt weithin als erste Besiedlungsfahrt durch Europäer gen Nordamerika, was allerdings historisch nicht richtig ist: Bereits im 16. Jahrhundert wurde Neufundland besiedelt und 1583 als älteste britische Kolonie durch die englische Krone in Besitz genommen.

Bleibt zu hoffen, dass der MARS ähnlicher Erfolg beschieden sein wird wie der Mayflower vor bald 400 Jahren. Die brauchte zwar zwei Monate für die Überfahrt, brachte aber immerhin nahezu alle Passagiere, hauptsächlich in England verfolgte Calvinisten, sicher ans Ziel. Für den Robotertrimaran MARS dürfte dagegen schon die Kiellegung eine echte Sensation sein. Denn bei aller Liebe zu historischen Ereignissen, insbesondere in der Seefahrt, haben es die Engländer noch nicht geschafft, das Projekt vollständig zu finanzieren. „Wir könnten erneut Pioniere werden,“ tönt es aus Plymouth. „Pioniere der Roboter-Seefahrt“.

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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