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„Schlimmer geht’s nimmer!“

Autor: Michael Kunst
  

Yvan Bourgnon segelt auf einem offenen Katamaran solo um die Welt. Mit der Atlantiküberquerung schaffte er kürzlich eine der schwierigsten Etappen… und entging dabei nur knapp dem Tod.

„Schlimmer geht’s nimmer!“

Es war ein Törn für Psychopathen. Eine Mördertour, wie sie nur Durchgeknallte durchstehen können. Ehrlich, ich dachte, dass ich das nicht überleben werde!“ Treffender könnte Yvan Bourgnon seinen Transatlantiktörn auf einem offenen Katamaran nicht beschreiben – eine Reise, die man so noch vor Kurzem für unmöglich gehalten hätte, eben ein typischer Bourgnon-Trip.
Dabei ist der 43 jährige eigentlich kein Mann der großen Worte, sondern eher einer dieser stillen Typen, die einfach nur machen… und es den anderen überlassen, daraus ein Epos zu basteln. „Ich glaube wirklich, dass ich beim Segeln schon reichlich Ausnahmesituationen erlebt habe, aber so nahe am endgültigen Scheitern war ich wohl noch nie!“ berichtete der Schweizer nach seiner Ankunft auf Martinique. Eine Ankunft, die erstaunlich wenig Resonanz in den europäischen Medien oder in der Segelszene erfuhr. Dabei kann das Projekt gut und gerne als eines der letzten großen Hochseeabenteuer bezeichnet werden: Die Eroberung der Ozeane auf einem 7,20 m kurzen Katamaran ohne Kajüte oder Unterschlupf, eine Reise um die Welt mit 27 Stopps und teils episch langen Törns auf den „Sieben Weltmeeren“.

Alle miesen Winde

„Es war wie im Krieg! Millionen Wellen gegen mich und meinen Katamaran. Und ich lag zusammengekauert auf dem Ausleger, wie in einem Schützengraben!“ berichtet Bourgnon. „Ich hatte jeden miserablen Wind, den man sich nur vorstellen kann. Totenflaute in der Knallsonne, Totenflaute mit alter Welle, Böen von 0 auf 40 kn und mitten auf dem Atlantik fiel ein mehrtägiger Sturm mit 60 kn Windgeschwindigkeit über mich her, der den Katamaran und mich an die Grenzen brachte.
Ich hatte keinen Fetzen Segel mehr gesetzt und war dennoch im Dauersurf, das Boot kenterte mehrere Male, ich konnte es aber immer wieder aufrichten.“ Über Tage hinweg konnte Bourgnon nie länger als zehn Minuten am Stück schlafen, die wasserlösliche Astronautennahrung hing ihm buchstäblich zum Halse raus. „Doch dann folgte eine Kenterung, die mich fast das Leben gekostet hätte: Das Boot wurde wie ein Crepe gedreht, ich fiel ins Wasser und ich war noch mit der langen Lifeline am Boot festgemacht. Der Katamaran trieb sehr schnell ab, und ich schaffte es über einen gefühlt ewig langen Zeitraum nicht mehr, mich ans Boot heran zu ziehen!“
Er sei völlig erschöpft gewesen, nachdem er mit einem letzten Kraftaufwand doch noch den Kat erreichte , um ihn nach einer Ruhepause zwischen 4-5 m hohen Wellen wieder aufzurichten. „Wenn du dann wieder im Boot bist, wenn dieses kleine Stück Plastik dich wieder verlässlich über den Wellen hält, dann ist man hin- und hergerissen zwischen Verlorenheit und Optimismus!“ erinnert sich Bourgnon. „Und dann wollte ich ganz bestimmt nicht mehr ans Scheitern denken!“

Verständlich, wenn man bedenkt, dass Yvan Bourgnon bereits ein Scheitern hinter sich hatte. Denn beinahe wäre seine Weltumseglung im „polynesischen Stil“ schon auf den Kanaren zu Ende gewesen.

Eigentlich im Duo

Ursprünglich war der Schweizer Kat-Spezialist, der zuletzt mit aufsehenerregenden Abenteuertörns in offenen Katamaranen von sich reden machte – rund Kap Hoorn, rund Korsika in Bestzeit (abgebrochen), 345 sm in 24 Std. – gemeinsam mit dem Franzosen Vincent Beauvarlet von Les Sables d’Olonnes im französischen Vendée gestartet, um mit 27 Stopps um die Welt zu segeln. Dafür wurde ein spezieller, offener 20-Fuß-Kat gebaut, der sich bisher lt. Yvan Bourgnon auch ganz gut bewährt habe. Und weil ihnen dieser Törn in einem offenen Katamaran wohl zu lapidar erschien, setzten sie noch einen Abenteuer-Fakt obendrauf: Bei der Weltumseglung sollten nur „alte“ Navigationsmethoden wie Sextant und Sterne zum Einsatz kommen.

Doch schon die ersten Seemeilen, hinunter zu den Kanaren waren nervenaufreibend. Es mussten mehrere Zwischenstopps eingelegt werden, die so nicht geplant waren: Nach Stürmen gab es Bruch am Boot, beide Segler Waren von mehrtätiger Seekrankheit gezeichnet, in Marokko mussten sie sogar einige Tage auf Ersatzteile warten.

Außerdem klappte die Navigation per Sextant nicht immer – ein Fischer berichtete, er sei „weit draußen“ von Seglern auf einem ziemlich kleinen Katamaran um die genaue Position gebeten worden.
Es lief also nicht alles so rosig für die beiden. Warum sich der französische Vorschoter jedoch auf den Kanaren, einen Tag vor dem Start der geplanten Transatlantiküberquerung, zur Aufgabe entschied… darüber kann nur gemutmaßt werden. Angst? Zwischenmenschliche Probleme? Oder simples Heimweh? Tatsache ist, dass sich alle Beteiligten hier bedeckt halten und Yvan die Weltumseglung, nach vergeblichem Bemühen um einen Ersatzvorschoter, schließlich als Ein-Mann-Projekt deklarierte. Schnell eine neue Website kreiert und schon kann es losgehen; wie gesagt: Yvan Bourgnon ist ein Mann, der einfach macht. Ohne „wenn“ und „aber“.

Alleine oder nicht ganz alleine?

Doch zurück auf den Atlantik. Yvan Bourgnon segelte nach dem eben beschriebenen Sturm auf einem Boot, das wie ein gerupftes Huhn aussah. Denn Wind und Welle hatten dem Katamaran ziemlich zugesetzt: Am Mast und an einer Querstrebe machte er (reparable) Schäden aus, und zuletzt brach noch eines der beiden Ruder. „Eigentlich hatte ich nur die letzten Tage so etwas wie Segelspaß, da kam ich auf der langen Dünung wunderbar ins Gleiten,“ berichtete er nach der Ankunft in Martinique. „Alles andere war nur Kampf gegen die Elemente!“

Ausgerechnet diese Beschreibungen, ausgerechnet die Waghalsigkeit seiner Reise, der Leichtsinn seiner Abenteuer werden Yvan Bourgnon nun von einigen seiner treuesten Fans nicht mehr ganz geglaubt. „Bourgnon betreibe Augenwischerei“ wird in Blogs behauptet, seine angeblich Tollkühnheit sei nichts anderes als „Aufschneiderei“. Der Grund für diese Vorhaltungen: Diese erste Weltumseglung auf einem offenen Katamaran wird auf Wunsch des Hauptsponsors dieses Projektes von einem Presseboot begleitet. Eine 17m-Yacht sei dem Katamaran nach dem Start zur Atlantiküberquerung auf den Kanaren gefolgt. Angesichts der Beschreibungen des Schweizers im Interview oder auf dem Blog, in denen kein einziges Mal von diesem Begleitschiff die Rede ist, für viele ein vermeintliches Täuschungsmanöver. Nur – auf direkte Anfrage gibt Yvan Bourgnon durchaus Auskunft. So sprach ihn vor dem Start zu seiner Weltumseglung die französische Zeitung „Le Figaro“ auf dieses Begleitschiff an, das ja eigentlich für einen gewissen Vernunftgrad des Abenteuerseglers spricht.

Bourgnon jedoch will von alledem nichts wissen: „ Das ist der Wille des Sponsors. Wir werden aber so tun, als würde dieses Boot nicht existieren!“ gab er den Figaro-Journalisten zu Protokoll. Was wiederum PR-spezifisch kein genialer Zug ist: Transparenz ist immer besser als Geheimniskrämerei. Insbesondere bei wahren Heldentaten auf See!
Denn eines ist wohl sicher: Bei den oben beschriebenen Kenterungen und Havarien auf dem offenen Atlantik war weit und breit kein Begleitboot in der Nähe. Und selbst wenn es Bourgnon zu Hilfe gerufen hätte – bis man einen gekenterten Sieben-Meter-Katamaran zwischen Vier-Meter-Wellen findet, können Tage vergehen…

Nach Weihnachten will sich Yvan Bourgnon auf den Weg nach Panama machen, um durch den Panama-Kanal in den Pazifik zu gelangen. Danach will der Schweizer drei Wochen lang über den Pazifik zu den Marquesas segeln. Und jetzt mal ganz ehrlich – ob mit oder ohne Begleitboot, bleibt es doch ein fantastisches Abenteuer!

Offener Strandkatamaran für Hochseetörns ohne Strände

Das Boot, mit dem Bourgnon nunmehr seit dem 5.Oktober unterwegs ist, ist ein kleines technisches Meisterwerk, das im Sommer 2013 für die beiden in einer Werft in la Trinité sur Mer von einem Spezialistenteam gebaut wurde. 7,20 m lang, 450 kg leicht, ursprünglich konzipiert für zwei Segler, ohne Schlupfkajüte. Der Riss stammt vom Schweizer Kat-Architekten Sebastien Schmitt, der bereits für Erfolgsmodelle wie die „Decision 35“ verantwortlich zeichnete. Die beiden Rümpfe sowie die Querverstrebungen sind aus Fiberglas und Carbon gebaut und sollen eine extrem hohe Festigkeit aufweisen. Der „Alltag“ von Yvan Bourgnon dürfte sich auf den beiden relativ hoch aufragenden beiden Auslegern abspielen; hier wird gesteuert, geschlafen, gegessen, navigiert. Zudem soll der Kat unsinkbar sein und den Skipper selbst in den schwierigsten Situationen „über Wasser“ halten. Eine Rettungsinsel führt Yvan Bourgnon dennoch mit – vorsichtshalber!


Abenteurer par excellence

Yvan Borgnon (43) ist ein Spezialist fürs Verrückte unter Segeln. Nachdem er schon mit als Kind mit seinen Eltern um die Welt schipperte und sich 1995 mit einem Paukenschlag in die Mini-Szene einbrachte (Sieg Mini-Fastnet, Transgascogne und MiniTransat) und sich bei anschließender Rekordsegelei auf großen Katamaranen und Trimaranen ordentlich Selbstvertrauen holte, betreibt er seit fünf Jahren ein konsequentes Downsizing, was die Größe seiner Untersätze anbelangt. Im September 2010 überquerte er etwa auf einem Nacra F20 mit Jeremie Lagarrigue das Mittelmeer von Marseille nach Karthago /Tunesien – in 52:52 h. 2012 war er mit Sebastien Roubinet rund Kap Hoorn ebenfalls auf dem Nacra F20 unterwegs (450 sm in 60h). Im gleichen Jahr schaffte er den 24h-Weltrekord im offenen Katamaran vor Brasilien – 637 km!
„Die Segelei vor Kap Hoorn war das Härteste, was ich bis dahin gemacht habe,“ erklärt Bourgnon. „Da unten wollte ich jedenfalls nicht mehr mit einem offenen Kat herumsegeln!“ Also legte er die Strecke seiner Weltumsegelung etwa auf Äquatorhöhe, so dass er die großen Kaps vermeidet.
Von den Kanaren aus geht es nach Martinique, durch den Panama-Kanal zu den Galapagos-Inseln, zu den Marquesas, dann zu den Fidschies, nach Neukaledonien, durch die Torres-Straße nördlich von Australien nach Indonesien, Sri Lanka, in den Oman, durchs Rote Meer, den Suez-Kanal und durchs Mittelmeer zurück an die Französische Atlantikküste.

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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