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Rasen mit dem Wind!

Autor: Michael Kunst
  

„Yiiiihaaaaaaaa!“ Als vor knapp einem Jahr dieser Urschrei über den Strand der Walvis Bay in Namibia schallte und ein australischer Haudegen in seinem Neopren-Anzug wie aufgedreht Freudensprünge vollführte, war tatsächlich aller Grund zum Feiern gegeben. Paul Larsen hatte gerade auf seiner „Vestas Speedrocket II“ den Geschwindigkeits-weltrekord für Segelboote über eine Strecke von 500 m auf eine bis dahin schlicht für unmöglich gehaltene Marke gesetzt: Sagenhafte 65,45 kn im Durchschnitt (über 500 m), mit einer Spitze von 68,01 kn. Erstmals durchbrach ein Boot, das ausschließlich vom Wind angetrieben wurde, die „Schallmauer“ von 120 km/h (65,45 kn = 121,21 km/h // 68, 01 kn = 125,95 km/h). Mit den während der Rekordfahrt aufgeregt ins Mikrofon gestammelten Worten „this is fast, this is fast, this is sooooo… fast!“ ging der Segelabenteurer Paul Larsen wohl für immer in die Geschichtsbücher des Segelsports ein… ein Mann in seiner Rakete über betonharten Wassern.

Rasen mit dem Wind!
Ein Mann und seine Rakete - Paul Larsen bei seinem Rekordversuch © vestas sailrocket

Der Weg bis zu diesem unspektakulären Strand an der Namibischen Küste, wo die derzeit wohl besten Wind- und Strömungsvoraussetzungen für Weltrekordfahrten unter Segeln geboten werden, war ein harter und steiniger. Nicht nur für den australischen Weltrekordhalter, sondern für alle Kollegen, die vor ihm in die Annalen des Hochgeschwindigkeitssegeln eingegangen sind – oder den Eintrag in die Rekordliste knapp verfehlt haben. Denn möglichst schnell von „A nach B“ zu gelangen fasziniert seit jeher die Seefahrer. Doch was noch bis vor etwa 150 Jahren einen zumeist wirtschaftlichen Grund hatte (Teaclipper-Races: wer zuerst seine Waren abliefert, erzielt die besten Preise), errang im Laufe der letzten 150 Jahre auch aus rein sportlicher Sicht immer mehr Bedeutung. Anders gesagt: Wer schnell segeln will, braucht ein schnelles Boot. Und wer der Schnellste unter den Schnellen sein will, muss sich logischerweise gemeinsam mit seinem rasenden Untersatz weiter entwickeln…

Entsprechend entstand vor etwa 50-60 Jahren unter den sowieso schon immer gerne „tüftelnden“ Seglern eine kleine Szene, in der man ausschließlich auf schiere Geschwindigkeit aus war. Flottenregatten, Taktik, Ausdauer etc.? Uninteressant… die reine Hochgeschwindigkeit, wenn auch nur über einen kurzen Zeitraum, ist spannend, und sonst nichts.
Doch ausgerechnet unter diesen „Outsidern“ des (damals noch) „Weißen Gentleman-Sports“ wurde der Ruf nach einer Regulierung ihrer Aktionen laut. Mehr und mehr häuften sich die Meldungen aus allen Ecken der Welt, man sei mit seinem Gefährt rekordverdächtige Geschwindigkeiten gesegelt – doch war das wirklich mit anderen vermeintlichen Rekordfahrten vergleichbar?
So entstand 1972 das World Speed Sailing Record Council (WSSRC), das von der International Yacht Racing Union (heutige ISF) ins Leben gerufen wurde. Damals wurde eine Weltrekordstrecke über 500 m festgelegt, über die Aspiranten an einem Ort ihrer Wahl mit ihrem Boot rasen sollten – dabei wurde das Mittel über die gesegelte Strecke errechnet und so die WR-Zeit ermittelt. Unter Aufsicht eines WSSRC-Schiedsrichters, der mit (damals noch nicht selbstverständlich) geeichten Messgeräten den Weltrekordversuch beobachtete. Neben dieser ursprünglichen WR-Strecke von 500 m sind mittlerweile noch Dutzende weitere Rekordstrecken beim WSSRC aufgenommen worden – u.a. auch Weltumseglungs- oder etwa Transatlantik-Geschwindigkeitsrekorde – doch der Gral aller Hochgeschwindigkeitssegler liegt nach seit jeher am ende dieser abgesteckten, 500 m langen Strecke verborgen…

Am Anfang war die Proa

Tim Colman, der später für seine außerordentlichen Leistungen im Segelsport geadelt wurde, war der erste Segler, der offizielle Weltrekorde über die 500 m segelte. Auf seiner 60 Fuß-Proa „Crossbow I“ und dem späteren 70 Fuß-Katamaran „Crossbow II“ schaffte er gemeinsam mit einer 4-Mann-Crew 1972 bereits 26,3 kn – unter Dacron-Segeln! 1980 segelte Sir Colman bereits 10 kn schneller – sein Rekord über 36 kn sollte bis 1986 bestehen. So lange, bis die Ära der Windsurfer begann.

Schon seit 1977 segelten die Windsurfer ihren eigenen Weltrekord über die 500 m aus, doch erst 1986 gelang es dem Franzosen Pascal Maka mit Brett und Segel schneller unterwegs zu sein als die „großen“ Rennsegler. Im spanischen Sotavento raste er mit faszinierenden 38,86 kn über die 500-m-Wasserstrecke und läutete damit eine wahre Rekordflut unter den Surfern ein. Die hatten sich mittlerweile einen Speed-Kanal direkt neben dem Französischen Saintes Maries de la Mer gebuddelt (1.100 m lang, ein paar Meter breit), der nur darauf ausgerichtet war, unter Mistral-Windbedingungen Höchstgeschwindigkeiten zu erzielen. Dem Briten Erik Beale gelang es hier, die 40 kn Marke schon 1988 hinter sich zu lassen. Ingesamt wurde der WR über die 500 m im „Kanal“ neun Mal von Windsurfern an Windsurfer weiter gereicht – der Schnellste unter ihnen war 2008 Antoine Albeau mit 49, 09 kn.

Doch so unschlagbar die rasenden Windsurfer Ende der Neunziger und zu Beginn des Jahrtausends auch wirkten, gelang es doch einem Segelboot, die Erfolgsserie der stehenden Segler zumindest kurz zu unterbrechen: Die „Yellow Pages Endevour“, ein radikaler quittengelber Trimaran gebaut in Melbourne/Australien, schaffte mit Simon McKeon am Ruder beeindruckende 46,42 kn – zum ersten mal war ein Dreirumpfer offiziell schnellster Segler auf diesem Planeten. Und zum ersten Mal versteckte sich dabei der Pilot in einer Art Raumkapsel, deren Form eindeutig einer Rakete nachempfunden wurde, zum ersten Mal schob ein starres Flügelsegel das Boot zum Weltrekord.

An der langen Leine

Folgt die Zeit der Kite Surfer. Nachdem diese noch 2005 ausdrücklich nicht beim WSSRC akzeptiert waren – das Segel hat bekanntlich keine feste Verbindung zum „Schwimmkörper“ – wurde diese Entscheidung 2009 revidiert. Mittlerweile hatten die Brettl-Raser les Saintes-Maries-de-la-Mer den Rücken zugekehrt und einen neuen Kultort für ihre Speed-Festivals gefunden: Lüderitz an der faszinierenden Küste Namibias. Dort fuhr der – sagen wir es vorsichtig – eher korpulent wirkende Amerikaner Robbie Douglas gleich den ersten Kite-WR: 49,84 kn im Mittel über die 500 m – die nie für möglich gehaltene 50 kn-Marke ist also nicht mehr weit entfernt! Das dachte sich auch der Franzose Sebastien Cattelan, der nur wenig später mit 50, 26 kn nicht nur eine neue Dimension des Speedsailings erreichte, sondern auch deutlich machte, dass mit einem simplen Brett, einem Drachen und ein paar langen Leinen Rekorde eingefahren werden können – wer braucht da schon abermillionenschwere Kampagnen mit jahrelangen Konstruktionsphasen der Segelgeräte?

Das rasende Monster mit Flügeln

Vorhang auf für Alain Thébault. Der dachte damals (und selbstredend auch noch heute) völlig anders. Ihn beschäftigte bereits seit den Siebziger Jahren der Traum vom ganz schnellen Segeln; dabei setzte der Segelfreak von Anfang an auf Tragflächen bzw. -flügel als Vortriebsbeschleuniger, vulgo: Turbo.
Seit 1984 baute der Ingenieur konsequent diese „tragende Technik“ aus, und die Show auf ersten Protoypen im deutlich kleineren Maßstab als heute, brachte die gesamte (damalige) Segelwelt zum Staunen. 2005 wurde schließlich die „große“ Hydroptere zu Wasser gelassen: Ein Trimaran mit 18,28 m Länge, 24 m Breite, 4,7 t Verdrängung und einer Segelfläche von 400 qm, die das Monstrum ab einer Geschwindigkeit von etwa 20 kn auf die Flügel hob. Ein Schiff, dass als solches bezeichnet werden darf, im Gegensatz zu den Proas der frühen Raser-Jahre zu ordentlichen Wenden, Halsen und eben zum Segeln auf allen Kursen fähig, voll hochseetauglich, bewohnbar… sogar ein Motor wurde eingebaut! Damit raste Thébault, der mittlerweile französische Hochseehelden wie Parlier und Le Cam um sich scharte, gleich mal in Rekordzeit durch den Ärmelkanal. Kurz darauf meldete sich die Schweizer Privatbank Lombard und versprach eine Menge Geld für die kommenden Jahre – die Ära Hydroptere hatte unweigerlich begonnen!
2008 kenterte die Hydropère spektakulär bei einem Rekordversuch und wurde dabei erheblich beschädigt. Kurz vor dem verhängsnisvollen „Stecker“ wurde kurzzeitig eine (inoffiziell gemessene) Spitzengeschwindigkeit von 61 kn (!) erreicht.
Im Jahr 2009 setzte die Hydroptère erstmals die Rekorde über beide Kurzstrecken über 50 Knoten: 51,36 Knoten (95,22 km/h) über 500 Meter und 50,17 Knoten (92,91 km/h) über die Seemeile. Bei nur 30 kn Windgeschwindigkeit schaffte es das rasende Monster, kurzzeitig auch die 100 km/h-Grenze zu überschreiten. Bemerkenswert: Beide Rekorde lagen erstmals in einer Hand! Weiterhin auffallend: Beide Rekorde waren fast identisch – das große Potential des riesigen Schiffes wird somit besonders deutlich… Seit etwas mehr als einem Jahr ist es jedoch still geworden um Alain Thébault und die Hydroptère. In den Sommern 2012 und 2013 wartete man auf geeignete Wetterfenster in Kalifornien, um auf der Trans-Pazifik-Strecke nach Hawaii neue Rekorde zu brechen. Vor ca. einem Jahr sprang zudem ein weiterer Hauptsponsor ab, so dass auf der „Hydroptère“ derzeit nur noch für Show-Fahrten Segel gesetzt werden…

Ein Mann und seine Rakete

Womit wir erneut beim Anfang dieses Artikel angekommen wären. Beim Australier Paul Larsen , seinem „Yiiiihaaaaaaa“ und den Freudentänzen auf einem namibischen Strand. In den Jahren zuvor hatte sich der erfahrene Hochseeregatta-Segler mit seiner Vestas Sail Rocket I (nomen est omen, das Gefährt ähnelt wirklich eher einer Science-Fiction-Rakete als einem Segelboot), eine Proa mit Flügel-Segel, als schnellstes Segelboot in die Annalen eingebracht – doch die Kitesurfer waren immer schneller unterwegs, es sollte nicht für einen offiziellen Rekord beim WSSRC reichen. Und 2009 überschlug sich Larsen mit dieser ersten Version der Sail Rocket spektakulär – Totalschaden!
2012 stand er wieder auf dem afrikanischen Strand, diesmal mit einer restlos überarbeiteten, unglaublich visionär wirkenden Vestas Sailrocket II. Jetzt sollte, musste es klappen! Mit faszinierenden Ritten über die fast glatte Wasseroberfläche einer namibischen Bucht, raste er in einem weiten Bogen die 500 m lange, offiziell vermessene Strecke ab. Und schaffte tatsächlich eine Geschwindigkeit, die selbst Kite-Surfern Tränen in die Augen trieb: zunächst 59,37 kn und wenige Tage später schließlich die sagenhaften 65,45 kn im Durchschnitt über 500 m. „Yiiiihaaaa!“

Ein Rekord für die Ewigkeit? Die Wind- und Kitesurfer grinsen nur und trainieren eifrig auf Brettern, die mittels Flügelfoils angehoben werden und so Mann und Brett bis zu 30% schneller machen. Mindestens. Paul Larsen zuckt dazu nur mit den Schultern und meint: „Es muss nur einer daher kommen, der ähnlich verrückt ist wie ich. Dann fällt bald die 70-kn-Marke!“ Etwa einer wie Thébault? Der lässt gerade eine Speedmaschine bauen, die zumindest im Riss der „Vestas Sailrocket“ ähnelt. Mit ihr will der Franzose die 100 kn angreifen. Mit Kleinigkeiten geben sich die wahren Speedfreaks eben gar nicht erst ab!

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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