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Mit der Familie um Kap Hoorn

Autor: Erdmann Braschos
  

Kann man mit der Familie auf die harte Tour von Ost nach West um Kap Hoorn segeln? Durchaus: mit zwei kleinen Kindern, einer nervenstarken Frau und Mutter, nicht zuletzt dem richtigen Boot ging das bereits vor 80 Jahren.

Mit der Familie um Kap Hoorn

Im Sommer 1936 verläßt ein 37 m langer Zweimaster namens „Wanderbird“ Gloucester an der Ostküste der Staaten. Der Schoner ist aus solider deutscher Eiche gebaut und Anno 1883 bei der Hamburger Stülcken Werft als Lotsenversetzer für die Deutsche Bucht entstanden. Der Bootstyp ist bewährt. Er läßt sich von kleiner Mannschaft segeln.

An Bord befinden sich Ehefrau Gwen, der Berufsseemann Warwick Tompkins, ihre Kinder Ann und Warwick junior, außerdem ein, zwei helfende Hände. Die Warwicks haben das Schiff vor einigen Jahren für ganze 1.500 US-Dollar gekauft und bereits manche Meile mit ihm gesegelt. Es ist ihr schwimmendes Zuhause.

Die sechsjährige Ann hat an Bord der Familienarche den Atlantik schon Acht mal überquert. Ihr vierjähriger Bruder Sechs mal. Als sich die Warwicks an die gefürchtete Eigner Nordwand des Segelns wagen, sind sie also im Thema.

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Nach einem kurzen Stop in Rio de Janeiro werden die wetterwendischen Breitengrade des Südens angesteuert. Etwa eine Segeltagesreise vor den Falkland Inseln beginnt das Projekt „50 South“ dies- bis jenseits von Südamerika. Der Seemann und Journalist Tompkins wird 1938 ein lesenwertes Buch über die Reise veröffentlichen. Er findet wunderbare, seelenvolle Worte für den Familientörn.

Aus den tausend Meilen der kürzesten Route werden über zwei Tausend, eine auszehrende Kreuz durch Stürme und Winddrehungen. Die „Wander Bird“ segelt weit über das in Sichtweite umsegelte Kap hinaus in den Süden und droht schließlich am nordwestlichen Ausgang der Magellan Straße mit einer gefährlich landnah gesegelten Route zu scheitern.

Kühn navigiert Tompkins die Familienarche durch das Katz und Maus Spiel der südlichen Stürme. Im Unterschied zu den Rahseglern der kommerziellen Segelschifffahrt geht die „Wander Bird“ passabel an den Wind. Auch macht das bärenstarke Gebälk seinem Ruf als deutscher Wertarbeit alle Ehre.

Für den Einsatz in der deutschen Bucht hatte die Hamburgische Deputation für Handel und Schifffahrt bei der Bestellung des Lotsenschoners „No. 5 Elbe“ die Stülcken Werft in Hamburg-Steinwerder ausdrücklich um eine solide Bauausführung gebeten. Die bewährt sich erneut.

Kühn ringt Tompkins, er bezeichnet sich in der seelenvollen Reisebeschreibung sympathisch als „The old man“ und seinen Sohn augenzwinkernd als „The Commodore“, mit einem beinhart gesegelten steuerbord Bug der exponierten Küste Meile für Meile Nordwest ab. Navigiert wird anhand gekoppelter (also geschätzter) Kurse. Spielraum für nautische Fehler oder Materialermüdung gibt es keinen.

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Was auf die Familie zukommt ist damals nicht anhand einer heute üblichen Wetterkarte oder telefonischer Routenberatung zu erfahren. Aufschluss bieten der Blick unter die Wolken und die Kurve des Luftdruckschreibers. Der Bericht über die bemerkenswerte Reise, er ist in einem Reprint der englischsprachigen Erstausgabe von 1938 nachzulesen, liest sich wie ein Krimi. Abgesehen von einem gebrochenen Klüverbaum passiert nichts. Die Warwicks schaffen es bis Kalifornien.

Dort endet die Reise für Tompkins mit einer großen Enttäuschung, der Trauer nach vielen Monaten in San Francisco „with sadness“ an Land gehen zu müssen. Die sagenhafte Reise ist zu Ende. Einmal noch legt die Familienarche zu einer großen Reise ab, einer Odyssee durch den Pazifik. Dann trennen sich die Lebenswege von Gwen und Warwick Tompkins. Das Glück der beiden hatte an Bord wohl seinen Zenit überschritten.

Die „Wanderbird“ gibt es heute noch. Sie wurde über Jahrzehnte von einem besessenen Liebhaber erhalten und dabei ganze vier mal von ihm gesegelt, dann vor einigen Jahren in Kalifornien entdeckt, nach Hamburg geholt und liebevoll restauriert. Sie heißt jetzt wieder wie früher „No. 5 Elbe“ und wird im Originalzustand erhalten und gesegelt. Eines der wenigen Zugeständnis an den Komfort und die Sicherheit ist eine Maschine. Die hatte die Familie Tompkins damals so wenig wie die segelnden Lotsenschoner vor 120 Jahren.

Der Schonerspezialist Herbert Karting berichtet von 41 Lotsenschonern, die bis 1952 die deutsche Nordseeküste sicherten. Allein die Elbmündung wurde bis 1936 von zwölf Lotsenschonern betreut. Die „No. 5 Elbe“ operierte von Cuxhafen aus.

Es ist alles noch da. Der originale Ausbau der Kajüten, die spartanisch engen Kojen. Auch der Patina und Aura des Arbeitsschiffes kann der Besucher sich schwer entziehen. Wenn Sie mal in die Hafenstadt kommen, dann sehen Sie sich die Hamburgensie an und buchen einen sechsstündigen Törn auf der Elbe. Interessanter und stilvoller als an Bord des einstigen Abenteuerspielplatzes von Ann und dem kleinen Commodore Warwick Tompson läßt sich der Fluß nicht entdecken. Die Fahrten beginnen und enden im Sandtorhafen in Hamburgs beliebter Speicherstadt.

Schiffstyp Gaffelschoner, Bauweise Eiche auf Eiche. Länge über Alles 37,40 m, Deckslänge 26 m, Wasserlinie 24,80 m, Breite 6 m, Tiefgang 3 m, Segelfläche 360 qm, Fock, Innen- u. Außenklüver 95 qm, Schonersegel 66 qm, Großsegel 126 qm, großer Außenklüver 60 qm, Schönwettertopsegel 36 qm, Fisherman Stagsegel 78 qm, Verdrängung 123 t, 40 t Innenballast, Motorisierung: zwei Volvo Penta D3-130 Turbodiesel, 5 Zylinder mit jeweils 130 PS

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Segeln

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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