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Megayacht auf Abwegen?

Autor: Michael Kunst
  

Eine Geschichte wie diese kann nur das Leben schreiben. Sie wäre viel zu verrückt für einen Roman, zu glamourös für eine Dokumentation und per se zu aufwändig für eine Filmproduktion. Es ist die Geschichte einer Yacht, die schon immer unter dem Siegel „Grössenwahn“ segelte: Zunächst um Höchstgeschwindigkeiten auf langen Ozeanpassagen zu erzielen, später als „kulturelle Botschafterin“ Frankreichs, dann um den Superreichen und Schönen als schicker Liegestuhl zu dienen und um schliesslich als gigantomanischer Drogenschmuggler unter Verdacht zu geraten.

Megayacht auf Abwegen?
War lange Zeit die größte Segelyacht der Welt: 78m-Phocéa © Fraser-Yacht

Länge läuft

Es ist in Zeiten breithintriger Gleityachten mit Neigekiel eigentlich kaum zu glauben, aber es gab tatsächlich Epochen, als sich der Erfolg beim Regattahochseesegeln auf eine einzige Formel beschränkte: Länge läuft!
Entsprechend wuchs in den 70iger-Jahren des letzten Jahrhunderts, zu Beginn der grossen Offshore-Einhand-Regatten wie etwa OSTAR, der Hang zu einer gewissen Gigantomanie. Als die durchschnittliche Länge einer Segelyacht noch bei neun Metern lag, tauchte plötzlich der Hochseeheld Eric Tabarly mit seiner knapp 23m langen Ketsch Pen Duick VI auf. Logisch, dass er sogar einhand allen davon segelte.

Grund genug für Alain Colas, von dem es damals hiess, er sei der einzige, der Tabarly bei Hochseeregatten „das Wasser reichen“ könne, mit einem Megaschiff aufzutrumpfen, das dieses Superlativ mehr als verdient hatte: Die „Club Mediterranée“ war sage und schreibe 75,15 m lang, hatte vier Masten mit Bermuda-Rigg und sollte von Colas ebenfalls einhand gesegelt werden!
Erraten? Genau um dieses Schiff geht es in den folgenden Zeilen…

Tatsächlich lag erwähnter Alain Colas bei der Transatlantik-Regatta OSTAR 1976 mit grossem Vorsprung vor Tabarly, als er wegen eines technischen Problems bei schwerem Wetter in Halifax/Neufundland Hilfe von aussen in Anspruch nehmen musste. Was ihm wiederum eine Strafe von zusätzlichen 58 Stunden Segelzeit einbrachte. Tabarly siegte also erneut und Colas war frustriert: Die nächste Regatta im grossen Stil sollte erst in zwei Jahren wieder stattfinden. Was also tun mit seinem „Monster unter Segeln?“

Als Botschafter Frankreichs

Also segelte er zwei Jahre als Repräsentant Frankreichs mit der „Club Med“ im Mittelmeer, in der Karibik und vor den USA, der namensgebende Sponsor vercharterte die Megayacht inkl. Skipper eher selten, bis Colas bei der Route du Rhum auf einem anderen Gigantomanie-Schiff, dem Trimaran „Manureva“ (mit dem er als Erster auf einem Mehrrumpfboot einhand die Welt umrundet hatte) in einem Sturm sein Leben liess.

Für die Club Med bedeutete dies: Warten auf den nächsten Exzentriker, der sich mit ihr und den enormen Nebenkosten (damals geschätzte zwei Millionen FF jährlich) abgegeben wollte.
Vorhang auf für Bernard Tapie, der das Schiff 1982 kaufte und für eine nie genannte Unsumme von Grund auf umbauen liess. Aus dem spartanisch eingerichteten Regatta-Giganten wurde eine Megayacht, die pompös im farbenfrohen Stil der frühen Achtziger-Jahre eingerichtet wurde: Neun Gästekabinen mit den gewissen Extras wie vergoldete Wasserhähne, eine grosszügige Eignersuite, ein Friseursalon für das häufig überproportional stark vertretene weibliche Geschlecht an Bord, jede Menge Jacuzzis und Pools sowie Kabinen für 18 Personen Stammpersonal. Man gönnt sich ja sonst nichts.

“Wilde Jahre“

Die Masten wurden um 6 m verlängert, die Segelfläche nochmals vergrössert, da das Schiff 40 % mehr Verdrängung ins Wasser brachte.
Tapie taufte sein Schiff auf den Namen „”Phocéa”“ um – der Marseille Fan (späterer umstrittener Fussballdirektor von Olympique Marseille und schliesslich erster Franzose an der Spitze von „adidas“) wollte den Phöniziern, Gründerväter von Marseille, zu Wasser ein weiteres Denkmal setzen.
„Echt wilde Jahre“ nannte Tapie die Zeit auf der “Phocéa” einmal, als er vollkommen pleite, bereits 10 Monate wegen eines Bestechungsskandals im Knast sass – geschätzte Kosten rund um das Tapie-Spiezeug: 100 Millionen FF.

Halbseidene Welten, Glamour, Glanz und jede Menge Kleingeld… die “Phocéa” schien wie geschaffen für dieses Milieu.
Das dachte sich auch Mouna Ayoub, eine Salonlöwin, die kurz zuvor vom Saudi Nasser al Rashid ziemlich erfolgreich geschieden wurde und in der Portokasse ein paar Millionen für Spielzeug übrig hatte. Sie kaufte die “Phocéa” („ein Schnäppchen!“ ) aus Tapies Konkursmasse und liess sie für 17 Millionen US$ abermals umbauen: Neues, technisch aufwändigeres Rigg, eine gigantische Maschine, luftigeres Kabinendesign. Schliesslich will frau sich an Bord amüsieren.
Fünf Jahre lang war die “Phocéa” State of the Art vor allem im Mittelmeerraum, bis sie in 2004 ihre Status als grösste Luxussegelyacht der Welt an die brandneue „Athena“ des amerikanischen Milliardärs Jim Clark verlor. War sie frustriert oder beleidigt? Jedenfalls rammte sie im Jahr darauf vor Sardinien inen Felsen, wurde reichlich beschädigt und mehr oder weniger angewidert von ihrer Besitzerin verstossen.

Die Spannung wächst

Nachdem “Phocéa” repariert war und mehrfach die (meist IT-neureichen) Besitzer wechselte, gelang sie schliesslich in die Flotte des Thailänders Anh Quan, dessen Schiffsbroker-Geschäfte nicht gerade wegen ihrer Transparenz einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichten.
Quan verchartert die Phoceá für 260.000 US$ die Woche; die Geschäfte liefen so lala, dennoch war die ehemalige Regattayacht eigentlich immer unterwegs, was wiederum viele Beobachter der Szene reichlich erstaunte.

In 2005 liess Quan die “Phocéa” als Diplomaten-Yacht des südpazifischen Inselstaates Vanuatu eintragen. Der Thailänder machte sich im Laufe der folgenden Jahre „unentbehrlich“ für viele Politiker Vanuatus.
Auf dem Weg zwischen Australien und Papua-Neuguinea oder zwischen Thailand und Vietnam – Strecken, auf denen die “Phocéa” ausgesprochen häufig verchartert schien – wurde die Megayacht zwar mehrfach von der australischen und vietnamesischen Exekutive abgefangen und „gefilzt“. Doch obwohl jedes Mal ausdrücklich Drogen an Bord gefunden wurden, kam es nur zu Festnahmen, die ein paar Stunden wieder „aufgehoben“ wurden. Die “Phocéa” konnte immer ihren Kurs fortsetzen.
In 2012 erhielt Quan die Vanuatische Staatsbürgerschaft, zudem stellte man ihm in Aussicht, dass er Honorarkonsul Vanuatus in Vietnam werden sollte.

“Phocéa” gestürmt

Doch die Zeiten änderten sich auf dem Inselstaat. Bei den kurz darauf angesetzten Wahlen kamen junge, progressive Politiker an die Macht, die mit dem alten Klüngel ihrer Vorgänger aufräumen wollten. Als die “Phocéa” das nächste Mal auf Reede vor Vanuatu den Anker warf, war nichts mit Blumengirlanden zum Empfang: Die Polizei stürmte das Schiff, verhaftete 13 der 16 Besatzungsmitglieder, klagte den Kapitän wegen Drogen- und Waffenschmuggel an, der wiederum den angehenden Honorarkonsul Quan anschwärzte, dessen Boeing mit Ziel Südamerika zufällig einige Stunden zuvor abgehoben hatte. An Bord der “Phocéa” wurden Drogen („zum Hausgebrauch“) gefunden, keine Waffen, allerdings wurde festgestellt, dass Kapitän und Crew mit gefälschten Patenten und Schiffspapieren unterwegs waren.

Die “Phocéa” interessierte das wenig, vorerst. Sie lag gut bewacht monatelang vor Anker und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Das Schiff blieb an der buchstäblichen „Kette“ und sollte erst frei gegeben werden, wenn Quan gewisse Steuerschulden beglichen habe.
Dessen Honorarkonsulsposten war übrigens mittlerweile vakant und überhaupt schien er – wie zuvor seine politische Freunde – das Vertrauen der Inselbevölkerung verloren haben.
Die neue Regierung sprach offen ihre Befürchtungen aus: „Wurde die “Phocéa” für Waffen- und Drogenschmuggel im grossen Stil benutzt?“ Und gleichzeitig war zu hören:„Wir haben keine rechtlichen Belange, das Schiff festzuhalten, da wir keine stichhaltigen Beweise haben!“ Zudem dürften die Exorbitant hohen Unterhaltskosten eine gewisse Rolle gespielt haben, die von den Rechtsanwälten des weiterhin in der Welt herumjettenden Quan mittlerweile beim Inselstaat eingefordert wurden.

Wieder „amortisierend“ unterwegs?

Doch was sollte mit der “Phocéa” geschehen? Es gab auf der Insel keine Mannschaft, die fähig gewesen wäre, das Schiff zu segeln. Nur gewisse Gefängnis-Insassen.
Also wurden Kapitän und Mannschaft gegen eine eher symbolische Kaution auf freien Fuss gesetzt, mit der besonderen Auflage, das teure Monstrum so schnell wie möglich in andere Hoheitsgewässer zu segeln.
Knapp vor einem aufsteigenden Zyklon ritt die “Phocéa” davon, ganz offiziell mit gefälschten Papieren und einer nach internationalem Seerecht illegal tätigen Mannschaft. Und ward seitdem vor Vanuatu nicht mehr gesehen.

Dafür wird sie derzeit wieder häufig zwischen Papua-Neuguinea und Australien amortisierend verchartert, ebenso wie zwischen Thailand und Vietnam, heisst es zumindest in Brokerkreisen. Und, ja, wer das gute Stück kaufen wolle, dem sei geflüstert: Die “Phocéa” ist derzeit für schlappe 25 Millionen US$ zu haben. Verhandlungssumme, wohlgemerkt!

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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