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Das (freie) Leben auf dem Wasser

  

Sie waren schon immer etwas Besonderes: Weit, so weit weg wie möglich von der Norm, der Individualität zutiefst verbunden, dem Outsidertum verpflichtet, als Personifizierung des Dolce Vita dem Spießbürgertum ein Dorn im Auge und neidvoll betrachtetes Vorbild aller, die endlich aus dem Alltag ausbrechen wollen… Menschen, die auf Hausbooten, Schwimmhäusern oder Wohnschiffen leben.

Das (freie) Leben auf dem Wasser

Die das Dasein nur auf und umgeben von H2O für lebenswert halten und konsequent ihre Behausung von eben jenem nassen Element tragen lassen.
Wer auf dem Wasser – in welcher Form auch immer – lebt, ist im Prinzip Teil einer jahrtausendelangen Tradition, die sich wohl bis in alle menschliche Ewigkeit fortführen wird. Denn nichts zieht so sehr an wie Wasser (boat24.com-Leser werden dem unumwunden zustimmen), nichts anderes wirkt auf uns auch heute noch so attraktiv wie das Element, aus dem alles Leben auf unserem Planeten kommt.
Ein Leben lang auf dem Wasser

©Hausboote gibt es praktisch überall wo es Wasser gibt ©kerala tourism ©Hausboote gibt es praktisch überall wo es Wasser gibt ©kerala tourism

Über Jahrtausende hinweg lebten Naturvölker in Asien, der Südsee und dem Indischen Subkontinent auf den Meeren wie Indischer Ozean oder im Pazifik, aber auch auf Flussläufen und großen Binnenseen ein Nomadenleben auf ihren Booten und Schiffen. Sie arbeiteten auf und mit den Booten, die Familien lebten auf ihrem schwimmenden Untersatz, die mitunter von den Seenomaden zu schwimmenden Dörfern zusammengelegt wurden.

Noch heute leben Völker wie die Moken, Bajau oder Amundawa die Tradition der Seenomaden. Auch wenn sie umgeben von den Verlockungen vermeintlicher Zivilisation nach und nach ihre uralten Traditionen aufgeben.

In Europa wohnten nur vergleichsweise wenige Menschen im Laufe der Jahrhunderte auf Schiffen und Booten. Fischer, die auf den europäischen Meeren ihren Lebensunterhalt verdienten, brauchten jeden Meter an Bord für den Fang – Platz für ganze Familien gab es nicht.

©stratossphere ©stratossphere

Nur von Binnenschiffern und –flößern ist in Europa bekannt, dass ihre Familien häufig ein Leben lang mit und auf den Schiffen und Flößen unterwegs waren. Aus gutem Grund: Die gesamte Familie, inklusive Kinder und Kindeskinder, zog Flöße oder Transportschiffe auf Treidelpfaden flussaufwärts. Segel wurden nur selten zur Unterstützung eingesetzt, Zugtiere wie Esel und -Pferde konnten sich nur die Wenigsten leisten.

Das Prinzip Hausboot wurde dabei mitunter stark strapaziert: So bauten Binnenschiffer vor allem im westlichen Europa und auf der Donau bewohnbare Schiffe, mit denen sie und ihre Familien monatelang buchstäblich einher zogen, um sie schließlich am Zielort vollständig auseinander zu nehmen und das Holz zu verkaufen.

Lebenskünstler auf dem Wasser

Was also früher oft ein hartes Leben war und sich notgedrungen auf „Hausbooten“ abspielte, sollte erst im 19. Jahrhundert zu dem „vie de Bohémien“ werden, das später von vielen so geschätzt und angestrebt wurde. In Frankreich lebten damals viele Künstler aus Kostengründen auf alten, ausrangierten Lastkähnen, die irgendwo in einer Flussbiegung vor sich hinmoderten. Erst als etwas betuchtere (Lebens)Künstler damit begannen, die alten Kähne wieder flott zu machen um damit auch Exkursionen zu unternehmen, entstand so etwas wie die Urform der heutigen „Haus- und Wohnboot-Szene“ der westlichen Welt.

Womit sich dann allerdings auch gleich die „Geister schieden“. Denn was da in Frankreich und in Belgien ab den 20iger-Jahren des letzten Jahrhunderts entstand, war nur noch ein kurzzeitiges „Leben auf dem Wasser“, vulgo: Urlaub oder Ferien.

Der immer öfter urlaubsbegeisterte Bürger wollte mit seiner Familie auf Kanälen, Flüssen und Seen so etwas wie „abwechslungsreiches Camping auf dem Wasser“ erleben. Eine Form des Reisens, die bereits zwischen den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts in Mode kam, sich flächendeckend in Ländern wie Frankreich und den Niederlanden und in Deutschland aber erst in den Fünfziger- und Sechziger-Jahren durchsetzte. Nach drei bis vier Wochen wurden die Schiffchen wieder dem Vercharterer zurück gegeben – Abwechslung, kleine Abenteuer und die damit verbundene Erholung standen damals wie heute auf dem Programm.

Verständlich, dass diejenigen, die jahrein, jahraus auf ihren Wohnbooten und schwimmenden Häusern wohnten, über solche touristischen Eskapaden nur milde lächeln konnten. Nach ihrer Meinung kann sich das wahre Dasein auf dem Wasser nur dort abspielen, wo es auch das ganze Jahr über gelebt wird. Und im Laufe der Jahrzehnte eine eigensinnige, individuelle und vor allem kreative Szene ihre Blüten trieb.

Hausboot-Krieg vor Sausalito

In den USA hatte ein Leben auf Haus- und Wohnbooten ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts im größeren Stil begonnen. Auch dort waren es zunächst Arbeiter und ihre Familien, die ausrangierte Last-Schiffe wieder flott machten oder teils kuriose Eigenbauten zu Wasser ließen, um sie dann mit einem gewissen Wohnkomfort auszurüsten – wenn der auch gelinde gesagt rudimentär gewesen sein mag.
Vor allem in Kalifornien, vorwiegend in San Francisco oder weiter nördlich im kanadischen Vancouver lebten so die Familien der Werftarbeiter, Rigger oder Segelmacher häufig in Houseboat-Communitys auf dem Wasser.

Später waren es erneut die Künstler, die dem Leben auf dem Wasser ein gewisses Flair verliehen. Dabei entstanden regelrechte Bohemien-Kommunen auf dem Wasser, die teils bis heute Bestand haben. Die wohl berühmteste dieser Art sind die „Houseboats of Sausalito“, die in der San Francisco Bay seit den 1880iger-Jahren immer wieder für Aufsehen, nicht selten Empörung, in jedem Fall aber für reichlich Wirbel sorgen.

Sogar einen „Hausboat War“ hat es in den Hippie-Zeiten in Sausalito gegeben, als die Stadtverwaltung beschloss, die „wilde und meist gesetzwidrig errichtete“ Wasser-Kommune zu räumen und schließlich mit Bulldozern zu zerstören. Heute lebt an anderer Stelle längst wieder eine Wohnschiff- und Hausboot Community vor San Francisco, die für ihre fantasiereichen, individuellen und oft als Kunstwerke bezeichneten schwimmenden Behausungen berühmt ist.

In Europa hat sich die Hausboot- und Schiffshaus-Gemeinde in den Niederlanden, vor allem aber in Amsterdam einen „Namen“ als unkonventionelle, die zwanglose Freiheit liebende Szene gemacht. Knapp 3.000 Hausboote bzw. Wohnschiffe sind derzeit in der niederländischen Metropole gemeldet, wobei es sich hauptsächlich um ehemalige Binnenlastkähne handelt, deren ehemaliger Laderaum zu teils faszinierenden schwimmenden Loft-Apartments ausgebaut wurden oder um Schiffsrümpfe (meist aus Stahl oder Beton), die mit höchst skurrilen, aber fantasiereichen Wohnaufbauten „verziert“ sind.

©stratosspehre ©stratosspehre

In den Vororten Amsterdams wachsen derzeit sogar ganze Wohnviertel aus schwimmenden Häusern heran, die mit Stegen (statt Straßen) verbunden sind und jungen Familien relativ preisgünstigen, aber individualisierbaren Wohnraum bieten.

Gegenbewegung zur Gegenbewegung

Eine Intention, die auch in anderen Großstädten Europas immer öfter zu beobachten ist. Skandinavische Städte wie Oslo, Stockholm oder Helsinki haben hier ebenfalls längst eine Vorbildfunktion eingenommen, während es in Ländern wie Deutschland damit noch etwas hapert. Lediglich in Hamburg und Berlin sind so auf Kanälen und Flüssen kleinere Wohnschiff- bzw. Schwimmhaus-„Viertel“ entstanden. Und in der Schweiz und Österreich ist das Thema ganz offensichtlich ein Tabu – Genehmigungen, um auf dem Wasser zu leben, werden in den beiden Alpenstaaten nicht oder nur in Ausnahmefällen vergeben.

Vielen Hausboot- und Wohnschiff-Gemeinden auf der Welt ist der frühere Esprit vom „gemeinsamen Leben auf dem Wasser“ mittlerweile jedoch abhanden gekommen. Auch das „Hippie-eske“ ist längst Geschichte – nur noch wenige Menschen, die in ihrem schwimmenden Haus auf dem Wasser wohnen, sind die klassischen Aussteiger. Im Gegenteil: In Amsterdam oder in Sausalito sind es eher die gut Verdienenden, die täglich ihrem Job nachgehen und in der Gesellschaft die vielzitierte Mittelschicht bilden, die auf den schwimmenden Behausungen leben. Denn was „hip“ ist, wird ja bekanntlich auch immer schnell teuer.

©Tourismus Amsterdam ©Tourismus Amsterdam

Folgerichtig hat sich längst eine Gegenbewegung gebildet, die sich vom immer stärker anwachsenden Mainstream absondern wollen. Etwa mit gebrauchten Wohnschiffen, die auf fantasievolle Weise umgebaut werden, um so einen Kontrapunkt zu den mittlerweile vielerorts vereinheitlichten, in Serie gebauten Wohnschiffen und schwimmenden Häusern zu bilden. Dabei kam es in Amsterdam bereits zu einem Eklat: Bewohner einer neuen, schwimmenden Wohnsiedlung hatten sich über das offenbar zügellose, unkonventionelle und nicht ganz so gepflegte Hausboot eine H2O-Wohngemeinschaft beschwert, die unweit festgemacht hatte…

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