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H-Boot - Göttin der Herzen

Autor: Michael Kunst
  

Geht das überhaupt? Kann es eine Kielbootklasse geben, die sich neben schierer Größe im Sinne von Menge auch noch reichlich Charakter auf „die Fahnen schreiben“ darf?

H-Boot - Göttin der Herzen
Flotten-Ausfahrt auf dem Bodensee © Deutsche H-Boot Klasse // Röhrig

Ein Segelboot, das sich außerdem im Laufe eines halben Jahrhunderts einen Ruf ersegelte, der von ambitioniert gesegelter Regattaziege bis zum müßiggängerischen Familien-Fahrtenschiff reicht, also im Prinzip zwei Welten vereint? Auf beide Fragen gibt es ein und dieselbe Antwort. Sie besteht aus lediglich fünf Buchstaben und einem Bindestrich: H-Boot.

Tatsächlich ist der schlanke, moderne Klassiker so etwas wie ein Monument in der internationalen Segelszene. Mit weit über 5.500 verkauften Schiffen gilt das 8,28 Meter lange Schiff mit dem stilisierten „H“ im Großsegel (zwei Balken mit einer verbindenden Welle) als Europas größte und weltweit zweitgrößte Kielbootklasse; allenfalls die J24 kann heute dem H-Boot mit ähnlichen Stückzahlen das sprichwörtliche Wasser reichen.

Womit wir auch schon beim Charakter wären. Denn wie bereits angedeutet: Nur wenigen Bootsklassen ist es vergönnt, noch zu Produktionszeiten einen fast schon legendären Ruf zu genießen – das H-Boot gehört jedenfalls als besonders charakterstarker Vertreter dazu.

Der gewisse Unterschied

Jeder Segler weiß, dass alle Boote ihre ganz besonderen Eigenschaften aber auch Eigenheiten haben. Man muss kein ausgefuchster Segelprofi sein, um den Unterschied zwischen einem eher plump reagierenden, hochbordigen, untertakelten Sonntagskaffee-Cruiser und einem schlanken, ranken Boot mit deutlich erkennbaren Schärenkreuzer-Linien zu erkennen: Die einen kämpfen mit dem Wind – die anderen segeln!

Es ist in der Tat ein ganz besonderes Gefühl, ein H-Boot zu steuern. Ganz egal, ob auf geschützten Binnenseen oder auf offener See, gleichgültig ob bei sanfter Brise oder anspruchsvollem Hack, nie macht das H-Boot einen Hehl daraus, für was es ursprünglich konzipiert wurde: Zum Segeln. Und sonst nichts.

Auch gestandene Steuerleute sind beeindruckt wenn sie erstmals erleben, was für eine Höhe die H-Boote etwa auf ruhigen Binnengewässern segeln oder wie relativ weich sie in die Ostseewelle „tauchen“, wenn eine Kreuz bei sechs Beaufort bewältigt werden muss. Oder wie es sich anfühlt, wenn das Kielboot 12 Knoten Speed über einen raumen Kurs erreicht.

Das H-Boot wurde 1967 von dem finnischen Yacht-Konstrukteur Hans Groop gezeichnet. Und nein, das „H“ hat nichts mit Groops Vornamen zu tun; es schlägt vielmehr einen Bogen zur griechischen Göttin „Hestia“: Die Jungfräuliche galt als „Göttin des Herzens, der Familie und des Herdfeuers“, deren herausragende Eigenschaft neben legendärer Schönheit ein fast schon notorisches Understatement war. Womit Groop also seinem Boot schon bei der Namensgebung einen Weg vorgab.

Formschöne Göttin

Im gewissen Sinn verdankt das H-Boot seine Entstehung dem Nordischen Folkeboot, das in den Sechziger Jahren bereits große Erfolge nicht nur auf skandinavischen Gewässern feierte, aber letztendlich auch unter den Zwängen damaliger Klassenregeln „litt“. Einheitsbootsklassen durften nur aus Holz gebaut werden – GFK galt noch als „nicht ausreichend erforschter Baustoff“.

Auf den sich wiederum Groop schon früh spezialisiert hatte. Der Finne erhielt also von „seinem“ Yachtclub Segelsällskrab den Auftrag, ein „schönes, modernes Boot“ zu zeichnen, „eine modernisierte Art des Folkebootes, einen kleinen Schärenkreuzer eben, der nicht mehr unter den Einschränkungen der Holzbootbauweise „leiden“ und bitteschön schnell unterwegs sein sollte.

Rückblickend kann man zu dem Ergebnis nur sagen: Jeder dieser Wünsche wurde perfekt erfüllt! 1967 verließen die ersten 15 formschönen Göttinnen aus Kunststoff eine kleine finnische Familienwerft, wo sie logischerweise noch in Handarbeit gefertigt worden waren. Je ein Boot ging zu den benachbarten großen Segelnationen Dänemark und Schweden.

Ganz wie es im Sinne von Hestia gewesen sein mag, trat das H-Boot zunächst bescheiden auf, wurde aber rasch zum echten „Knaller“: Den unverkennbar schönen und rassigen Linien huldigte bald die ganze Segelszene. Nicht zuletzt, weil diese unter Segeln so ziemlich alles versägten, was damals auf den Regattabahnen unterwegs war.

Große Felder sind auch heute, knapp ein halbes Jahrhundert nach dem Stapellauf des ersten H-Bootes, keine Seltenheit © Deutsche H-Boot Klassenvereinigung Große Felder sind auch heute, knapp ein halbes Jahrhundert nach dem Stapellauf des ersten H-Bootes, keine Seltenheit © Deutsche H-Boot Klassenvereinigung

Schon ein Jahr später erteilten die Finnen dem H-Boot Klassen- und 1969 als einem der ersten Schiffe in GFK überhaupt, Einheitsklassenstatus. Die ersten Klassenvereinigungen wurden in Skandinavien gegründet, wo das H-Boot immer mehr Liebhaber für die Ostseeküsten fand.

Nach sechs Jahren 500 Boote verkauft

Doch auch die Schweizer erkannten rasch die Eignung des H-Bootes für ihre Alpenseen und gründeten bereits 1974 eine Klassenvereinigung mit immerhin 30 Booten. Der Deutsche Segler Verband brauchte dagegen nochmals zwei weitere Jahre, bis er dem „Renner“ aus dem Norden 1976 einen Einheitsklassenstatus zugestand. Auf den Berliner Seen und dem Schwäbischen Meer waren da aber schon längst Flotten mit 20-30 Booten etabliert.
Als 1973 das 500. H-Boot ausgeliefert wurde, hatte die Bootsklasse bereits den Bekanntheitsgrad eines „bunten Hundes“. Und schon 1977, also nur elf Jahre nach der Konstruktion des Ur-H-Bootes, verlieh die IYRU dem H-Boot den Internationalen Klassenstatus, worauf 1980 der erste H-Boot-Weltmeister – der Däne Hoj Jensen – gekürt wurde.

Rennziege und Familienkutsche

Erinnern wir uns an eine weitere typische Charaktereigenschaft von „Hestia“: Sie hält in der Mythologie die Familie zusammen. Entsprechend verstand sich das H-Boot niemals als reine Regattaziege. Im Gegenteil, Konstrukteur Groops war immer stolz auf Aspekte wie Seegängigkeit und Sicherheit und soll einmal gesagt haben, dass er ursprünglich gar nicht an ein Regatta- sondern an ein schnelles Tourenboot für die Familien gedacht habe. Ganz im Stil der pfeilschnellen und gleichzeitig familienfreundlichen Schärenkreuzer.

Entsprechend beliebt war die „segelnde Göttin“ von Anfang an auch bei Tourenseglern und deren Familien. Zudem berichteten viele überzeugte Regattasegler seit jeher von epischen Törns mit Kind und Kegel auf ihrer „Rennziege“. Schon in den ersten Jahrzehnten wurde die Seegängigkeit des „modernen Schärenkreuzers“ auf langen Urlaubs- und Aussteigerschlägen in der Ost-und Nordsee überprüft… und für „sehr gut“ befunden.

Familienboot mit formschönen Linien © Röhrig Familienboot mit formschönen Linien © Röhrig

Seitdem dürfte es kaum noch Küsten und Häfen in Europa geben, in denen einer dieser „ziemlich nah am Wasser“ segelnden Regatta-Touren-Boote mit dem „H“ im Großsegel nicht auftauchte. Ob gemeinsame Sternfahrten rund Bornholm, gemütliche Urlaubstörns auf dem Bodensee, monatelange Trips im Mittelmeer oder eine Erkundung der norwegischen Fjorde… die Klassen-Chroniken sind voll von spannenden Tourenbeschreibungen.

Und für den Ritterschlag in der Fahrtensegler-Szene sorgten 2001 zwei junge Deutsche, als sie mit ihrem H-Boot außer Konkurrenz bei der ARC mitsegelten und mal eben den Atlantik überquerten. Nur bei der Überführung zum ARC-Startort auf den Kanaren hatte sie in einem Sturm Probleme mit dem Vorstag. Als sie an Heiligabend ziemlich entspannt in der Karibik ankamen, schwärmten die beiden von 20-Knoten-Ritten in der langen Atlantik-Dünung. „Hestia“ hatte endgültig das heimische „Herdfeuer“ in der Alten Welt verlassen…

H-Boot

  • Lüa: 8,28 m
  • LWL: 6,30 m
  • Breite: 2,18 m
  • Segelfläche: 25 qm am Wind
  • Spinnaker: 36 qm
  • Yardstick: 106
  • Verdrängung: 1,45 t
  • Drei bis vier Kojen, trailerbar.

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Geschrieben von

Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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Feedbacks“War sehr gut wir haben das Boot bereits nach 2 Wochen verkauft.”
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